Kane & Lynch 2 (Playstation 3)
Artikel veröffentlicht am 02.09.2010
Batman und Robin. Micky und Donald. Kane und Lynch. Was unterscheidet die letzten beiden Herren von den anderen? Simple Antwort: Sie töten, was das Zeug hält, und sind zum Teil auch noch völlig wahnsinnig. Also guter Stoff für eine spannende Geschichte, die uns in Kane & Lynch 2 erwartet - nun, nicht ganz... Von Jannick Gänger
Die ungleichen Partner Kane und Lynch waren seinerzeit im ersten Teil nicht gerade gute Freunde - eher gezwungenermaßen arbeiteten sie zusammen. Und wenn sie das taten, lief auch nicht alles so ganz nach Plan. Hinzu kommt die leicht psychische Labilität von Lynch, der gerne mal grundlos ausrastet. Während die Geschichte noch fesseln konnte, versagte der Shooter spielerisch in allen Belangen. Da funktionierte gar nichts.
Trotz damals eher durchschnittlicher Kritiken ist nun Kane & Lynch 2 - Dog Days erschienen und geht einen ähnlichen Weg, wie wir mit Bedauern feststellen mussten. Doch in den ersten Minuten ist das gar nicht zu merken: Eine Kammer. Kane und Lynch. Gefesselt. Und ziemlich schwer verletzt. Eine wackelige Kamera zeigt einen Peiniger, der Lynch mit einem Messer tiefe Wunden zufügt. Immer wieder setzt das wackelige Bild aus. Lynch sackt bewusstlos zusammen, während Kane fürchterliche Rache schwört.
Keine Rettung
Wow. Die ersten Minuten in Shanghai fesseln sofort und lassen erahnen, dass zumindest die Story ähnlich spannend wird wie im Vorgänger. Leider ist dem ganz und gar nicht so. Zunächst tut es der Story einen großen Abbruch, dass wir Lynch statt wie damals Kane aktiv spielen. Während wir früher noch irgendwie Respekt vor dem total verrückten Lynch hatten und seine Ausraster angsteinflößend waren, wirkt er nun viel ruhiger und vorhersehbarer. Das liegt zum einen daran, dass wir ihn steuern und er so nie wirklich ausrasten kann - außer in Zwischensequenzen, doch auch hier hält sich der Psychopath zurück, der mittlerweile sogar eine Frau an seiner Seite hat.
Es hätte dem Spiel unglaublich gutgetan, wenn immer mal wieder der alte Lynch rauskommen würde und wir so quasi spielerisch daran teilhaben könnten, indem wir bewegungsunfähiger werden oder die Umwelt schlechter wahrnehmen, sobald ein Ausraster kommt oder keine Medikamente in der Nähe sind. Dadurch büßt Dog Days viel von einer möglichen Faszination ein, die im Vorgänger noch deutlich spürbar war und den Titel vor richtig miesen Wertungen gerettet hat.
Coole Optik
Durch den Schauplatzwechsel verschlägt es die beiden "Freunde" nach Shanghai. Während Lynch dort mit seiner Freundin lebt, kommt Kane extra für einen lukrativen Deal in die Stadt, um seinem Partner dabei zu helfen. Die riesige, dreckige und doch faszinierende Metropole Shanghai wurde exellent eingefangen - die grellen Lichter, unendlich viele Leuchtreklamen, die vielen Autos und Einwohner der Stadt. Es sieht einfach richtig gut aus. Damit Shanghai aber so richtig atmosphärisch rüber kommt, wurde eine einmalige Präsentation entwickelt.
Stellt euch es so vor: Das gesamte Spiel sieht so aus, als würde ein Dritter mit einer kleinen und miserablen Handkamera hinter den beiden Knallköpfen hinterherlaufen. Die Kamera wackelt oft hin und her, Pixelfehler stören das Bild und Lichteffekte werden unscharf dargestellt - das gehört jedoch alles zu der Art der Präsentation dazu und verleiht dem Spiel einen ungemeinen Charme. Und das ist auch dringend nötig, schließlich sieht Dog Days abseits der stylischen Kamera-Präsentation wie ein veraltetes Spiel aus. Einige Texturen sind richtig matschig, die Animationen der Gegner lassen zu wünschen übrig und auch die Kollisionsabfrage ist unvorteilhaft.
Langeweile pur...
