Let's Play im Fadenkreuz - töten die Videos Spiele? Onkel Jo sondiert die Fakten

(Kolumne)

von Joachim Hesse (07. April 2016)

Mit dem Siegeszug von Youtube hat sich bei Spielern ein Filmformat besonders etabliert: Let's Plays. Die Spielentwickler hingegen wissen immer noch nicht, ob sie diese Videos lieben oder hassen sollen.

Onkel Jo hat sich in das Spiel "That Dragon, Cancer" eingeschlichen. Vor dem Fenster geht es in die Minecraft-Welt.Onkel Jo hat sich in das Spiel "That Dragon, Cancer" eingeschlichen. Vor dem Fenster geht es in die Minecraft-Welt.

Ryan Green, der Entwickler von That Dragon, Cancer behauptet, dass ihm Let's Plays den Umsatz klauen. Hat er Recht? "Wir haben unterschätzt wie vielen Leuten es reicht, sich einfach ein Video anzusehen anstatt das Spiel selbst zu spielen", schreibt Green in seinem Blog. Schaden Let's Plays also den Spielemachern?

Die kommentierten Videos namens Let's Plays, in denen jemand ein Spiel vorspielt, kennen vermutlich fast alle hier. Menschen wie Erik Range alias Gronkh sind damit auf Youtube berühmt geworden und leben gut davon. Damals, als den sympathischen Bartträger noch keine Autogrammjäger durch die Gamescom-Gänge scheuchten, unterhielten wir uns in einer Wartepause über die Schwierigkeiten von Videobeiträgen zu Spielen. Abschließend meinte er dabei zu mir: "Keine Ahnung, ob es klappt, ich probiere es einfach mal." Inzwischen kennen wir die Antwort. Ja, es hat geklappt. Erfolg, der Spielhersteller argwöhnisch macht.

Let's Play Minecraft zählt zu den Video-Formaten, mit denen sich Youtuber Gronkh einen Namen gemacht hat.Let's Play Minecraft zählt zu den Video-Formaten, mit denen sich Youtuber Gronkh einen Namen gemacht hat.

Let's Plays sind für die Zuschauer eine willkommene Chance, ohne Stress ein Gefühl für ein Spiel zu bekommen. Früher gab es dafür oft auch spielbare Demos, doch Videos sind natürlich bequemer. Diese Videos werden in Summe millionenfach geschaut. Die Hersteller der Spiele beobachten das mit gemischten Gefühlen. Zwei kontroverse Meinungen herrschen hierbei vor:

  1. Let's Plays sind eine willkommene Reklame für das Spiel.
  2. Wer Let's Plays schaut, kauft das Spiel nicht mehr.

Kein Recht auf Let's Play

Sicher haben die Videos schon zahlreichen Unentschlossenen den finalen Kaufanstoß gegeben. Sofern das Spiel gut ist. So viel zu Punkt 1. Eine Folgerung aus Punkt 2 hingegen lautet: Let's Plays sollten verboten werden. Keine Chance meint ihr? Im Gegenteil! Die urheberrechtliche Seite präsentiert sich längst nicht so eindeutig, wie viele Youtuber es gerne hätten. Wenn sie wollen, könnten die Hersteller Youtubern das Leben zur Hölle machen. Denn wer solche Videos online stellt, braucht die Zustimmung des Urhebers. Erst recht, wenn er seine Videos monetarisieren will - also sie nicht nur dreht, weil er ein netter Mensch ist, sondern auch Geld damit verdienen möchte.

Und erfolgreiche Youtuber verdienen viel Geld. Geld, auf das Spielhersteller durchaus neidisch schielen. Das habe ich unter der Hand schon oft bestätigt bekommen. Das Argument dabei: Andere verdienen Geld mit dem geistigen Eigentum der Spielhersteller. In deren Schubladen schlummern daher diverse Pläne, wie sich der Geldfluss umleiten oder auch unterbinden lässt. Das in die Tat umzusetzen, traut sich derzeit allerdings niemand so recht. Denn wer den ersten Schritte geht, dürfte einen Shitstorm ernten.

