Anno 1404 (PC)
Artikel veröffentlicht am 26.06.2009
Anno 1998 sorgte ein bis dahin nahezu unbekanntes Entwicklerstudio aus Österreich namens Max Design für Furore im von der "Siedler"-Reihe dominierten Aufbaustrategie-Genre. Die Fachpresse war voll der Lobeshymnen für "Anno 1602", das sich in der Folge zu einem echten Bestseller entwickelte und zwei Fortsetzungen nach sich zog. Der nun erschienene vierte Teil "Anno 1404" wurde von einer riesigen Fangemeinde sehnsüchtig erwartet und ist neben "Sims 3" das bisher wichtigste PC-Spiel des Jahres. Kann die Anno-Reihe auch nach dem Wechsel zum Publisher Ubisoft den hohen Erwartungen gerecht werden? Von Daniel Frick
Anno goes Orient
Das hochgelobte Add-On Der Fluch des Drachen führte ein asiatisches Szenario in die Serie ein. Dieser Weg wird nun konsequent weitergegangen: In "Anno 1404" besuchen wir erstmals den Orient. Und wir besuchen ihn nicht nur: Nein, er ist neben dem aus den bisherigen Teilen der Serie bekannten Okzident sinnvoll in Wirtschaftsabläufe und Produktionsketten integriert. Doch dazu später mehr. Vorerst möchten wir den Blick auf die Kampagne lenken, die in drei Schwierigkeitsgraden gestartet werden kann. Sie zeichnen sich jedoch nicht durch eine anspruchsvollere Spiel-und Gegner-KI aus, sondern lediglich durch erschwerte Startbedingungen mit weniger Gold und Rohstoffen. Im Namen des an einer mysteriösen Krankheit leidenden Kaisers schenkt uns unser Mentor Lord Northburgh eine kleine Insel als Startgebiet. Das Besiedeln kann beginnen!
Kampagnen-Tutorial
Die Story-Kampagne fungiert auf gewisse Weise als ein überdimensioniertes und mit Story versehenes Tutorial. Mehr und mehr werden ihr in die Komplexität der Möglichkeiten eingeführt. Ihr beginnt wie in den bisherigen Teilen der Anno-Serie mit einem kleinen Dorf, in dem ihr erste Bewohner ansiedelt und mit Grundnahrungsmitteln und einer Kapelle versorgt. Bald kommen erste kleinere Aufträge für den bereits erwähnten Lehnsherren Northburgh dazu, bis sich ein gewisser Guy Forcas als Kardinal des Kaisers vorstellt, der von diesem mit einem Kreuzzug gegen die Ungläubigen im Orient beauftragt wurde.
Als noch schwacher Insulaner helft ihr dem zwielichtigen Gottesmann, seine Armee zu versorgen und aufzubauen. Aber nicht nur das Stirnrunzeln von Northburgh lässt uns den Braten riechen, was es mit dem arroganten Kerl Guy auf sich hat. Dass ihr euch früher oder später auf eine Seite stellen müsst und wo der sich andeutende Konflikt schließlich gipfelt, ist doch recht vorhersehbar.
Orientalische Gastfreundschaft und exotische Waren
Die schon eingangs erwähnte große Neuerung in "Anno 1404" ist die Einführung des Orients. Die grafische Umsetzung ist äußerst liebevoll gemacht und begeistert das Auge. Doch das Beste am Orient ist, dass er nicht "nur" ein anderes Szenario bietet, sondern sinnvoll und spürbar in andere Spielmechanismen eingebunden ist. Das beginnt schon damit, dass wir dringend Rohstoffe aus dem Orient brauchen, uns das Wohlwollen des Grosswesirs aber erst einmal verdienen müssen. Durch Geschenke (durch Ruhmpunkte aus Quests erworben) werden die Beziehungen vertieft und so stehen langsam immer mehr Bauoptionen zur Verfügung.
