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S.T.A.L.K.E.R. - Shadow of Chernobyl (PC)

Artikel veröffentlicht am 02.04.2007

"Was lange währt wird endlich gut" lautet ein altes Sprichwort. Selten hat es so gut gepasst wie auf das ukrainische Dauerprojekt "S.T.A.L.K.E.R.", das nach fast 6 Jahren Entwicklungszeit nun endlich erschienen ist. Ob die reichlich mit Vorschußlorbeeren bedachte Mischung aus Shooter und Rollenspiel allerdings tatsächlich gut geworden ist, kann nur ein ausführlicher Härtetest an die verseuchte Luft von Tschernobyl herausfinden. Von Daniel Frick

Ein zweites Tscherobyl

Der einzige Hinweis auf unsere Identität

20 Jahre nach dem ersten Reaktorunglück kommt es im Jahr 2006 erneut zu einem Störfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Das Militär riegelt den gesamten Bereich hermetisch ab, doch die verbotene Zone, einfach "die Zone" genannt, zieht jede Menge Abenteurer und Söldner an, die im verstrahlten Bereich nach durch Anomalien und Radioaktivität entstandene Artefakten suchen, die sich teuer verkaufen lassen. Doch die Zone ist nicht nur verstrahlt und durch elektrische Anomalien enorm gefährlich, sondern auch Schauplatz von Machtkämpfen verschiedenster Interessengruppen. Neben dem Militär und den Banditen verfolgen auch die Wächter und die "Stalker" ehrgeizig ihre Ziele, die sich zum Teil entgegen stehen. Nicht zu vergessen die zahlreichen und hochaggressiven Mutanten. Der Spieler schlüpft 6 Jahre nach dem fiktiven zweiten Zwischenfall im Jahr 2012 in die Rolle eines solchen Stalkers, der nach einem Gedächtnisverlust auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Einziger Hinweis auf selbige ergibt sich aus einer Notiz im PDA, einen gewissen "Strelok" zu töten...

Herausfordernde KI

Der schmierige Sidorowitsch

Doch zu Beginn sind wir weit davon entfernt, unsere Herkunft zu erforschen. Statt dessen gilt es, die Schulden für unsere Rettung beim schmierigen Händler Sidorowitsch abzuarbeiten. Unser erster Auftrag ist es, einen gekidnappten anderen Stalker zu befreien, der in einem alten Bauernhof von 8 Banditen bewacht wird. Schon bei der ersten Mission wird klar: Die Gegner sind alles andere als Kanonenfutter, sondern agieren äußerst intelligent. Dagegen sind wir selbst mit unserer mickrigen Startausrüstung ein gefundenes Fressen für die Gegner. Schneller als man es je für möglich gehalten hätte, liegt man reichlich tot auf dem Boden. 2 Aspekte, die sich bis zum Ende durch das ganze Spiel ziehen: Ohne Taktik (vor allem Deckung nehmen, manchmal auch rennen!) sind die zahlreichen Gegner nicht zu meistern, das Gleiche gilt für die passende Ausrüstung. Die findet man vor allen Dingen zu Beginn nicht so leicht, wo die Gegner aber wie erwähnt schon recht fordernd sind. Die 4 Schwierigkeitsgrade sind schon ab dem zweiten eine echte Herausforderung!

Lebendige Umwelt

Handel treiben ist fast bei jedem möglich

Die Spielwelt von "S.T.A.L.K.E.R." ist atmosphärisch und lebensecht. Ständig begegnen einem Angehörige verschiedener Fraktionen, denen man je nach Interaktion mit unterschiedlicher Gesinnung gegenüber steht, Banditen und Militär sind von Anfang an feindselig. Ganz besonders ist, dass alle Wesen weitgehend ungescriptet ihrem eigenen Tagesablauf nachgehen, auch dann, wenn wir gar nicht in ihrer Nähe sind. Dadurch kommt es zum Beispiel zu Gefechten zwischen einzelnen Fraktionen oder beispielsweise dazu, dass eine bestimmte Zielperson nicht erst durch unser Zutun, sondern durch mutierte Wildschweine das Zeitliche segnet. Auch reagieren beispielsweise mutierte Hunde anders je nachdem, ob sie alleine oder im Rudel, tags oder nachts angetroffen werden. Mit neutralen und freundlichen NPC's kann man sich unterhalten und Handel treiben, gelegentlich findet sich auf diesem Weg auch ein Nebenauftrag. Die Quests sind wie in einem Rollenspiel der formale Kern des Spiels und drehen sich in der Regel um Attentate oder Suchjobs. Als Belohnung winken Geld und Artefakte, die wir wie geplünderte Beute beim Händler gegen Medikits, Strahlenschutzpillen und bessere Rüstung eintauschen, ohne die wie schon gesagt sehr früh nichts mehr geht.

