Heavy Rain (Playstation 3)
Artikel veröffentlicht am 16.02.2010
Die Zeit ändert. Die Zeit verändert alles - die Zeit ändert uns, die Welt, die Politik, die Technik, die Videospiele. Die Zeit ändert ... ändert und verändert unsere Videospiele. In den letzten Jahrzehnten wurden so viele Genres geboren, Sub-Genres erfunden und langsam macht sich Stagnation breit. Eigentlich haben wir doch geglaubt, dass wir alles gesehen hätten. Haben wir aber nicht. Heavy Rain sorgt nämlich für eine gänzlich neue Spielerfahrungen und gründet ein vollkommen neues Genre, das in solchen Ausmaße noch nie existiert hat - der interaktive Thriller. Von Jannick Gänger
Final Fantasy 13, Gran Turismo 5, Command & Conquer 4 - Fortsetzungen, Erweiterungen, Add-Ons, Download Content. Technische Aspekte, Grafik, Modern. Das sind die Wörter, die unseren aktuellen Spielemarkt beherrschen und vollkommen im Griff haben. Innovationen, Neuerungen, Ideen, Emotionalität, Dramaturgie. Kennt ihr das? Vielleicht. Aber welches Spiel konnte uns das schon in den letzten Jahren bieten?
Was passiert nun, wenn ein Studio ankommt, vier Jahre einenTitel produziert hat und enorm viel verspricht? Wir würden das als Hype bezeichnen und eventuell achselzuckend hinnehmen. Was passiert jedoch, wenn die Versprechungen erfüllt werden, die Dramaturgie seinen Höhepunkt erreicht, die Emotionen seinen Lauf nehmen, die Spannung ins unermessliche steigt? Ein Meisterwerk entsteht, begeistert, sorgt für Tränen, für Verbeugungen und Spannung - Heavy Rain ist da.
Aufstehen und trinken
Alles beginnt ganz harmlos, ohne Kummer, ohne Sorgen. Ein bürgerliches Haus, ein angenehmer Job, eine wunderschöne Frau und zwei kleine Racker - eigentlich kann sich Ethan Mars nicht beschweren, hat er doch anscheinend alles, was man braucht. Bevor sich jedoch der erzählerische Aspekt überhaupt erstmal entfalten kann, beginnt Heavy Rain mit dem Anderssein. Als Ethan Mars wachen wir in unserem Haus auf und erleben die alltäglichsten Dinge.
Ok, wieso auch nicht, aber das Ganze wird uns nicht als Zwischensequenz oder Intro präsentiert. Wir steuern Ethan dabei, wenn er duschen geht, sich anzieht oder etwas trinkt. Wir bewegen ihn, gehen die Treppen hinunter, zeichnen etwas, jonglieren kurz oder spielen mit den Kindern, dabei tippen wir nur kurz auf ein paar Knöpfe. Abläufe des täglichen Lebens werden hier bereits so atmosphärisch inszeniert, dass die eigentliche Absurdität, den normalen Alltag zu spielen, völlig vergessen wird. Wir sind hier ja schließlich nicht bei den Sims. Das hier ist aber keine Lebenssimulation, gewiss nicht. In diesen anfänglichen Momenten sind wir einfach nur Ethan, der aufsteht und auf seine Familie wartet, der den Tisch deckt und mit seinen Kindern spielt - so langweilig das spielerisch klingen mag, so bedeutend ist dies für eine emotionale Bindung zu Ethan. Gleichzeitig dient diese beschauliche Idylle als "Tutorial", um uns die "Steuerung" näherzubringen.
