Test Far Cry Primal: Ohne Gewehr aber mit merkwürdigen Zusatz-Missionen

von Michael Krüger (23. Februar 2016)

Folgt dem Jagdruf eures Stammes und schnappt euch einen Speer. Ubisoft wagt sich auf längst vergessenes Terrain und lädt zur Mammut-Jagd ein - ob das gut geht?

Ein Ego-Shooter ohne Gewehre - Ubisoft wagt offenbar ein (kleines) Experiment. Vor grob eineinhalb Jahren erschien Far Cry 4. Da kam es für viele überraschend, dass schon jetzt ein neuer und völlig anderer Ableger der Serie erscheint. Immerhin war der Abstand zwischen den Teilen bisher deutlich größer. Hinzu kommt eine berechtigte Skepsis bezüglich der Rezeptur, da der Unterschied zwischen dem dritten und vierten Spiel nicht allzu groß sind. Nicht dass das Far Cry eine ähnliche Übersättigung ereilt wie zuvor Assassin's Creed.

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Zurück in die Urzeit mit Far Cry Primal

Zumindest die Szenerie ist dieses Mal eine gänzlich andere. In Far Cry Primal verschlägt es euch nicht nur an einen neuen Ort, sondern auch in eine andere Zeit. Weiter zurück geht es kaum. Zwischen Mammuts und Säbelzahntigern schlagt ihr euch durch die unbarmherzige Wildnis der Steinzeit und setzt euch gemeinsam mit eurem Stamm einer Horde blutrünstiger Kannibalen zur Wehr. Kommt mit auf eine Reise in die Vergangenheit und macht euch ein Bild davon, ob Far Cry Primal mehr als nur eine neue Verpackung für seinen Vorgänger ist.

Starke Charaktere und Ausbau des Dorfes

Lasst bei Far Cry Primal unbedingt beiseite, wie hoch die Nähe zur Realität ist. Der Ansatz ist eindeutig nicht, Geschichtsunterricht interessanter zu gestalten. Der Gesamteindruck ist viel mehr der einer überzeichneten Hollywood-Version der Urzeit. Hierzu gehören in erster Linie die starken Charaktere. Charaktere wie eure Spielfigur Takkar. Von der haben wir euch schon in unserer Vorschau "Far Cry Primal: Ein Steinzeit-Spiel ohne Saurier, das kann gefährlich werden".

Bereits kurze Zeit nachdem ihr ins Spiel gefunden habt, lernt ihr Sayla kennen. Sie ist diejenige, die euren Stamm namens Wenja, näher zusammenbringen möchte, um eine starke Gemeinschaft zu bilden. Sie ist die Frau, die in der Lage ist, sich gegen die kannibalistischen Udam und die listigen Izila wehren zu können. Fandet ihr Vaas, den Bösewicht aus Far Cry 3 schon durchgeknallt, dann habt ihr Sayla noch nicht kennengelernt. Ihre große Leidenschaft ist es nämlich, ihren Gegnern die Ohren abzuschneiden und sich daraus eine hübsche Halskette zu basteln.

Je größer euer Dorf wird, umso mehr irre Charaktere gesellen sich zu euch. Ein kauziger Eremit, der handwerklich begabt ist, eine manische Kriegerin, die sich über eure weiche Haut lustig macht oder auch ein durchgeknallter Schamane, der euch gerne mal mit einem Blut-Trunk berauscht - sie alle tragen zu einer unterhaltsamen Geschichte bei, die auch nach Stunden noch viel Spaß macht. Die Handlung mag nicht von epischem Ausmaß sein, doch passt sich wunderbar in die Ursprünglichkeit der Zeit um 10.000 v. Chr. ein.

Dieses Video zu Far Cry - Primal schon gesehen?

Bekannte Elemente der Vorgänger

Nachdem Far Cry 4 erschien, waren manche von euch nicht ganz zufrieden. Besonders bemängelt haben einige Spieler, dass es zu wenig Neuerungen im Vergleich zum Vorgänger gebe. Ganz unberechtigt ist diese Kritik nicht. Immerhin wurde ein Großteil der Spielmechanik tatsächlich ohne Änderungen aus Far Cry 3 übernommen. Auch die Aufmachung der Handlung ähnelte sich stark. Ihr spielt einen jungen Helden in einem dünn besiedelten Land, helft den Einheimischen und kämpft gegen einen fiesen Antagonisten, der die Grenzen zwischen Boshaftigkeit und Wahnsinn verschwimmen lässt. Ganz so eindeutig sind diesmal die Parallelen in Far Cry Primal nicht. Dennoch gibt es Elemente, die ihr bereits aus den Vorgängern kennt. Dazu gehört zum einen der Aufbau des Missionsverlaufs und zum anderen das Kern-Spiel.

Die Karte auf der ihr unterwegs seid, enthält dicht gesäte Aufgaben, die jeweils durch eindeutige Symbole dargestellt werden. Mal geht es darum, eine Maske zu zerstören, mal sammelt ihr einen besonderen Stein und manchmal rettet ihr ein paar Verbündete. Die Türme, die ihr bereits seit Far Cry 2 kennt, warten ebenfalls wieder darauf, von euch eingenommen zu werden. Da Architekten in der Steinzeit allerdings noch nicht existierten, sind es keine Türme, die ihr erklimmt, sondern Berge auf denen ein Holzhaufen liegt. Entzündet ihr das Leuchtfeuer, legt ihr einen Teil der Übersichtskarte frei. Die Funktion ist also im Prinzip gleich geblieben.

