Test The Witcher 3 - Blood and Wine: Das ist das Ende

von Daniel Kirschey (31. Mai 2016)

Neuer Landstrich, neue Ungeheuer, neue Geschichte - The Witcher 3 - Blood and Wine lockt ins sonnige Toussaint und verspricht langen Spielspaß - ob das Spiel dieses Versprechen einlöst?

Geralt von Riva steht über der Leiche eines Ritters. Das ist nicht sofort zu erkennen, denn der Ritter trägt Hasenohren auf dem Kopf und steckt nicht in einer schweren Plattenrüstung. Unabhängig von der stilistischen Einordnung der Klamotten des Toten interessiert viel mehr: Wer hat ihm das Leben genommen?

Die Spuren und das Wissen des Hexers deuten auf eine ganz bestimmte Monsterart. Es können nur Vampire sein, oder wie der Volksmund sie nennt, Fangpire. Aus den Augenwinkeln nimmt Geralt eine Bewegung wahr. Ein dunkler Schemen, der sich in die Schatten drückt. Nach einer kurzen Hetzjagd, kommt es zum Kampf und sofort wird klar: Es ist ein Vampir. Doch bevor Geralt es schafft, den Mörder seiner Strafe zuzuführen, taucht ein weiterer Vampir auf, der auf den Namen Emiel Regis Rohellec Terzieff-Godefroy hört; ein alter Bekannter des Hexers. Doch was hat der jetzt mit allem zu tun?

Die digitale Hexer-Reihe war schon immer mehr Rollenspiel als Action-Abenteuer; nicht weil Spieler beständig damit beschäftigt sind abstrakte Werte der Spielfigur zu verbessern, um dann im Kampf +5 Schaden zu bekommen, oder weil sich die Spielfigur stetig bückt, um neue Ausrüstung vom Boden aufzuklauben … nein. Die Spielreihe um Geralt aus Riva erinnert von der Erzählstruktur und den Dialogen eher an Rollenspiel-Klassiker wie Ultima und Baldur's Gate.

Mit der Erweiterung Blood and Wine beweist Entwickler CD Projekt Red wieder genau dies: Es steht das Spiel der Rolle im Mittelpunkt. Und so ist die Unterbrechung von Regis nicht etwas Negatives, das den Kampf stört, sondern sie exemplifiziert die Erzählstruktur - in den Witcher-Spielen geht es um Charaktere und nicht ausschließlich um Scharmützel mit Ungeheuern - auch wenn diese nicht zu kurz kommen. Denn auch in Blood and Wine gibt es genügend Action und Monstermetzeleien.

Der Beginn des neuen Abenteuers erinnert ein bisschen an die Handlung von Ultima 7. Kaum ist Geralt in Toussaint angekommen, soll er den Mord an ehrenvollen Rittern aufklären. Viele andere Rollenspiele rühmen sich damit, dass ihr bestimmte Aufgaben ohne Kampf lösen könnt, doch die Autoren scheinen die Geschichte oft um Kampf und Action herum geschrieben zu haben. Bereits im Hauptspiel The Witcher 3 - Wild Hunt ist eine kämpferische Auseinandersetzung auch ein wichtiges Stilmittel, doch vergessen die Autoren von CD Projekt Red dabei nicht, dass es in erster Linie darum geht, eine Rolle zu spielen und zwar jene von Geralt von Riva.

1 von 156

Die schöne, neue Welt von The Witcher 3 - Wild Hunt

Dies hat für Wild Hunt und für die beiden Erweiterungen die Bedeutung, dass die Zeichnung und Entwicklung von Charakteren und die Dialoge zwischen diesen und Geralt einen großen Raum einnehmen. Manche Aufgabenabschnitte enthalten nicht einmal die Möglichkeit eines Kampfes, da die Auseinandersetzung mit dem Wort spannender und eindrucksvoller ist, als einmal mehr mit dem Schwert zuzuhauen. Das hebt The Witcher als Spiel und als Spielreihe von vielen modernen Rollenspielen ab (Fallout 4 zum Beispiel, setzt eher auf weniger Rollenspiel mit reduzierten Dialogen). Mit dem nun wohl voraussichtlich letzten "Downloadable Content" (DLC) liegt dies wieder auf der Hand.

Sonniges, farbiges Toussaint

Wer von Blood and Wine erwartet, ein Ende der digitalen Geralt-Saga zu liefern, wird dies nicht finden. Es ist kein Epilog oder etwas ähnliches. Viel eher ist es eine eigene, kleine aber komplexe Geschichte, die sich fast wie ein eigenes Spiel anfühlt.

Das werden die wohl kaum überleben, oder?Das werden die wohl kaum überleben, oder?

Das liegt auch daran, dass Toussaint eine komplett neue Gegend bietet, die es im Hauptspiel noch nicht gab. Und CD Projekt Red zeichnet sie in kräftigen, satten und leuchtenden Farben. Alles erinnert ein wenig an Südfrankreich oder die Toskana. Dem Entwickler ist es wirklich gelungen Toussaint stilistisch von den Landstrichen des Hauptspiels abzuheben und einen eigenen Charakter zu verpassen. So kontrastieren die Morde, die Vampire und das Blut um so mehr das von Licht durchflutete Land mit den fröhlichen Wein trinkenden Menschen. Technisch hat sich nicht viel geändert, doch was sich geändert hat, trägt gerade zur Atmosphäre von Toussaint bei; so ist beispielsweise das Gras dichter, ohne dass dabei mehr Rechenleistung benötigt wird. Ein bisschen anspruchsvoller für den heimischen Rechner ist das leuchtende Toussaint jedoch insgesamt schon.