Ein Anker
Sonnenschein und Freude wird in Heavy Rain schnell verschwinden. Eine bedrückende und düstere Stimmung macht sich breit, nach dem Ethan seinen Sohn verliert. Er gibt sich selbst die Schuld an dem Tod seines Sohnes, da er besser hätte aufpassen müssen. Es ist seine Schuld, nur seinetwegen ist sein Sohn tot - Gedanken, die einen Menschen innerlich zerreißen, zerstören, niederringen. Der Bart wuchert, die Gesichtszüge haben an Spannung verloren, die Haltung ist trostlos. Ethan hat seinen Sohn verloren und gibt sich ganz den Depressionen hin. Und auch seine Frau verlässt ihn, trennt sich von ihm, genaue Gründe erfahren wir nicht.
Das beschauliche Haus, der sichere Job, das gute Aussehen, all die Freude und der Sonnenschein ist fort, für immer, für ewig. Er darf aber nicht aufgeben, schließlich hat er einen zweiten Sohn. Er muss sich um ihn kümmern, ihn lieben und ihn großziehen, auch, wenn sich der Kleine distanziert und die Mutter bevorzugt. Er kann sich und ihn aber nicht hängen lassen. Auf die Frages seines Kindes, warum er immer so traurig ist, kann er nichts antworten. Es wird einfach nichts mehr so sein, wie es früher einst war. Sein Sohn ist das einzige, was ihm geblieben ist. Sein rettender Anker, der ihn über Wasser hält. Alles andere ist fort.
Es nimmt seinen Lauf
Uns wird sofort deutlich gemacht, dass Ethan durch die Hölle geht. Er hat alles verloren und ist am Ende. Hinzu kommt die Schuldzuweisung, die er sich selbst macht und sich somit fortwährend zerstört. All das wird in den Bewegungen und Handlungen von Ethan deutlich. Auch nachdem sein Sohn gestorben ist, die anfängliche Idylle in Vergessenheit gerät, erleben wir weitere alltägliche Dinge in seinem Leben. Wir holen seinen Sohn im strömenden Regen ab, sehen mit ihm fern oder machen ganz einfach eine Pizza für ihn warm. Auch die deutliche Distanzierung des Sohnes zu seinem Vater wird deutlich. Wortkarg und still ist sein Sohn Shaun, er gibt seinem Vater allerdings nicht die Schuld an dem Tod seines Bruders.
Dieser spielerisch stille Anfang sorgt für eine klare und deutliche Darstellung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn. Wir bewegen Ethan zum Kühlschrank, suchen in der Wohnung nach einem Teddy oder setzen uns einfach nur auf das Sofa. All das dient jedoch dazu, aufzuzeigen, wie dramatisch es ist, wenn Ethan auch seinen zweiten Sohn verliert. Er wird entführt, vom Origami-Killer. Doch er lebt. Noch.
Wie weit...
In einer fiktiven amerikanischen Stadt sorgt der Origami-Killer bereits seit Jahren für Angst und Misstrauen. Er entführt Kinder, vielmehr Söhne, und Tage später werden sie ertrunken aufgefunden. Das heißt, dass auch Shaun noch lebt - wo immer er auch ist, aber er lebt. Leider kann die Polizei keinen handfesten Verdächtigen präsentieren, auch der Presse ist ein Sündenbock bisher verschlossen geblieben. Es beginnt also ein Alptraum für Ethan, der nicht zulassen kann, dass auch sein zweiter Sohn stirbt. Er darf ihn nicht aufgeben! Es beginnt die Suche, die spektakuläre, zu jeder Zeit spannende und emotionale Suche nach seinem Sohn Shaun.
All das spielt sich genau genommen in nur wenigen Tagen ab. Direkt nach dem Verschwinden von Shaun macht sich Ethan auf den Weg, um ihn zu retten. Denn er hat nur wenig Zeit. Dabei wird sofort der innerliche Konflikt von Ethan deutlich - er kann nicht auch noch seinen zweiten Sohn verlieren, er hätte besser aufpassen müssen, er kann es einfach nicht zulassen. Schnell wird er allerdings mit dem Origami-Killer konfrontiert, vielmehr von dem Killer kontaktiert - Prüfungen soll Ethan bestehen, um seinen Sohn lebend wiederzufinden. Prüfungen, die die Frage beantworten soll: Wie weit würdest du für einen Menschen gehen, den du liebst?
