Test The Night of the Rabbit: Die Zauberschule im Kaninchenloch

von Christian Detje (24. Juni 2013)

Ein neues Adventure von Daedalic! Aber vielleicht hat sich der Hamburger Entwickler so auf Deponia konzentriert, dass er The Night of the Rabbit nur nebenbei zusammengeschustert hat?

An technischen Details haben die Zeichner bei Daedalic nicht gespart.An technischen Details haben die Zeichner bei Daedalic nicht gespart.

Vorletzter Ferientag - für jeden Schüler vergleichbar mit der Vorhölle. Auch bei Familie Haselnuss herrscht Katerstimmung.

Jerry ist zwölf und vollkommen ausgelastet mit seinen Forschungsreisen quer durch die städtischen Waldanlagen und der fachmännischen Verwaltung seines Geheimverstecks in der Gartenmauer. Außerdem plant er seine Karriere als zukünftiger Zauberer von Weltrang. Schule? Reine Zeitverschwendung!

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Kommt euch das ein bisschen bekannt vor? Dann fällt es euch bestimmt leicht, in Jerrys Rolle zu schlüpfen. Er ist nämlich ein ganz normaler Junge, abenteuerlustig, ein bisschen verträumt und von der Magie des Sommers gefangen. Doch dann ist da auf einmal dieses Kaninchen und plötzlich scheint die Schule weiter entfernt zu sein als je zuvor.

Mit The Night of the Rabbit bleiben die Daedalic-Entwickler bei dem Genre, das sie am besten beherrschen, dem klassischen Point-and-Click-Adventure, dessen goldenes Zeitalter Anfang der Neunziger schon vorbei zu sein schien.

Ein spielbares Märchenbuch

Das elegante weiße Kaninchen, dem Jerry begegnet, nennt sich Marquis de Hoto und lädt den Jungen nach Mauswald ein, um ihn dort zum Magier und damit auch zum sogenannten Baumläufer auszubilden, zum Wanderer zwischen den Welten.

Der Inhalt eures Rucksacks ist übersichtlich und leicht zugänglich.Der Inhalt eures Rucksacks ist übersichtlich und leicht zugänglich.

Das hört sich an wie eine Mischung aus Harry Potter und Alice im Wunderland, oder? Das Kaninchen als Vorbote und Botschafter eines magischen Reiches, in das der Held unvermutet hineingerät, spricht dafür.

Tatsächlich aber erinnern die liebenswert betulichen Bewohner von Mauswald und Umgebung viel mehr an Kenneth Grahames Der Wind in den Weiden. Stellt euch The Night of the Rabbit vor wie das Point-and-Click-Äquivalent eines Kinderbuchklassikers voller sprechender Mäuse, Maulwürfe, Eichhörnchen, Eulen und Frösche, Baumstammhäuser und murmelnder Bäche.

Dann habt ihr eine Vorstellung von der Grundstimmung im idyllischen Mauswald. Die handgezeichneten 2D-Landschaften scheinen alle einem aufwendig illustrierten Märchenbuch zu entstammen.

Die possierlichen Tierchen und ihre Marotten

Das erzeugt eine dichte Atmosphäre und zeugt von inniger Hingabe der Macher. Von Hast oder fehlender Sorgfalt kann also zumindest optisch keine Rede sein.

Die Mauswalder bilden keine so ideale Gemeinschaft, wie es zunächst scheint.Die Mauswalder bilden keine so ideale Gemeinschaft, wie es zunächst scheint.

Aber hört sich das mit den Tieren und dem Mauswald nicht ziemlich schwerfällig an für ein modernes PC-Spiel? Zugegeben, Daedalics neuester Streich ist über weite Strecken geradezu aufreizend gemächlich. Eure ersten Aufträge ("Sammle Brombeeren für den Kuchen!" und "Verschicke Einladungskarten fürs Wipfelfest!") unterstreichen diesen Eindruck.

Auch auf actionhaltige oder witzige Zwischensequenzen wie in Deponia verzichtet das Spiel. Die Verpuffungen in Anjas Backstube, in der sie neuerdings Schwarzpulver in die Plätzchen mischt, gehören schon zu den spektakuläreren Szenen in The Night of the Rabbit - und auch zu den witzigsten.

Dabei ist das Spiel nicht etwa humorlos. Überspannten Typen mit grotesken Schrullen begegnet ihr andauernd. Aber so richtig wollen die Witze nicht zünden. Das hat viel zu tun mit den Dialogen und Jerrys Kommentaren.

"Da kritzel ich besser nicht drauf!"

Was die Leute sagen, wiederholt sich wortgetreu, wenn ihr sie zweimal ansprecht. Keine Spur von Variationen oder einem "Das hab ich dir doch gerade erklärt!"

Die erste Spielszene ist noch geheimnisvoller als die späteren.Die erste Spielszene ist noch geheimnisvoller als die späteren.

Noch unschöner ist, dass sich bekannte Textzeilen auch unter die aktuellen mogeln. Ein Beispiel: Jonathan Eichhorn begrüßt euch wortreich. Dann tritt Jerry beinahe auf seine Bücher. Es folgt ein Sermon, in dem auch Teile des Begrüßungsmonologs vorkommen, als hätte er das alles noch gar nicht gesagt.

Jerrys künstliche Intelligenz ist ähnlich dürftig. Kreidestein mit Eulenstatue benutzen? "Da kritzel ich besser nicht drauf!" Kreidestein und Tümpel? "Da kritzel ich besser nicht drauf!" Und wenn ihr ihn bittet, den Kreidestein auf den Stadtrand anzuwenden? "Da kritzel ich besser nicht drauf!"

Weiß er mal gar nicht weiter, gibt's nur ein vages "Mh..." zu hören. Rufus hätte sich darüber ausgelassen, was ein Kreidestein im Tümpel anrichten könnte oder was ihm mal passiert ist, als er den Stein in Richtung Stadt geworfen hat.

Harte Rätsel, wenig Tipps

Das alles schadet dem Spiel und das ist beinahe tragisch in Anbetracht der liebevollen und stilsicheren Akribie, die in den Zeichnungen und Charakteren steckt. Die Rätsel, die Jerry lösen muss, bevor er sich Baumläufer nennen darf, sind anspruchsvoll.

Über die wahren Intentionen des Marquis de Hoto könnt ihr lange nur spekulieren.Über die wahren Intentionen des Marquis de Hoto könnt ihr lange nur spekulieren.

Im Tagebuch könnt ihr zwar nachlesen, was zu tun ist, aber mit handfesten Tipps hält sich auch der Marquis zurück, obwohl er seine Hilfe anbietet. Adventure-Profis dürften angesichts der verschachtelten Aufgaben vor Freude aufjauchzen.

Es kommt vor, dass ihr einen Hinweis entdeckt, damit aber nichts anfangen könnt, weil das zugehörige Rätsel noch Stunden auf sich warten lässt. Ein Kinderspiel ist The Night of the Rabbit also trotz des äußeren Scheins keineswegs.

Gelegenheitsspieler dürfte die langwierige und mitunter unlogische Detektivarbeit frustrieren. Jerry zu bewegen ist - wie bei Daedalic üblich - sehr einfach. Ein Klick in die Landschaft und Jerry tapert an die Stelle oder guckt sich eine Sache an, wenn sich der Mauszeiger in ein Auge verwandelt.

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Tags: Fun   Fantasy   Singleplayer  

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