Counter-Strike fliegt als "Killerspiel" aus dem Programm - Ein Appell an ARD und ZDF

(Kolumne)

von Joachim Hesse (28. Juli 2016)

Ein Fernsehsender knickt beim E-Sport ein. Das Programm-Aus kommt, nachdem der deutsche Innenminister die "Killerspiel"-Debatte erneut ins Rollen gebracht hat. Es ist ein fatales Signal.

Ich hatte mir geschworen, nichts über das Thema zu schreiben. Alles schien mir bereits gesagt worden zu sein. Die Debatte ist stumpf, die Argumente bekannt. Doch es reicht! Für eine aktuelle Entscheidung eines beliebten Fernsehsenders breche ich jetzt mein selbstauferlegtes Schweigen. Warum? Weil die Fernsehverantwortlichen damit denjenigen Recht geben, die gerne mit virtuellen Mistgabeln durch die Medien ziehen. Was ist passiert?

Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass ich im Juni darüber berichtet hatte, dass E-Sport im deutschen Fernsehen angekommen ist. In jedem Fall markiert das einen Achtungserfolg für den virtuellen Bildschirmsport. Nun hat in München ein junger Mann neun Menschen und sich selbst erschossen. Ihr erkennt keinen Zusammenhang? Ich auch nicht. Doch der Fernsehsender Pro 7 Maxx sieht das anders:

Auf Facebook kündigt Pro 7 das vorläufige E-Sport-Aus an.Auf Facebook kündigt Pro 7 das vorläufige E-Sport-Aus an.

Klar verstehe ich, dass der Programmverantwortliche schwitzt. Pro 7 ist ein privater Sender und auf sein Image bei Werbekunden angewiesen. Aber es zeigt mir auch, wie geheuchelt die ganze "E-Sport ist uns wichtig"-Schiene letztlich war. Ich verstehe es als Indiz, dass man das Engagement in dem Bereich offenbar wenig ernst gemeint hat. Anderenfalls würde man über die paar haltlosen "Killerspiel"-Nebelraketen von Politikern lachen. So wie ich darüber lache, falls mich im Internet jemand als dämlichen Fliesentischbesitzer bezeichnet - ich besitze gar keinen Fliesentisch.

Vorverurteilung für Computerspiele

Doch wieder ernsthaft ... Diese Aktion ist weit mehr als eine Programmänderung aufgrund aktueller Ereignisse. Programmänderungen passieren ständig. Aus Gründen der Pietät ist das auch nachvollziehbar. Doch mit dieser Aktion wird eine Unterhaltungssparte vorverurteilt: Computerspiele und ihre Nutzer. Denn was haben die Finalspiele von Counter-Strike Global Offensive (CS-GO) mit dem sogenannten Amoklauf von München zu tun? Im Grunde nichts. Wie konnte es soweit kommen, dass ein Fernsehsender sich zu solchen Schritten genötigt sieht? Gibt das nicht versteckt der Polemik eines bestimmten Politikers und seiner Fürsprecher Recht, die von der Spiele-Materie keine Ahnung haben? Ich spreche hierbei in erster Linie von dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière.

Die Pressekonferenz des Innenministers auf N24.Die Pressekonferenz des Innenministers auf N24.

In der ersten Pressekonferenz nach der Bluttat von München verkündet de Maizière auf der Suche nach Antworten:

"Es ist nicht zu bezweifeln, so war es auch in diesem Fall, dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten."

Doch genau das bezweifle ich. Wie mein Kollege Kreienbrink auf Zeit.de übrigens auch. Ich fühle mich dabei auch relativ vernünftig. Denn im Gegensatz zu Herrn de Maizière beschäftige ich mich nicht nur mit Computerspielen, wenn mir gerade kein passender Grund für eine furchtbare Gewalttat einfällt.

Mir ist es auch nicht zu unangenehm zu sagen, dass den Schulen und anderen sozialen Einrichtungen Geld für Mitarbeiter fehlt, die sich um das Seelenwohl der Schüler kümmern, die mit Eltern im Dialog stehen, die Mobbing verhindern. Ein Spiel soll Mitschuld an dem Mist tragen? Lächerlich. Und traurig, dass ein Innenminister solche Aussagen nötig zu haben scheint. Mal abgesehen davon, zählt Counter-Strike Go, das der Täter offenbar gerne gespielt hatte, nicht zu "gewaltverherrlichenden Spielen", aber dafür müsste man sich schon mal genauer mit dem Thema auseinandersetzen. Oder mit Altersempfehlungen.

"Killerspiele" - Nein danke!

Stattdessen wiederbelebt de Maizière die unsägliche "Killerspiel"-Debatte mit seinen unterschwelligen Schuldzuweisungen. "Killerspiele", was für ein Schwachsinn. Es gibt keine sogenannten Killerspiele. Allenfalls Hitman würde ich unter Umständen als "Killerspiel" durchgehen lassen, weil man darin einen Killer spielt. Aber es existieren keine Spiele, die ihre Spieler zu Killern machen. Das ist schlichtweg Unsinn, der auch nicht besser wird, wenn man ihn alle paar Jahre wiederholt.

Bei CS-GO beispielsweise handelt es sich zwar um ein Spiel, in dem virtuelle Gewalt vorkommt, aber keinesfalls um ein gewaltverherrlichendes Spiel. Die grafischen Effekte spielen auf dem von bislang bei Pro 7 übertragenen Wettkampf-Niveau ohnehin keine Rolle. Das Spiel bildet niemanden zum Attentäter aus und die Spieler haben danach genauso wenig Lust jemanden zu ermorden wie nach einer Hitler-Dokumentation die NPD zu wählen.

Es ist ein später und unverdienter Erfolg des gescheiterten CSU-Ministerpräsidenten Günther Beckstein, dass einigen Medien das Wort "Killerspiel" inzwischen sogar ohne Anführungszeichen oder dem vorgestellten "sogenannten" verwenden. Den Fantasie-Begriff hat besagter Herr Beckstein seinerzeit aus dem Propaganda-Hut gezaubert, als er nach einem Sündenbock für frühere Amokläufe gesucht hat.

Doch was jetzt passiert, ist gefährlich. Ein Fernsehsender duckt sich weg, weil er um sein Image fürchtet. Ist es soweit gekommen? Der ganze Sendeschrott im Fernsehen ist in Ordnung, aber vor einem professionell ausgetragenen Match in einem Computerspiel hat man Angst? Ich erwarte da mehr.

Wenn ein Privatsender im vorauseilendem Gehorsam zum Schutz der Werbeeinnahmen den Stecker einer Sendung zieht, finde ich das bedenklich. Spätestens jetzt sollte jemand im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Eier zeigen und in die Bresche springen. Zeigt die Finalspiele von CS-GO im ZDF oder der ARD!

Zeigt, dass ihr die Gebühren nicht nur für irgendwelche Pfeifen-Debatten bei "Hart aber Fair" und Lanz oder für den Bruder von Thomas Gottschalk verpulvert! Zeigt, dass der Innenminister nicht einfach irgendwelche unbewiesenen Vorurteilen in den Raum stellen und damit in die freie Berichterstattung eingreifen darf! Aus meiner Sicht ist es die Pflicht der öffentlich-rechtlichen Medien, der aktuellen Entwicklung entgegen zu treten und dadurch ein Zeichen zu setzen. Dann nehme ich euch auch ernst.

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Tags: Politik   Onkel Jo   E-Sport  

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