Vier Charaktere und eine Story
Während Ethan alles daran setzt, Shaun zu retten, treten drei weitere Charaktere in die spielerische Komponente. Insgesamt bewegen wir nämlich vier Personen in Heavy Rain. DIE wichtigste Person gibt es nicht, jeder hat seine Bedeutung. Der FBI-Profiler und Agent Norman Jayden wird zum Beispiel in die Kleinstadt geschickt, um der örtlichen Polizei bei den Ermittlungen zu helfen. Recht jung ist er, unerfahren in der Praxis eines Polizisten, verfügt aber über eine gute Kombinationsgabe und technische Hilfsmittel. Sowieso wird er auf die Probe gestellt, denn bei den Ermittlungen ist sein roher Partner von der Polizei nicht immer ein willkommener Helfer.
Mit von der Partie bei der Jagd auf den Origami-Killer ist auch Privatdetektiv Scott Shelby. Der Ex-Cop hat in den letzten Jahren etwas zugenommen und die Uniform abgelegt. Als Detektiv kontaktiert er nun die Eltern der verstorbenen Kinder und versucht den Killer zu schnappen. Dabei nutzt er auch gerne mal seine Fäuste - ob er nun will oder nicht. Etwas weniger offensiv ist die Journalistin Madison Page, die eher zufällig in die Geschichte tritt. Aber als sie ungewollter Weise auf Ethan trifft, hat die attraktive Dame einen Plan...
Entscheide dich!
Zunächst scheinen die Charakter keine Gemeinsamkeiten zu haben, außer den Killer zu schnappen. Jeder hat halt irgendwie seine eigenen Motive. Doch immer näher und näher kommen sich die Charaktere, ohne überhaupt voneinander zu wissen. Sowie so sind die vier spielbaren Personen brillant und seines Gleichen suchend inszeniert und ausgearbeitet. Ob nun der drogensüchtige FBI-Agent fragwürdige Entscheidungen trifft oder Ethan auf der Suche nach seinem Sohn Höllenqualen erleiden muss - das hier sind keine Figuren, keine Protagonisten in einem einfachen Rollenspiel, keine Helden oder Roboter einer Unterhaltungssoftware, das sind Menschen. Menschen, die wir steuern, aber sie sind Menschen mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihrem eigenen Auftreten, mit ihrer eigenen Menschlichkeit.
Wobei wir sie formen können. Wobei wir entscheiden können, was sie machen. Heavy Rain ist ein Titel voller Entscheidungen und moralischer Konflikte, wir müssen die Prüfungen des Killers bestehen oder die Ermittlungen auf erfolgreiche Art und Weise fortführen. Allerdings bestimmen wir selbst, wie das Ganze von statten geht.
Etwas deutlicher bitte
Beispiel: Ein völlig abgedrehter Typ richtet die Waffe auf unseren Partner. Wir können den Partner zwar nicht leiden, aber er wird von einem labilen Kerl bedroht, der leicht wahnsinnig den Antichrist erkannt haben will. Unser Partner glaubt zwar, er sei der Origami-Killer, er hat jedoch Unrecht. Wie klären wir die Situation? Erschießen wir den Verrückten, versuchen wir ihm ins Gewissen zu reden? Die verschiedenen Handlungsweisen schwirren dabei als Möglichkeiten um den Kopf des Charakters - um ihn zu erschießen, müssen wir einfach nur R1 drücken und es ist vorbei. Der Situation entsprechend flattern jene Aktionsmöglichkeiten wirr, rasch und undeutlich herum, sodass wir im Eifer des Gefechts nur schwer erkennen können, was da überhaupt steht. So passiert es schnell, dass wir einfach den falschen Knopf drücken. Natürlich ist das authentisch, natürlich ist das höchstspannend und genial auf den Spieler übertragen, um die Situation so intensiv wie nur möglich zu gestalten, die verschiedenen Möglichkeiten hätten allerdings ab und zu deutlicher ausfallen können.