Außerdem könnt ihr die Ruhmpunkte beim Herrscher im Orient gegen Gegenstände ("Items") eintauschen, die uns im weiteren Spiel enorm hilfreich sind: zum Beispiel schnellere Schiffe durch verbesserte Segel. So baut ihr Schritt für Schritt eine "Parallelgesellschaft" im Orient, mit eigenen Bewohnern (Nomaden), den dazugehörigen Bedürfnissen und Rohstoffen. Ein komplexes "Spiel im Spiel", das aber gelöst werden muss, damit in der Heimat alle Einwohner zufrieden sind. Der Orient stellt seine ganz eigenen Anforderungen an euch. So müsst ihr trockenes Wüstenland erst einmal bewässern, um nach der Bebauung der ersten fruchtbaren Stellen mehr Nutzfläche zu erhalten. Mit all dem hält man den Spieler bei der Stange, die Motivation bleibt durch den grossen Abwechslungsreichtum immer bestehen. Toll, wie das die Jungs und Mädels von Related Design umgesetzt haben!
Forderndes Kampagnen-Finale
Nach zirka zwölf Stunden, im letzten Viertel der Kampagne, zieht dann auch der Schwierigkeitsgrad mit Zeitlimits, großen Bauvorhaben wie dem Kaiserdom und den inzwischen sehr komplexen Wirtschaftsabläufen an. Bis dahin war der Schwierigkeitsgrad für Aufbau-Fans locker-flockig. So sind zu Beginn des Spiels fortgeschrittene Aufbaustrategen wahrscheinlich unterfordert, gegen Ende der Kampagne dürften Neulinge dagegen an ihre Grenzen kommen. Durch immer wieder an uns herangetragene Aufträge kommt allerdings nie auch nur der Hauch von Langeweile auf.
Ihr seid immer bestens beschäftigt, es gibt bei den detailverliebten Städten immer was zu sehen und die Belohnungen, die ihr für erledigte Aufgaben erhaltet, sind nicht nur motivierend, sondern machen auch in anderer Hinsicht Sinn: Durch Quests lassen sich nämlich Gegenstände erwerben, die bestimmte Eigenschaften verbessern (Feuerkraft, Geschwindigkeit von Schiffen, Saatgut für neue Fruchtbarkeit auf Inseln). So ist nicht nur für Abwechslung gesorgt, sondern die Aufgaben sind sinnvoll in den weiteren Spielablauf eingebunden. Eine runde Sache, die auch noch motiviert. Was will man als Aufbauspieler mehr?
Jedem sein Anno
Möglicherweise hätte sich ja bei der Balance mehr machen lassen in punkto Individualisierung des Schwierigkeitsgrades, ähnlich wie beim Endlosspiel. Doch "Anno 1404" bleibt versöhnlich und nimmt die Neulinge an die Hand: Mit den Tipps und Hinweisen von Lord Northburgh und etwas strategischem Geschick kann auch ein Neuling die acht Missionen der Kampagne meistern. Der Anno-Routinier dagegen wird zwar nicht sonderlich gefordert, kann sich dafür aber auf das komplexeste Endlosspiel der Anno-Serie freuen. So ist dann doch jedem gedient!
Dann ist die Pflicht geschafft und es folgt die Kür: das Endlosspiel. Mit sechs Szenarien neben der Kampagne ist aber noch mehr Spielmaterial vorhanden, sollte jemand sich noch nicht fit für das Endlosspiel fühlen. In den Szenarien müsst ihr Bauprojekte verwirklichen, Reichtümer anhäufen und schließlich die "Weltherrschaft" erringen. Was auch sonst?
Endlosspiel als Paradedisziplin
Die Kampagne bereitet Neulinge und altgediente Anno-Jünger auf das Endlos-Spiel vor, seit jeher die Paradedisziplin der Reihe, auch wenn es nicht in allen Teilen der Serie gleich anspruchsvoll war. Beim Start des Endlosspiels gleich die erste erfreuliche Erweiterung: In fünf Optionsmenüs könnt ihr genauestens die Startbedingungen der verschiedensten Kategorien festlegen. Startressourcen, Fruchtbarkeit der Inseln, Rohstoffhäufigkeit, Piraten, Gegner, Katastrophen, Ruhmpunkte, Spezialgegenstände und Siegbedingungen - es gibt fast nichts, was sich für das Endlosspiel nicht einstellen lässt.
