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Der Spieletipper (PC)

Artikel veröffentlicht am 27.07.2008

Spätestens nach der Kastration der E3 in Los Angeles hat die Leipziger Games Convention die Nase vorn. Wir vergleichen beide Veranstaltungen in so wichtigen Disziplinen wie Anreise, Verpflegung und Mädels. Von Martin Deppe

Wenn mir 2002 jemand erzählt hätte, dass demnächst alljährlich Designerlegenden wie Sid Meier und Will Wright ihre neuen Spiele vor über 180.000 Besuchern präsentieren - ich hätte ihn ausgelacht. Und wenn mir derjenige noch gesagt hätte, dass das Ganze in Leipzig passiert, hätte ich ihn für wahnsinnig erklärt. Schließlich kennen amerikanische Entwickler Leipzig höchstens als Tages-Ausflugsziel ihrer Großväter - aber nur, wenn ihre Großväter Bomberpiloten bei der US Air Force waren.

Doch die GC hat es geschafft! Sid Meier urlaubt hier mit seiner Familie, abends ziehen ganze Entwicklerteams durch Downtown Leipzig. Von der E3 spricht niemand mehr. Aber liegt der Erfolg wirklich an der GC? Oder einfach daran, dass die Sachsen die cooleren Kalifornier sind? Vergleichen wir doch mal beide Veranstaltungen: Die "alte" E3 mit der GC 2008!

Von der E3 spricht niemand mehr

Die Anreise

Leipzig: Rein ins Auto oder ins Zugabteil, Abfahrt. An der ehemaligen Grenze zucken ältere Semester wie ich immer noch Richtung Reisepass. Danach herrscht pure Entspannung, das dramatischste an der Anreise ist eigentlich nur die finale Parkplatzsuche vorm Hotel. Macht einen Punkt für Leipzig!

Los Angeles: Stundenlanges Anstehen am Counter, Umfüllen der Zahnpasta in durchsichtige Tütchen, Diskussionen mit den Security-Jungs, dass ich mit meiner Nagelschere echt nichts Böses vorhabe. Die Jungs gewinnen. Im Flieger muss ich ankreuzen, dass ich weder ein Baby entführen will noch auf der Flucht vor Nazi-Jägern bin. Nach der Landung stundenlanges Anstehen vor den Stationen der Einwanderungsbehörde, eingeklemmt zwischen vietnamesischen Großfamilien und vergeblich versuchend, bloß nicht in einer Schlange mit einem Turbanträger zu landen. Besonders gefürchtet waren übrigens die beiden Pressesprecher Reza Memari und Reza Abdolali - hinter ihnen wollte niemand anstehen. Los Angeles: null Punkte (aber auch nur, weil ich keine Minuspunkte vergebe!)

Zwischenstand:

Leipzig vs. Los Angeles 1:0

Messe-Anreise:

13 Stunden Flug nach Los Angeles sind schon eine echte Strapaze und dann noch Koffer schleppen zum Hotel. Leipzig ist hingegen quasi direkt vor der Haustür.

Die Sprache

Leipzig: Hier muss ich unterscheiden zwischen denjenigen Leipzigern, die Hochdeutsch als erste Fremdsprache hatten - und den anderen. Da ich aber Dialekte mag und notfalls auch die Zeichensprache beherrsche, kriegt Leipzig einen Punkt.

Los Angeles: Fuck, my School English is nothing worth here! Ernsthaft: Vergesst alles, was ihr jemals über die korrekte, spuckige Aussprache des Tii-Äitsch gelernt habt. Vergesst Shakespeare und Konstrukte wie "it's nice here, isn't it?" Dafür werdet ihr in LA erst ausgelacht, dann ausgeraubt! Also: lieber an Rap-Videos orientieren, ab und zu ein Yeah! einwerfen und unbedingt ein paar spanische Brocken lernen. Dann klappt die Völkerverständigung prima, und dafür bekommt LA auch einen Punkt.

Zwischenstand:

Leipzig vs. Los Angeles 2:1

Sprach-Probleme:

Das Studium diverser Rap-Videos kann in Los Angeles schon helfen. Ansonsten hilft Zeichensprache. Sächsisch ist seit Regine Zindlers Maschendrahtzaun überall bekannt.