Ich bin Du
Wie immer wir uns auch entscheiden, es wird fatale Konsequenzen haben. Wichtig dabei ist die Tatsache, dass wir irgendwann wirklich als Charakter selber spielen. Uns wird die Story so echt, so dramatisch und ernst aufgezeigt, dass wir die Charakter verstehen und kennen lernen und als eben jene Personen agieren. Soll ich jetzt wirklich den aggressiven Weg wählen, oder könnte es fatale Konsequenzen haben? Obwohl eine Entscheidung zunächst nur kleine Auswirkungen hat, könnte es später zu einem großen Umschwung in der Story eines einzelnen Charakters kommen. Die Tatsache hinzuzählend, dass jeder der Charaktere sterben kann, macht jede Entscheidung umso nervenaufreibender und spannender als es sowieso schon ist.
Das Ableben der Charaktere spielt eine wichtige Rolle in Heavy Rain. Schließlich verändert sich somit ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Geschichte. Auch Ethan kann sterben, alle vier Charaktere können sterben und es gibt kein Game-Over. Die Story geht weiter, mündet in verschiedenen Finalen und bringt die Geschichte zum Ende - natürlich auf eine andere Art und Weise, wenn Ethan zum Beispiel nicht gestorben wäre. Dabei tritt immer wieder der Fall auf, dass ihr nicht wisst, welche Konsequenzen eine Entscheidung haben wird. Ihr könnt es natürlich ahnen, aber in vielen Fällen rechnet ihr nicht einmal mit einer richtigen Reaktion oder einer entscheidenen Konsequenz.
Intensiv, noch intensiver
Gerade in der ersten Hälfte schöpft Heavy Rain sein gesamtes erzählerisches Geschick aus. In jeder einzelnen Sekunde ist der Puls erhöht, selbst wenn wir nur unserem "Chef" die Krawatte binden oder einfach ein unangehmes Gespräch mit einem potentiellen Informanten führen. Viele alltägliche Abläufe, wie kochen oder duschen, minimieren weder die Spannung noch die Unterhaltung. Jede Handlung erzählt nun mal einen kleinen Teil der Geschichte, selbst wenn es nur das Braten von Eiern ist. Zwar merken wir manchmal erst hinterher die hohe Wichtigkeit einer kleinen Situation, verbeugen uns aber nach dem Aha-Moment bei den Entwicklern Quantic Dream. Sie schaffen es, eine durchgehend spannende, abwechslungsreiche, variable und vor allem emotionale Geschichte zu inszenieren, die jeden guten Film in den Schatten stellt. Dabei nimmt die Intensität der Story enorm zu, da wir in vielen Situationen selbst entscheiden können, im Ansatz ein kleiner Regisseur sind und jede Entscheidung lang und breit hinterfragen.
Nur wenige Titel konnten uns so sehr packen wie Heavy Rain. Vielleicht haben wir sogar noch nie eine spannendere, ernstere und packendere Story erlebt wie hier. So intensiv das auch sein mag, so spielerisch anders ist dieses Werk. Es ist kein Point&Click-Abenteuer, kein simples Adventure - es ist komplett anders.
Verdammt, schon wieder nicht erwischt!
Und da fällt der einzige und leider auch größte Kritikpunkt an Heavy Rain auf. Es besteht fast ausschließlich aus Quicktime-Events, das Halten mehrerer Knöpfe oder beides in schnellen Passagen kombiniert. Wir halten R2 und der Charakter bewegt sich in die Blickrichtung, mit dem linken Analogstick ändern wir dann jene Richtung. Zur Auswahl stehen meist zwei Kameraperspektiven, die zumindest beim normalen Erkunden frei gewechselt werden können.