Dann gilt es erneut, das selbst gesetzte Ziel zu erreichen. Durch die mehr als doppelt so vielen Rohstoffe und Gegenstände hat das Spiel gegenüber dem Vorgänger enorm an Komplexität und Spieltiefe zugelegt: 60 Waren und Rohstoffe wollen in über 130 Gebäuden produziert und konsumiert, insgesamt sieben Zivilisationsstufen durchlaufen werden. Dabei gilt es wie aus der Serie bekannt immer weitere Bedürfnisse der nächsten Zivilisationsstufe zu stillen, ohne die Grundbedürfnisse der bescheideneren Anno-Bürger zu vernachlässigen. Übrigens steigen in "Anno 1404" nie alle Bürger in die nächste Stufe auf. So bleibt das Städtebild realistischer und das Spiel wird noch einen Tick herausfordernder, will man bestimmte Schwellen für den nächsten Stufenaufstieg erreichen.
Endloses Endlosspiel
Der Monumentalbau "Kaiserdom" verschlingt Unmengen an Ressourcen, die erst einmal produziert werden müssen.Es gibt deutlich mehr und längere Produktionsketten, in das auch der südliche Orient unabdingbar eingebunden ist. Ein Beispiel: Zum Bau einer Kirche benötigt ihr Glas, den dafür benötigten Quarz gibt's nur bei Sandvorkommen. Also beim Großwesir, Inschallah! Was beim Endlosspiel neben den fordernden Produktionsketten auch für Atmosphäre sorgt: Die von der Computer-KI gesteuerten Gegner haben ihre eigenen Persönlichkeiten und handeln auch entsprechend, was sich ein kleines bisschen wie echte, menschliche Gegner anfühlt. Zumindest ein Mini-Trostpflaster für alle, die dem fehlenden Multiplayer-Modus nachtrauern. Denn den hatte es sowohl in Anno 1602 als auch im direkten Vorgänger Anno 1701 noch gegeben.
Die größte Herausforderung des Endlosspiels sind die Monumentalbauten Sultansmoschee, Speicherstadt und im Okzident der Kaiserdom. Für dieses in vier Abschnitten verlaufende Großprojekt werdet ihr eure Stadt massiv umbauen müssen und alles auf die Produktion der benötigten Unmengen an Rohstoffen und Geld zuschneiden. Die größte Überraschung: Selbst nach Abschluss des Baus fordert euch das Spiel weiter. Beim Erreichen der Schwelle von 3.500 Adligen müsst ihr nochmals neue Bedürfnisse stillen und dafür natürlich neue Ressourcen erschließen, unsere Adligen wollen sich schließlich in Pelze kleiden und Wein trinken. Spätestens dann merkt man, dass das Endlosspiel seinen Namen noch nie so sehr verdient hat wie in "Anno 1404".
Komfortable Bedienung, grandiose Technik
Anno-Freunde wissen das schon lange: Zu wenig Bedienungskonfort war noch nie eine Schwäche des Spiels. Selbst bei fortgeschrittenem Spiel mit seiner potentiellen Unübersichtlichkeit konnte man komfortabel den Weg zur Weltmacht beschreiten. Diese Tugend hat "Anno 1404" nochmals verbessert. Die Bedürfnisse der Bewohner werden noch übersichtlicher in einem Kreisdiagramm angezeigt, ihr könnt Waren wesentlich schneller und unkomplizierter verladen und verschiffen, und der sympathische Lord Northburgh gibt dezent Hinweise, wo es gerade hapert und was als nächstes zu tun ist. Doch darauf hat sich das Entwicklerteam nicht ausgeruht. Die Menüs können ihr sogar individualisieren: Häufig benötigte Buttons zieht ihr in ein Quickslot-Menü, bestehende Gebäude kopiert ihr mit einem Extra-Button und einiges mehr. Die Hardwareanforderungen sind erstaunlich bescheiden für den hübschen Look, selbst Mittelklasse-PCs sind (fast) ganz vorne mit dabei.
