30 Jahre Tetris: Der Klötzchen-Krimi - Ein Steppenbrand in Russland

(Special)

Ein Steppenbrand in Russland

Paschitnow denkt über einen Namen für seine inzwischen fertige Klötzchenkreation nach. Dann fällt ihm ein, dass Tennis seit jeher sein Lieblingssport gewesen ist. Wie heißt nun also sein noch sehr schwerfälliger Pentomino-Verschnitt? Richtig, Tetris!

In der damaligen Sowjetunion sind die technischen Ansprüche so niedrig wie die Lebensqualität der meisten Leute. Der Elektronika 60 kann weder Farben darstellen noch Töne von sich geben. Um die Grafikelemente zu simulieren, behilft sich Paschitnow mit Textzeilen.

Vadim Gerasimov hat in Russland, Japan und Amerika gearbeitet. Heute lebt er in Australien.Vadim Gerasimov hat in Russland, Japan und Amerika gearbeitet. Heute lebt er in Australien.

Trotzdem wird Tetris in den nächsten Wochen zum heimlichen Star im sonst so kommunistisch unterkühlten Computerzentrum. Fast jeder hockt fortan wie hypnotisiert vor den fallenden Förmchen. Arbeiten? Och, das hat Zeit. Der erst 16-jährige Hacker Vadim Gerasimov – das verschrobene Genie der Abteilung – bietet Paschitnow an, Tetris auf einen sehr viel leistungsstärkeren IBM-Computer zu übertragen. Dann bekämen die Tetrissteine auch endlich Farben. Warum nicht? Paschitnow lässt Gerasimov machen.

Ab 1985 verbreitet sich Gerasimovs IBM-Version von Tetris – Paschitnows Worten nach – „wie ein Steppenbrand“ in der Sowjetunion. Paschitnows Chef kommt erst allmählich dahinter, was dieser kleine Angestellte da losgetreten hat. Kein Wunde! Wer will schon in seiner Arbeitszeit von seinem Chef beim Zocken überrascht werden?

Nun aber ist er begeistert. Dieses Tetris, sagt er in aufgeräumter Stimmung zu Paschitnow, sei doch etwas, das sie unbedingt mal dem befreundeten Institut für Computerwissenschaften in Budapest vorführen müssten. Tja, wenn er meint. So kommt Tetris Mitte 1986 nach Ungarn.

Zufälle sind bekanntlich das Schmiermittel der Weltgeschichte. Und die Tetris-Geschichte ist regelrecht glitschig vor lauter Zufallsschmiere. So hätte das Spiel womöglich nie den Eisernen Vorhang durchdrungen, wäre nicht ausgerechnet an dem Tag, als Tetris im Budapester Computerinstitut eintraf, ein Engländer dort zu Gast gewesen.

Der Weg durch den Eisernen Vorhang

Robert Stein ist 52 und betreibt in London die kleine Softwarefirma Andromeda. Als gebürtiger Ungar hat er ein Auge auf die oft ausgefuchsten Knobel- und Puzzlespiele, die sich die heimischen Entwickler für verschiedene Computer ausdenken.

In Budapest bekommt Stein Gerasimovs farbige IBM-Version zu sehen.In Budapest bekommt Stein Gerasimovs farbige IBM-Version zu sehen.

Auch Erno Rubiks Zauberwürfel entstand 1974 in Ungarn. Regelmäßig besucht Stein seine Heimat auf der Suche nach neuen Computerprogrammen, die er im Westen zu vermarkten hofft. Von Tetris kommt Stein gar nicht wieder los. Er hat hier ein Juwel aufgespürt, davon ist er augenblicklich überzeugt. In England wird man es ihm aus den Händen reißen!

Das mit den Verkaufsrechten wird sich schon regeln lassen. Von London aus ruft Stein sofort beim Spielevertrieb Mirrorsoft an, der Softwaresparte des damals größten britischen Medienimperiums, der Maxwell Corporation. Der Mirrorsoft-Chef Jim Mackonochie ist zunächst nur mäßig begeistert, möchte sich dann aber doch die Tetris-Rechte sichern. Mirrorsofts nordamerikanische Schwesterfirma Spectrum Holobyte schließt sich an. Die Rechte hat Robert Stein aber noch gar nicht.

Also wendet sich Stein per Fernschreiben an Paschitnow persönlich. Der ist mit der vollkommen unerwarteten Aufmerksamkeit eines Geschäftsmannes aus dem Westen ziemlich überfordert. Es vergehen Wochen, bis ihm seine Vorgesetzten den Antrag bewilligen, den Fernschreiber der Akademie für ein zweizeiliges Antwort-Telex zu benutzen: „Vielen Dank für Ihr Angebot! Das hört sich sehr interessant an.“

Weiter mit: Ein unbequemes Geheimnis

Tags: Fun  

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