Forza Motorsport 3 (Xbox 360)
Artikel veröffentlicht am 23.10.2009
Der bloße Begriff "Forza" strahlt für anspruchsvolle Xbox-Rennspieler die gleiche Magie aus wie "Gran Turismo" für Playstation-Zocker. Kann der dritte Teil dem prestigeträchtigen Namen gerecht werden? Von Moritz Hornung
Ein Hauch von Luxus
Nach zweieinhalb Jahren kehrt der Platzhirsch unter den simulationslastigen Rennspielen auf der Xbox 360 zurück. Warum simulationslastig? Nun, eine richtige Hardcore-Simulation a là RACE Pro ist Forza nicht. Vielmehr wird wie beim Sony-Konkurrenten Gran Turismo ein realistisches Fahrgefühl erzeugt, ohne dass die Lernkurve einer Mount-Everest-Erstbesteigung gleichkommt. "Pick up and play" heißt das so schön im Englischen, also einfach das Gamepad schnappen und Spaß haben.
So viel sei an dieser Stelle verraten: Genau den haben wir bei Forza 3 auch. Und wie. Aber schauen wir uns zunächst mal das Drumherum an. Ganz in der Tradition der Reihe wird auf hippe Sprüche oder einen krampfhaft jugendlichen Auftritt verzichtet. Das Menü strahlt euch in elegantem Weiß entgegen und versprüht die Atmosphäre eines Luxusautohändlers. Gleiches gilt für den Sprecher, der euch höflich-zurückhaltend die ersten Schritte erklärt. Wir merken: Dieses Spiel hat plumpe Effekthascherei gar nicht nötig; es überzeugt durch Qualität. Eben wie ein echter Edelsportwagen.
Künstliche Intelligenz nicht nur auf der Strecke
Eines der wenigen Mankos des Vorgängers waren die umständlichen Karriere-Menüs. Bisweilen dauerte es länger, das richtige Auto für den richtigen Event zu finden, als das eigentliche Rennen zu fahren. Forza 3 bügelt diesen Schnitzer konsequent aus. Dank vieler intelligenter Hilfen fällt der Einstieg deutlich leichter. Zwar gibt es erneut ein Klassensystem, das die Leistung eures Wagens bewertet und entscheidet, wo ihr mitmischen dürft und wo nicht - doch diesmal wird euch sofort angezeigt, welche Rennen tatsächlich in Frage kommen. Ganz besonders interessante werden euch auch einzeln vorgeschlagen.
Der Reiz des Klassensystems liegt darin, möglichst nahe an das jeweilige Zulassungslimit zu kommen; sei es durch den Kauf des passenden Autos oder durch das Aufrüsten eines ehemals unterlegenen Wagens. Gerade der letzte Punkt kann Spieler, die sich nicht mit der komplexen Tuning-Materie auskennen, schnell überfordern. Ein dicker Motor alleine macht noch keinen Sieger - die einzelnen Komponenten müssen perfekt miteinander harmonieren. Zum Glück bietet Forza 3 auch hier Unterstützung in Form von Quick-Upgrades, die ein optimiertes Einzelteile-Paket in euren Wagen montieren.
Hochleveln ganz ohne Orks zu verprügeln
Wie in einem Rollenspiel oder auch in NFS Shift dreht sich im Karriere-Modus alles um euren Fahrerlevel, den ihr durch Erfahrungspunkte erhöht. Die wiederum sind abhängig von euren Platzierungen, Fahrhilfen und davon, wie unfallfrei ihr euer Auto über die Strecken gelenkt habt. Für genug Langzeitmotivation sorgt dabei die gigantische Auswahl an Meisterschaften. Sehr erfreulich: Während wir bei Forza 2 irgendwann jeden Kieselstein am Streckenrand beim Vornamen kannten, haben wir nun dank zusätzlicher Rennorte und Streckenvariationen nicht mehr das Gefühl, auf den immer gleichen Pisten die immer gleichen Runden zu drehen. Ebenfalls neu sind Beschleunigungsrennen; leider geht hier ein nicht unerheblicher Teil des Nervenkitzels dadurch verloren, dass ein Ampel-Countdown fehlt. Ohne die Gefahr einer Disqualifikation bleibt der Adrenalinlevel beim Start ziemlich niedrig.