Wellness-Programm für Augen und Ohren
Auch bei Optik und Sound gibt sich der jüngste (oder älteste?) Anno-Sprössling keine Blöße: Die Zwischensequenzen in Spielgrafik, der schon aus dem Vorgänger bekannte Postkartenmodus (alle Spielanzeigen werden ausgeblendet, ein Unschärfeeffekt liefert Panomara-Ansichten), die vielen kleinen Details in den Städten, die hübschesten Wasser-Spiegelungen, die man derzeit in einem Computerspiel sehen kann, die toll animierten Spielfiguren inklusive Turban-Wesir, absolut passende Synchronstimmen und und und. Selbst für zusätzliche Realismus-Atmosphäre ist gesorgt: So müsst ihr Bettler, die bei wachsenden Städten immer zahlreicher werden, irgendwie in die Schranken weisen. Entweder baut ihr ihnen ein Armenhaus, macht sie schlicht zu Bewohnern oder schlagt Unruhen mit Gewalt
nieder. Wie auch immer ihr reagiert, jede Entscheidung hat Konsequenzen. Letzteres vor allem, wenn man zu lange wartet: Dann rotten sich die Bettler nämlich zusammen und werden zu marodierenden Räuberbanden. Auch Seeräuber und sporadisch auftretende Naturkatastrophen sorgen zugleich für Stimmung und zusätzliche Arbeit.
"Anno 1404" macht es einem wirklich schwer, Kritikpunkte zu finden. Höchstens der Kopierschutz, der im weitesten Sinne zum Bereich "Bedienung" gehört, dürfte manchen Spieler heftig verärgern. Er lässt lediglich drei Spielinstallationen zu, danach muss man sich telefonisch beim Support bemühen.
Krieg führen war noch nie die Stärke von Anno
Auch der Militärpart ist eher ein Schwachpunkt. Auch hier wurde kräftig verändert und gefeilt. Obwohl es natürlich nach wie vor eine Vielzahl an Militärgebäuden gibt, ist der Armeebereich in einem Punkt etwas zurechtgestutzt: Es gibt keine einzelnen Truppen mehr, stattdessen baut ihr drei verschiedene Einheiten: Kleines bzw. Großes Heerlager und Trebuchet-Katapulte. Die Heerlager positioniert ihr dann als "eine Einheit" am gewünschten Ort. Sie besteht dann zwar aus vielen kleinen Anno-Soldaten, die aber nicht einzeln steuern lassen. Heerlager lassen sich auch wieder abbrechen und an einen anderen Ort entsenden, naturgemäß brauchen sie dafür aber eine gewisse Zeit, um das Lager abzubauen und an den neuen Standort zu reisen. Witzig und praktisch zugleich: Schickt man ein Heerlager ans Wasser, verwandelt es sich in ein Transportschiff, das dann an einer gegnerischen Küste anlanden kann.
Es gibt zwar auch beim Kriegführen hilfreiche Komfort-Elemente, aber alles in allem spielt sich der Krieg nicht besonders dynamisch. Tat er in Anno allerdings auch noch nie. Wer Echtzeit-Krieg will, soll World in Conflict oder Command & Conquer spielen, da war er schon immer besser aufgehoben!
Fazit
von Daniel Frick
"Anno 1404" ist eine Fortsetzung, wie man sie sich wünscht: Die klassischen Tugenden und grundlegende Spielmechanismen bleiben bestehen, werden aber sinnvoll und abwechslungsreich erweitert. Das ist dem deutschen Entwicklerstudio Related Design hervorragend gelungen. An allen Ecken und Enden haben sie gefeilt, verschönert, verbessert, komfortabler gemacht. Vor allem aber die gesteigerte Komplexität des Aufbauparts sowohl bei Qualität als auch Quantität und dass alles harmonisch zusammenwirkt, hat mich begeistert!
Trotz kleinerer Minuspunkte wie der recht vorhersehbaren Kampagnen-Story, dem fehlenden Multiplayermodus, dem etwas schwachen Militärteil oder dem Kopierschutz gibt es objektiv nur sehr wenig zu bemängeln. Stattdessen schafft "Anno 1404" durch viele kleine Details Atmosphäre, die von Grafik und Sound perfekt unterstrichen wird. Riesiger Umfang, hohe Langzeitmotivation und ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das seinesgleichen sucht. "Anno 1404" ist nicht nur das beste Anno, sondern auch das besten Aufbau-Strategiespiel aller Zeiten!

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