Deutscher Computerspielpreis: Onkel Jo sagt dem DCP seine Meinung

(Kolumne)

von Joachim Hesse (31. März 2016)

Kennt ihr den Deutschen Computerspielpreis, kurz DCP? Das ist der Preis in Deutschland, der gerne sein schlechtes Image loswerden möchte. Verdient er das?

Bundesdigitalminister Alexander Dobrindt, CSU-Politikerin Dorothee Bär und spieletipps-Chefredakteur Onkel Jo. Originalfoto: GETTY IMAGES/ Franziska KrugBundesdigitalminister Alexander Dobrindt, CSU-Politikerin Dorothee Bär und spieletipps-Chefredakteur Onkel Jo. Originalfoto: GETTY IMAGES/ Franziska Krug

Seit 2009 existiert die Veranstaltung. Dieses Jahr geht es beim Deutschen Computerspielpreis um 470.000 Euro. Eine Stange Geld, die der Staat und die Branchenverbände da an Fördergeldern für die deutsche Spieleindustrie springen lassen. Dafür gebührt der Veranstaltung Respekt! Trotzdem kämpft der DCP mit zwei Problemen:

  1. Das Publikum nimmt ihn großteils nicht ernst.
  2. Spiele aus Deutschland interessieren meist keine Sau.

Zumindest nach internationalen Maßstäben. Ich wünschte, es wäre anders. Klar, das klingt jetzt alles sehr pauschal und ist damit auch unfair. Ich hoffe, dass mir die offenen Worte hier niemand krumm nimmt, denn ich meine sie keinesfalls destruktiv. Sicher gibt es zu meiner persönlichen Sicht der Dinge auch valide Gegenpositionen, das möchte ich auch gar nicht bestreiten. Eine Diskussion darüber schadet aber vermutlich nicht.

Ich schreibe seit vielen Jahren über Computerspiele, in der Regel für deutsche Magazine. Schon in den 1990ern und 2000ern haben wir verzweifelt nach guten Spielen aus deutscher Produktion gesucht - man ist irgendwo ja auch Lokalpatriot und die Leser interessiert sicher, wenn ein cooles Spiel aus der Nachbarschaft stammt. Natürlich gibt es auch hervorragende Spiele aus Deutschland. Nur was da kam, war wenig und einseitig.

Siedler, Anno, Fussball Manager – das war Deutschland über viele Jahre. Wenn ich Österreich mit einrechne, auch noch ein bisschen Industriegigant. Dazu noch eine Prise Moorhuhn und zwischendurch ein Wiggles oder Gothic.

Wer als Entwickler internationalen Erfolg haben wollte, ging besser ins Ausland. Etwa an Meilensteinen wie Max Payne, Freelancer oder Enemy Territory waren Deutsche in Schlüsselpositionen beteiligt.

Entwicklungsland Deutschland

Eine florierende Entwicklerszene wie in Japan, den Vereinigten Staaten oder Kanada existiert in dem Sinne in Deutschland nicht. Oder warum räumen deutsche Spiele bei internationalen Preisen wie The Game Awards selten ab? Weil die Lobby kleiner ist? Möglich. Hauptursache ist aber vermutlich, weil die Spiele aus dem Ausland im Spielspaß-Bereich besser dastehen. Zumindest was den weltweiten Durchschnittsgeschmack der Konsolenspieler angeht. Die stehen auf Action. Ein Bereich in dem Deutschland nach Achtungserfolgen aus der Spielesteinzeit wie Turrican oder Giana Sisters lange den Anschluss verschlafen hat.

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Commodore 64: Bekannte Spiele für den C64

Erst mit Crytek hat sich das Blatt gewendet. In Coburg, an einem Ort, wo normalerweise Fuchs und Hase Selbstmord begehen, gründeten die Yerli-Brüder das erste deutsche Studio, das nach internationalen Standards arbeitete und das Thema Action-Spiel in Deutschland wieder ernsthaft in Angriff nahm. Ihr Erstlingswerk Far Cry hatte inhaltliche Schwächen, zeigte aber auch, dass deutsche 3D-Technik wieder ernst zu nehmen ist. Zugegeben, im Grunde lockten die Firmeninhaber ausländische Mitarbeiter nach Deutschland. Aber das ist eine andere Geschichte. Inzwischen gibt es mit SAE Institute oder der Games Academy auch hier Ausbildungsmöglichkeiten für den einheimischen Nachwuchs.

Deutschland wird attraktiver für Entwickler - langsam, ganz langsam. Ich verspreche mir zum Beispiel viel von der neuen Niederlassung von id Software in Frankfurt. Damit dürfte auch die Relevanz des DCP in Zukunft automatisch steigen.