Ein richtiges Steuern kann man dies aber nicht nennen. Wir schlagen nicht auf Knopfdruck, laufen nicht auf Knopfdruck, wir leben nur von Quicktime-Events. Obwohl es richtig sein mag, diese etwas einseitige Steuerung zu kritisieren, so ist sie jedoch unheimlich rasant und intensiv. Wenn ihr den höchsten der drei Schwierigkeitsgraden wählt, ist es verdammt schwierig, in packenden Kämpfen den richtigen Knopf zu erwischen. Da fliegt die Faust auf uns zu - X drücken! Jemand will uns zu Boden treten - Viereck drücken! Den Kerl abhalten, uns mit einer Stange zu erwürgen - wie ein Irrer aufs Dreieck hämmern! All das wechselt im Sekundentakt, das Reaktionsvermögen wird auf eine harte Probe gestellt und treibt euch an die Grenzen. Wir haben geschwitzt wie nie zuvor, als wir auf die Tasten gehämmert haben und dann verdammt nochmal den falschen Knopf erwischt haben. Da rutscht man wie ein besengter Esel auf dem Sitzplatz hin und her, hofft, dass nicht gleich alles vorbei ist und versucht einen kühlen Kopf zu bewahren, um in den rasanten Situationen auch ja alles richtig zu machen.
Hut ab!
Doch nicht nur Schlägereien werden zu noch nie dagewesenen Herzkaspern, Heavy Rain bietet zig solcher Situationen von spielerischer Spannung. Dafür sorgt unter anderem ein immer wieder auftretender Split-Screen, in dem wir aus verschiedenen Perspektiven die gleiche Situation erleben. Da klingelt es an der Tür und wir nutzen diesen Moment an unbeobachteter Zeit, um uns zu befreien. Wir sehen dabei jedoch, was währenddessen bei anderen Personen passiert und hämmern so automatisch noch doller auf die Tasten, in der Hoffnung, dass wir uns schneller befreien können.
Nie zuvor haben wir eine so intensive und vor allem ernste Inszenierung einer Geschichte erlebt. Ein Killer treibt sein Unwesen, dramaturgische Höhepunkte treten schon im Mittelteil auf und stetig aufkommende moralische Aspekte sorgen für eine erwachsene Story. Es bleibt jedoch alles im Rahmen, nie wird es zu verschwörerisch oder undeutlich, es ist zu jeder Zeit authentisch und die Handlungen aller Charaktere wirken echt und sind es letztlich auch. Die schauspielerische Leistung, die wir hier bei spieletipps wohl das erste Mal wirklich bei einem Spiele-Test erwähnen müssen, ist herausragend. Die Animationen der einzelnen Bewegungen könnten nicht echter sein, die fast fotorealistischen Gesichter lassen jede einzelne Gefühlsregung erkennen. Das hervorragende Verhalten der Nebencharaktere oder Komparsen in diversen Szenen sorgt für eine glaubhafte Umgebung - sei es in einer belebten Disco oder einem vollen Einkaufszentrum.
Bitte Englisch
Heavy Rain ist ein interaktiver Thriller und das ist auch bei der Grafik zu erkennen. Der stetige Regen, der übrigens eine extrem wichtige Rolle spielt, sorgt für eine stets drückende Atmosphäre, jede kleinste Textur ist so scharf wie ein Katana. Hier glänzt alles, hier sieht alles prächtig aus, auch wenn die Grafik nur dazu dient, die Story intensiv und bedrückend wie möglich darzustellen. Sowie so erinnert Heavy Rain immer wieder an einen Film - die Kamerafahrten sind ohne Übertreibung oscarreif, dramaturgische Höhepunkte perfekt in Szene gesetzt, die anmutende Musik ist gewaltig.
Es ist unglaublich, aber wahr: Die deutsche Synchronisation ist gut. Nicht herausragend gut, geschweige denn perfekt, aber sie fängt die einzelnen Charaktere gut ein. Dennoch ist die englische Sprachausgabe fast Pflicht, da dann auch Lippensynchronität herrscht. Blendet euch unseretwegen die deutschen Untertitel ein, aber Heavy Rain macht mit originaler Sprache einfach vielmehr Spaß.
