Amokläufer-Spiel Hatred: Jetzt äußern sich die Entwickler zu den Vorwürfen - Seite 2

(Interview)

Wie lautet die Aussage, die ihr mit dem Spiel vermitteln wollt?

Jaroslaw Zielinski: "Dass wir das Spiel genau so machen, wie wir es wollen, und uns das niemand verbieten kann. Wir leben in einer freien Welt mit einer freien Gesellschaft. Wenn wir also den Wunsch verspüren, etwas wie das zu schaffen und dabei keine Gesetze brechen, sollte unsere Freiheit bei der Schöpfung respektiert werden. Wir wollen außerdem zeigen, dass wir gegen dieses Regime der 'political correctness' sind."

Langes Haar, Ledermantel: Im ersten Werbefilm bedient der Hauptdarsteller viele Klischees.Langes Haar, Ledermantel: Im ersten Werbefilm bedient der Hauptdarsteller viele Klischees.

Ist das Spiel ausschließlich für Einzelspieler vorgesehen?

"Aktuell ja. Falls die Basisversion genug Geld einspielt, arbeiten wir an einem Kooperativ- beziehungsweise Mehrspieler-Modus, den wir zusammen mit weiteren Einzelspieler-Szenarien als kostenlosen Download-Zusatz bringen."

Betrachtet ihr Hatred als Kunst?

"Ich verstehe die Definition des Begriffs 'Kunst' nicht. Wenn wir es als etwas betrachten, das Geschick, harte Arbeit und Hingabe erfordert, dann ja – würde ich sagen, es ist Kunst. Doch falls du 'Kunst' als Schöpfung bezeichnest, die dem Empfänger eine Art tiefgründige Philosophie vermittelt, dann nein – wir machen das Spiel nur zur Unterhaltung der Spieler."

In einer isometrischen Ansicht zelebriert das Spiel den Serienmord.In einer isometrischen Ansicht zelebriert das Spiel den Serienmord.

Denkst du, dass Hatred dem öffentlichen Bild von Videospielen schadet?

"Nein. Spiel-Situationen wie diese gibt es ständig und die Spielindustrie wird besser und besser. Die Öffentlichkeit wird Videospiele immer als etwas Böses behandeln, weil die durchschnittlichen Leute einfach nicht den Sinn hinter dieser Art von Unterhaltung verstehen. Spiele sind immer ein großartiger Sündenbock für alle möglichen, schwierigen Situationen. Weil es einfacher ist, Videospielen die Schuld dafür zu geben als den sozialen Werten, die wir beigebracht bekommen. Einfacher als Eltern ihre erzieherische Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen. Im Grunde einfacher als irgendetwas die Schuld zuzuweisen, das echten Einfluss auf das echte Leben hat."

Es kursieren Gerüchte, dass Destructive Creations Rassismus unterstützen – welche Meinung dazu vertretet ihr?

"Das sind dumme Spekulationen und haben nichts mit der Realität zu tun. Wenn du wegen eines kontroversen, dennoch legalen Themas im Mittelpunkt des Interesses der Welt stehst, gibt es immer Leute, die versuchen dich zu verletzen, indem sie deinen guten Namen in den Schmutz ziehen. Es ist für Leute schwer zu verstehen, dass eine Gruppe, netter, normaler Typen an etwas so Kontroversem wie einem Spiel über einen Massenmöder arbeiten kann."

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Hatred - spielbarer Amoklauf

Meinung von Onkel Jo

Eine wimmernde Frau kniet vor dem Hauptdarsteller. Sekunden später spritzt Pixelblut über den Bildschirm. Hatred wegen solcher Szenen "abartig, pervers und vollkommen nutzlos" zu finden, ist legitim. Möchte ich Hatred trotzdem spielen? Hängt davon ab, was es spielerisch bietet. Ich fürchte jedoch, es könnte schnell langweilig werden. Vom Spielablauf erwartet wohl niemand ernsthaft einen Meilenstein. Doch sollte man deshalb ein Verbot des Spiels fordern? Ich finde nicht. Im Gegenteil. Verbote bringen uns nicht weiter.

