Test Assassin's Creed - Syndicate: Es gibt gute und schlechte Nachrichten

von Michael Krüger (23. Oktober 2015)

Assassin's Creed, die Serie der Auftragsmörder, hat ihren Zenit überschritten. Dennoch liefert Assassin's Creed Syndicate etwas, das euch gefallen könnte.

Das Geschwister-Paar Jacob und Evie Frye gehört einer großen Bande in London an, die sich Rooks nennt. Im Herzen sind sie allerdings Assassinen, die versuchen die Pläne der Templer zu vereiteln. Diese Templer finden sich in den einflussreichen Reihen der Gesellschaft.

Ja, auch diesen Herbst dürft ihr in der Verfolgerperspektive mit versteckter Klinge losziehen. Assassin's Creed - Syndicate liefert ein neues Abenteuer von Templern und Assassinen. Seit Jahren hat sich an diesem Umstand nichts geändert, Ubisoft veröffentlicht inzwischen sogar mehrere AC-Spiele pro Jahr. Das läuft nicht spurlos an der Qualität der Reihe vorüber. Beispielsweise erst Monate nach der Veröffentlichung von Assassin's Creed - Unity waren die meisten Fehler im Spiel beseitigt. Ein schlechtes Omen für Assassin's Creed - Syndicate?

Lasst euch direkt versichern: Assassin's Creed -Syndicate ist ein fertiges Spiel ohne schwerwiegende Probleme (ein erster Software-Flicken ist an "Tag 1" dennoch von Nöten). Es ist eine andere Schwierigkeit mit der das Abenteuerspiel zu kämpfen hat. Die Serie wird zunehmend zum Wiederkäuer und fängt an seine Anhänger zu langweilen.

Kneift ihr die Augen beim Spielen etwas zusammen und nehmt nur noch die groben Formen war, könnt ihr schon einmal vergessen, dass ihr den neuesten Teil der Serie spielt. Die Abläufe sind nahezu komplett identisch mit denen aus dem Vorgänger Assassin's Creed - Unity.

Die Suche nach dem Aha-Effekt

Es dauert eine Weile, ein Spiel der Serie Assassin's Creed durchzuspielen. Je nachdem wie gerne ihr auch kleineren Aufgaben nachgeht und ob ihr Wert auf das Beenden mit 100 Prozent legt, können Wochen oder sogar Monate vergehen. Das ist zum einen zwar ein Qualitätsmerkmal, zum anderen fühlt man sich übersättigt, dann schon kurz danach einen neuen Teil anzufangen.

Assassin's Creed in einer Nussschale.Assassin's Creed in einer Nussschale.

Natürlich gibt es Spieler, die einfach nicht genug davon bekommen, über Dächer zu rennen und sich heimlich durch Horden von Gegnern zu metzeln und Anschläge zu planen. Doch um eine Veröffentlichung in derart kurzen Abständen zu rechtfertigen, sollte ein Spiel mit jedem Teil trotzdem genug Neues bieten. Diesem Anspruch wird spätestens Assassin's Creed - Syndicate nicht gerecht, vermutlich aber auch schon Unity nicht.

Es wäre mit Sicherheit kein Assassin's Creed, wenn ihr nicht in feiner Parcours-Manier an Gebäuden empor klettern würdet, während ihr euch eurem nächsten Ziel nähert. Doch wenn wenn sich die Neuerungen fast ausschließlich auf eine neue Spielwelt beschränken, stellt sich die Frage, warum ein komplett neues Spiel im Regal landet.

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Assassin's Creed - Syndicate: London ruft die Meuchelmörder

Die gute Nachricht: Jetzt habt ihr bereits die härteste Kritik am Spiel gelesen. Der Rest ist nämlich gar nicht so übel. Solltet ihr vom Universum rund um das Abstergo Unternehmen und den Kampf zwischen Templern und Assassinen generell kaum genug bekommen, werdet ihr Freude mit Assassin's Creed - Syndicate haben. Denn die wenigen Neuerungen sind gelungen.