Lineare oder freie Spielwelt?

Die Spielwelt umfasst 30 q/km

Die Spielwelt hat eine Fläche von rund 30 km², aufgeteilt in 11 Abschnitte, die miteinander durch Levelübergänge verbunden sind. Ziel ist der Reaktor von Tschernobyl, wo es zum Showdown kommt. An den Übergängen lädt das Spiel jeweils kurz nach. Doch nicht nur das macht die angekündigte frei begehbare Welt zu einer zwiespältigen Sache. Denn man kann in die Anfangsgebiete zwar auch später zurückkehren - wenn man es denn schafft - doch aufgrund der Tatsache, dass das eigentliche Geschehen dann immer schon wieder an einem Punkt weiter in der Zone stattfindet, besteht dazu nicht wirklich eine Notwendigkeit. Das wiederum führt gemeinsam mit Abschnitten, in denen klare Wege vorgegeben sind, zu dem Eindruck, dass "S.T.A.L.K.E.R." eigentlich sehr linear abläuft. Einen ähnlich halbherzigen Eindruck machen die NPC's, denn man kann zwar fast jeden ansprechen, aber die meisten haben einem weder Neuigkeiten mitzuteilen noch Aufträge zu vergeben. Die Tragik liegt dabei darin, dass es manche DOCH tun und man so Gefahr läuft, interessante Infos oder Nebenquests zu verpassen. Es empfiehlt sich also vor allem das Startgebiet gut zu durchsuchen und so seine Ausrüstung für spätere Herausforderungen aufzupeppen.

Gute Einbindung der Rollenspielelemente

Inventar und Charakterblatt

Das Einbinden der viel beschworenen Rollenspielelemente ist alles in allem wirklich gut gelungen. Kernelement hierbei ist die Ausrüstung. Im Spiel finden sich alle möglichen gängigen Waffen, die sich sehr unterschiedlich handhaben lassen und auch verschieden stark sind. Zudem nützen sich Waffen mit der Zeit ab, sodass man rechtzeitig für Ersatz sorgen muss. Waffen von besiegten Gegnern lassen sich bis zu einem recht niedrigen Maximalgewicht im Inventar unterbringen, ebenso wie die passende Munition, Lebensmittel und anderes Zubehör. Eine zentrale Rolle spielen auch die bereits erwähnten Artefakte, die man findet oder als Belohung erhält und die je nach Seltenheit verschieden starke Boni auf unsere Schadensresistenzen ergeben. Sämtliche Artefakte haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften, die sich in der richtigen Kombination aber gegenseitig aufheben und so im Optimalfall maximalen Nutzen bringen. Insgesamt 5 Artfakte können am Gürtel getragen werden, überzählige kann man bei Händlern für gutes Geld verkaufen.

Stimmungsvolle Grafik

Mutanten! Horror!

Das grafische Design von "S.T.A.L.K.E.R." ist absolut gelungen, auch wenn die Grafik nicht mehr so spektakulär wirkt wie bei den Ankündigungen vor 3 Jahren. Sie ist aber immer noch sehr beindruckend, vorausgesetzt man nennt die passende Hardware sein eigen. Vor allen Dingen die schon oben erwähnte lebendige Umwelt in Kombination mit der verödeten, grauen, regnerischen Landschaft bringt die bedrückende Stimmung des gewählten Szenarios hervorragend zum Ausdruck. Ständig begegnen uns zerstörte Häuser und verrostete Fahrzeuge und immer wieder Strahlungsanomalien, denen man ohne schützende Artefakte oder Anzüge besser nicht zu nahe kommt. Lichteffekte von Anomalien sind gleichermaßen bizarr und beeindruckend umgesetzt worden. Ebenfalls grandios sind die enorm spannenden Innenlevels, in denen man sich durch die dunkle Kanalisation bewegt, in der jede Menge mutiertes Getier haust. Hier erinnert "S.T.A.L.K.E.R." mit seinen Schockmomenten und Horrorfiguren an Titel wie "F.E.A.R." oder "Doom 3", ohne sich in punkto Gruselmomente je hinter einem der genannten Titel verstecken zu müssen. Im Gegenteil: Sie gehören zu den besten Abschnitten im Spiel, auch wenn sie alles andere als jugendfrei sind und bei der gegenwärtigen politischen Debatte um "Killerspiele" für neue Kontroversen sorgen könnten.

