15 Jahre Gamecube von 2001 bis 2016: Delfin im falschen Körper gefangen - Flipper muss es richten

(Special)

Flipper muss es richten!

Aber wirklich entscheidend für Nintendos Firmengeschichte ist vor allem Yens Position in seiner Firma ArtX – und damit seine Rolle bei der Entstehung der Gamecube-Grafik. Bei ArtX arbeitet Yen zusammen mit 20 ehemaligen SGI-Leuten, die ab 1993 für die Polygon-Verarbeitung des N64 verantwortlich waren. 1998, ein Jahr nach der Gründung von ArtX, gehen Yen und seine Leute eine Partnerschaft mit Nintendo ein. Der Grafikprozessor für den Nachfolger des N64 soll von einem Team kommen, das schon mal gezeigt hat, was es kann.

Etwas später verschickt Nintendo bereits die speziell für Drittentwickler vorbereiteten Prototypen. Beachtet das provisorische Dolphin-Logo oben links, das es offiziell nie gab!Etwas später verschickt Nintendo bereits die speziell für Drittentwickler vorbereiteten Prototypen. Beachtet das provisorische Dolphin-Logo oben links, das es offiziell nie gab!

Damals ist das N64 noch einigermaßen gut im Rennen, und so kann ArtX sich zwei Jahre Zeit lassen mit Flipper. Denn so lautet die interne Bezeichnung für den Prozessor. Die Konsole, die ihn später mal umgeben soll, gibt es noch gar nicht. Yens Team begnügt sich deshalb mit einem Begriff, der gleichzeitig diffus, aber auch zukunftsweisend klingt: N 2000.

„Große nicht minder lieben auch ihn!“

Erst als die Entwickler schon ein volles Jahr an Nintendos neuem Grafikstandard werkeln (und es fürs N64 allmählich ungemütlich wird), kommt endlich eine Pressemitteilung aus Kyoto: Im Mai 1999 bekommt die Welt die ersten Impressionen zu sehen, die aus Yens Studio stammen und schon bald über Nintendos vierte Heimkonsole den Weg in die Spielerwohnzimmer finden sollen. Ein Großer Tümmler, der anmutig über die Videoleinwand gleitet, spielt schon auf den vorgesehenen Namen an: Dolphin soll der Erbe des siechen N64 heißen.

In einer Technikdemonstration lassen die Entwickler 128 Marios durch die Landschaft wetzen und schüren damit die vergebliche Hoffnung auf einen direkten Nachfolger für Super Mario 64. Mehrere grafische Muskelspiele dieses Videos fließen dafür aber in spätere Gamecube-Spiele wie zum Beispiel Pikmin ein.In einer Technikdemonstration lassen die Entwickler 128 Marios durch die Landschaft wetzen und schüren damit die vergebliche Hoffnung auf einen direkten Nachfolger für Super Mario 64. Mehrere grafische Muskelspiele dieses Videos fließen dafür aber in spätere Gamecube-Spiele wie zum Beispiel Pikmin ein.

Die Spielergemeinde nimmt es wohlwollend zur Kenntnis, aber zehn Monate vor Veröffentlichung der PS2, deren damals ganz frische Ankündigung in einer Liga mit dem Stern von Bethlehem spielt, haben die meisten potenziellen Käufer längst Sony-Logos in den Augen. Kurz darauf erhalten Nintendos Stammentwickler bereits die ersten Prototypen vom Dolphin, um sich an die Programmierarbeit zu machen.

Kein Gedanke an die Spieler

ArtX-Mitarbeiter geben später zu, sie hätten bei all ihren Überlegungen eigentlich nur an die Entwickler gedacht, die es möglichst einfach haben und deshalb zu Nintendo halten sollten – kein Gedanke an die Spieler. Die profitieren mittelbar aber trotzdem davon, denn Spiele, die ohne viel Umstand zu programmieren sind, kosten das Studio vergleichsweise wenig. Und das wiederum können die Kunden später an den Preisschildern ablesen.

Sega, Nintendos ärgster Gegner früherer Tage, hat die Generation schon 1998 eingeläutet. Aber die Dreamcast zieht sich schon wieder zurück, als die XBox nicht mal auf dem Markt ist. Nach gerade mal neun Millionen Geräten ist der Ofen aus.Sega, Nintendos ärgster Gegner früherer Tage, hat die Generation schon 1998 eingeläutet. Aber die Dreamcast zieht sich schon wieder zurück, als die XBox nicht mal auf dem Markt ist. Nach gerade mal neun Millionen Geräten ist der Ofen aus.

Nintendo hat die Entwicklung des Hauptprozessors derweil Branchenprimus IBM überlassen. Zu Flipper gesellt sich deshalb wenig später eine CPU namens Gekko. Gegen Ende von ArtX' Schaffensprozess verkauft Doktor Yen seine Firma an den kanadischen Grafikkartenhersteller ATI. Für einen seiner Sprecher scheint diese Übernahme emotional kaum zu verkraften. „Durch Nintendo“, schwelgt er, „werden wir zu einem der ganz großen Zulieferer im Spielegeschäft!“ Theatralische Pause zum Taschentuchzücken. „Dolphin wird mit seinen 128 Bit garantiert der König unter den Konsolen in Sachen Grafik!“

Ein vermessener Herausforderer?