Trotzdem sieht Dog Days durch diese einzigartige Kamera-Optik einfach richtig genial aus und rettet die sonst maue Grafik. Auch die Story profitiert von dem Look: Gerade der erwähnte Einstieg macht eine Menge Hunger auf mehr, leider versinkt die Story im Mittelmaß. Denn eigentlich wollte Lynch vor dem großen Coup eine kleine Rechnung begleichen, doch das läuft total schief und plötzlich ist die ganze Unterwelt von Shanghai hinter den beiden her.
Leider verliert die Story sehr an Spannung, wenn wir die tatsächliche Ursache dieses gerade losbrechenden Krieges erfahren - lediglich die Motive der beiden Protagonisten verhindern in Zwischensequenzen die totale Langeweile. Stellenweise blitzt die Einzigartigkeit des Duos auf, wir fiebern mit und hoffen, dass alles gut geht - doch gerade die Störungen des Hobby-Psychopathen Lynch flackern zu selten auf.
Abseits der genialen Optik und der durchschnittlichen Story fällt etwas viel mehr ins negative Gewicht: die fehlende Abwechslung. Es wird Stunde um Stunde stumpf geballert und gefeuert, getötet und ins Jenseits geschickt, ohne nennenswerte Abwechslung oder besonders spannende Abschnitte. Nach rund neun Stunden ist dann alles vorbei - dabei haben wir quasi nur Feind um Feind niedergeballert und uns gelangweilt.
Wir sehen das Licht!
Während im Vorgänger auch nicht gerade viel Abwechslung geboten wurde, geht es hier tatsächlich ganz gen Null. Hinzu kommen die sehr linearen Levels, die kaum alternative Wege bieten. Wir wandern durch enge Bürogebäude oder durch die hellerleuchteten Straßen von Shanghai und es ist immer ein fester Weg vorgegeben. Wenn wenigstens unsere chinesischen Feinde etwas Hirn in der Birne hätten, könnten wir das ja verzeihen, zumal die Levels ja durchaus authentisch und schön gestaltet sind - aber die feindlichen Bewohner sind nur strunzdoof.
Sie laufen direkt ins offene Feuer und scheinen Deckungsmöglichkeiten zu meiden. Das solltet ihr allerdings nicht tun, denn obwohl die Chinesen blöd sind, ist ihre schiere Anzahl in vielen Momenten ein riesiger Frustpunkt. Das geht schon zu Beginn los: Während wir mit Lynch und Kane zu Fuß auf einer Autobahn die fiesen Schlitzaugen töten, fährt unser Partner mit dem Auto weiter. Unbemerkt bleibt der Wagen natürlich nicht und so ist es unsere Aufgabe, die Gegner davon abzuhalten, dass sie das Auto zerstören. Blöd nur, dass es viel zu viele Chinesen sind und blöd nur, dass das Auto ständig dann weiter fährt, wenn da noch zig Feinde irgendwo versteckt sind und wir uns nicht weiter rauswagen können. Die Unterwelt Shanghais ist zwar blöd, doch die Masse an Gegnern schickt euch häufig ins Jenseits.
Keine Granaten
Natürlich gibt es auch Deckungsmöglichkeiten, die, anders als im Vorgänger, nun per Knopfdruck erreicht werden. In die Nähe einer Mauer stellen, Button drücken und schon befindet sich Lynch hinter schützenden Steinen. Denkste. Obwohl wir uns sichtbar in Deckung befinden, treffen uns trotzdem noch Kugeln, die uns eigentlich nicht treffen dürften. Das frustriert, das ärgert, das schickt uns ins virtuelle Jenseits - und ist völlig unnötig.
Zudem fehlen auch einfach Granaten oder andere Hilfsmittel. Einzig und allein normale Feuerwaffen sind mit von der Partie, also Uzis, Sturmgewehre, Schrotflinten, allerlei Pistolen und Scharfschützengewehre. Auch hier fehlt die Abwechslung, und der Verzicht auf Granaten und ähnliches ist ebenfalls nicht ganz so hilfreich, um ein großes Waffen-Arsenal zu bieten. Im Gegenzug können wir aber Benzinkanister in die Menge werfen und mit einem gezielten Schuss entzünden. Auch die Steuerung geht gut von der Hand.
Völlig belanglos?
Leider fehlt auch bei Kane die künstliche Intelligenz. Er stellt sich mitten ins Feuer der Chinesen, lässt uns im Stich oder bleibt irgendwo hängen. Wir empfehlen daher das Spiel kooperativ zu genießen - mit einem echten Spieler an der Seite lebt es sich doch gleich viel besser und die Story scheint etwas schneller in Schwung zu kommen.
