Colin McRae: Dirt 2 (PC)
Artikel veröffentlicht am 10.12.2009
Seit vor zweieinhalb Jahren Colin McRae Dirt erschien, ist einiges passiert: Nicht nur, dass der namensgebende schottische Rallyefahrer wenige Monate nach der Veröffentlichung des Spiels bei einem Hubschrauberunfall ums Leben kam. Es gibt jetzt auch die Fortsetzung. Nach einer absolut überzeugenden Konsolen- und einer äußerst bescheidenen Handheld-Version, gibt's jetzt endlich Dirt 2 für den PC. Steuerung besser, Grafik besser, alles besser? Von Daniel Frick
Seit dem allerersten Dirt hat die Serie ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Colin McRae Rally erschien erstmals 1998, begeisterte auch dort schon Spieler und Fachpresse und legte den Grundstein für eine der erfolgreichsten Marken von Publisher Codemasters. Doch elf Jahre nach dem ersten Teil trägt eine Spieleserie auch eine der größten Bürden, die einer erfolgreiche Spielemarke tragen kann: Ändert man zu viel am altbewährten Spielprinzip, stößt man Nostalgiker vor den Kopf, die die Serie genau wegen dieser oder jener Features lieben. Ändert man zu wenig, beschweren sich nicht nur nörgelige Spielejournalisten, sondern die andere Hälfte des Zielpublikums, dass man ruhig ein paar neue Ideen mehr hätte einbauen können. Nicht eben einfach, zumal ja der letzte Teil und direkte Vorgänger Dirt auch schon sehr viel Lob und nur wenig Kritik erfahren hat.
Colin McRae Rallye 2009
Auf den ersten Blick besticht auf dem PC die gegenüber der Konsolenversion nochmals deutlich brillantere Grafik. Ihr erinnert euch, die war auf der PS3 und der XBox 360 keineswegs schlecht. Besonders kommt diese Pracht bei Spielern zum Vorschein, die einen hochwertigen Windows7-Rechner ihr eigen nennen. Denn darauf kann man die neue Grafik-Schnittstelle DirectX-11 bestaunen. Und die hat es wirklich in sich. Detaillierte, lebendige Landschaften abseits der Piste sorgen für ein erhöhtes Unfallrisiko. Dann lieber einen festen Punkt in der Ferne fixieren, so bleibt man eher auf der Rennstrecke. Wenn man es denn schafft, sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Denn auch die in der Ferne auftauchenden Landschaften laden eigentlich dazu ein, den Blick schweifen zu lassen und nicht zu fixieren.
Dann vielleicht lieber in der Heckperspektive den Blick auf die hoch detaillierten Fahrzeugmodelle lenken. Mist, das könnte genauso ablenken, denn das Rennfahrer-Arbeitsgerät sieht optisch ebenfalls unverschämt detailreich-appetitlich aus. Konzentriert euch lieber aufs Fahren, auch wenn euch das bei der ganzen optischen und gestalterischen Pracht zugegeben sehr, sehr schwer fallen dürfte. Licht- und Lensflare-Effekte, Schlamm auf den Scheiben, Staub am Heck - alles vom allerfeinsten! Sahnehäubchen der ganze Sache: Trotz der ganzen Opulenz sind die Hardwareanforderungen im Vergleich zum ersten Teil bescheidener ausgefallen. Auch auf einem Standard-PC sieht Dirt 2 sehr gut aus und läuft vor allem flüssig.
Karriere und Rennmodi lassen keine Wünsche offen - die Strecken schon
Eure liebste Rallyespiel-Serie hat sich schon mit dem Vorgänger einen ordentlichen Schritt von klassischen Rallyequalitäten wegbewegt. Wertungsprüfungen in Etappenabschnitten, Kommentare vom Beifahrer und wenig Verkehr auf den Strecken waren nicht mehr das einzige, was der Genreprimus zu bieten hatte. Im Gegenteil, der klassischen Rallye wurde nur noch einer von sechs Spielmodi gewidmet. Daneben gab es Buggy- und Hillclimb-Rennen, Monstertrucks und die Offroad-Meisterschaften "CORR". Ihr ahnt es schon nach dem Wink mit dem Rallye-Wimpel zu Beginn des Artikels: In Dirt 2 ist nicht mehr Rallye drin als im Vorgänger. Aber mehr Rennspiel.
