Das muss mit euch passieren, damit ihr anfangt, kranke Pokémon zu malen

(Interview)

von David Dieckmann (11. Mai 2016)

Pokémon, die euch schlechte Träume bescheren, sieht man nicht aller Tage. Diese hier entstammen der Feder von David Szilagyi.

David Szilagyi ist ein besonderer Mensch. Er ist Künstler. Und zwar einer von der Sorte, die euch Alpträume beschert, falls ihr anfällig für entstellte Versionen eurer Kindheitserinnerungen seid. Jüngst hat der 28-Jährige aus Pittsburgh mit seinen Zeichnungen gruseliger Pokémon in Foren wie Reddit für Aufsehen gesorgt. Spieletipps hat den Mann hinter den Gruselmonstern zu seinen Ideen, Hintergründen und Plänen ausgehorcht. Was er zu berichten hat, dürfte nicht nur angehende Künstler und Pokémon-Freunde interessieren.

Aus der Feder dieses Mannes entstehen die vielleicht gruseligsten Taschenmonster der Welt. Quelle: David Szilagyi / InstagramAus der Feder dieses Mannes entstehen die vielleicht gruseligsten Taschenmonster der Welt. Quelle: David Szilagyi / Instagram

spieletipps: David, was ist dein Hintergrund? Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Szilagyi: "In der High School war ich ein schüchternes, künstlerisches Kind. Ich habe nicht daran gedacht, irgendetwas besonderes mit meiner Kunst anzufangen. Mein Plan war es nämlich, Ingenieurswesen zu studieren, so wie der Großteil meiner Familie. Ich bin aufs College gegangen, habe dann aber Schule und Hauptfächer gewechselt und schließlich in der University of Pittsburgh einen Abschluss in Marketing gemacht - mit null Job-Aussichten. Das war 2010, während der Hochphase der Rezession. Ich habe mich gefühlt, wie viele andere Leute in ihren 20ern: Verloren, verwirrt, arbeitslos, wütend, verbittert und zukunftslos. Ich musste wieder bei meinen Eltern einziehen und hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Kein Auto, ein Leben mitten in einer landwirtschaftlichen Gegend - und eine Menge Studienschulden, die ich zurückzahlen musste."

Szilagyis Interpretation von Glumanda. Dieses Vieh jagt garantiert selbst einem Geister-Pokémon Angst ein! Foto: David SzilagyiSzilagyis Interpretation von Glumanda. Dieses Vieh jagt garantiert selbst einem Geister-Pokémon Angst ein! Foto: David Szilagyi

"Im Sommer 2011 bin ich dann auf einen Live-Stream von Dave Rapoza (Anm. der Red.: Der Mann malt zum Beispiel Bilder für League of Legends). Er malte gerade ein Bild der Teenage Mutant Ninja Turtles. Dieser Moment war für mich, als würde das ganze Universum mir gerade sagen 'jetzt ist es an der Zeit, dieses Hobby von dir weiterzuentwickeln'. Ich habe mir sofort mein Tablet geschnappt, bin online gegangen und habe angefangen, zu zeichnen und Auftragsarbeiten anzunehmen. Das war 2011 - es war also ein wirklich langer Weg, dorthin zu kommen, wo ich heute bin. Aber ich bereue nichts. Denn es hat mich dorthin gebracht, wo ich heute bin: Ich entwickle eine eigene Fan-Gemeinschaft, habe mein eigenes Patreon-Programm und mache die Dinge, die ich schon immer machen wollte. Und hier bin ich - und male gruselige Pokémon!"

Woran hast du gearbeitet, bevor du Pokémon gemalt hast?

"Ich hatte das Glück, mit ein paar tollen Kunden zu arbeiten. Bei einer meiner ersten Arbeiten habe ich für Velocuidad SpeedCity (eine Rennstrecke) einige Plakatwände für eine Veranstaltung gestaltet. Außerdem habe ich für mehrere Sammelkartenspiele gearbeitet - darunter zum Beispiel Mage Wars. Ich habe zudem für mehrere Brettspiel-Hersteller gearbeitet und gerade neulich für Iron Galaxy Studios an der dritten Staffel von Killer Instinct mitgewirkt."

