Test Recore: Wie ein Roboter-Hund und sein Frauchen euch an die Grenzen der Geduld treiben

von Michael Krüger (17. September 2016)

Der Spätsommer soll mit Recore nochmal richtig heiß werden. Ein Action-Adventure japanischer Machart, in das Microsoft viele Hoffnungen setzt. Im Test offenbarte sich einiges.

Eines nimmt Recore keiner mehr: Es ist das erste Spiel, das mittels des Systems "Play Anywhere" auf Xbox One und Windows 10 erscheint. Das bedeutet, dass ihr das Spiel sowohl auf Xbox One als auch PC jederzeit mit dem gleichen Spielstand weiterspielen könnt und auch nur einmal bezahlen braucht. Das alles gilt nur, wenn ihr das Spiel als Download kauft und auch online spielt. Aber lohnt sich das bei Recore?

Bereits die Ankündigung hat damals viele hellhörig gemacht: Keiji Inafune, der Erfinder von Mega Man arbeitet zusammen mit den Entwickler von Metroid Prime an einem gemeinsamen Spiel - ohne Zweifel eine vielversprechende Kombination für die Produktion dieses Abenteuers. Es ist also mit Sicherheit nicht falsch, abgefahrene Plattform-Passagen und eine anspruchsvolle Gestaltung der Spielwelt zu erwarten. Andererseits hat Inafune sich jüngst bei Mighty No.9 nicht mit Ruhm bekleckert.

Nun ist Recore erhältlich. Als junge Abenteurerin Joule, die ihr aus der Schulterperspektive steuert, macht ihr euch auf eine gefährliche Reise durch ein Gebiet voll feindlicher Roboter. Glücklicherweise gibt es auch gutartige Exemplare, die euch wiederum zur Seite stehen. So kämpft ihr euch durch eine Vielzahl elektronischer Ungeheuer, die ihrer Form nach an Tiere wie Spinnen, Wölfe und Affen erinnern. Statt genauem Zielen setzen die Kämpfe auf Ausweichen und die Verwendung von passender Munition nach einem System aus Farben. Außerhalb der Kämpfe warten Kletter- und Sprunabschnitte, die Geschick und ein gutes Zeitgefühl voraussetzen.

Doch so aufregend sich Recore zu Beginn präsentiert, so fehlerhaft ist es unter der Oberfläche. Ungeschickt wirkende Entscheidungen in Bezug auf die Spielmechanik und halbfertige Mechaniken sähen Zweifel an dem zunächst glänzenden Auftritt. Licht und Schatten liegen offensichtlich in dieser Wüste nah beieinander. Ist Recore etwa noch gar nicht fertig?

Schöner Auftakt, versandete Geschichte

Ohne großartige Umschweife startet ihr die Geschichte in der Rolle von Recore als Joule, einer jungen Abenteurerin. Auf der Suche nach ihrem Vater landet sie auf einem von Sand bedeckten Planeten. Dort möchte sie sich mit ihm treffen. Da beide über Jahrzehnte in einem Kryogen-Schlaf waren, entspricht die Ankunft nicht ganz Joules Erwartungen. Scheinbar hielt das künstliche Koma zu lange an und wo einst Menschen Forschungseinrichtungen betrieben, sind nun nur noch Ruinen zu sehen.

Anfangs begleitet euch nur das hundeähnliche Wesen Mack.Anfangs begleitet euch nur das hundeähnliche Wesen Mack.

An Joules Seite befindet sich ein Roboter-Hund namens Mack. Dieser verhält sich ähnlich einem echten Hund. Er unterstützt Joule in Kämpfen und buddelt Schätze aus dem Boden. Wie die meisten Wesen in dieser Welt sitzt das Bewusstsein von Mack in einem sogenannten Core, also Kern. Daher auch der Name Recore. Im Verlauf der Geschichte findet Joule weitere freundliche Kerne, die sie auf ihrem Weg nach New Eden, dem genauen Treffpunkt mit ihrem Vater.

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Recore - Brennend heißer Wüstensand

Während der ersten Stunden baut sich die Geschichte in angenehmem Tempo auf. Alles wirkt spannend erzählt. Was ist das nur für eine Welt, in der ihr gelandet seid? Dann aber verliert die Handlung abrupt an Geschwindigkeit. Das liegt daran, dass die Spielmechanik sich ab einem bestimmten Punkt in die Länge zieht. So liegen Zwischensequenzen immer weiter auseinander. Hier wären Nebenmissionen mit echter Handlung schön gewesen, um die Substanz des Spiels zu erhalten. Da es allerdings keine Erzählungen abseits der Hauptgeschichte gibt, bleibt diese dünn und verblasst bald am sandigen Horizont.

Texturen - ganz schön grob

Dass das Szenario hauptsächlich aus verwehten Dünen besteht, ist da ebenfalls nicht hilfreich. Wobei hier weniger die Darstellung das Problem ist. Diese ist angesichts des kontrastarmen Szenarios durchaus gelungen. Dank der Verliese, die ihr im Verlauf eurer Reise freischaltet, seht ihr hin und wieder auch ein paar andere Farben und Formen. Was wirklich stört, ist die fehlerhafte Darstellung und die Verwendung von groben Texturen. Selbst die Prisma-Steine, die ihr immer wieder sammelt, leiden unter diesem Problem.