Das Beispiel Crytek zeigt jedoch auch, warum die Preisverleihungen des DCP oft mehr wie eine Folge Dallas anmuten als ein ersthafter Wettbewerb. Selbst 2014 noch verweigerten die Verantwortlichen Crysis 3 eine Auszeichnung, weil durch eine absurde Regel Spiele mit USK-18-Freigabe benachteiligt wurden. Auch die versuchten Einflussnahmen von Politikern auf die Jury förderten nicht das Ansehen des Preises. Solche Küngeleien sollten dieses Jahr seit einer grundlegenden Änderung der Regularien endlich der Vergangenheit angehören. Wie so viele andere Skandale. Halleluja! Endlich keine Firmen mehr, die ihre Norminierungen aus Protest zurückziehen, keine Jury-Mitglieder, die zurücktreten und keine Anno-Teile, die peinlicherweise unter dem Namen Dawn of Discovery als "bestes internationales Spiel" ausgezeichnet werden. Lords of the Fallen im Vorjahr als bestes deutsches Spiel hervorzuheben, war für mein Empfinden ein Schritt in die richtige Richtung - das Spiel ist bei Spielern und Jury gleichermaßen beliebt und bedarf keiner langen Erklärungen, weshalb es die Auszeichnung verdient.

Her mit den Spitzenspielen

Unbenommen ist die Bedeutung des DCP als wichtigster Förderpreis für Computerspiele in Deutschland. Bis er jedoch von Spielern als toller Preis abgefeiert wird, dürfte noch eine Weile dauern. Bis dahin werden sicher noch einige Anno-Teile und Adventures wie Deponia ausgezeichnet (das sind jedenfalls dieses Jahr meine Tipps, wenn ich mir die Nominierungen des DCP 2016 ansehe). Warum auch nicht, sie sind ja gut. Aber ein bisschen mehr Wahlmöglichkeiten wären toll, damit nicht jedes halbwegs passable Spiel mit einer Auszeichnung nach Hause gehen darf. Deutschland, wir brauchen mehr gute Spiele von dir!

Ich finde zum Beispiel die Publikumsabstimmung eine tolle Sache, die es seit vergangenem Jahr gibt. Bis zum 3. April dürft ihr hier noch mit abstimmen und vielleicht sogar selbst mit dem DCP einen Preis einsacken. Warum bleibt diese Rubrik undotiert? Ich fände hier eine Summe für den Entwickler deutlich angemessener als bei Rubriken wie "Bestes Serious Game" - ohne da den sicher ebenfalls engagierten Entwicklern zu nahe treten zu wollen (Nachtrag: Da da natürlich auch nicht-deutsche Spiele gewinnen könnten, könnte man auch das Publikum über das beste deutsche Spiel abstimmen lassen). Oder man ändert gleich komplett die Regeln, verzichtet darauf, dass nur eingereichte Spiele bewertet werden dürfen und lässt Publikum und Jury zusammen die Gewinner bestimmen. Aber das ist sicher ein bisschen viel Revolution auf einmal. Denn sobald Fördergelder und Behörden im Spiel sind, mahlen die Mühlen langsam.

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Spiele aus Deutschland

Es wird vermutlich noch einige Jahre dauern, bis die Liste der beliebtesten Spiele auf spieletipps nicht mehr ausschließlich Namen wie GTA, Naruto oder The Division beherrschen. Selten verirrt sich darunter aktuell eine deutsche Produktion. Entsprechend gering scheint mir das allgemeine Spieler-Interesse an einer Veranstaltung wie dem DCP bislang. Sollte man sie deshalb abschaffen? Nein. Denn sie ist wichtig als Signal. Immerhin ist der DCP auch der Beweis, dass Spiele offiziell ein Kulturgut sind. Na ja, davon kann sich natürlich auch niemand etwas kaufen und den Spielspaß erhöht das ebenfalls nicht.

Schritt in die richtige Richtung

Aber gute Spiele kosten Geld. Und wenn ambitionierte Entwickler finanziell unter die Arme gegriffen bekommen, führt das langfristig hoffentlich auch zu besseren Spielen. Ein positives Beispiel ist hier In Between, das der DCP im Vorjahr als bestes Nachwuchskonzept ausgezeichnet hat und das die Entwickler mit dem Preisgeld fertigstellen und erfolgreich veröffentlichen konnten.

Nachrichtensprecherin Judith Rakers moderierte die DCP Gala 2015. Foto: GETTY IMAGES/ Franziska KrugNachrichtensprecherin Judith Rakers moderierte die DCP Gala 2015. Foto: GETTY IMAGES/ Franziska Krug

Ich empfehle dem DCP außerdem für ihre Gala mit Wortwitz erfahrene Moderatoren zu engagieren statt wie in diesem Jahr Nachrichtensprecherin Annett Möller. Nichts gegen Frau Möller, aber die hat mit Spielen so viel am Hut wie Ronald McDonald mit gesunder Ernährung. Auch durch eine Oscar-Verleihung führt schließlich nicht der Pressesprecher von Warner Brothers, sondern Komiker Chris Rock. Es wird Zeit, dass das Personal von Bundesdigitalminister Alexander Dobrindt sich traut, ihre Daumen von der DCP-Flasche zu nehmen. Bei den Nominierungen klappt das ja schon deutlich besser als früher. Vermutlich hätten inzwischen auch Spiele wie Spec Ops - The Line eine faire Chance.

Der DCP will sich verbessern, das merkt man. Ich traue dem Deutschen Computerspielpreis diesen Imagewandel durchaus zu und wünsche allen Beteiligten viel Erfolg. Ich bin gespannt, wer dieses Jahr am 7. April die Trophäen abräumt.

Tags: Onkel Jo   Politik   Pressekonferenzen  

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