Auf Youtube sind viele der erfolgreichsten Musikvideos in Deutschland gesperrt. Wer etwa "Gangnam Style" von Psy ansehen möchte, bekommt zunächst nur diese Meldung zu Gesicht.Auf Youtube sind viele der erfolgreichsten Musikvideos in Deutschland gesperrt. Wer etwa "Gangnam Style" von Psy ansehen möchte, bekommt zunächst nur diese Meldung zu Gesicht.

Die einzigen, die ernsthaft einen Vorstoß gewagt haben, sind bisher Nintendo mit ihrem Creators Program. Hierüber erlaubt Nintendo Videos zu ihren Spielen, lässt sich aber mit 30 bis 40 Prozent an den Werbeeinnahmen der Video-Ersteller beteiligen. Das Konzept spült Geld in Nintendos Kasse, kommt aber bei vielen nicht gut an. Es führt auch sicher dazu, dass im Ganzen weniger Nintendo-Videos auf Youtube zu finden sind als zu anderen Herstellern. Zumal Nintendo versucht, auch auf die Inhalte des Kanals Einfluss zu nehmen. Wer ins Nintendo-Programm möchte, darf zum Beispiel im gleichen Kanal keine Videos zu Microsoft- oder Sony-Spielen zeigen. Sieht so die Zukunft aus?

Gut oder böse - ist Umsatzverlust durch Let's Play real?

Stellt sich also wieder die Frage: Sind Let's Plays eine gute Werbung oder kauft sich deswegen keiner mehr die Spiele? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Jan Klose, Kreativchef des Frankfurter Entwicklers Deck 13 (Lords of the Fallen, The Surge), hat mir die Tage diese Frage so beantwortet: "Am Ende gilt vermutlich: Je mehr darüber sprechen, desto besser. Wir freuen uns immer, wenn man etwas über unsere Spiele bringt."

Auch spieletipps hat schon "Let's Play"-Videos veröffentlicht. Die Videos zu Dishonored findet ihr zum Beispiel hier: http://www.spieletipps.de/n_28206/.Auch spieletipps hat schon "Let's Play"-Videos veröffentlicht. Die Videos zu Dishonored findet ihr zum Beispiel hier: http://www.spieletipps.de/n_28206/.

Dieser Meinung schließe ich mich an. Auch früher schon wurden von Spieleherstellern gerne utopische Zahlen veröffentlicht, wie viel Umsatz durch Raubkopien verloren ginge. Dabei wird allzugerne vergessen, dass die meisten Raubkopierer nie und nimmer Geld in die Hand nehmen würden, um ein Spiel legal zu erwerben.

Spiele sind zudem nicht mit Filmen zu vergleichen. Sehe ich mir einen Film online an, habe ich kaum noch Gründe, ihn noch einmal im Kino oder auf Disc zu schauen. Spiele hingegen liefern zusätzlich noch das Spielerlebnis selbst, das über ein Video nur bedingt vermittelt werden kann. Blöd ist natürlich, wenn die Spielmechanik eines Spiels nicht viel hergibt. Bei einem kurzen Spiel wie "That Dragon, Cancer" oder einem Until Dawn reicht den Zuschauern vermutlich tatsächlich das Video. Je weniger Interaktion, desto weniger neige ich dazu, das Bedürfnis zu verspüren, ein Spiel selbst zu spielen.

Bei sehr kurzen Spielen oder Spielen ohne fesselnde Spielmechanik gebe ich daher den Gegnern der Let's Plays Recht. Aber die können ja gerne für eben solche Spiele die Erlaubnis verweigern. Einer ganzen Sparte einer gewachsenen Videospielkultur deshalb das Wasser abzugraben, sehe ich beim besten Willen nicht. Wenn ein Spiel keinen Anreiz bietet, es selbst zu spielen, sollte das nicht das Problem der Menschen sein, die Videos darüber drehen.

Wie denkt ihr darüber? Schreibt gerne eure Meinung in die Kommentare unter den Artikel!

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Tags: Video   Onkel Jo   Indie   Politik   Livestream   Twitch  

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