Handwerkliche Umsetzung unausgewogen

Das Questlog ist etwas hakelig

Bei der Lokalisierung der Sprachausgabe scheint man etwas geschlampt zu haben, nicht alle Gespräche wurden synchronisiert, was enorm schade ist, denn die Bewohner der Welt unterhalten sich oft miteinander, erzählen sich Witze und ähnliches. Dies zerstört einen nicht unerheblichen Teil der durch die stimmige Optik gewonnenen Atmosphäre. Bei der Bedienung hat man ebenfalls nicht optimal gearbeitet: Das Inventar sowie die Benutzung von bestimmten Gegenständen ist umständlich gelöst, und auch die sehr ambitionierte Idee mit dem PDA kommt vor allen Dingen beim Questlogbuch recht holprig daher. Überhaupt hat man auch bei anderen Aspekten des Spiels den Eindruck, dass man den eingeschlagenen Weg nicht so konsequent wie versprochen weitergegangen ist. Am auffälligsten ist das bei der Handlung, die einem völlige Freiheit suggeriert, letztlich jedoch sehr linear abläuft und vor allem nach einem grandiosen Einstieg etliche Motivationslöcher durch lange Wege und schlechtes Balancing bereit hält. Es lohnt sich zwar wirklich durchzuhalten, aber von einem spielerischen Meilenstein entfernt sich "S.T.A.L.K.E.R." damit deutlich.

Multiplayer

Jede Menge stimmungsvolle Atmosphäre garantiert

Der Multiplayermodus von "S.T.A.L.K.E.R." bedient sich 10 leicht modifizierter Karten des Singleplayerspiels, mit allen Eigenheiten inklusive Wettereffekten und grauen Betonruinen. Die Tatsache, dass die großen Karten sehr verwinkelt und verbaut sind, sorgt für tolle Möglichkeiten, Hinterhalte zu legen aber auch getroffen zu werden, ohne je einen Gegner gesehen zu haben. Neben den bekannten Modi "Deathmatch" und "Team-Deathmatch" verbirgt sich hinter "Artifact Hunt" ein an das Spielszenario angepasstes "Capture the Flag". Erstere ähneln recht stark "Counterstrike": Waffen müssen gekauft werden, neben 5000 Rubel Startguthaben verdient man sich sein Geld dafür durch Abschüsse. Der Clou bei den Waffen ist, dass sie mit dem Rang gekoppelt sind: Je besser der ist, desto größer ist die Auswahl der Schießeisen, die man erwerben kann. Der Rang ist zudem nicht permanent, stattdessen startet man nach jedem Spiel von neuem. Beim "Artifact Hunt" ist die Ausrüstung nicht an die Ränge gekoppelt, dafür hat man zu Beginn weniger Geld. Unabdingbare Voraussetzung für den Multiplayermodus ist eine schnelle Internetverbindung, denn der Netzcode ist noch nicht optimiert.

Fazit

von Daniel Frick

"S.T.A.L.K.E.R." muss sich vor allen Dingen an den vollmundigen Versprechungen der ukrainischen Entwickler und dem fast schon mythischen Hype messen lassen, der unmittelbare Folge des lange verzögerten Erscheinungstermins ist. Tut man das, wird man wahrscheinlich etwas enttäuscht sein, denn in fast 6 Jahren Entwicklungszeit ist davon einiges auf der Strecke geblieben. Vor allen Dingen zu Beginn nach dem ersten Staunen hat der Titel echte Längen und auch die Bedienung könnte noch an etlichen Stellen optimiert werden. Lässt man sich dennoch auf die virtuelle Reise nach Tschernobyl ein, wird man von einem bedrückend realistischen Szenario und einer über weite Strecken gut gelungenen Mischung aus Shooter und Rollenspiel belohnt, Horror- und Gruselmomente inklusive.

spieletipps meint: Atmosphärische Endzeit-Mischung aus Shooter und Rollenspiel, das wohl interessanteste Szenario der letzten Jahre und eine packende Geschichte.
80

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