Das ist kein Spiel: Muss die Ratte sterben?

(Kolumne)

von Joachim Hesse (13. März 2015)

Kunst darf provozieren. Kunst darf Grenzen überschreiten. Kunst darf fast alles. Aber würdet ihr, ganz persönlich, gerechtfertigt im Namen der Kunst, ein Lebewesen töten?

Voraussichtlich Morgen beginnt ein makaberes Experiment. "11 Tage" heißt das Kunstprojekt, das ein wenig an ein pervertiertes Computerspiel erinnert. Elf Tage sollt ihr eine weiße Laborratte per Live-Übertragung beobachten können. Für den 25. März um 19 Uhr kündigt der Künstler Florian Mehnert an, eine Schußwaffe scharf zu stellen, die auf die Ratte gerichtet ist.

Doch nicht nur das: Per Knopfdruck könnt ihr das Tier töten. Anonym. Wie in einem Ego-Shooter seht ihr die Mündung der Waffe und dürft abdrücken - falls ihr das wollt. Niemand würde je erfahren, dass ihr abgedrückt habt. Den Kadaver müsst ihr ebenfalls nicht entsorgen. Es braucht nur einen skrupellosen Nutzer, dem das Leben der Ratte nichts bedeutet.

Zu dem Experiment gelangt ihr hier:

Nachtrag: Das Experiment hat begonnen, die Kamera ist aktiv.Nachtrag: Das Experiment hat begonnen, die Kamera ist aktiv.

"Die Ratte kann von jedem Smartphone, von jedem Computer aus über das Internet getötet werden", schreibt Mehnert auf seiner Internetseite. Gegenüber der Tageszeitung Süddeutsche sagt er: "Auch wenn man auf einer abstrakten kognitiven Ebene zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann, das Unterbewusstsein trennt das nicht. Alles wird zum Spiel. Es wird sicher einige geben, die es witzig finden, auf die Ratte zu schießen. Ich rechne mit einem Massaker."

Das Interesse scheint groß: Die Webseite des Experiments ist oft überlastet.Das Interesse scheint groß: Die Webseite des Experiments ist oft überlastet.

Es ist ein Experiment, mit dem Mehnert zeigen will, wie sorglos die Verantwortlichen mit Kampfdrohnen umgehen und per Joystick Menschen töten. "Tatsächlich werden Drohnen auch heute schon in Deutschland verwendet, etwa zur Überwachung von Demonstrationen oder Großereignissen. Und jeder zielgerichteten Tötung per Kampfdrohne geht Rund-um-die-Uhr-Überwachung der späteren Opfer voraus. Auch darauf möchte ich mit dem Livestream aufmerksam machen", sagt er. Es sei nur eine Frage der Zeit bis auch Terroristen die Drohnen andersherum einsetzen.

Schlauer Versuch, Herr Mehnert!

Dieser Versuch hat doch noch ein anderes Diskussionspotenzial als das Amokläufer-Spiel Hatred oder banale "Day One"-Patches. Gut, "es geht nur um eine Ratte", könntet ihr anführen. Das stimmt. Ratten sterben täglich auf der Schnellstraße. Oder in Laboren, damit die Tussi, die ihr in der Disko abschleppt, von ihrer Abdeckcreme keine Pickel bekommt. Wie weit Menschen gehen, haben schon andere Versuche wie das Milgram-Experiment oder das Stanford-Prison-Experiment gezeigt. Doch dieses Experiment ist anders. Es versetzt jeden in die Lage, eine für einen Dritten existenzielle Entscheidung zu treffen. Ich finde die Idee schlau, auch wenn es Unbehagen in mir auslöst. Doch vielleicht sind solche Grenzüberschreitungen manchmal nötig, damit wir überhaupt wieder über gewisse Dinge nachdenken.

Ich persönlich würde an Mehnerts Stelle überlegen, gleich den nächsten Schritt zu gehen: Das Experiment in irgendeinem Schurkenstaat verlegen und statt einer Ratte rausgewählte Newtopia-Bewohner, Mathe-Lehrer oder Menschen aus amerikanischen Todeszellen vor die Live-Kamera stellen. Dann würde sich wirklich zeigen, wie abgestumpft die Menschheit inzwischen ist oder nicht ist.

Doch auch die Ratte ist eine Entscheidung. Es geht um ein Lebewesen! Ein Lebewesen, das ich persönlich nicht zum Spaß töten möchte. Doch falls sich irgendjemand anderes zum Abschuss entschließt, ist es tot. Geopfert auf dem Altar der eigenen Selbstbefriedigung und mitleidlosen Sinnlosigkeit. Es gibt keinen letzten Speicherstand. Auch gibt es keine moralische Rechtfertigung. Niemand wird das Vieh nachher braten und als Patty zwischen zwei McDoof-Brötchenhälften packen. Niemand wird der unschuldigen Ratte Terrorismus unterstellen.

Vielleicht zieht der Künstler die Geschichte am Ende ja auch gar nicht durch. Bereits die Diskussion kann viel über den menschlichen Charakter aussagen. Mich interessiert:

Was haltet ihr von dem Experiment?

Bitte schreibt mir eure Meinung in die Kommentare. Würdet ihr vielleicht sogar selbst abdrücken? Glaubt ihr andere werden abdrücken?

Tags: Onkel Jo  

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