Unbestätigten Gerüchten zufolge war jenem Sprecher noch eine umjubelte Karriere als Mutmachredner auf unzähligen Trauerfeiern vergönnt. Aus dem Dolphin wird schon bald ein ominöser Starcube, ein Name, an dem sich Nintendo nur wenige Wochen aufhält, bevor man sich im August 2000 auf den endgültigen Namen Gamecube einigt und die Konsole gleichzeitig auch offiziell enthüllt. Die Resonanz fällt geteilt aus. Mag ja wirklich ein richtig nettes Accessoire sein, dieser nagellackfarbene Würfel, den Nintendo da in die Kinderz … wie? Ach ja? Nun, Wohnzimmer – in die Wohnzimmer schicken will. Aber damit wollen sie ja wohl nicht allen Ernstes antreten gegen die nachtschwarze Eleganz und kühle Virilität einer PlayStation 2. Das wäre … na, sagen wir mal: ambitioniert.

Das waren noch Zeiten: Auf der E3 2001 fährt Nintendo schwere Geschütze auf und präsentiert die Spiele, die den Gamecube, wie der Dolphin nun heißen soll, am Starttag begleiten - allen voran das Adventure Luigi's Mansion, Luigis zweite Hauptrolle nach Mario is Missing!Das waren noch Zeiten: Auf der E3 2001 fährt Nintendo schwere Geschütze auf und präsentiert die Spiele, die den Gamecube, wie der Dolphin nun heißen soll, am Starttag begleiten - allen voran das Adventure Luigi's Mansion, Luigis zweite Hauptrolle nach Mario is Missing!

Viele Leute denken damals so – und lassen ein begütigendes Lächeln folgen, das man gemeinhin Geistesschwachen schenkt.

Gefangen im Kinderzimmer

Und als Nintendo auf der E3-Messe von 2001 die Spiele vorstellt, die am Erstverkaufstag des Gamecube erscheinen sollen, und abgesehen von Batman und ein paar Sportspielen das meiste ziemlich bunt und drollig aussieht, hat der Konzern sein Kindchenschema endgültig weg. Gerade unter pubertierenden Jugendlichen, die einander täglich ihre Abgebrühtheit zu versichern suchen, ist der Gamecube verpönt, ja fast schon tabu. Ein Mann (und alle die, die einer werden wollen) spielt PS2 oder Xbox – und der Gamecube? Naja, Kinderzimmer eben.

Nur in Japan erscheint der Würfel neben den Standardfarben lila und schwarz auch noch in rot, grün, orange und goldfarben.Nur in Japan erscheint der Würfel neben den Standardfarben lila und schwarz auch noch in rot, grün, orange und goldfarben.

Alleine schon die Datenträger! Mini-DVDs sind ja noch okay. Aber anderthalb Gigabyte Speicher? Beide Konkurrenzkonsolen laufen mit knapp sechsmal so großen Scheiben. Vom Innenleben der Konsole erst gar nicht zu reden! Nur so viel: Die PS2 ist nicht nur Spielkonsole, sondern die reinste Medienzentrale mit ihrem eingebauten DVD-Spieler. Mit dem Gamecube kann man nur spielen.

Verheerender Denkfehler

Dabei nimmt Nintendo schon auf der E3 seinen Kritikern prophylaktisch den Wind aus den Segeln, indem es seine Präsentation mit „Der Nintendo-Unterschied“ überschreibt. Man sei sich der schwächeren Technik und verspielteren Optik durchaus bewusst und habe gar nicht vor, mit weltfremder Beharrlichkeit an der Zielgruppe von Sony und Microsoft zu zerren. Der Gamecube habe es nicht nötig, gegen die „eierlegenden Wollmilchsäue“ PS2 und Xbox mit ihren unüberschaubaren Zusatzfunktionen wie bei einem Schweizer Taschenmesser zu konkurrieren - so ein damaliger deutscher Nintendo-Sprecher.

Ein Startspiel des Gamecubes ist Super Monkey Ball von Sega. Der einstige Feind hat sich entschlossen, nur noch Spiele und keine Konsolen mehr zu entwickeln - Spiele auch für Nintendo.Ein Startspiel des Gamecubes ist Super Monkey Ball von Sega. Der einstige Feind hat sich entschlossen, nur noch Spiele und keine Konsolen mehr zu entwickeln - Spiele auch für Nintendo.

Nintendo habe seine eigene Anhängerschaft, der es eben nicht so sehr auf Grafik, sondern mehr auf die (in diesem Kontext so oft bemühte Vokabel) Innovation ankomme, treue Käufer, die den Nintendo-Unterschied zu würdigen wüssten und letztendlich sicher auch in der Überzahl seien. Und genau da vertun sich die Manager sträflich und steuern Nintendo mit dieser Fehleinschätzung auf einen noch rasanteren Abschnitt seiner Abwärtsspirale.

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Tags: Hardware   Retro  

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