Stalker: Call of Pripyat (PC)
Artikel veröffentlicht am 10.11.2009
Zurück in die Sperrzone: Bereits zum dritten Mal reist ihr in das verseuchte Tschernobyl. Das allein lauffähige Addon erzählt die Geschichte vom Erstling weiter und stopft die Löcher in der Spannung mit einer kompakteren Spielwelt. Von Philip Ulc
Richtig gezählt, falsch programmiert
Aller guten Dinge sind drei - denkt sich nicht nur Entwickler GSC Gameworld. Denn nach dem Verkaufserfolg des Erstlings "Stalker: Shadow of Chernobyl" hat die atmosphärisch dichte Serie um den Kernreaktor in Tschernobyl mit "Clear Sky" einen herben Dämpfer erhalten: zahlreiche Bugs, Abstürze, Ruckler, KI-Aussetzer und Grafikfehler vermiesten den Ausflug in die verseuchte Zone.
Der dritte Teil beziehungsweise die zweite allein lauffähige Erweiterung will es besser machen und verlorene Fans zurückholen. Dabei orientiert sich "Call of Pripyat" stärker am Erstling und nutzt beispielsweise die gleiche (mittlerweile veraltete) Grafik-Engine - "die Grafik bleibt unangetastet," hat schon Oleg Yavorsky von GSC vor einigen Monaten verkündet.
Was geschah und was nicht geklärt wird
In den Stalker-Lagern trefft ihr auf zahlreiche Auftraggeber, die euch mit lockenden Rubel entlohnen.Zwei Wochen nach der Handlung vom ersten "Stalker" knüpft das Add-on an. Zur Erinnerung: Strelok, der Held des Originals, deaktiviert in einem der sieben möglichen Enden den Hirnschmelzer, der im Zentrum der Zone jeden Menschen wahnsinnig machte. Die Zeit ist gekommen, um in den Mittelpunkt der Reaktorexplosion vorzudringen. Zuvor schickten Wissenschaftler fünf Hubschrauber als Vorhut - keiner kehrt zurück. Richten soll es nun Geheimagent Alexander Degtyarev, das seid ihr, indem ihr getarnt als Stalker die Zone um den geschmolzenen Atomreaktor Tschernobyl untersucht. Die Ausgangslage ist spannend, die Story trotzdem eher ein Auf und Ab. Überraschende Momente lösen sich mit banalen Erklärungen ab, viele Fragen werden aufgerissen, deren Antwort sich das Spiel auch im Finale spart.
Schlecht geschossen, gut gelacht
Wie in den Vorgängern lauft ihr durch eine glaubhafte Welt, reale Orte wurden zum Vorbild genommen. Drei große und vor allem neue Gebiete laden zum Erkunden ein. Das Spiel startet nördlich des Atomkraftwerks in der Flussregion des Prypjat. Viele Stellen sind ausgetrocknet, Schiffswracks dienen als Zufluchtsorte von Stalkern oder anderen Außenseitern. Dort nehmen wir erste Gefechte auf, weil sich unser Held trotz Warnungen einem Lager nähert. Einzelne Gegner sind kein Problem, mehrere Stalker gleichzeitig aber eine echte Gefahr. Die KI lässt Feinde in Deckung gehen und diese sogar wechseln. Nach zwei bis drei Treffern sacken Widersacher aber leblos zu Boden. Gern lässt die KI die animationssteifen Kollegen im Stich, wenn Gegner in Wände schießen, sich in Zimmern verirren und uns in schmalen Gängen nicht einmal als Gefahr erkennen. Das ist zum Glück selten, ebenso wie Abstürze. Entwarnung: "Call of Pripyat" läuft stabil.
Zudem erforscht ihr die industriell geprägte Jupiter-Fabrik und den östlichen Teil der Stadt Pripyat. Kenner der Vorgänger bemerken den bekannten Boulevard samt Riesenrad, den ihr diesmal aber nicht betreten könnt. Wirklich abwechslungsreich sind die Gebiete nicht, euch erwarten viel dröge Wildnis, verlassene Plattenbauten und Häuserschluchten. Dafür stimmt die Weitsicht.
Missionsbewuchs auf karger Fläche
Aufträge sind nicht mehr zufallsgeneriert, sondern von Entwickler GSC per Hand designt. Das merkt man, ihr löst nun ganze Missionsketten, zum Beispiel wenn ihr in der Jupiter-Anlage auf die Existenz eines geheimen Tunnels aufmerksam werdet, der in den frischen Pripyat-Abschnitt führt. Doch der ist mit Giftgas gefüllt. Was tun? Ein befreundeter Stalker verkauft euch für viel Asche einen Schutzanzug. Woher so viel Geld? Händler und andere Auftraggeber bevölkern die Zone und belohnen jede helfende Waffenhand mit reichlich Rubel. Oder ihr stöbert die altbekannten Anomalien auf, seltene Artefakte, die ihr gewinnbringend verkauft und in neue Ausrüstung sowie Waffen steckt. Oder eben in einen schützenden Overall - der im Tunnel zwar vor giftigem Gas schützt, nicht aber vor den dort hausenden Mutanten. Die sind aber nichts gegen die Monolither, eine bislang geheime Stalker-Fraktion. Glücklicherweise leiden die an den gleichen KI-Aussetzern wie ihre Feindkollegen - radioaktive Strahlung scheint wohl nicht jedem zu bekommen.
Fazit
von Philip Ulc
Trotz technischem Stillstand ist "Call of Pripyat" der beste Stalker-Teil. Der unausgegorene Gigantismus der beiden Vorgänger weicht einer gesund geschrumpften Spielwelt mit durchdachten Missionen. Die tolle Atmosphäre wird zwar manchmal durch abstrus-doofes Verhalten der Gegner durchbrochen, die Grundstimmung einer unwirtlichen Zone bleibt aber erhalten - auch weil die düsteren Schauplätze an eine reale, schreckliche Tragödie erinnern. Neulinge sollten aber einen ausgiebigen Erkundungsdrang an den Tag legen. Geballert wird nur punktuell, erforscht dagegen unentwegt.
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