Von Pferden und anderen Hilfsmitteln

Eine der offensichtlichsten Erweiterungen der Spielmechanik ist die Fortbewegung auf vier Rädern. Zwar kamen bereits in anderen Ablegern der Reihe Kutschen vor, doch wimmelt es im alten London von diesen und ihr könnt euch in ihnen selbst auf die Straßen begeben - Linksverkehr eingeschlossen. Das macht nicht nur Spaß, sondern verstärkt die Stimmung der dargestellten Epoche. Sowohl die Pferde und Kutschen als auch die zentral platzierten Züge helfen euch schnell an euer Ziel zu gelangen, ohne dabei eure Kletterkünste zu bemühen.

Eine angenehme Art der Fortbewegung: Der SeilwerferEine angenehme Art der Fortbewegung: Der Seilwerfer

Die Kletterkünste wurden ebenfalls einem - und hier ist ein englischer Ausdruck sehr passend - Lifting unterzogen. Einem Fahrstuhl gleich befördert ihr euch mittels eines Seilwerfers im Handumdrehen auf Dächer. Auch zwischen Gebäuden sind nun keine halsbrecherischen Sprünge mehr von Nöten, wollt ihr einmal schnell vorankommen. Nach Da Vincis Flugapparat aus Assassin's Creed 2, die wohl einfachste Möglichkeit, euch in Assassin's Creed fortzubewegen.

Der Rest eures Inventars hat die üblichen Verdächtigen parat, die trotz anderer Namen ähnliche Effekte wie sonst auch bieten. Pistolen, Bolzen und Betäubungsgranaten gehören mittlerweile zur gewohnten Ausstattung des Assassinen, wie ihn euch Ubisoft präsentiert. So stehen südländische Klingen, Spazierstock-Messer und Schlagringe statt den ausgedienten Schwertern, Hämmern und Degen auf dem Programm.

Ansonsten bietet Assassin's Creed - Syndicate kaum Neues. Statt Prostituierten und befreundeten Assassinen, heuert ihr Kinderbanden und Mitglieder eurer Gang an, die sich ähnlich wie im Film Gangs of New York einheitlich kleiden und gerne einmal mit Rivalen zum Prügeln und Töten verabreden. Die Spielmechanik der ausbaubaren Festung oder Stadt ist im übrigen nun ein flaches Menü mit Verbesserungen, die fast ausschließlich rein theoretisch bleiben. Lediglich die Erweiterungen der eigenen Kämpfer führen auch in der Spielwelt zu optischen Veränderungen.

Insgesamt gibt es also nicht viel frischen Wind und trotzdem ist der Spaß groß. Seid ihr noch immer hungrig auf stilles Morden und dem Gefühl eine Stadt zu erobern, reichen die wenigen Neuerungen aus. Das liegt vor allem daran, dass sie sich nahtlos in die bisherigen Spielmechaniken einfügen und euch die Dinge erleichtern, die bisher etwas mühsam waren.

GTA und Batman

Euch dürften ein paar Dinge auffallen, die ihr aus anderen Spielen kennt. Bewegt ihr euch beispielsweise auf den Straßen Londons, habt ihr oft das Gefühl eine Modifikation von Grand Theft Auto 5 zu spielen. Das liegt zwar primär daran, dass ihr auch hier fremde Menschen aus ihren Gefährten reißt und diese klaut, doch auch andere Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.

Grand Theft Kutsche?Grand Theft Kutsche?

Auch in Assassin's Creed - Syndicate ist es verlockend das ansonsten friedliche Leben der Bürger durch den ein oder anderen Schabernack aus den Fugen zu reißen. Ein kleiner virtueller Mord gefolgt von der anschließenden Flucht in einer geklauten Kutsche fühlt sich schon bald vertraut an. Der Umstand, dass ihr zwischen den Spielfiguren zu jederzeit wechseln könnt, um individuelle Aufgaben zu erledigen, wurde ebenfalls in dieser Form GTA 5 zu Teil.

Schießt ihr gerade mit einer Gatling, einem für diese Zeit eher seltenen Maschinengewewehr, auf Wellen von Gegnern, werden Erinnerungen an The Order 1886 wach. Auch die Frisur von Protagonisten Evie, die Industrieviertel Londons und die prächtige Kleidung unterstreichen dies. Die Spielzeit ist in Assassin's Creed - Syndicate glücklicherweise aber deutlich länger.