Woher hattest du die Idee, gruselige Pokémon zu malen?

"Die Idee für die Grusel-Pokémon hatte ich schon vor ein paar Jahren. Ich war schon immer ein Fan von Kris Kuksi, Zdzislaw Beksinski, Stephen Gammell und HP Lovecraft. In den vergangenen Jahren habe ich mich außerdem in Gaming-Formate verliebt - darunter zum Beispiel Did You Know Gaming, Markiplier und Grafik-Novellen von Junji Ito. Es war ein natürlicher Schritt, dass diese Dinge zusammen etwas in dieser Richtung ergeben haben. 'Hey, gruselige Pokémon', dachte ich mir, 'Das klingt wie etwas, das noch niemand macht und das ich auf jeden Fall hin bekommen würde'."

Eine erste Konzeptzeichnung eines gruseligen Bisasam - damals noch in Farbe. Inzwischen ist Szilagyis Stil deutlich dunkler. Foto: David SzilagyiEine erste Konzeptzeichnung eines gruseligen Bisasam - damals noch in Farbe. Inzwischen ist Szilagyis Stil deutlich dunkler. Foto: David Szilagyi

"Diese Idee hatte ich schon jahrelang im Kopf. Letzte Woche habe ich mich dann endlich hingesetzt und etwas damit gemacht. Wie bei allem, was neu und einzigartig ist, war ich mir nicht sicher, ob es Erfolg haben würde. Ich habe mich in diesem Jahr schon viel mit Selbstzweifeln, Burnout und Depressionen herumgeschlagen, während ich als freier Künstler tätig war. Aber gerade neulich habe ich ein großes Projekt abgeschlossen und hatte die Zeit, um etwas für mich selbst zu machen. Ich habe mir mein Leben mit 28 Jahren angeschaut und gemerkt: Wenn ich in meinem Leben mal etwas starten will, dann kann ich es auch jetzt machen. Ungefähr vor einer Woche habe ich eine Grusel-Version von Bisaknosp auf der offiziellen Patreon-Seite "Creepy Pokemon" veröffentlicht."

Wie haben die Leute auf deine Pokémon reagiert?

"Um ehrlich zu sein, habe ich schon vorher ein-zwei mal Versionen von gruseligen Pokémon gemalt. Da bin ich zwar auf Interesse gestoßen, aber es hat sich noch nicht so angefühlt, wie der Durchbruch, den ich wollte. Es war gut, aber hat sich nicht angefühlt wie eine eigene Welt, mit der sich Leute identifizieren können. Dieses Bisasam zum Beispiel zu malen, hat Spaß gemacht. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie die anderen 150 Pokémon (der ersten Generation) sich in diese Welt einfügen könnten und dabei genauso realistisch ud tödlich wirken könnten."

Ein Bisaflor aus der Feder von Szilagyi. Ihr dürft jetzt gerne nach eurer Mama schreien. Foto: David SzilagyiEin Bisaflor aus der Feder von Szilagyi. Ihr dürft jetzt gerne nach eurer Mama schreien. Foto: David Szilagyi

"Also habe ich mich dazu entschlossen, das Ganze simpler und mehr in meinem eigenen Stil zu gestalten. Schwarz-Weiß, mit einer kratzigen, verschmierten Tinten-Optik und nur zwei bis drei Pinseln. Damit konnte ich ein Bild an einem Vormittag malen. Vor zwei Tagen habe ich Bisasam, Bisaknosp und Bisaflor veröffentlicht und sehr viel Unterstützung bekommen. Mein Aufhänger war: 'Mögt ihr Pokémon? Mögt ihr Gruselgeschichten? Mögt ihr Treibstoff für Alpträume? Die hier sind für euch'."