Packend von Anfang an
Spielerisch einwandfrei, technisch perfekt, erzählerisch ... ja, wie ist die Story denn nun wirklich? Die Story ist, wie schon oft gesagt, fantastisch und maßstabsetzend. Bereits in den ersten Stunden sind wir drin, in den grausamen Prüfungen des Origami-Killers, in den Ermittlungen der anderen Charaktere - wir sind das Spiel, vielmehr: Wir sind der Film, wir erleben den Film detailgetreu, authentisch, können ihn sogar ein wenig verändern. Und darin liegt einfach die Perfektion - die Perfektion, eine so spannende Geschichte völlig variabel zu machen. Stirbt ein Charakter, geht es weiter. Stirbt noch ein Charakter, geht es immer noch weiter. Wir allerdings sind so fertig, so getroffen von dem Tod, dass wir fast niedergeschlagen weitermachen, nur, um den verdammten Origami-Killer endlich zu finden.
So ausschlaggebend dafür sind aber nicht unbedingt einfache Story-Wendungen. Es ist manchmal nur das Simple. Wenn wir L2 drücken, erhalten wir einen Überblick über die Gedanken der Charaktere. Wie bei den verschiedenen Möglichkeiten beim Agieren schweben dort nun einzelne Wörter herum, die nach Knopfdruck die Gedanken preisgeben. Manchmal ist das ein Hinweis zur Lösung eines Problems, manchmal ein innerlicher Konflikt. So wachsen uns die Charaktere mit ihren Eigenarten rasch ans Herz, wir kennen sie sehr schnell und überdenken jedwede Entscheidung. Spannende Höhepunkte - mit überkreuzten Fingern X, Viereck, R2 und plötzlich noch L2 halten, um nicht zu sterben. Atmosphärische Höhepunkte - bei bedrückendem Wetter mit Shaun spielen. Dramaturgische Höhepunkte - der Tod eines Charakters. Heavy Rain ist ein einziger verdammter Höhepunkt, auch, wenn zumindest unser Ende viele Fragen offen lässt.
Fazit
von Jannick Gänger
Ein Meilenstein, schlicht und einfach ein Meilenstein und die Geburt eines neuen Genres. Quantic Dream schafft es mit Leichtigkeit, mich in den Bann meines Lebens zu ziehen. Eine unglaublich packende Story hat mich nicht ein einziges Mal losgelassen, in vielen rasanten Szenen war ich trotz der Quicktime-Events außer Atem. Perfekt ausgearbeitete Charaktere sorgen mit perfektem Schauspiel für perfektes Film-Flair - hier darf perfekt auch wirklich Ernst genommen werden. Die spielbaren Personen haben Ecken und Kanten, haben ihre Eigenarten und Eigenschaften, sie wachsen uns ans Herz und wir leiden mit ihnen. Ich habe zuvor selten so an den Charakteren eines Spieles gehangen. Und ich habe vorher auch selten geweint, als einer von ihnen gestorben ist. Ja, ich habe ein ganz bisschen geweint. Dafür danke ich den Entwicklern!
Aber ob Heavy Rain nun noch ein Videospiel ist oder wirklich das Genre des "interaktiven Thrillers" gegründet hat, ist zumindest mir noch unklar. Der ganze Titel besteht aus Quicktime-Events und gezieltem Halten bestimmter Knöpfe. Nur wenige Bewegungen führen wir auch wirklich aus, wir bestimmten quasi nur, inwieweit wir scheitern oder nicht. Aber dieses System wurde exzellent umgesetzt und auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad ist es sogar herausfordernd. Ob Spiel oder nicht, es ist im Prinzip auch egal - Heavy Rain ist ein Meisterwerk, ein zeitloses Werk voller Spannung, Traurigkeit, Hass, Wut und Angst. Heavy Rain bedeutet Emotionen.

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