Unterkunft und Verpflegung

Leipzig: Ordentliche Hotelzimmer sind leicht zu kriegen - vorausgesetzt, man hat bereits im Vorjahr gebucht. Weil es nämlich relativ wenige Hotels gibt, aber viele Spieler, ist hier schnell Schicht im Schacht. Bleibt notfalls nur das Umland, aber eine Übernachtung im Heu soll ja auch ganz nett sein. Das Essen ist auch ordentlich, beim Frühstück wähnt man sich dann aber doch in Los Angeles, weil dank Globalisierung Röstspeck und Würstchen mittlerweile überall lauern. Leipzig: ein Punkt

Los Angeles: Ordentliche Hotelzimmer sind leicht zu kriegen - vorausgesetzt, man hat bereits im Vorjahrzehnt gebucht. Weil es nämlich relativ viele Hotels gibt, aber viele Nicht-Spieler, ist hier schnell Schicht im Schacht. Bleibt notfalls nur das Umland, aber eine Übernachtung bei der vietnamesischen Großfamilie von vorhin soll ja auch ganz nett sein. Das Essen ist auch ganz ... interessant, auf der E3 selber vor allem unter archäologischen und mikrobiologischen Gesichtspunkten. Und unter wirtschaftlichen: Hier beobachtet man ihn in freier Wildbahn, den Zusammenhang zwischen Nachfrage (10.000 hungrige Journalisten), Angebot (3 Sandwiches, eine Bedienung) und dem Preis (drei Handvoll Dollar). Wobei die Leipziger Messerestaurants das mit dem Kapitalismus auch schon 2002 geschnallt haben: Da habe ich am Aufbau-Tag eine Ostmark, Verzeihung, einen Euro für den Kaffee-Pott bezahlt, bei Messebeginn waren es dann schon Einsfuffzig. Trotzdem: Los Angeles null Punkte.

Zwischenstand:

Leipzig vs. Los Angeles 3:1

Unterkunft & Verpflegung:

Wer sich zu spät um die Unterkunft kümmert muss so oder so ein Bett im Kornfeld beziehen. Die Verpflegung ist dank Globalisierung überall gleich und auch ähnlich überteuert.

Die Stadt

Leipzig: Eine wunderschöne Altstadt, ein Bahnhof, der an eine amerikanische Mall erinnert - hier sieht man, wohin unser Soli gewandert ist! Das meine ich keinesfalls böse, denn erstens zahlen wir alle den Soli, und zweitens ist er in der Restaurierung dieser schönen Altstadt viel besser angelegt als in irgendwelchen Autobahnen. Also: Wenn ihr abends nach der Games Convention tolle Grafik sehen wollt - ab mit euch in die Altstadt! Dafür kriegt Leipzig einen dicken Punkt.

Los Angeles: Beim Anflug sehe ich immer erst eine Smog-Glocke und dann Häuser, die frappierend an die Pionier-Blockhütten aus Anno 1602 erinnern. Nach der Landung erschlägt mich die Smog-Glocke, und es dauert immer (!) maximal drei Minuten, bis ich die erste Polizeisirene höre. Das schönste an Los Angeles ist noch der Strand von Santa Monica, inklusive Baywatch-Türmchen. Aber sonst? Hässlich, laut, überfüllt. Es sei denn, ihr wollt nachts um halb acht in der ausgestorbenen Innenstadt etwas essen - vergesst es, hier gibt's höchstens noch einen Doughnut, falls die Cops einen übrig gelassen haben. Los Angeles: minus einen Punkt (jetzt doch minus, denn die Stadt ist einfach zu nervig).

Zwischenstand: 4:0

Die Stadt:

Los Angeles profitiert vom Weltstadt-Flair, versteckt sich aber oft hinter einer ekligen Smog-Glocke. Auf Leipzig trifft das Prädikat "klein aber fein" zu.

Shopping

Leipzig: Fairerweise muss ich Leipzig jetzt aus der Sicht eines Amerikaners beurteilen - denn was sollte ich selber in Leipzig schon einkaufen? Also: Für Amis gibt's natürlich diese T-Shirts Marke "My Boyfriend went to Leipzig and all I got is this lousy T-Shirt". Dann bekommen sie Folklore-Tinnef à la Erzgebirgefigürchen, Kuckucksuhren und, ganz wichtig, Bierkrüge. Weil der Euro aber so stark ist, bekommen die armen Amis nicht viel für ihre schwächelnden Dollars. Ergo: Leipzig: null Punkte.

Los Angeles: Alarm! Hier kann man richtig Geld ausgeben! Weil vor allem die Klamotten so billig sind wie die Euros stark, droht hier sogar gestandenen Männern wie mir der Kaufrausch! Ich habe erlebt, wie Producer-Kollege Achim Heidelauf sogar einen Rollkoffer gekauft und quer über den Baywatch-Strand gezogen hat, nur um mehr Jeans, Turnschuhe und Shirts kaufen zu können! Ganz schlimm ist es in den Outlet-Stores, wo alles noch mal günstiger ist: Spätestens hier gehen die männlichen Gene in Frührente und die Kreditkarten ans Limit. Los Angeles: ein hart verdienter Punkt!

Zwischenstand:

Leipzig vs. Los Angeles 4:1

Shopping:

Los Angeles mit seinen gigantischen Shopping-Malls ist der Tod jeder Kreditkarte und das Ende für alle Sparpläne. Aus Leipzig bringen Reisende eine schnöde Kuckucksuhr mit.