Viel wichtiger als das Spiel, finde ich jedoch die Diskussion darüber. Wenn jetzt die Spieler eigenverantwortlich über Sinn und Unsinn solcher Spielinhalte diskutieren, bringt uns das alle gedanklich nach vorne. Sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ist besser, als es totzuschweigen. Denn genau das wäre die Alternative: nicht darüber berichten. Auf die Gleise stellen, Augen zu und hoffen, dass der Zug vorbei rattert. Doch das wird nicht passieren.

Es gibt Gewalt in Videospielen und sie hat meines Erachtens Folgen. Wie die genau aussehen, hängt von den persönlichen Hintergründen ab. Es gibt sicher Menschen, die Lebensweisheiten aus Spielen beziehen. Wenn wie bei Hatred ein philosophischer Überbau fehlt und Gewalt zum Selbstzweck ausgeübt wird, vermittelt das eine fragwürdige Botschaft. Die Entwickler machen es sich etwas einfach, wenn sie sich auf den Standpunkt "die Öffentlichkeit wird Videospiele immer als etwas Böses behandeln" stellen. Das stimmt doch nicht! Es sind nur die desinteressierten Trottel oder unwissende Kreise, die digitale Unterhaltung per se noch als Teufelszeug betrachten. Spiele nehmen längst einen anderen Stellenwert ein als noch in den 80er- und 90er-Jahren, sind in weiten Kreisen der Bevölkerung akzeptiert und sogar geschätzt. Aus gutem Grund. Und ich meine jetzt nicht speziell die emotional wegweisenden Spiele mit Kunstanspruch. Ich spreche vom Videospiel an sich.

Haben die Entwickler der Spielwelt einen Gefallen mit ihrem Werk getan? Vermutlich nicht. Das Spiel ist Munition in den Waffen der Kritiker. Die üblichen Verdächtigen wie Fernsehsender RTL haben über das Thema meines Wissens nach zwar noch nicht berichtet, doch vermutlich liegt vorgeschnittenes Bildmaterial bereits für den nächsten Amoklauf im Archiv. Politiker und andere Meinungsmacher werden die Angst ihres uniformierten Klientels vermutlich schüren, um Verbote zu fordern und ihr Profil zu schärfen.

Ich finde es toll, dass die Entwickler sich den Nazi-Vorwürfen klar entgegenstellen. Gesprächspartner Zielinski positioniert seine Familie auf der Firmenseite sogar im Lager der Kämpfer gegen das Dritte Reich. Danke, das sorgt dafür, dass die Diskussion nicht an einem Nebenkriegsschauplatz verläuft. Jetzt haben wir ohne Not die Möglichkeit, das Thema Gewalt, Kunst und Videospiele zu diskutieren, eine eigene Position im Sumpf der Kritik herauszuarbeiten. Aus einer aufgezwungenen Opferrolle nach einem aktuellen Amoklauf wäre das schwer möglich. Wenn erst das nächste Videospiel wieder als Sündenbock für eine Gewalttat herhalten muss, sind Spieler in der Defensive. Dann greift auf beiden Seiten der Beißreflex und Spieler verteidigen Spiele und Nicht-Spieler machen Spiele für jede Missetat verantwortlich. Da gebe ich Zielinski recht, wenn er von "erzieherische Verantwortungslosigkeit" spricht.

Ich bin zwar auch kein Verfechter der "politischen Korrektheit", doch das hingegen nehme ich den Entwicklern nicht als Beweggrund ab. Saucool wäre ihre Aktion erst, wenn Geld nicht ihr Motiv wäre. Wenn sich am Ende vielleicht herausstellen würde, dass sie Hatred gar nicht entwickeln, sondern nur diesen Trailer gedreht haben. Mit der dadurch entstandenen Aufmerksamkeit könnten sie sicher sogar ein davon unabhängiges Spiel nach vorne bringen. Ich fürchte nur, das ist nicht der Fall. Was bleibt ist somit vermutlich eine vertane Chance. Für diese Diskussion dürfen wir Hatred in jedem Fall dankbar sein. Spielen muss man es nicht zwingend.

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Tags: Uncut   Onkel Jo  

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