Batman wirft ebenfalls seinen Fledermaus-förmigen Schatten auf das Spiel. Dank des Seilwerfers steht ihr in Sachen Kletterkunst dem dunklen Ritter in nichts nach und macht eine mindestens genau so gute Figur während ihr an einem Seil von einem Gebäude aufs nächste gleitet. Besonders des Nachts erinnert das an Batman - Arkham Knight.

Die bisher dünnste Geschichte

Achja, eine Geschichte gibt es in Assassin's Creed - Syndicate auch. Während in Assassin's Creed - Rogue oder auch anderen Teilen eine große Geschichte erzählt wurde, die sich zunächst über unzählige Stunden Spielzeit aufgebaut und euch reichlich Motivation spendiert hat, habt ihr bereits nach einer Stunde in London fast schon vergessen, warum ihr schon wieder eine Kehle durchschneidet.

Szenen mit Abstergo sind kaum noch vorhanden.Szenen mit Abstergo sind kaum noch vorhanden.

Das Geschwister-Paar Frye, bestehend aus dem eher ruppigen Jacob und der herzlichen Evie, sucht im Namen der Assassinen-Gilde einen Edensplitter. Die für die damalige Zeit typischen Gang-Rivalitäten und die vorherrschende Kriminalität bieten den passenden Spielplatz. Trotz interessanter und teils bekannter historischer Figuren, wie Alexander Bell, ist die Handlung nicht halb so präsent, wie ihr es aus anderen Spielen der Serie gewohnt seid.

Irgendwie scheint sich Assassin's Creed - Syndicate nicht die nötige Zeit für den Aufbau einer Geschichte zu nehmen, sondern schmeißt euch schnellstmöglich ins Geschehen. Nach zwei kurzen linearen Sequenzen findet ihr euch also in der offenen Welt von London wieder und entscheidet bereits selbst, welchen Tätigkeiten ihr nachgeht. Dabei ist oft unklar, was davon nun wirklich Teil der Geschichte und was rein optional ist.

Die Qualität der Geschichte ist somit nicht das eigentliche Problem, denn euch begegnen oft sympathische Figuren in witzigen oder emotionalen Momenten. Es ist die magere Einführung und der daraus resultierende Mangel an Motivation, die zu Resignation führen. Um das zu krönen, wurden alle Abstergo-Begebenheiten der modernen Zeit zu Zwischensequenzen degradiert, die kaum deplatzierter und unnötiger wirken könnten. Dabei hatte Assassin's Creed - Unity einen guten Weg gefunden damit umzugehen.

Statt der öden Szenen in der Ego-Perspektive, wie sie zum Beispiel in Black Flag vorkamen, bekam man in Unity den Abstergo-Einfluss auf Umwegen mit. Zum Beispiel durch schief gelaufene Synchronisationen, so dass ihr plötzlich im Zweiten Weltkrieg in Paris wart. Aus dem Off hörte der Spieler die Stimmen der Abstergo-Mitarbeiter.

Insgesamt war in Unity die Rahmenhandlung deutlich spürbar, doch weniger entfremdend wie in den Vorgängern. Eine gute Dosierung also. Dabei hätte Syndicate bleiben sollen. Die Zwischensequenzen sind hier witzlos geraten und wirken aus dem Kontext gerissen. Man sieht nicht einmal jemand, der einen Animus betritt oder der gleichen. Der Bezug zur steuernden Figur aus der Zukunft ist komplett weg.

Schönes London

Wenn es schon keine tiefgreifende Geschichte gibt, dann sollte wenigstens etwas anderes für Emotionen sorgen. Im Fall von Assassin's Creed - Syndicate übernimmt die Stadt London diesen Teil. Hier zeigt Ubisoft erneut, warum die Serie so beliebt ist.

Solche Ausblicke gehören zur Stärke von Assassin's Creed - Syndicate.Solche Ausblicke gehören zur Stärke von Assassin's Creed - Syndicate.

Eine detailgetreue Nachbildung vom London des späten 19. Jahrhunderts steht euch hier als Spielwiese zur Verfügung. Klettert ihr auf einen für die Serie typischen Aussichtspunkt, wird euch schnell klar, wie viel Aufwand hinter solch einem Vorhaben stecken muss.