"Daraufhin haben sich jede Menge Fans gemeldet - mit unterschiedlichen Nachrichten. Teils haben sie nach Ratschlägen für ihre eigene Karriere gefragt oder mir private Aufträge erteilt. Aber die Reaktion, die ich am meisten erzeugen wollte: 'Das ist entsetzlich, meine Kindheitserinnerungen werden nie mehr die gleichen sein' oder 'Oh, die erinnern mich an dieses Buch aus meiner Kindheit mit den gruseligen Bildern'. Das zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht - jedes Mal, wenn ich solche Kommentare lese. Es gibt kein besseres Gefühl auf der Welt - es ist jedes Mal ein Rausch."

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Werden wir mehr dieser Grusel-Pokémon sehen?

"In Zukunft werde ich die 151 Pokémon der ersten Generation vervollständigen - inklusive der fünf Versionen von Missingno. Es macht so viel Spaß, sie zu zeichnen und die Reaktionen von Fans sind mit die besten Dinge, die es auf der Welt gibt. Mit meinem Patreon-Programm und einer täglich wachsenden Fan-Basis im Rücken möchte ich jedes Pokémon zeichnen, das erscheint - bis ich alle 721 Pokémon und danach die neuen Monster aus Pokémon - Sonne und Pokémon - Mond fertig habe."

"Danach möchte ich meine eigenen Horror-Erzählungen machen - basierend auf meiner fiktionalen Horror-Stadt in Pennsylvania. Und danach möchte ich ein eigenes Buch mit Videospiel-Konzeptgrafiken dafür erstellen - und das zugehörige Spiel produzieren. Stellt euch so etwas wie eine Mischung aus The Last of Us und Silent Hill vor. Ich würde liebend gerne mit Leuten wie Guillermo Del Toro, Junji Ito und Keith Thompson arbeiten, um einige der gruseligsten Kunstwerke, Spiele und Filme zu machen, die jemals entstanden sind."

Gibt es irgendetwas, das du unseren Lesern noch mitgeben möchtest?

"Wenn ich jemandem einen Ratschlag geben müsste, der in der gleichen Situation steckt wie ich vor ein paar Monaten (oder ein paar Jahren) - deprimiert, ausgebrannt, und in einem Gefühl von Gefangenschaft, was Arbeit und Leben angeht: Als erstes, pack' dir ein Lächeln aufs Gesicht - dann mach etwas verrücktes und fantastisches. Mach etwas, das auf dich selbst auf komische Art abgefahren wirkt und teile es mit den anderen verrückten Leuten da draußen. Es muss die Welt nicht verändern - nur zeigen, dass etwas machbar ist. Schau dir an, was deine Freunde und Leute im Internet darüber denken. Habe damit Spaß. Erschrecke die Leute. Gib ihnen Gänsehaut. Sorge dafür, dass sie sagen 'Oh Gott, was zur Hölle. Das ... ist super'! Wenn du Liebe da reinsteckst, wird sich das zeigen. Wenn du keine Liebe reinsteckst, wird sich auch das zeigen. Danach kannst du dir überlegen, wie du dein Werk mit dem Rest der Welt teilst."

Hallo, Glutexo. Vielen Dank für den Alptraum. Foto: David SzilagyiHallo, Glutexo. Vielen Dank für den Alptraum. Foto: David Szilagyi

"Je mehr du lernst, deine verrückte Seite zu lieben, desto mehr andere Leute werden auch ihre verrückte Seite öffnen. Ich habe es getan - und bin der lebende Beweis dafür, dass es funktioniert."

Ihr wollt mehr von David Szilagyi sehen? Dann könnt ihr ihn auf einer der folgenden Seiten besuchen:

Wie haben euch Davids Bilder gefallen? Und: Hat euch auch die Geschichte hinter dem Zeichner interessiert? Schreibt uns euer Feedback in die Kommentare.

Tags: Indie  

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