Everlight - Elfen an die Macht! (PC)
Artikel veröffentlicht am 01.10.2007
Hogwarts war gestern, Tallen ist heute! In der zauberhaften Welt von "Everlight - Elfen an die Macht" ist kein Platz für seltsam geformte Narben und frivole Ballspielereien. Für vorlaute Elfen, greise Spanner und viel schwarzen Humor umso mehr. Und so zeigt der Großstadtjunge und unfreiwillige Protagonist Melvin dem Potter wo sein Harry hängt. Ob es sich lohnt, Melvin auf seinem Abenteuer zu begleiten und das Rätsel um die dunkle Vergangenheit Tallens zu lüften, erfahrt ihr jetzt in unserem Test! Von Philipp Rauh
Wenn einer meint besser gehts nicht mehr...
Nachdem Silver Style mit "Simon, the Sorcerer 4" bereits Anfang diesen Jahres eine hervorragende Fortsetzung der beliebten Spielreihe abliefern konnte, wollen die Berliner nun mit "Everlight" an die Spitze des Adventure-Olymps. Dabei wurde an dem bekannten Erfolgsrezept nicht viel geändert. Wieder dreht sich alles um einen magiebegabten, männlichen Teenager im besten Clerasil-Alter. Unterstützt von Fenny, der fliegenden Elfe, und Melvins spirituellen Führerin, macht er sich daran, all seine Ängste zu besiegen, mit dem Ziel ein großer Zauberer zu werden. Dabei muss er eine Menge Rätsel lösen, die bis auf wenige Ausnahmen immer fair und logisch bleiben. Um dies zu bewältigen, hilft ihm nur das intelligente Ausnutzen von Tag und Nacht. "Everlight" verfügt nämlich über einen dynamischen Wechsel der jeweiligen Tageszeiten. Viele Rätsel sind so nur durch die zeitweise auftretende Schizophrenie der Bewohner Tallens lösbar, aber dazu im folgenden Absatz mehr.
... kommt von irgendwo ein Melvin her!
Die Charaktere sind liebevoll aus dem Leben daneben gegriffen; wie erklärt man sich sonst eine 80-jährige nymphomanische Jungfrau mit Vorliebe für Karotten? Die holde Daphne ist aber nicht die einzige mit beängstigenden Persönlichkeitsdefiziten im Dorf Tallen. Alle Bewohner leiden an einer, durch einen Fluch hervorgerufenen, Tag-Nacht-Schizophrenie. So mutiert der tagsüber raubeinige Stadtwächter nachts zum Riesenbaby mit äußerst schreckhafter Blase und der sonst so sparsame Schmied Simon versäuft und verspielt des Nächtens sein letztes Geld in der örtlichen Kneipe. Der alte Sigmund hätte hier seine wahre Freud(e) gehabt. Doch nicht nur beim abgefahrenen Charakterdesign, sondern auch bei den Dialogen spürt man die Erfahrung von Silver Style. Geriet das Durchklicken aller Dialogoptionen in anderen Spielen zur psychischen Dauerbelastung für den Spieler, wird man in "Everlight" bei wirklich jeder Unterhaltung unterhalten! Der eingeflochtene schwarze Humor bleibt aber immer angemessen und wirkt nie flach oder gar obszön. Hier macht sich die Altersfreigabe ab 6 Jahren bemerkbar.
Da ist der Potter sprachlos
Bereits im stimmig inszenierten Intro stellt sich ein Aha-Effekt ein. Melvin sieht nicht nur wie ein verkappter Harry aus, die beiden besitzen auch die gleiche Stimme. Alle Synchronsprecher haben hervorragende Arbeit geleistet und überzeugen in ihren Rollen. In sämtlichen Dialogen kommt auch ein neues System von Silver Style zum Tragen. Wo Assil aus "Ankh" noch gerne den toten Fisch anstatt den lebendigen Händler während eines Gesprächs anstarrte, verlaufen die Unterhaltungen in "Everlight" immer Auge in Auge mit dem passenden Gegenüber. Eine Kleinigkeit im Spieldesign, die aber viel zur Atmosphäre beiträgt. Ein wenig störend wirken hier nur die teilweise asynchronen Lippenbewegungen der Figuren. Wiederum sehr atmosphärisch ist dagegen der Soundtrack zum Spiel, welcher übrigens auf einer Extra-CD beiliegt, der leider ab und an aussetzt, was besonders im Menü negativ auffällt. Ansonsten dudelt er seicht im Hintergrund vor sich hin und untermalt die märchenhafte Spielkulisse perfekt.
