Gilde 1400 (Online)
Artikel veröffentlicht am 02.11.2009
Das Mittelalter: Märchenhafte Schlösser, tapfere Ritter und holde Prinzessinnen. Pah! Das dunke Zeitalter war vor allem dreckig und hat ganz furchtbar gestunken. Überall roch es lecker nach Abfall, Krankheit und Kot. Ob Gameforges neue Wirtschaftssimulation Gilde 1400 auch bis zum Himmel stinkt? Wir machen die Riechprobe. Von Nils Freitag
Auf ins Getümmel
Der Start ins mittelalterliche Leben beginnt altbekannt. Charakter, Wappen, Beruf wählen und auf ins Getümmel. Wir haben uns für die Karriere eines Patrons entschieden und beginnen sofort mit der Produktion köstlichen Dünnbiers. Zeit, sich einmal umzuschauen. Gilde 1400 zeigt sich für ein Browsergame optisch hochwertig und liebevoll gestaltet, wenn auch ohne jedwede Animation. Sehr bedauerlich. Als echte Gilde-Fans fehlt uns das typische Klick-Klack-Kameraschwenk beim Betreten eines Gebäudes und das rege Treiben auf den Straßen. Stattdessen bieten sich uns gerenderte Grafiken, die wir bereits aus Die Gilde 2 kennen - nur jetzt leider als Standbild.
Ein sehr kurzer Spaziergang
Nachdem unsere erste Ladung Dünnbier produziert, verkostet und für das gemeine Volk als trinkbar befunden wurde, transportieren wir den guten Tropfen zum Marktplatz. Bis der Karren angekommen ist, machen wir einen kleinen Rundgang durch unser neues Heimatstädtchen... und sind schnell einmal durch. Die Stadtumgebung ist in der Closed Beta bisher nicht sonderlich umfangreich. Die Übersicht umfasst nur ein hübsches Bildchen, ohne jede Funktion. Zumindest unsere kümmerliche Hütte haben wir über das Menü gefunden. Im klassischen Gilde-Stil können wir hier die Talente unseres noch jungen Schankwirtes verbessern und unser Gebäude erweitern.
Haltet den Dieb!
Zurück in unserer Schenke genehmigen wir uns erstmal einen großen Schluck Bier, bevor wir die eigenen Arbeiter wieder knechten. Inzwischen ist die Zahl unserer Angestellten dank des ersten Betriebsausbaus bereits gestiegen, so dass wir unsere Waren schneller produzieren können. Mit dem Erlös aus dem Dünnbier-Deal machen wir uns an den weiteren Ausbau und stellen fest, dass sich Gilde 1400 vom Konzept her stark an den Vorgängern orientiert hat. Nicht nur die Produktion lässt sich verbessern, auch der Einbruchsschutz ist enorm wichtig, da sich tagtäglich lichtscheues Gesindel an unseren Waren zu vergreifen versucht. Doch nicht mit uns! Einen wackligen Stuhl unters Fenster gestellt und schon ist die halsbrecherische Alarmanlage Marke Eigenbau einsatzfähig.
Money Makes The World Go Round
Mit dem erneuten Ausbau unserer Schänke steigt der Umsatz rapide an. Wir benötigen bereits einen zweiten Karren, um alle Produkte auf den Markt bringen zu können. Nur was machen mit dem ganzen Gold? Hemmungslos verprassen natürlich! Der Handelsplatz bietet haufenweise Kleidung, Werkzeug, Artefakte, Waffen und Plunder, mit dem wir unseren Charakter, aber auch unsere Betriebe und Residenzen verbessern und optimieren können.
Pleite? Kann doch nicht sein! Also schnell in dreckige Lumpen hüllen und den reichen Pfeffersäcken der Stadt ein paar Groschen abquatschen. Jetzt haben wir wieder ein kleines Geldpolster und dank der fleißigen Arbeiter, die übrigens niemals schlafen gehen, wartet auch schon die nächste Ladung Dünnbier auf den Verkauf.
