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Edna bricht aus (PC)

Artikel veröffentlicht am 08.06.2008

Der Test zu "Edna bricht aus" war kein alltäglicher. Denn trotz Warnhinweis auf der Spielverpackung, "Nach dem zweiten Durchspielen wachsen dir große, pelzige Hasenohren!", brachten wir Edna wider allen angedrohten genetischen Mutationen in die Freiheit. Das bescherte uns weder ein Stummelschwänzchen noch eine Hasenscharte, dafür aber die Bekanntschaft mit dem lustigsten erdachten und pyromanisch veranlagten Plüschhasen überhaupt. Von Philipp Rauh

Knuffiger Killerhase

Skandall: Zuverlässiger als BILD-Zeitung

"Wer bin ich, was mach ich hier und warum starrt mich das blaue Karnickel so blöde an?". Fragen die nicht nur Edna sondern auch den Spieler bewegen dürften. Denn das ist die Ausgangslage im klassischen Point-und-Klick-Adventure "Edna bricht aus". Die gleichnamige Hauptakteurin wacht mit einem gelöschten Gedächtnis in einer kuscheligen Gummizelle der örtlichen Irrenanstalt auf. Schnell steht ihr Entschluss fest, sie muss da raus! Anfangs noch etwas ratlos hilft ihr zum Glück Harvey, ein kleiner Plüschhase mit imaginärer Persönlichkeit, der sich selbst gerne als "500 Gramm tödliches Frottee" bezeichnet. Nun ist es an den beiden aus der Nervenheilanstalt des bösen Dr. Marcel auszubrechen und eine Intrige um den Tod von Ednas Vater aufzudecken.

Scumm ist wieder da!

Horror-Urlaub: Genervtes Personal pöbelt rum

Böse Zungen behaupten, dass es seit anderthalb Jahrzehnten kein "echtes" Adventure mehr gegeben hat. "Geheimakte Tunguska"? "Ankh"? Alles neumodischer Krempel. Wo ist da die Verbenleiste zum Interagieren? Das hat sich wohl auch Daedalic gefragt und eben jenes totgeglaubte Bedienelement bei "Edna bricht aus" eingebaut. Im Gegensatz zu der Schwulst an Buttons angegrauter Eminenzen des Genres, wie etwa "The Secret of Monkey Island", welche mit neun oder mehr Auswahlmöglichkeiten teils überladen wirkten, kommt "Edna bricht aus" mit vier Schlagwörtern aus: Ansehen, Nehmen, Reden und Benutzen. Das Ganze spielt sich gerade für die Jüngeren von Euch anfangs etwas ungewohnt, geht aber nach den ersten Minuten im Spiel flüssig und angenehm einfach von der Hand. Und per Leertaste werden alle wichtigen Hotspots einer Szene angezeigt, aufwendiges Suchen entfällt also.

Highend? Wer's nötig hat...

Kindisch: Die Kantine im Bundestag

Ich kann sie schon schreiben hören, die von HighRes-Texturen und dynamischen Lichteffekten verwöhnten Spieler. "Edna bricht aus" kommt mit lächerlichen Hardware-Anforderungen aus. Eurer Rechner muss gerade mal einen 1 GHz-Prozessor und 512 MB Arbeitsspeicher unter der Haube haben um die abgedrehten Rätsel flüssig darstellen zu können. Die Grafik ist dementsprechend eigenartig anzuschauen: Sie wurde "von einem echten Menschen komplett mit den eigenen Händen gezeichnet!". Die Bewegungsabläufe sind stockend, Animationen wurden äußerst spartanisch eingesetzt, fehlen teils einfach. Und dennoch macht genau das den überaus charmanten Stil des Spiels aus. Nie kommt es einem vor, etwas würde fehlen. Die InGame-Welt wurde mutig und konsequent umgesetzt, alles wirkt wie aus einem Guss.

Gute alte Zeit?

Pech gehabt: Billiglöffel vom Möbel-Discounter

Ganz klar, die Bedienung und die grafisch Umsetzung sollen an alte Lucas-Arts-Zeiten erinnern. So auch die Rätsel, sind diese anfangs noch recht leicht zu lösen, landen mit der Zeit immer mehr Gegenstände in Ednas Inventar. Daedalic hat sehr viel wert darauf gelegt, dass alle Gegenstände miteinander kombinierbar sind, nie wird der Spieler ein ermüdendes "Das geht so nicht!" oder "Das macht keinen Sinn!" hören. Immer reagiert Edna oder Harvey mit einem individuellen Spruch oder Aktion. Dies, die schiere Masse an Räumen, 120 an der Zahl, und die recht frei begehbar gehaltene Spielwelt machen gerade zum Schluss das Rätseln und Kombinieren zu einer Herausforderung. Die Knobelaufgaben erscheinen zwar nach dem Lösen generell logisch, sind aber dennoch teils sehr skurril aufgebaut. Ganz klar, "Edna bricht aus" ist kein Adventure für Einsteiger, sondern für alte Genre-Hasen und ausdauernde Tüftler mit "leicht" abwegigen Gedankengängen.

Lachhaft!

Aha-Effekt: Du sagst es...

Die größten Stärken des Spiels sind ganz klar der Humor und die Charaktere. Ersterer wirkt nie flach oder gar inhaltslos und parodiert alle Nase lang alte Spiele und Filme. In kaum einem anderen Adventure wird so viel niveauvoller Humor an einem Stück geboten. Das liegt vor allem an den verrückten Persönlichkeiten die man in der Irrenanstalt antrifft. Da gibt es zum Beispiel Hoti und Moti. Der eine schwarz, der andere weiß - und beide halten sich für siamesische Zwillinge, da sie ausversehen in den gleichen Pullover gekrabbelt sind. Oder den Herrn DROGGELBECHER. Ober er wirklich so heißt weiß niemand, jedenfalls sagt er nichts anderes als ebene jenes "Droggelbeeeecher!" in allen Variationen und Tonlagen. Dass sich das Ganze hören lassen kann steht außer Frage. Die Vertonung aller Charaktere ist durchgängig professionell und passend, wurde doch jeder einzelne von Schauspielern des Horrorkabinetts "Hamburg Dungeon" vertont. Ebenso erstklassig ist die Hintergrundmusik. Diese wirkt durch eine Mischung aus Jazz und Klassik nie aufdringlich, aber dafür immer atmosphärisch.

Fazit

von Philipp Rauh

Ich liebe dieses Spiel. Klingt das zu überschwänglich? Gut dann formuliere ich es anders: "Ich werde dieses Spiel nicht anzünden, trotz oder vielleicht gerade wegen Harvey!". Endlich hat mal ein Entwickler wirklich Mut bewiesen. Kein Photorealismus, kein "innovatives und taufrisches" Cel-Shading sondern handgezeichnete Comic-Optik. Keine ausgefeilten Animationen. Kein langweiliger Heldenklon. Kein inhaltsloser Mainstream. Dieses Adventure lebt von der skurrilen und gleichzeitig tragischen Handlung, von seinen perfekt ausgearbeiteten Charakteren und natürlich von dem genialen Humor. Dieses Spiel beweist einmal mehr: Heutzutage kommen die besten Adventures aus Deutschland. Punkt.

spieletipps meint:
88

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