Gut kopiert ist halb gewonnen!
Wie anfangs bereits erwähnt, erbt "Everlight" viel von seinem Quasi-Vorgänger "Simon 4". An der Grafik wurde nur wenig gefeilt, was aber aufgrund der fest gerenderten Szenenhintergründe nicht weiter verwundert. Lediglich Partikel- und Lichteffekte wurden verfeinert. Diese wirken aber weitaus weniger comichaft, ebenso die Bewohner der märchenhaften Welt, was sich aber sehr gut in die fantastische Thematik eingliedert und den Charme eines Grimmschen Märchens versprüht. Ebenso wurde das Interface nahezu 1 zu 1 übernommen, was man Silver Style aber nicht vorwerfen kann: Zu jedem waschechten Point-and-Click-Adventure gehört nun einmal eine Item-Leiste am unteren Bildschirmrand! Ebenfalls kopiert wurde die interne Spielhilfe in Form von drei Kerzen pro Rätsel, wobei jedes Lichtlein einen Tipp symbolisiert. Je nachdem, für welchen der vier Schwierigkeitsgrade sich der Spieler entschieden hat, stehen ihm unterschiedlich viele Kerzen zur Verfügung. Benutzt man eine, springt automatisch das interne Punktesystem an. Hier wird man belohnt für das effiziente Lösen der Rätsel ohne Spielhilfen, sowie für das Erledigen von optionalen Aufgaben, die für die Story von "Everlight" nicht relevant sind.
Spielend einfach zu bedienen
Die Steuerung fällt gewohnt simpel aus. Mit einem Mausklick bewegt, kombiniert oder schaut Melvin sich Dinge in seiner Umgebung an. Doch während in manch anderen Point-and-Click-Adventures jetzt eine nervenaufreibende Pixel-für-Pixel-Suche nach anklickbaren Objekten entbrannt wäre, stellt "Everlight" dem Spieler zwei Hotkeys zur Verfügung, die sämtliche Personen und Gegenstände von Interesse anzeigen. Eine kleine, aber feine Idee, die in der Praxis wohl viele spontane Wutausbrüche verhindern wird. Ebenfalls positiv ist, dass Melvin selbständig anfängt zu rennen, sollte der gewünschte Zielort zu weit entfernt sein. Das spart Zeit und beugt aufkommender Müdigkeit beim Spieler vor, wie es leider zum Beispiel bei "Sam & Max: Season One" der Fall ist. Ansonsten bleibt alles bei Genre-Standards. Per Mausklick auf den Bildschirmrand wird von einer Szenerie zur anderen gereist, was ab und an zum Ladebildschirm-Marathon ausufert, da die meisten zu besuchenden Orte sehr klein sind. Hier wirkt die Reisefunktion von Melvins Landkarte Wunder. Mit einem Klick ist man überall da, wo man hin will.
Fazit
von Philipp Rauh
"Everlight - Elfen an die Macht" will Adventure des Jahres werden, doch hat es wirklich das Zeug dazu? Die Spielzeit ist mit knapp 15 bis 16 Stunden durchaus angemessen. Die kleinen Nebenaufgaben bieten Abwechslung en masse und das Lösen des Spiels durch das gekonnte Ausnutzen der jeweiligen Tageszeit und den daraus resultierenden Gemütszuständen der schizophrenen Dorfbewohner ist ebenso innovativ wie genial. Die Rätsel sind angenehm nachvollziehbar gestaltet. Nur in sehr wenigen Ausnahmen muss man abstruse Kellerkind-Phantasien hegen, um auf die jeweilige Lösung zu kommen, aber dafür gibt es ja die implementierte Hilfefunktion. Typische Adventure-Frustfaktoren hab ich in "Everlight" mit der Lupe suchen müssen. Einer der wenigen Wermutstropfen ist, wie bei fast allen anderen Adventures ebenfalls, die feste Auflösung. Ebenso wirken die Animationen der Charaktere recht hölzern und unbeholfen, hier hätte Silver Style besser punkten können. Dafür sind die Synchronsprecher hervorragend, genauso wie die Charaktere, die sie vertonen. Selten sind einem die schrulligen Einwohner eines verfluchten Dorfes dermaßen ans Herz gewachsen. Alles in allem hat mir "Everlight" hervorragend gefallen, weil es eine Welt anbietet, in der ich gern und intensiv eingetaucht bin.
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