Wer von euch bereits in der realen Hauptstadt Großbritanniens war, wird immer wieder Stellen im Spiel finden, die auch heute noch so aussehen. Es ist definitiv ein irres Gefühl, über die Dächer historischer Bauten zu klettern oder in einem Schiff über die Themse zu fahren. Euer ständiger Begleiter: Die dunklen Rauchschwaden über den Dächern der Stadt, die den damaligen Vormarsch der Industrie bezeugen.

Die Präzision der Darstellung geht bis ins Detail. So findet ihr oft winzige Verzierungen, die euch immer wieder auf subtile Art zeigen, dass ihr euch in dieser besonderen Zeit befindet.

Ein unangenehmer Mangel an Variation vermag die Freude an den vielen Details allerdings zu trüben. Die stereotypischen Gesichter der Polizisten, Banden-Mitglieder oder Gegner sind oft in identischer Form gleich mehrmals vorhanden. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ihr einen Gang-Boss der Blighters tötet nur um in der nächsten Zwischensequenz zwei Passanten mit dem gleichen Gesicht zu entdecken. Auf diese Weise erinnert euch Assassin's Creed - Syndicate immer wieder auf eine plumpe Art daran, dass ihr gerade ein Spiel spielt. Es reißt euch aus dem sprichwörtlichen Film, was nicht nur schade sondern unnötig ist.

Hier könnte ihre Werbung stehen

Assassin's Creed - Syndicate fühlt sich trotz der anfänglich erwähnten Innovations-Defizite frisch an. Und auch wenn die Ähnlichkeiten zum Vorgänger deutlich spürbar und die Bewegungsabläufe fast identisch sind, macht es einfach Spaß.

Es ist der Rhythmus der Spielmechanik, der die Zeit wie im Fluge vergehen lässt, während ihr den Gedanken an "nur noch eine Runde" immer wieder vor euch herschiebt und galant Nebenaufgaben auf dem Weg zur nächsten Hauptmission miteinander verbindet.

Die Ladezeiten stellen eure Geduld erneut auf die Probe.Die Ladezeiten stellen eure Geduld erneut auf die Probe.

Weniger frisch sind die Aufreger, die es im Spiel gibt. Diese scheinen, wie die versteckten Klingen, bereits ein fester Bestandteil der Serie zu sein. Dabei sind es nicht einmal die üblichen Frust-Momente, die sauer aufstoßen. Es sind vielmehr Teile der Rahmenbedingung, die ihr als Käufer scheinbar einfach zu akzeptieren habt.

Auch wenn Mikrotransaktionen optional sind, ist deren Existenz bei einem Spiel dieser Art fragwürdig. Gegen eine kostenpflichtige Erweiterung, die das Vorankommen beschleunigt, ist prinzipiell nichts einzuwenden. Nervig wird es, wenn das Pause-Menü des Spiels mit Werbung dafür tapeziert ist und ihr kaum noch einen Bildschirm findet, der euch nicht den Tausch von echtem Geld gegen die Spielwährung anbietet.

Auch die generelle Politik bezüglich herunterladbarer Inhalte hinterlässt einen fahlen Beigeschmack. Natürlich ist es schön, wenn man sein Lieblingsspiel um zusätzliche Inhalte bereichern kann, doch wenn sich bereits bei der Bestellung eines Spiels Verwirrung breit macht, dann ist es zu viel des Guten.

Vorbesteller bekommen die "Dickens und Darwin Verschwörung", Käufer des Staffel-Passes (Seasion Pass) zusätzlich Detektiv-Missionen der Marke Groschenroman. Selbst wenn ihr euch die digitale Deluxe-Version zulegt, verliert ihr schnell den Überblick darüber, warum ihr welchen Inhalt nun habt und wann welcher Inhalt noch kommen wird.

Zusammen mit den Mikrotransaktionen wird hier mal wieder zu stark signalisiert, dass der Kauf eines Spiels euch aus Sicht des Herausgebers noch nicht dazu berechtigt alle Inhalte zu bekommen - zumindest nicht ohne noch mehr dafür zu zahlen. Wenigstens seid ihr beim Öffnen mancher Truhen nicht mehr auf eine fehlerhafte Handy-App angewiesen.

Die gute Nachricht: Grobe Fehler im Spiel, wie falsche Kollisionsabfragen und abrupte Abstürze, gibt es eher nicht. In Sachen Qualität habt ihr also nichts zu befürchten, womit ihr nicht eh rechnet.

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