Außerdem lässt CD Projekt Red nicht die Möglichkeit aus, den spröden Hexer Geralt auf die mit Traditionen überladene Welt von Toussaint mit ihren Ritualen, Floskeln und Phrasen loszulassen. Diese Art von Aufeinandertreffen von Kulturen versinnbildlicht CD Projekt humoristisch, wie schon die spieletipps-Vorschau The Witcher - Blood and Wine: Wein, Blut und Gesang zeigt.

Das hebt Geralts letztes Abenteuer deutlich vom Rest des Spiels ab. Vor allem vom - gerade bezüglich der erzählten Geschichte - ingeniösen The Witcher 3 - Hearts of Stone, wie ihr im spieletipps-Test The Witcher 3 - Hearts of Stone: Neues Futter für Hexer-Veteranen nachlesen könnt. Denn statt einer fantastisch erzählten Geschichte, dafür einiger kaum beachtlicher neuen Spielmechaniken geht Blood and Wine den umgekehrten Weg: Die Geschichte - so spannend und interessant sie ist - kommt nicht an Hearts of Stone heran, dafür lockt die neue Erweiterung mit einem neuem Gebiet, neuen Spielmechaniken wie dem Mutagen-Alchemisten und ein ganzes Stück mehr Spiel. Wer alle Aufgaben in Toussaint lösen will, ist gut seine 30 Stunden beschäftigt.

30 Stunden Spielzeit für einen DLC hat es in sich. Und diese Stunden verbringt ihr nicht mit der Suche nach nicht gerade sinnvollen Sammelgegenständen à la Assassin's Creed, sondern mit Aufgaben in der Qualität wie ihr sie aus dem Hauptspiel kennt.

Der harte Job eines Hexers

Unterm Strich ist Blood and Wine ein neuer Job für den Hexer Geralt, einer wie die vielen, die er schon während seines langen Lebens erledigt hat. Dabei kommt die Suche nach einem Serienmörder nicht nur grafisch bunter weg, sondern auch emotional leichter.

Einige neue Ungeheuer finden auch ihren Weg in die Erweiterung.Einige neue Ungeheuer finden auch ihren Weg in die Erweiterung.

Auch wenn schon in Andrzej Sapkowskis Romanvorlage der Humor nie zu knapp kam - wie auch in der Spielereihe - ist dieser in Toussaint dominant. Der Lob, der aus der oben verlinkten Vorschau spricht, gilt immer noch. Doch nach längerer Spielzeit fällt auf, dass dies ein wenig auf Kosten des teilweise bösen Spotts und der Ohnmacht vieler Charaktere geht, sich in einer grausmaen Welt zu bewegen. Das könnte für einige ins Gewicht fallen, andere stören sich daran vielleicht weniger. Schon in den ersten Kurzgeschichten um Geralt räsoniert dieser über den Niedergang des "Berufsbildes des Hexers". In der sonnendurchfluteten Welt von Toussaint fehlt dieser relativierende Unterton ein wenig - der Fall der Welt ist nicht so spürbar.

So zeichnet die Erweiterung Blood and Wine ein Ende von The Witcher 3, das nicht hundertprozentig befriedigen kann. Zu sehr fühlt sich die Haupthandlung wie ein zwar harter und interessanter Job des Hexers an, aber eben nur ein weiterer Job. Das klingt jetzt ungemein negativ, doch dieser Eindruck entsteht vor allem durch den direkten Vergleich mit der Erweiterung Hearts of Stone. Die Befriedigung stellt sich jedoch wiederum vollkommen ein, während ihr in Blood and Wine die Aufgaben löst und neue Monster bekämpft. Es verhält sich mit Blood and Wine ein bisschen wie mit einer der Kurzgeschichten neben der großen und epischen Handlung der Hexer-Romane, nur dass sie nicht so pointiert wie Hearts of Stone daherkommt.

Als Ende vorigen Jahres der Level-Gestalter von CD Projekt Red Miles Tost in der spieletipps-Redaktion vorbeischneite, um Hearts of Stone vorzustellen (spieletipps-Vorschau The Witcher 3 - Hearts of Stone: Froschkönig für Erwachsene mit viel Inhalt), fiel ein Satz, der auf die erste Erweiterung gemünzt war, doch viel besser auf Blood and Wine passt: "Es spielt sich dann eher wie es in den Büchern dargestellt ist. Geralt durchstreift das Land und widmet sich Aufgaben, um Ungeheuer zu erledigen", erklärte Tost. Und genau das stimmt im Fall von Blood and Wine. Und das schafft die Erweiterung überaus gut.

Weiter mit:

Inhalt

Tags: Open World   Fantasy   Singleplayer  

Kommentare anzeigen

The Last Guardian: Liebe hat ihren Preis

The Last Guardian: Liebe hat ihren Preis

Elf Jahre nach seinem vorherigen Spiel veröffentlicht Team Ico abermals eine ungewöhnliche Geschichte. Die (...) mehr

Weitere Artikel

Leserwahl zum GOTY 2016 - Entscheidet hier über das Spiel des Jahres + tolle Gewinne

Leserwahl zum GOTY 2016 - Entscheidet hier über das Spiel des Jahres + tolle Gewinne

Ihr habt die Wahl! Ihr entscheidet, welches Spiel das schönste, beste und tollste dieses Jahr war. Ab sofort d&uum (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Witcher 3 - Blood and Wine (Übersicht)