Aus über 400 Wagen könnt ihr eure eigene Traumsammlung zusammenstellen. Gleich zu Spielbeginn könnt ihr theoretisch jedes Auto erwerben - wenn da nicht das liebe Geld wäre. Die Preise orientieren sich grob an Marktwerten: Einen Japaner aus den 80ern gibt's für ein paar Tausender nachgeworfen - ein schnuckeliger Ferrari-Oldtimer kostet hingegen läppische 20 Millionen. Einziger Wermutstropfen der vielseitigen Auswahl: Bei manchen Modellen wie dem Mustang oder BMW Z4 müsst ihr noch mit der alten Generation Vorlieb nehmen. Gut möglich allerdings, dass die 2010-Modelle noch per Download nachgeliefert werden.
Zurück in die Zukunft
Einen Delorean gibt es in Forza 3 zwar nicht, trotzdem sind Zeitreisen möglich: Durch Drücken der Zurück-Taste könnt ihr wie in Grid jederzeit das Rennen zurückspulen - sogar beliebig weit. Profi-Spieler rümpfen bei solchen "Weichei-Funktionen" die Nase, aber ganz nüchtern betrachtet ist diese Funktion extrem hilfreich. Zum einen erspart sie euch den Kauf eines neuen Controllers, wenn ihr euch nach 20 Runden als Führender plötzlich ins Kiesbett verabschiedet, zum anderen profitieren auch Profis von den Trainingsmöglichkeiten dieses Features. Wenn ihr etwa die Nordschleife kennt wie eure Westentasche, es euch aber im berüchtigten Karussell regelmäßig verhaut, dann spult ihr einfach die vermaledeite Kurve zurück und übt sie erneut - ohne davor jedes Mal acht Minuten Anfahrtszeit zu investieren.
Dank dieser Hilfe bleibt der Schwierigkeitsgrad auch für Gelegenheitsspieler moderat. Die Gegnerstärke "Mittel" ist mit gleichwertigen Autos gut zu schlagen, nur auf "Schwer" hatten wir selbst mit überlegenen Autos ordentlich zu beißen. Eine weitere Abstufung zwischen "Mittel" und "Schwer" für erfahrene, aber nicht professionelle Spieler haben wir an dieser Stelle vermisst. Lobenswert hingegen: Die Computergegner wirken menschlicher und lassen mehr Rücksicht walten als noch im Vorgänger.
Freude am Fahren
Die größte Stärke von Forza Motorsport war schon immer die faszinierende Fahrphysik. Umso erstaunlicher, dass Forza 3 tatsächlich nochmal eine Schippe drauflegt. Die Physik kommt einen Tick direkter daher und wirkt nicht ganz so träge wie im Vorgänger. Dabei bleibt sie trotzdem geschmeidig - in kaum einem anderen Rennspiel werden Gamepad-Bewegungen so glaubwürdig und intuitiv in eine Fahrzeugsteuerung umgewandelt. Wenn wir von der Ideallinie abkommen, wissen wir sofort, ob es ein zu später Bremspunkt oder ein zu heftiger Gas-Stoß war: Hier stimmt einfach der alte kosmische Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung.
Mit Lenkrad-Controller wird das Erlebnis übrigens noch realistischer, sogar das Schalten per Kupplung ist möglich. Wenn die Tachonadel durch die Drehzahlen jagt, macht das dank der deutlich knackigeren Motor-Sounds auch richtig Laune. Eine Cockpit-Perspektive existiert nun auch, die ist allerdings lange nicht so gut gelungen wie bei NFS Shift . Die Hände unseres Fahrers bleiben nämlich immer am Lenkrad - Schalten funktioniert hier wohl per Gedankenübertragung. Außerdem hätten wir uns gewünscht, die Kameraposition wie in der Race-Reihe verstellen zu können.