Texturen aus der Vergangenheit.Texturen aus der Vergangenheit.

Ein weiterer ständiger Begleiter ist das Nachladen von Texturen. Bei Spielen wie Trials Fusion lässt sich gerade noch so damit leben, hier nervt es. Diese nachlader sind teilweise sogar vorhersehbar. So gibt es eine bestimmte Sorte großer Schrauben in der Spielwelt. Aus der Ferne sehen diese detailliert aus. Doch nähert ihr euch ihnen, verschwimmen sie. Das wirft nicht nur die Frage auf, warum die Schrauben aus der Nähe schlechter aussehen, sondern auch, warum das wirklich jedes Mal der Fall ist? Eigentlich sollten Probleme wie diese heutzutage nicht mehr auftreten. Gleiches gilt für den Umstand, dass ihr in Kämpfen hin und wieder keine Wände mehr seht. Solche Schnitzer gehören nicht in ein fertiges Spiel - zumindest nicht in dieser Häufigkeit.

Die Charaktere selbst wirken da zum Glück deutlich besser. Diese wirken glaubhaft und bewegen sich flüssig. Auch die Vertonung ist in der deutschen Fassung gut gelungen. Hört ihr gerade keine stimmungsvolle Musik, die das Szenario passend beschallt, erfahrt ihr aus dem Logbuch von Joules' Vater Interessantes über das Projekt New Eden. Das greift das Science-Fiction-Szenario gut auf und sorgt für eine passende Atmosphäre. Sowohl die Musik als auch die Stimmen sind sauber abgemischt und klingen kristallklar. Dank der Verwendung dezenter Filter entstehen sphärische Klänge, die den verwehten Sand adäquat begleiten.

Im Kern gelungen, abwarten

Ohne Zweifel - während der ersten Spielstunden haut euch Recore möglicherweise um. Das liegt daran, dass die Kern-Elemente der Spielmechanik nicht nur gelungen, sondern auch interessant sind. Da ihr Ziele beim Schießen automatisch erfasst, konzentrieren sich die Kämpfe mehr darauf, dass ihr darüber entscheidet, mit welcher Energieform ihr angreift: Farblich passende Schüsse verursachen deutlich mehr Schaden. Zusätzlich achtet ihr darauf, dass Joule ständig in Bewegung ist, denn die Feinde schrecken vor Dauerfeuer nicht zurück.

Die Kämpfe gehören zu den Höhepunkten von Recore.Die Kämpfe gehören zu den Höhepunkten von Recore.

Möchtet ihr Bauteile von einem Gegner erbeuten, erledigt ihr ihn. Habt ihr es auf seinen Kern abgesehen, könnt ihr diesen mithilfe eines Greifhakens herausziehen. In diesem Fall löst ihr ein Minispiel aus, indem ihr den Haken wie ein Tau zieht. Diese kreativen Momente bereichern die Schusswechsel.

Das Kampfsystem ist durchdacht und macht eine ganze Weile Spaß. Es fühlt sich frisch an und die Gefechte sehen dank geschickt platzierter Kameraeinstellungen super aus. Dennoch kommt auch dieser Aspekt nicht ohne Kritik aus. Immer wieder geschieht es, dass euch Gegner bewegungsunfähig machen und anschließend keine Möglichkeit geben, euch zu wehren. Hier habt ihr nur sehr kleine Zeitfenster, in denen ihr euch retten könnt. Verpasst ihr diese ein paar Mal, war es das mit Joule. Das fühlt sich unfair an und ist dank der immensen Ladezeiten unnötig frustrierend.

Warten ist ohnehin eine eurer wesentlichen Beschäftigungen in Recore, denn der Wechsel zwischen zwei Gebieten kann schon einmal über zwei Minuten dauern. Das wäre eventuell weniger schlimm, wenn ihr nicht ständig zu eurem Unterschlupf, dem Crawler, zurückkehren müsstet. Da ihr nur hier Anpassungen an euren Metallfreunden vornehmen und euren Rucksack leeren könnt, werdet ihr immer wieder mehrere Minuten damit verbringen, euch den Ladebildschirm anzusehen. Dieses Hin und Her fühlt sich äußerst unnötig an.

Fortschritt mit viel Rennerei

Die Wartezeiten wirken sich auch negativ auf andere Mechaniken aus. So gibt es verschiedene Kern-Hüllen mit jeweils einer einzigartigen Fähigkeit. Jede dieser Fähigkeit kann bestimmte Bereiche im Spiel zugänglich machen und Schätze hervorbringen. Da ihr allerdings nur zwei dieser Hüllen mit euch nehmen könnt, seid ihr immer wieder auf der Suche nach einem Schnellreisepunkt, um eure Begleiter zu wechseln. Es gibt kein Gebiet, in dem nicht alle Fähigkeiten notwendig sind. Stellt euch also auf viel Rennerei ein, wenn ihr alle Schätze bergen möchtet.