Inzwischen hat das Spiel sagenhafte acht Rennmodi der unterschiedlichsten Couleur aufzubieten. Einschließlich einer ordentlichen Prise Need for Speed und Race Driver GRID, dem etwas älteren Halbbruder von Dirt 2. An diese Titel erinnern die bekannten Modi "Domination" und "Last Man Standing", zudem fahrt ihr unter anderem Countdown-Rennen gegen einen unerbittlichen Sekunden-Ticker und High-Speed-Rennen in "Trailblazer". Die acht Rennmodi bieten viel Abwechslung, in der Kampagne wollen 220 Rennen an insgesamt neun Schauplätzen gewonnen werden. Auch der Gesamtumfang geht mehr als okay. Lediglich die Streckenauswahl wurde gegenüber dem Vorgänger deutlich auf weniger als die Hälfte beschnitten. Die Kurse sind dafür zwar atemberaubend gestaltet - trotzdem schade.
Und das Fahrgefühl?
Doch die bisherigen Faktoren treten ja, so wichtig sie auch für den Gesamteindruck sind, hinter ein entscheidendes Merkmal deutlich zurück: Wie ist das Fahr- und Geschwindigkeitsgefühl, wie die Steuerung mit der Tastatur, wie der Schwierigkeitsgrad? Drei zentrale Fragen mit ziemlich unterschiedlichen Antworten: Wie von der Serie bekannt versucht auch Dirt 2, Realismus und Fahrspaß, Einsteigerfreundlichkeit und Anspruch unter einen Kofferraumdeckel zu bekommen. Das gelang so gut, wie so ein Spagat eben gelingen kann. Von einem sehr realistischen Fahrgefühl wie in einer echten Renn-Simulation à la GTR 2 ist das Spiel recht weit entfernt, dennoch bietet es genügend Freiraum, um auch fortgeschrittene Rennspielfans zu begeistern.
Das heißt im Umkehrschluss, dass Dirt 2 auch kein Grid oder Burnout Paradise ist, selbst wenn Codemasters mit der aktuellen Ausgabe einen deutlichen Schritt in diese Richtung geht. Die Steuerung mit Lenkrad und Gamepad ist jeweils gut ausgewogen, von daher ist es Geschmacks- oder Geldbeutelsache, wie ihr steuert. Die Tastatursteuerung hätte unserer Meinung nach allerdings noch besser ausfallen können, denn sie reagiert nicht immer ganz präzise auf die Eingaben und wirkt je nach Strecke teilweise etwas "rutschig". Und das, obwohl es in der neuesten Dreckschlacht keine Schnee- und keine Regenrennen gibt.
Hervorragende und innovative Präsentation
Die Karte, die auf dem Tisch im Wohnmobil ausgebreitet liegt, ist das Auswahlmenü für die verschiedenen Rennen.Dafür begeistert die gesamte Präsentation des Spiels noch mehr als eh und je. Keine langweiligen Menüs mehr, das Hauptmenü befindet sich nicht im, sondern IST das Wohnmobil unseres Alter Egos. Untermenüs finden sich hinter bestimmten Gegenständen, die im Trailer herumliegen oder -hängen, der aktuell ausgewählte Wagen steht direkt vor der Hütte. Das alles baut jede Menge Racing-Feeling auf und macht einfach Spaß. Auf den Ladebildschirmen werden jede Menge interessante Statistiken präsentiert, die einen hin und wieder sogar schmunzeln lassen. Beim Sound klotzt Codemasters ebenfalls, und zwar ohne Ende. Motorensounds und Stimme des Copiloten waren in der McRae-Reihe noch nie schwach auf der Brust. Im neuen Teil ist der Sound gleichauf mit der Maßstäbe setzenden Grafik, vor allen Dingen die Sprechstimmen vom Beifahrersitz und der Computergegner aus dem Funkgerät sind toll. Bei der Musik gibt's passende Rockmusikklänge, passt einfach immer noch am besten zur Hochgeschwindigkeit, Adrenalin braucht ein Rallyepilot nun mal.
Fazit
von Daniel Frick
Seit der ersten Ausgabe vor elf Jahren verfolge ich die McRae-Serie. Von Anfang an hat sie mir großen Spaß gemacht. Vor allem die ersten Serienteile waren echte Rallyespiele. Für mich hob sich die Serie damit immer angenehm vom "Burnout-for-Speed-Einheitsbrei" ab, ähnlich wie die GTR-Reihe. Von daher stimmt es mich schon etwas wehmütig, dass der Rallyemodus nur noch ein Rennmodus unter vielen ist.
Aber Stillstand ist Rückschritt, in wenigen Wochen ist das Millenium zehn Jahre alt und der Computerspieler von heute will auf höchstem Niveau unterhalten werden. Dirt 2 tut verdammt viel dafür, meine Wehmut vergessen zu machen. Die Optik ist (wie immer schon) vom allerfeinsten, der Umfang generös, die Herausforderung lässt sich je nach Anspruch immer so einstellen, dass man nie frustriert ist. Lediglich die Tastatursteuerung kommt nicht an das formidable Niveau der gesamten Präsentation heran. Aber es gibt ja schließlich Gamepads und Lenkräder zum glücklich werden...

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