Mirror's Edge (PC)
Artikel veröffentlicht am 17.01.2009
Zwei Monate später als die Konsolenversionen schafft es das moderne Jump'n'Run "Mirror's Edge" endlich auch auf den PC. Die wilden Verfolgungsjagden mit Runnerin Faith waren im vergangenen Jahr einer der wenigen innovativen Lichtblicke im Spielemarkt. Doch was bietet die PC-Umsetzung zusätzlich? Von Jan Höllger
Physikspielereien und CD-Geschenk
Inhaltlich entspricht die PC-Umsetzung der von uns durchgespielten Xbox360-Fassung, es gibt also leider keine neuen Karten oder Spielmodi. Dafür wurde die ohnehin schon schicke Grafik nochmal etwas aufgehübscht. Mit aktivierter Kantenglättung sehen die Wolkenkratzer gleich noch besser aus, außerdem gibt es einige nette Physikspielereien, die freilich einen leistungsstarken Rechner voraussetzen. Dann flattern aber realistisch Fahnen durch den Wind oder die Folien von Kisten machen einen tollen Eindruck. Mit unserer ATI-Karte hatten wir leider mit Tearing zu kämpfen, obwohl die vertikale Synchronisation eigentlich aktiviert war, was aber schon fast ein typisches ATI-Treiberproblem ist.
Der beste Bonus der PC-Version ist die beiliegende Soundtrack-CD, denn die Musik im Spiel ist fabelhaft und gehört zum Besten, was wir seit langem gehört haben. Da verzeiht ihr sicher auch, dass "Mirror's Edge" bei der Installation einmal nach Hause telefoniert.
Postbote der Zukunft
"Mirror's Edge" spielt in einer fiktiven Großstadt in der Zukunft. Die klassische Post gibt es nicht mehr, alles wird über digitale Wege zum Empfänger geleitet. Doch da diese Übertragungen nicht abhörsicher sind, besteht durchaus noch Interesse an klassischen Postlieferungen. Den Transport von Briefen und Paketen übernehmen die so genannten Runner, die von der Polizei verfolgt werden und daher ständig auf der Flucht sind. Daher weichen sie, so weit es geht, in die Luft aus, springen über Kräne und Rampen von Dach zu Dach.
Ein Prinz auf Speed
Ihr spielt mit der jungen Faith eine der Runnerinnen. Eingebettet sind die Tempoverfolgungsjagden mit der Polizei zwar in eine Story, doch die Zwischensequenzen in Comicgrafik haben einen recht eigenwilligen Stil und werden erst zum Ende hin wirklich spannend. Doch das ist schnell vergessen, wenn ihr erstmal unterwegs seid. "Mirror's Edge" spielt sich dann nämlich wie ein hochmoderner Jump'n'Run-Titel. In einem Affenzahn lauft ihr über die Dächer und an Werbebanden entlang, hangelt euch an Kanten hoch oder wagt einen mutigen Balanceakt auf einem Seil. Das erinnert schon alles ein wenig an die "Prince of Persia"-Reihe, freilich auf Speed getrimmt.
Spring ´n´Lauf 2010
Die Steuerung bei den Sprüngen und anderen Aktionen klappt grundsätzlich sehr direkt und vermittelt ein tolles Geschwindigkeitsgefühl, das gilt gerade auch auf dem PC mit Maus und Tastatur. Allerdings erschienen uns Sprünge manchmal auch etwas ungenau zu sein. Da mussten wir schon so manchen weiten Sprung mehrmals ausführen, damit Faith endlich den Vorsprung zum Festhalten auf der anderen Seite erreichte. Auch das Greifen nach einem Rohr, an dem die Heldin hoch- oder herunterklettern kann, gestaltet sich schwierig, wenn ihr aus vollem Tempo lauft und springt. Das Hauptproblem ist aufgrund der Ego-Perspektive meistens, den richtigen Absprungpunkt zu erwischen.
