Day Z: Ein soziales Experiment - Stockholm-Syndrom im totalen Krieg

(Special)

Über die Unsicherheit menschlicher Verhältnisse

Spätestens in der Interaktion mit anderen Spielern offenbart sich Day Z als das, was es neben seinem spielerischen Charakter noch ist: eine Art soziales Experiment.

Ein anderer Überlebender auf der Flucht vor Zombies - beobachtet aus sicherer Entfernung.Ein anderer Überlebender auf der Flucht vor Zombies - beobachtet aus sicherer Entfernung.

Da Nahrung, Waffen, Munition und Medizin eher spärlich gesät sind, lässt in Day Z selbst der größte Gutmensch schnell mal das zivilisatorische Mäntelchen fallen und steht nach diesem Striptease in unverhüllter, barbarischer Rohheit vor euch.

Es kann euch passieren, dass ihr stundenlang mit einem anderen Spieler durch Chernarus zieht, zusammen Erfolg um Erfolg feiert und das ganze Zombie-Geschmeiß im Duett wegputzt - In dem Moment, in dem euer Freund keine Nahrung mehr hat und erpicht auf eure ist, handelt er ganz archaisch und frei nach Brechts Dreigroschenoper: "Dein Bruder, welcher an dir hangt, wenn halt für zwei das Fleisch nicht langt, tritt er dir eben ins Gesicht; und menschlich sein, wer wollt das nicht?"

Ja, wer wollte das nicht? In Day Z ist es schwer, fast unmöglich, menschlich zu bleiben.

Zwischen Misstrauen und Stockholm-Syndrom

Wo keine Zivilisation ist, da bleibt bei allem Bedürfnis nach Verbündeten nur eine einzige Tugend: Ein tiefsitzendes Misstrauen.

So sieht eine Geiselnahme in etwa aus.So sieht eine Geiselnahme in etwa aus.

Sicher gibt es auch funktionsfähige Bündnisse. Vor allem natürlich von Spielern, die sich aus dem wirklichen Leben kennen. Aber auch dann kann es zu interessanten Konstellationen kommen. Beispielsweise dann, wenn eine solche Gruppe von Spielern schlechter ausgerüstete Überlebende als Geiseln nimmt und sie als Kundschaftern und potentielles Zombiefutter einsetzt.

So geschah es einem Spieler, der sich nach seiner Ankunft auf der Insel in der Gewalt von sechs, bis an die Zähne bewaffneten Herren wiederfand. Zu seinem eigenen Erstaunen verwandelte sich seine anfängliche Wut in eine Art Anhänglichkeit, fast schon Freundschaft. Ein Beispiel für ein Stockholm-Syndrom à la Day Z. Hier findet ihr den englischen Bericht "How Six Men Kidnapped Me in Day Z" über das Erlebte.

Wer nicht aufpasst, muss sich schnell den Interessen anderer unterwerfen. Und entwickelt sich damit vom misstrauischen, aber freien Überlebenden zum beherrschten Sklaven, der aber zumindest keine eigenen, möglicherweise tödlichen Entscheidungen mehr treffen muss.

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