Mehr Macht und Einfluss
Ausgestattet mit ein bisschen mehr Gold in der Tasche machen wir uns auf zum Rathaus, um uns einen Rang zu erkaufen. Mit dem Titel Bürger in der Tasche und um 500 Taler ärmer, stolzieren wir hocherhobenen Hauptes zurück zu unserer Hütte. Aber halt! Wir wollten uns doch noch auf ein Amt bewerben. Alle zwölf Stunden wird in Gilde 1400 nämlich gewählt. Wir tragen uns also in die Kandidatenliste ein und hoffen auf die Ernennung zum Stadtrat. Das Ämtersystem ist aufgeteilt in drei Bereiche: Weltliche, kirchliche und Schattenämter. Jedes Amt ist mit unterschiedlichen Privilegien ausgestattet. Die Konkurrenz ist groß und im ersten Anlauf unterliegen wir knapp unseren Mitbewerbern. Der Ehrgeiz ist geweckt. Mehr Geld, mehr Ansehen, mehr Macht. Denen werden wir's schon zeigen!
Derweil ist es im richtigen Leben schon tief in der Nacht und um Beziehungsproblemen vorzubeugen, schalten wir den PC vorsichtshalber aus. Allerdings nicht ohne vorher nochmal die Produktion zu überprüfen und in Ausbau zu investieren. Im Gegensatz zu den Vollpreistiteln, gibt es in der MMO-Welt von Gilde 1400 natürlich weder Zeitraffer, Pausetaste noch Speicherfunktion. Wer schläft oder zu lange offline ist, hat klar das Nachsehen.
*Ring Ring* Während wir uns noch den Schlaf aus den Augen reiben und eigentlich Kaffee kochen wollten, befinden wir uns schon wieder im Mittelalter, treiben die faulen Arbeiter zu mehr Leistung an und buhlen um die Gunst der hohen Tiere in der Stadt. Nach so viel Engagement werden wir diesmal auch zum Ratsmitglied ernannt. Voll Stolz schmeißen wir eine Runde Dünnbier und klopfen uns kräftig auf die Schulter. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.
Hübsch, aber leider nur Standbild
Die Rendergrafiken des Browsergames stammen direkt aus dem Fundus von JoWood. Gilde-Fans werden sich wohlfühlen.
Das Böse schläft nicht
Gilde 1400 spielt sich anfangs ein wenig schleppend. Man wechselt ständig zwischen vier Ansichten: Residenz, Betrieb, Marktplatz und Rathaus. Viel mehr gibt es auch nicht. Betriebe anderer Spieler sind bisher gar nicht betretbar und die friedlichen Interaktionen bleiben auf ein Minimum begrenzt. Verbrecherisches Gesindel und scheinheilige Pfeffersäcke hingegen haben diverse Möglichkeiten, den Gegenspielern das Leben schwer zu machen. Einbruch, Spionage, Überfälle und Bestechung sind in Gilde 1400 an der Tagesordnung. Es gilt also auf der Hut zu sein.
Wer sich zur Wehr setzen will, kann sich bewaffnen, die eigenen Betriebe aufrüsten und sich mit anderen Mitspielern gegen die gemeine Brut zusammenschließen. Mit fortschreitendem Spielgeschehen nehmen die Möglichkeiten und Optionen allerdings enorm zu. Diplomatie, strategisches Geschick und kluge Interaktionen sowie eine Menge Zeitaufwand ermöglichen einen raschen Aufstieg in der Welt des Mittelalters - bevor man sich versieht, ist man geradezu süchtig nach Gilde 1400.
Spieltiefe? Und ob!
Ein enormer Pluspunkt für das Browsergame ist die zu erwartende Langzeitmotivation. Im weiteren Spielverlauf stehen zusätzlich zum Hauptberuf acht weitere Karrieren mit den dazugehörigen Betrieben zur Auswahl, die der Spieler meistern kann. Dazu kommt das umfangreiche Ämtersystem. Der Aufstieg bis zum Bürgermeister, Bischof oder Oberboss erfordert eine Menge Fleiß, lohnt sich aber. Heiraten ist im von JoWood lizensierten Spiel bisher nicht möglich. Ob der Charakter sich eingeschlechtlich fortpflanzt oder schlicht einen Nachfolger vor seinem Ableben benennt, ist der Fantasie des Spielers überlassen. Sobald der Charakter stirbt, springt sogleich ein junger Held in die Bresche.
Fazit
von Nils Freitag
Nach den ersten Tagen in Gameforges neuem Browsergame steht für mich fest, dass Gilde 1400 eindeutig das Potenzial hat, ein richtiger Kassenschlager unter den Browsergames zu werden. Trotz kleinerer Mängel ist das Spiel definitiv einer der Top-Titel für den Winter dieses Jahres. Allerdings erwartet die Karlsruher Entwickler noch eine Menge Arbeit, bevor aus dem Browser-Ableger der JoWood-Reihe ein echter Dauerbrenner wird.
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