Insgesamt schwächelt der Story-Part aber erheblich: Die fehlende spielerische Abwechslung sorgt für Langeweile, die Masse an Gegnern für Frust und das liegengelassene Potenzial um die Motive der beiden Protagonisten ärgert uns einfach nur. Es hätte so viel besser sein können, ehrlich. Schaut euch die beiden Verrückten doch mal an: Nach der soliden Geschichte des ersten Teils hätte man alles noch viel spannender und dramatischer inszenieren können, was dank der Präsentation auch stellenweise gelingt, aber eben nur stellenweise. Aber: Vor der völligen Belanglosigkeit wird Dog Days gerettet, dank der gelungenen Mehrspieler-Modi.
Verräter oder Gangster
Richtig gelungen ist hierbei der Modus Fragile Alliance. Hier sollt ihr mit sieben anderen Spielern einen richtig lukrativen Deal landen und raubt dazu eine Bank aus. Je nach Map geht es also erst zu der Bank und dem Geld, das ihr einsammeln müsst. Immer wieder stellen sich euch KI-Polizisten in den Weg, sodass ihr kleine Schwierigkeiten habt, zum Fluchtwagen zu kommen. Jetzt wird es aber erst richtig interessant: Sobald ihr die Beute habt, könnt ihr die Beute der anderen Räuber einsacken, indem ihr sie einfach erschießt. Stellt euch vor: Drei eurer Gangster-Kollegen laufen gerade mit den erbeuteten Moneten vor euch zum Fluchtauto, bis ihr die Waffe zückt und alle drei von hinten niederstreckt. Sobald ihr dies tut, werdet ihr allerdings als Verräter gebrandmarkt und jeder andere Spieler kann erkennen, dass ihr ein fieser Typ seid.
Zu jeder einzelnen Sekunde ist dieses Gefahr spürbar. Kann ich meinen Team-Kameraden vertrauen? Wollte der Typ da gerade mich oder den Feind treffen? Hat der Kerl da gerade nicht auf mich angelegt? Natürlich lohnt sich das erbeutete Geld - bessere Belohnungen und Waffen warten auf euch. So müsst ihr stets abwägen, ob es sich lohnt, für viel Geld ein Verräter zu sein oder ob ihr lieber mit den anderen den Verräter jagt. Genial!
Keine Motive mehr
Ähnlich funktioniert der Undercover-Cop-Modus: Hier wird zu Beginn jedes Raubzugs zufallgsgeneriert ein Cop in den Reihen der Gangster ausgewählt. Selbstverständlich weiß nur der Auserwählte, dass er der Cop ist. Nun soll er den Raub verhindern und bekommt dafür eine Belohnung. Hier steigert sich die Paranoia nochmal um gefühlte 200 Prozent!
Selbst im klassischen Team-Deathmatch-Modus könnt ihr eure eigenen Männer verraten und erschießen, sodass ein Match nie wie das vorherige läuft und enorm viel Abwechslung geboten wird. Hier müssen wir ein großes Lob an IO Interactive aussprechen!
Doch unterm Strich verschenken die Entwickler zuviel Potenzial im gesamten Solospiel. Natürlich ist der Look ganz großartig, die Stimmen der beiden Chaoten sind sogar richtig überzeugend, doch die Motive und die Dramaturgie der Protagonisten werden kaum mehr genutzt.
Pro:
- geniale Kamera-Optik
- jede Menge Action
- solide Steuerung
- grandiose Synchronstimmen
- spaßige Multiplayer-Modi
Contra:
- kaum Abwechslung
- schlechte KI
- miese Kollisionsabfrage
- schwache Texturen
- langweilige Protagonisten
- teils grobe Animationen
Fazit
von Jannick Gänger
Ich hatte jede Menge Spaß mit Kane & Lynch 2. Ehrlich. Aber eben nur im Multiplayer-Modus, wo mir oft genug eigene Team-Kameraden in den Rücken gefallen sind und ich mir danach den Verräter unbedingt schnappen wollte. Die Mehrspieler-Modi sind abwechslungsreich und werden dank des Verräter-Features auch nie langweilig, was man von dem Singleplayer-Erlebnis nicht behaupten kann. Klar, die verwackelte Kamera-Optik ist schlicht großartig, doch sonst fehlt mir einfach die Dramatik und Spannung in der Geschichte um das ungleiche Duo. Es fehlt die Unberechenbarkeit von Lynch und das Besonnene von Kane. Es fehlt spielerische Abwechslung, sodass immer auf gleichem Tempo geballert wird.
Letztlich kann ich nur sagen, dass Multiplayer-Fans durchaus einen Blick riskieren sollten, auch Liebhaber des ersten Teils können zuschlagen, allen anderen rate ich dringend vom Kauf ab.
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