Castlevania - Lords of Shadow (Playstation 3)
Artikel veröffentlicht am 23.07.2010
Das Castlevania-Spinoff Lords of Shadow wagt einen Serien-Neuanfang und fordert gleichzeitig Action-Gottheit Kratos heraus: Wir haben zwei Level angespielt und können kaum noch den Oktober abwarten - wenn das fertige Spiel erscheint. Von Philip Ulc
Seit den mittleren 80er-Jahren schnetzelt sich der Belmont-Clan durch Horden von Werwölfen und untoten Blutsaugern. Der jüngste Spross Gabriel verbindet das Massenschlachten gleich mit einer persönlichen Rachegeschichte, als seine Frau vom namensgebenden Lord of Shadow ermordet wird. Dunkle Mächte wollen die mittelalterliche Welt im finsteren Europa in die Verderbnis führen und lassen sprichwörtlich keine Menschenseele in den Himmel steigen. Auch des Helden Weib ist in der Unterwelt gefangen. Doch nur mit Hilfe einer mysteriösen Maske ist dem Bösewicht beizukommen.
Zwischen euch und dem Lord of Shadow liegen aber 50 Levels und Dutzende Gegner, denen ihr mit üblichem Schneidwerk oder mystischem Hokuspokus wie Weihwasser oder gleißendem Licht begegnet. Hilfe in der Spielmechanik holt sich Castlevania: Lords of Shadow zudem von Genrekollegen wie God of War und Dantes Inferno. Moment, was haben die flotten Actionprügler von heute denn mit dem ursprünglichen Plattform-Hüpfer Castlevania zu tun?
Die neue Ausrichtung - Anlehnung an den Massengeschmack
Die Next-Gen-Entwicklung Lords of Shadow stellt den Neustart von Konamis langlebiger Castlevania-Serie dar, die nie besser als zu 2D-Zeiten war (Castlevania - Symphony of the Night). Der Sprung in die dritte Dimension wurde zwar erstmals auf dem N64 gewagt, die Qualität hinkte aber mächtig hinterher. Der jüngste Ausflug in Beat-them-up-Gefilde stellt den Tiefpunkt der ruhmreichen Serie dar, die einst mit Nintendos genialem Metroid konkurrierte. Andere Konsolen, andere Vorlieben: Im Fahrwasser der Erfolgs-Trilogie God of War fuhr nicht nur EAs Dante, der ebenfalls aus Liebe in die Hölle stieg. Konami orientiert sich ganz bewusst an die modernen Hack-and-Slays und will den Massengeschmack treffen: "Alle bei Konami waren sich sicher, dass wir das Spiel ein wenig dem Mainstream anpassen, um es auch für den westlichen Markt entsprechend interessant zu gestalten", sagt zum Beispiel Dave Cox von Konami.
Prominente Unterstützung erfährt das von Mercury Steam in Spanien entwickelte Actionspiel zudem von Kojima Productions. Mastermind und Metal Gear Solid-Schöpfer Hideo Kojima steht beratend zur Seite, wohl wissend um seinen großen Namen in der Spielerschaft, der dadurch reichlich Aufmerksamkeit auf das neue Castlevania-Spiel überträgt.
Bekanntes Kampfsystem in unbekannter Umgebung
Das Kampfprinzip kommt bekannt vor: Mit je einer Taste nutzt Gabriel seine Hauptwaffe, die Kettenpeitsche, für kurze und lange Angriffe. Durch schnellen Tastendruck lösen wir damit wuchtige Kombos aus, die sogleich auf die ersten Feinde niederprasseln. Jaulend gehen die Werwölfe zu Boden, einige besonders harte Treffer lassen den Widersacher gar in einer riesigen Blutfontäne aufgehen - das dürfte die USK freuen, sobald ihr das Spiel zur Prüfung vorliegt. Durch aufsammelbare Embleme und verdienter Erfahrungspunkte schaltet ihr neue Kombos frei und rüstet eure Peitsche auf.