Dank Seth erklimmt ihr vertikale Wege.Dank Seth erklimmt ihr vertikale Wege.

Einen Großteil dieser Funde werdet ihr ohnehin schon aufgrund der Handlung sammeln müssen. Das Problem sind hier die Stufenanforderungen. Jedes Verlies, egal ob optional oder Teil der Handlung, verfügt über eine solche Begrenzung. Habt ihr nicht den passenden Rang mit Joule erreicht, sind bestimmte Bereiche nicht zugänglich. Anstatt euch aber in der Hauptgeschichte durchgehend mit ausreichend Erfahrungspunkten zu versorgen, werdet ihr immer wieder vor die Tatsache gestellt, dass ihr später wiederkommen müsst. So zwingt euch das Spiel zu augenscheinlich optionalen Tätigkeiten, damit ihr mit der eigentlichen Handlung fortfahren dürft.

Doch "Grinden", also das exzessive Wiederholen gewinnbringender Tätigkeiten, ist mühsam in Recore. Die meisten Verliese, die euch dabei helfen könnten, sind zunächst verschlossen. Ihr könnt sie nur öffnen, wenn ihr passende kleine Roboter findet. Diese lassen sich allerdings weder gezielt suchen, noch machen sie besonders auf sich aufmerksam. Ihr werdet als nicht darum herum kommen, umherzuirren und herumzuprobieren, bis ihr die kleinen Dinger findet. Das macht zu Beginn Spaß - immerhin zeigt sich hier oft, dass ein paar Entwickler der alten Schule am Werk waren. Selbst die verwinkeltsten Orte, die nur mit Mühen erreichbar sind, bergen oft lohnenswerte Schätze. Doch das gleiche Gebiet zum fünften Mal nach einem winzigen Roboter abzusuchen ist langweilig.

Sammelbares gibt es in Recore reichlich. Neben Energie in einer der drei Hauptfarben, findet ihr auch neue Baupläne für eure Begleiter. Seid ihr im Crawler baut ihr mithilfe von gesammeltem Eletkro-Schrott neue Beine, Köpfe und andere Komponenten. Dadurch werden eure Robotertiere stärker. Habt ihr ein Set komplett, bekommen sie zusätzliche Boni. Gesammelte Energie verwendet ihr für die Steigerung der Attribute. Das ist allerdings anstrengend, da ihr jede Stufe nur manuell erreicht: Selbst wenn ihr den Knopf gedrückt haltet, kann so eine Aufladung länger als ein paar Minuten dauern. Warum?

Die Verbesserung eurer Begleiter kann länger dauern.Die Verbesserung eurer Begleiter kann länger dauern.

Hier zeigt sich ein Problem, dass schon beinahe einem roten Faden gleicht. Nachdem die ersten Stunden des Spiels hinter euch liegen, zieht sich Recore plötzlich wie Kaugummi. Mechaniken, die zuvor noch spaßbringend waren, werden zur Zerreißprobe und der Spielfluss sinkt kritisch. Die Überraschung und die großen Augen der ersten Stunden weichen müden Blicken und genervten Gesten während unnötiger Wartepausen.

Verschenktes Potenzial

Dabei macht Recore so vieles gut. Das Grundkonzept ist super durchdacht und viele der Spielmechaniken lassen Abenteuer-Herzen höher schlagen. Die Kombination aus spannenden Kämpfen und herausfordernden Plattform-Passagen fühlt sich frisch und vertraut zu gleich an. Besonders diese Abschnitte, in denen ihr mithilfe der zusätzlichen Fähigkeiten und den Sprüngen per Jetpack von Joule meistert, sind großes Kino und zeigen Stärken, die heutzutage in Spielen nicht mehr so häufig sind.

Die Plattform-Passagen sind fordernd wie amüsant.Die Plattform-Passagen sind fordernd wie amüsant.

Doch all dieser Glanz wird trüb angesichts der technischen Schnitzer und der verpassten Chancen. Ob es an fehlender Zeit oder mangelnden Budgets liegt, ist Spekulation. Viele der Spiel-Mechaniken hinterlassen in Recore einen halbfertigen Eindruck. So gibt es beispielsweise eine Währung, die ihr für Verbesserungen zahlt. Doch egal, wie ihr euch anstellt, ihr werdet nie zu wenig davon haben. Es wirkt gerade so, als wären noch weitere Dinge in Planung gewesen, wie käufliche Verbesserungen für die Waffe oder reisende Händler.

Auch der abrupte Wechsel des Tempos deutet in Richtung Zeitmangel. Ein paar Dungeons mehr, ein paar neue Szenarien - mit den richtigen Zutaten könnte Recore ein Kracher sein. Die Stimmung der ersten Stunden ist toll und der Spielspaß groß. Da Recore dieses Niveau allerdings nur bis zur Hälfte des Spiels hält, weicht die Begeisterung am Ende dem Frust.

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Tags: Open World   Science-Fiction   Singleplayer  

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