Die Eingeborenen

Leipzig: Ein ganz großes Kompliment an die Leipziger, ich habe hier ausschließlich freundliche Menschen kennengelernt! Angefangen von der netten Dame beim Kaffeeausschank, die auch nach der oben erwähnten Preiserhöhung noch freundlich war. Weiter über die Mitarbeiter der Pressestelle, die beim Akkreditieren jegliche Hektik niederringen, indem sie sie einfach nicht zulassen. Man muss sich aber darauf einlassen können! Sogar die sonst eher patzigen Straßenbahnpiloten habe ich immer gelassen erlebt, und die Taxifahrer sowieso. Ungeschlagen aber die charmanten, hübschen und natürlichen jungen Damen. Leipzig: ein ganz dicker Punkt!

Los Angeles: In keinem anderen Land wird man von Türstehern, Diplom-Einparkern und unnatürlich blonden Kellnerinnen dermaßen frenetisch begrüßt. Damit das so bleibt, muss man halt Scheine zücken. Wer dieses System verstanden hat, kommt prima damit klar. Gar nicht klar komme ich hingegen bis heute nicht mit dieser Situation auf der E3: Vor dem Convention Center eine riesige Schlange, weil vorne die Rucksäcke kontrolliert werden. Als ich dran bin, überprüft der Security-Mann meinen Rucksack, nicht aber meinen riesigen Karton mit Pressemappen. Als ich ihm den Karton hinschiebe, meint er lapidar: "Ich werde nur fürs Rucksack-Checken bezahlt, nicht für Kartons!"

Unglaublich, doch es kommt noch besser: Er klebt mir ein rotes Band an den Rucksack - und am nächsten Tag werde ich an einem anderen Eingang einfach durch die Kontrolle gewunken, weil ich mein Rucksack ja schon am Vortag durchsucht wurde. Muss ich noch die Stand-Männer erwähnen, die in Kampfanzügen und mit täuschend echten Panzerfäusten und Maschinengewehren nebst Patronengurten aus einem Kleinbus sprangen und unkontrolliert durch den Eingang marschierten, um drinnen für irgendein Killerspiel zu posieren? Klar, die hatten keinen einzigen Rucksack dabei... Aber LA kriegt hier trotzdem einen Punkt, wegen der netten Taxifahrer!

Zwischenstand:

Leipzig vs. Los Angeles 5:2

Die Menschen:

Blonde Kellnerinnen, die so lange freundlich sind wie die Geldbörsen voll und ein gespaltenes Verhältnis zur Securiy bleiben nach einem E3-Trip zurück. In Leipzig läuft es freundlich und optisch ansprechend.

Das Finale: Die Messe selbst

Leipzig: Gedränge, doch kein Geschubse. Zehntausende von Besuchern, doch keiner pöbelt rum. Ich kann Spiele ausprobieren, mit Standpersonal fachsimpeln. Es sind Spiele-Entwickler da, die nicht nur amerikanisches PR-Blah plappern, sondern auch was zu sagen haben. Aber der eindrucksvollste Anblick ist jedes Jahr der Blick in die gläsernen Tunnel, wenn das Publikum bei Pfortenöffnung auf mich zustürmt. Seitdem weiß ich, wie sich Kriegsberichterstatter fühlen! Kurzum: Die GC kriegt zwei Punkte!

Los Angeles: Die E3 galt immer als Fachmesse, doch nirgendwo habe ich mehr 18-jährige "Chefredakteure" gesehen als dort. Dazu kommt stundenlanges Anstehen vor Pappmaschee-Bunkern, um drinnen irgendwelche Weltkriegs-Trailer anzusehen, in denen Gis zum gefühlten 98. Mal die Normandie besuchen. Überhaupt, die Trailer: So gern ich die gut gemachten Filme anschaue - sie verraten viel zu wenig über das eigentliche Spiel. In den ersten Jahren der E3 konnte ich noch selber die Maus schwenken, doch in den letzten drei, vier Jahren erledigten das Hilfskräfte für mich. Ein Kollege hat mir sogar erzählt, dass eine Messe-Hostess beim Vorführen seines Strategiespiels glatt die Maus umgedreht hat, um mit dem Daumen die Mauskugel zu drehen. Vermutlich war es die Schwester des Rucksack-Checkers. Egal, die E3 kriegt keinen Punkt (mehr).

Der finale Punktestand:

Sieben zu zwei für Leipzig und seine Games Convention! Bleibt zu hoffen, dass auch Köln so ein guter Gastgeber wird...

Die Messen an sich:

Gedränge gibt es auf beiden Messen, Leipzig überzeugt jedoch mit den Möglichkeiten, mehr Spiele selbst auszuprobieren und mit den Entwicklern persönlich zu reden.


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