Auch andere Features kennen wir aus den Vorbildern: Im Sprung gelingen ähnlich spektakuläre Angriffe, an Brunnen erhalten wir Gesundheit, wir blocken, kontern und weichen mit flinken Rollen den Hieben der Feinde aus. Nur auf eine Errungenschaft moderner Actionspiele mit grimmigem Helden müssen wir dezent verzichten: Quick Time Events. Diese Reaktionsspielchen tauchen zwar auf, aber nur in simpler, abgewandelter Form. Sobald ihr einen Gegner greift, nähern sich zwei Kreise an. Drückt ihr im richtigen Moment irgendeine Taste, zerschmettert Gabriel den Feind. Es kommt also nicht auf einen bestimmten Knopf an, sondern um das exakte Timing. Eine Wohltat, nachdem der wütende Sony-Spartaner die Quick Time Events auf eine nervtötende Höhe getrieben hat.
Mit Vielfalt ans Ziel
Der Eröffnungslevel unserer spielbaren Vorabversion setzt uns ein Rudel Werwölfe vor und gipfelt zum Abschluss spektakulär in einem Duell mit einem Riesenwolf als Zwischenboss. Wir halten die Beschreibung des Kampfes kurz: Letztlich pfählten wir lässig den Vierbeiner, nahmen den Dank der ehrfürchtigen Dorfbewohner entgegen ("Wwwer seid ihr?") und verschwanden in Richtung Wald.
Dort holt uns ein mysteriöses Pferdewesen auf seinen Rücken und wir gehen über in eine flotte Kampfsequenz. Im Galopp erwehren wir uns Goblin-Reitern auf ihren Riesen-Wargs und entscheiden, ob wir den Reiter oder sein Reittier angreifen. Bei Gegenangriffen weichen wir aus oder es schleudert uns bei Körpertreffern von unserem Pferdegeschöpf. Dann gehen die Scharmützel zu Fuß weiter, ehe wir die berittene Verfolgungsjagd fortsetzen. Dieser Bruch mit gewöhnlichen Kampfsequenzen zeigt den bis dahin geglückten Versuch auf, dass die Entwickler Lords of Shadow einiges an Abwechslung einimpfen wollen.
Viel bleibt offen
Damit endet auch schon die Vorabversion. Der Action-Anteil wirkt bereits jetzt dank cooler Moves, Blutfontänen und stimmiger Mittelalter-Atmosphäre ausgereift. Abwechslung sollen die Castlevania-typischen Geschicklichkeitseinlagen und Rätsel bieten, von denen wir allerdings noch nichts zu Gesicht bekamen. Ebenfalls keinen Blick konnten wir auf die Titanen erhaschen: Diesen riesigen Boss-Ungetüme nähern wir uns ähnlich wie im PS2-Kultspiel Shadow of the Colossus durch Sprungpassagen und malträtieren Stück für Stück ihre Schwachstellen. Schade, dass uns dieses Highlight bislang verwehrt blieb.
Pro:
- deftige Action à la God of War
- mächtige Kombos, aufrüstbare Waffen
- vertraute und sinnvolle Steuerung
- stimmungsvoll präsentiert
- professionelle (englische) Film-Sprecher
- Kampfpassagen gegen Boss-Ungetüme
Contra:
- bislang wenig Gegnertypen
- geringe Details in den Levels
- angekündigte Rätsel fehlen (noch)
Fazit
von Philip Ulc
Was ist der große Unterschied zwischen einem Klon und einem Produkt, das sich lediglich hat inspirieren lassen? Nun, es sind eigene Ideen in einer bekannten Spielidee. Lords of Shadow vertraut dem alt-europäischen Dracula-Setting, das audiovisuell prächtig in Szene gesetzt ist und garniert diese Welt mit den Castlevania-typischen Sprung-, Kletter-, und Rätseleinlagen - auch wenn wir in unserer spielbaren Vorabversion davon nichts zu Gesicht bekamen. Der Kern bildet wohl aber der Kampfpart, der sich offenkundig an God of War orientiert und viele bekannte Features wie den Gesundbrunnen oder den Ausfallschritt auffährt. Das ist zwar nicht sonderlich innovativ, muss es aber auch nicht, wenn es das Vorbild in verbesserter Weise kopiert. Ob das Castlevania: Lords of Shadow tatsächlich gelingt, bleibt abzuwarten. Die Vorfreude ist aber groß, genau das herauszufinden.
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