Auf und Ab in der Grafikpracht
Zwar gibt es immer noch keine Wettereffekte, wohl aber Hochs und Tiefs - und zwar in der Grafikqualität. Absolut atemberaubend sind die Automodelle in Hauptmenü und Fotomodus, selbst kleine Schrauben und Luftgitter sind in 3D modelliert. In den Rennen ist der Detailgrad allerdings heruntergeschraubt, was an der magischen Zahl "60" liegt. So viele Bilder gibt's nämlich pro Sekunde, um flüssiges Spielen zu ermöglichen und ein realistisches Geschwindigkeitsgefühl zu vermitteln. Enttäuscht sind wir hingegen von manchen Ungereimtheiten an den Autos: Warum fährt beim Porsche Boxster der Heckspoiler nicht aus und warum ist der VW Scirocco ein Rechtslenker? Das sind natürlich nur Details, doch das Spiel richtet sich an Autoliebhaber und die achten bekanntlich auf so etwas - wie wir auch.
Franzige Schattenränder und Treppchenbildungen an Kanten stören nur selten die brilliante Optik. Die ist mit ihrem starken Kontrast fast schon zu brilliant und daher nicht unbedingt fotorealistisch. Die Entwickler wollten vielmehr den Look eines Hochglanz-Werbeprospekts erzielen und das hat definitiv hingehauen. Die neuen Fantasie-Strecken bieten beeindruckende Landschaftskulissen, während die altbekannten Rennstrecken kaum von Forza 2 zu unterscheiden sind und mehr Details vertragen könnten. Da haben die beiden Codemasters-Spiele (Grid und Dirt 2) inzwischen ganz andere Standards gesetzt.
Fahrende Sticker-Alben
In der Kategorie Online-Features setzt Forza 3 neue Maßstäbe. Für die Multiplayer-Rennen gibt es unzählige Einstellungen und sogar neue Modi wie "Katz und Maus", bei denen es nicht ganz so ernst zur Sache geht. Bestenlisten gehören wohl zu den ältesten Erfindungen der Spielegeschichte, doch selten wurden sie so erstklassig umgesetzt wie hier. Dabei werden Rundenrekorde sofort als "unrein" markiert, wenn faule Tricks wie die Rückspul-Funktion, Abkürzungen oder Windschattenfahren eingesetzt wurden. Einen Splitscreen-Modus für zwei Spieler an einer Xbox gibt's übrigens auch - keine Selbstverständlichkeit heutzutage.
Der Lackierungs-Editor aus dem Vorgänger war ein großer Erfolg und das dürfte bei Forza 3 nicht anders sein. Auch wenn sich die optischen Tuning-Möglichkeiten in Grenzen halten, entstehen durch die aufwändigen Lackierungen in Windeseile begehrte Unikate. So begehrt, dass andere Spieler dafür virtuelles Geld bezahlen. Dafür bietet das neue Shop-System die perfekte Basis. Toll sind auch die neuen Mustergruppen, die wie Sticker auf allen Autos eingesetzt werden können.
Fazit
von Moritz Hornung
Eines vorweg: Forza 3 ist nicht perfekt. Aber die kleinen Mankos verblassen neben dem großartigen Rennspiel, das Forza 3 in seiner Gänze ist. Sobald ich meine Hände ans Steuer lege, fühlt sich das einfach klasse an. Egal, ob mit Gamepad oder Lenkrad, dank der genialen Fahrphysik freue ich mich am Kurvenausgang schon wieder auf die nächste Kurve. Der variable Schwierigkeitsgrad, ein riesiger Spielumfang und die wegweisenden Community-Features tun ihr Übriges. Damit erklimmt Forza Motorsport erneut den Thron als Genre-Referenz für realistischen Rennspielspaß auf der Xbox. Lobet die Entwickler und lasset die Motoren erklingen!

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