Auf der Flucht
Vieles ist dabei aber auch Übung. Das Spielprinzip ist einfach darauf ausgelegt, dass ihr viele Aktionen mehrmals probieren müsst, etwas kritischer ausgedrückt: Vieles läuft nach dem Trial&Error-Verfahren ab. Da es keine echten Levelgrenzen gibt, müsst ihr euch nämlich den Weg zum Ziel oft selbst suchen. Zwar gibt es immer mehr als eine Möglichkeit, das Ziel zu erreichen, dennoch steht ihr manchmal scheinbar vor einer Sackgasse. Immerhin weisen euch rote Flächen den Weg, außerdem bekommt ihr auf Knopfdruck einen Tipp, wo das Ziel liegt. Erschwerend kommt dagegen hinzu, dass ihr fast ständig unter Zeitdruck steht. Denn die Polizei verfolgt euch mit allem, was sie zu bieten hat, seien es schwer bewaffnete Agenten, Autos oder gar Hubschrauber. Das alles wird euch in den ersten zwei bis drei Spielstunden vielleicht noch nerven, später entwickelt "Mirror's Edge" in Sachen Spielspaß eine derartige Eigendynamik, dass ihr kaum noch aufhören könnt.
Wir wollen nicht kämpfen!
Ein richtiges Abschütteln der Polizei ist kaum möglich, verweilt ihr zu lange an einer Stelle, werdet ihr abgeschossen, allzu viel hält die Heldin nicht aus. Manche Polizisten stellen sich euch auch in den Weg und ihr kommt um einen Kampf nicht herum. Das ist schade, da die Kämpfe sich nicht nur schlecht steuern lassen, sondern auch viel vom Tempo des Spieles herausnehmen. Die Entwickler wären gut beraten gewesen, die Kämpfe komplett optional einzubauen. Manche Auseinandersetzungen mit der Polizei werden zu einem echten Frustmoment und erfordern einiges an Übung. Leider sind die Checkpoints oft deplatziert oder gar nicht vorhanden, so dass ihr auch einfachere Abschnitte mehrmals spielen müsst. Die Spielzeit für den Storymodus von "Mirror's Edge" bleibt mit etwa acht Stunden überschaubar. Einen Mehrspielermodus gibt es nicht, ihr könnt in den freigeschalteten Kapiteln lediglich noch Zeitrennen veranstalten und eure Bestzeiten übers Internet vergleichen.
Sterile Zukunftsvision
Eindrucksvoll ist die Optik des Spieles. Der sterile Look der Zukunftscity ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber durchaus gelungen. Die hohe Weitsicht begeistert, auch der Detailgrad stimmt. Das ändert sich aber, wenn ihr in Gebäuden oder in Kellergewölbe unterwegs seid. Während in letzteren alles viel zu dunkel gehalten ist, bekommt ihr in den Büroräumen der Wolkenkratzer fast einen Farben-Overkill. Als Gesamtkunstwerk ist die Grafik von "Mirror's Edge" aber einzigartig und sehenswert.
Fazit
von Jan Höllger
Auch nach dem zweiten Durchspielen ist "Mirror's Edge" für mich immer noch die Zukunft des Jump'n'Run-Genres. Ich muss nicht mehr mit einem ollen Klempner auf eigenartigen Kreaturen herumspringen und Münzen sammeln, da spricht mich das Szenario im neuen Spiel der "Battlefield"-Macher mehr an. Auch spielerisch geht "Mirror's Edge" erfreulich neue Wege, das Spielgefühl ist stellenweise einzigartig. Allein schon deshalb solltet ihr den Titel zumindest mal angespielt haben. Den ganz großen Durchbruch verhindern leider einige Mängel, die es auf der ansonsten solide umgesetzten PC-Version ebenfalls noch gibt. Der Schwierigkeitsgrad ist an manchen Stellen sehr unausgegoren und die Spielzeit ist überschaubar, letztlich muss ich bei dem Spiel aber auch etwas Abbitte leisten, denn anders als noch beim Test der Konsolen-Version bin ich inzwischen von "Mirror's Edge" vollkommen überzeugt, das Action-Jump'n'Run ist für mich sogar eines der besten Spiele des letzten Jahres, daher korrigiere ich die Wertung leicht nach oben und "Mirror's Edge" bekommt leicht verspätet seinen mehr als verdienten Award. Also gebt Faith eine Chance, der flotte Spielablauf macht wirklich süchtig.

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