35 Jahre Game & Watch: Nintendos trojanischer Taschenrechner - Mann mit der Scherenhand, Tarntaschenrechner, Ein kranker Fahrer rettet Nintendo

(Special)

Der Mann mit der Scherenhand

Ein Jahrzehnt zuvor hat er seinem Arbeitgeber mit der Ultrahand den ersten rekordverdächtigen Verkaufsschlager beschert. Doch seine wirklich große Zeit soll erst noch kommen. Yokoi ist auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise nach Tokio. Im Zug nimmt er sich kurz die Zeit zu entspannen - nicht so die meisten anderen Herren in seinem Abteil. Neuerdings vergraben sie sich in ihre Flüssigkristall-Taschenrechner wie die Leute heutzutage in ihre Smartphones.

Einer der Prototypen des ersten G&W-Spiels sieht noch recht schlicht aus.Einer der Prototypen des ersten G&W-Spiels sieht noch recht schlicht aus.

Yokoi runzelt missbilligend die Stirn. Als ob die alle wirklich dringend was ausrechnen müssten, das keinen Aufschub duldet! Ist doch alles nur Fassade, um den Vorzeigeangestellten raushängen zu lassen!

In Wirklichkeit, da ist Yokoi sich sicher, würde auch dieser ganz besonders blutarme Herr mit seinem Sharp-Taschenrechner dort drüben jetzt am liebsten einfach nur spielen, einfach entspannen und den an zahllose Termine geschweißten Alltag vergessen. Und in diesem Moment zündet jener Geistesblitz, der den Markt der tragbaren Videospiele begründen sollte.

Ein Tarntaschenrechner?

Wie wäre es wohl, wenn dieser ausgelaugte Mann statt seines Taschenrechners ein Gerät vor Augen hätte, das nur so aussieht wie einer dieser kreditkartengroßen Rechenknechte, in Wahrheit aber irgendein kurzweiliges Spiel in sich birgt? Er könnte sein Gesicht wahren, das ihm so wichtig zu sein scheint, und sich trotzdem - heimlich - in eine Welt zurückziehen, in der es wer weiß was zu sehen gibt, ganz bestimmt aber keine Aktenordner und Bilanzierungstabellen.

Das fertige Spiel Ball hingegen macht deutlich mehr her.Das fertige Spiel Ball hingegen macht deutlich mehr her.

Yokoi hat zu diesem Zeitpunkt noch kein elektronisches, sondern - Nintendos bisheriger Produktpalette gemäß - ein mechanisches Spiel im Sinn. Aber überzeugt ist er von seiner Idee ohnehin nicht. Er ist ein bescheidener Mann und er weiß, dass Nintendo gerade dabei ist, in den Markt für Spielhallenautomaten und Heimkonsolen vorzudringen. Für die Umsetzung seines unvermittelten Tagtraums ist da sicherlich keine Nische mehr frei.

Ein kranker Fahrer rettet Nintendo

Die Weltgeschichte ist eine Kette aus Zufällen. Das ist eine Binsenweisheit. Aber manchmal sind die Glieder dieser Kette derart bizarr geformt, als hätte das Schicksal eine geheime Trickkiste parat, um die Menschen und sich selbst zu unterhalten.

Hiroshi Yamauchi im Jahr 1979. Wenn dieser Mann nach Osaka will, dann setzt er das schon irgendwie durch.Hiroshi Yamauchi im Jahr 1979. Wenn dieser Mann nach Osaka will, dann setzt er das schon irgendwie durch.

Die Entstehung der ersten mobilen Spielkonsole leitet ein unbedeutender Chauffeur im Alleingang ein, indem er krank im Bett liegt. Eine heftige Grippe hat ihn niedergestreckt. Unmöglich, dass er heute die schwere Limousine von Nintendo-Oberhaupt Hiroshi Yamauchi steuert! Doch der reagiert empört. Gerade heute muss er zu einer wichtigen Konferenz nach Osaka. Jemand muss ihn fahren.

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35 Jahre Game & Watch: Jongleure und Tentakelwesen

Ein Mann in seiner Position kann sich schließlich nicht einfach in die Bahn setzen unter die ganzen kleinen Leute mit ihrem enervierenden Taschenrechner-Gehabe! Dass der Mann aber auch ausgerechnet heute krank werden muss! Das Problem ist: Yamauchis Firmenwagen ist ein ausländisches Modell und hat das Lenkrad auf der linken Seite - eine Herausforderung im japanischen Linksverkehr.

Ein Ausflug mit dem Chef

Was nun? Es wird nicht einfach sein, so schnell jemanden zu finden, der ein europäisches Automobil steuern kann. Yamauchis Sekretärin telefoniert in aller Eile die Liste der damals etwa hundertköpfigen Nintendo-Belegschaft durch. „Was für ein Auto fahren Sie bitte?“, fragt sie und erst beim Buchstaben Y hat sie Erfolg: Gunpei Yokoi ist ein Autofan und in seiner Garage steht ein ausländisches Fabrikat mit einem links montierten Lenkrad. „Fahren Sie mich unverzüglich nach Osaka!“, ruft Yamauchi nervös aus dem Hintergrund, als die Sekretärin mit Yokoi telefoniert. Denn die Zeit drängt.

Lasst euch vom Namen nicht täuschen: Dieser hier hat bis auf die Sprünge nichts mit dem NES-Klassiker zu tun.Lasst euch vom Namen nicht täuschen: Dieser hier hat bis auf die Sprünge nichts mit dem NES-Klassiker zu tun.

Yokoi ist wenig angetan. Er sei doch kein Chauffeur und außerdem ... „Unterlassen Sie diesen rechthaberischen Ton, Mann!“ Nun ja, gegen den Nintendo-Chef begehrt man lieber nicht auf, wenn man seinen Job behalten will. Yokoi gibt seufzend nach. Was ihm am meisten bevorsteht, ist die peinliche Stille, die sich im Auto breitmachen würde, sobald ihm die Gesprächsthemen ausgingen.

Weiter mit: Erwachsenenspielzeug, Deal mit Sharp, Yokoi als Psychologe

Tags: Hardware   Retro  

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