Der Rhythmus der Spielmechanik spielt ebenfalls ein bekannte Lied. Ihr bewegt euch auf der Karte von Symbol zu Symbol, erledigt dort eine Haupt- oder Nebenmission und folgt anschließend eurem nächsten Ziel. Dazwischen sammelt ihr wie ein fleißiges Bienchen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Natürlich dürfen hier die Kräuter nicht fehlen, die ihr ebenfalls seit Far Cry 3 nutzt, um euch Heilmittel oder Sinnes-Verstärkungen zu brauen. Hinzu kommen erstmals Rohstoffe wie Holz und Stein, die ihr zum Bau von Waffen und Ausrüstung benötigt. Genau hier beginnt der große Unterschied, den Far Cry Primal ausmacht.

Speere, Bögen, Keulen

Da es in der Steinzeit keine Waffengeschäfte geschweige denn Hersteller gab, könnt ihr in Far Cry Primal natürlich nicht einfach auf einen Katalog zurückgreifen, um euch zu auszurüsten. Selbst ist der Steinzeit-Mann! Nach und nach schaltet ihr Pläne frei, die euch den Bau von Waffen und Hilfsmitteln erlauben. Euer Arsenal besteht aus Speeren, einem Bogen und Keulen. Hiervon lassen sich alle drei auch aus der Ferne verwenden. So eine Keule kann durchaus Schaden anrichten, wenn ihr sie einem Gegner an den Kopf werft. Sollte es mal etwas brenzlig werden, dann pfeffert ihr euren Feinden einfach einen umfunktionierten Bienenstock vor die Füße. Die schlecht gelaunten Insekten erledigen dann den Rest.

Was eventuell etwas altbacken wirkt, ist die große Stärke von Far Cry Primal und gleichzeitig auch das Alleinstellungsmerkmal. Der Kampf mit diesen einfachen Waffen macht viel Spaß und fühlt sich genau so an, wie es die Szenerie bereits andeutet. Nach jedem mit geworfenen Speeren erlegten Tier wollt ihr euch am liebsten auf die Brust klopfen und laute Brunftschreie zum besten geben.

Far Cry Primal bringt das ursprüngliche Gefühl des brachialen Jägers zur Geltung und lässt selbst da Brusthaare wachsen, wo vorher keine waren. Dabei ist besonders der Einklang der Elemente und deren Abwechslung zu betonen. Alle Möglichkeiten greifen sanft ineinander und lassen gleichzeitig genug Spielraum für kreative Taktiken. ein bisschen mehr Raffinesse beim Nahkampf wäre dennoch schön. Eine geschickt platzierte Falle und ein paar Feuerpfeile wirken Wunder bei Gegnern, die gerade mit einem Schwarm Bienen beschäftigt sind.

Werdet zum Bestien-Meister

Wenn ihr mal alleine nicht genug ausrichtet, holt ihr euch tierische Hilfe. Ihr seid der Bestien-Meister und als solcher habt ihr die Fähigkeit, Tiere zu zähmen und mit ihnen zu kommunizieren. Während ihr zu jederzeit eine Eule rufen könnt, die je nach Verbesserung nicht nur kundschaften, sondern sogar angreifen kann, bekommt ihr auch ständige Begleiter.

Glücklicherweise wurde hier auf eine komplizierte Mechanik verzichtet, die Bestien zu besänftigen. Habt ihr erst einmal eine bestimmte Gruppe Tiere freigeschaltet, reichen Köder und Knopfdruck, um aus einem Jaguar eine fiese Waffe entstehen zu lassen. Die Wildkatzen, Wölfe und Bären, die ihr im Laufe des Spieles an eurer Seite habt, sind vielseitig einsetzbar, da sie individuelle Kräfte besitzen.

Der Clou kommt allerdings erst nach ein paar Spielstunden. Habt ihr nämlich ein bestimmtes Extra freigespielt, dürft ihr sogar unter anderem auf Mammuts und Säbelzahntigern reiten. In einer solchen Jagd, ausgeübt auf dem Rücken einer gezähmten Bestie, gipfelt die ursprüngliche Kriegskunst der Steinzeit und ihr erfahrt das volle Potential dieser Spielelemente.

Es ist erstaunlich, wie die Zeit vergeht, während ihr Far Cry Primal spielt. Rein von der Spielwelt bekommt ihr kaum große Abwechselung. Es gibt zwar verschiedene Klimazonen, so dass ihr statt saftigen Wiesen auch mal verschneite Berge zu Gesicht bekommt, doch in einer Zeit ohne Zivilisation, besteht die Spielwelt fast ausschließlich aus Natur. Und trotz der oft gleichen Umgebung kommt keine Langeweile auf.

Es gibt immer etwas zu tun und zu entdecken. Selbst die zwanzigste Jagd auf ein Mammut ist noch unterhaltsam, weil etwas Unvorhergesehenes passieren kann. So greift ihr beispielsweise gerade ein einsam grasendes Nashorn an und stellt einen Augenblick später fest, dass ihr seine Familie hinter dem Hügel übersehen habt. Und schon wird aus einem Spaziergang die Flucht vor einer Stampede wütender Steinzeit-Bestien.

Auch der dynamische Wechsel zwischen Tag und Nacht ist ebenfalls ein Spielelement, dass ihr nicht unterschätzen solltet. Die Natur ist deutlich gefährlicher sobald der Mond untergegangen ist, was dazu führt, dass ihr eure Keulen und Speere oft anzündet, um nicht attackiert zu werden. Feinde in Lagern schlafen nachts meistens, so dass unbemerkte Angriffe leichter durchzuführen sind. In keinem Spiel der Serie war dieses Spielelement bislang so wichtig.

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