"Killerspiel"-Doku: Dritter Teil wird heute ausgestrahlt, wir haben mit dem Macher gesprochen

(Interview)

von Matthias Kreienbrink (21. September 2016)

Ihr kennt diesen Begriff, ihr mögt ihn wahrscheinlich nicht: "Killerspiel". Der Sender ZDFinfo nimmt den Begriff nun auseinander. spieletipps hat mit dem Schöpfer der Dokumentation gesprochen.

Lange Zeit der "Killerspiel"-Prototyp: DoomLange Zeit der "Killerspiel"-Prototyp: Doom

"Killerspiele" nennt man gemeinhin solche Titel, die einen besonders brutalen Inhalt haben. Der Begriff hat eine bewegte Geschichte. Seit seiner Etablierung kramten ihn Politiker und Medien immer wieder aus der Schublade der nützlichen Vereinfachungen. Eine Doku-Reihe räumt nun damit auf.
Christian Schiffer ist nicht nur Herausgeber des WASD-Magazins, einem Magazin über Spielekultur. Auch ist er der Kopf hinter der ZDF-Dokureihe zur "Killerspiel"-Debatte in Deutschland. Der dritte und abschließende Teil wird heute um 23:10 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt - und anschließend in der ZDF Mediathek zu sehen sein. Darin geht es vor allem um die Zukunft der Videospiele. Wird Töten in virtueller Realität die Debatte um "Killerspiele" wieder anheizen?

Falls ihr die ersten beiden Teile noch nicht geschaut habt, könnt ihr das heute nachholen. Denn um 21:45 Uhr wird der erste Teil "Der Streit beginnt" und um 22:30 Uhr der zweite Teil "Der Streit eskaliert" ausgestrahlt.

Die Dokumentationen sind unbedingt einen Blick wert: Sachlich, unaufgeregt und gründlich geht Schiffer dem Phänomen der vermeintlich gewaltverherrlichenden Spiele nach. Dabei kommen Politiker, Journalisten, Entwickler und Spieler zu Wort. Somit wird die Debatte von verschiedenen Blickpunkten aus betrachtet - eine Vorgehen, das bei einem so komplexen Thema angebracht ist. Nachdem ihr die drei Teile gesehen habt, werdet ihr anders auf die Debatte rund um die "Killerspiele" blicken - versprochen.

Wir haben mit Christian Schiffer gesprochen und ihn zu dem Begriff "Killerspiel", der Videospiel-Industrie und seiner Arbeit befragt:

Der Journalist Christian Schiffer.  Bild: Markus Konvalin/BRDer Journalist Christian Schiffer. Bild: Markus Konvalin/BR

Matthias Kreienbrink: Christian, wie war dein erster Kontakt mit dem Begriff "Killerspiel"?

Christian Schiffer: Das war damals, als es 2002 in Erfurt einen Amoklauf gab. Der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein hatte daraufhin den Begriff an die politische Öffentlichkeit gebracht. Obwohl ich zu dieser Zeit schon selbst gerne Videospiele gezockt habe, war ich nicht sonderlich beeindruckt davon. Ich empfand den Begriff jedoch schon damals als Kampfbegriff. Meine Reaktion darauf, Videospiele dermaßen zu diskreditieren war aber mehr so "ernsthaft?".
Als dann jedoch später versucht wurde, diese "Killerspiel"-Kategorie zu nutzen, um Spiele zu verbieten – was zum Glück nie umgesetzt wurde –, war ich doch schon sehr empört. Da wurde versucht, mein Hobby in einem sehr schlechten Licht darzustellen.

MK: Es wird den Politikern, die "Killerspiele" als gefährlich darzustellen versuchen, oft vorgeworfen, dass sie selbst nie Kontakt mit Videospielen hatten. Denkst du, dass das tatsächlich ein Problem ist?

CS: Definitiv! Wir als Spieler sehen z.B. einen Egoshooter anders, als ein Außenstehender. Wir denken nicht "boah geil, Tod", wenn wir spielen. Wir entziffern so ein Spiel ganz anders. Wenn man nur zuschaut, sieht man die Gewalt natürlich ganz anders, es setzt sich ein anderes Bild zusammen.
Es handelt sich um ein interaktives Medium – es braucht also die Interaktion, um zu verstehen. Wenn jemand so gar keine Erfahrung hat, was es heißt zu spielen, dann sieht er oder sie wahrscheinlich ganz andere Sachverhalte als die Personen, die den Controller in der Hand haben.

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Doom und Doom 2 sind nicht länger indiziert

Ein Stein des Anstoßes: Das originale Doom war lange Zeit indiziert.

MK: Betrachtet man beispielshalber den Literaturbetrieb, dann sieht man, dass ein Buch stets von Literaturwissenschaftlern oder -kritikern besprochen wird. Es käme niemand auf die Idee, über ein Buch zu schreiben, dass er nicht auch vorher gelesen hat. Fehlt sowas auch für Videospiele? Ein wissenschaftlicher Überbau, der einordnet und erklärt?

CS: Das kann ich nur bejahen! Zum Glück ist da ja auch ein wenig was in Bewegung. So gibt es in Berlin etwa das Institut für Ludologie, in dem man sich wissenschaftlich dem Thema Videospiel nähert. Denn bei Videospielen wird viel zu oft nur die Form kritisiert, nicht der Inhalt. Anstatt also auf einzelne Spiele einzugehen und deren Mechaniken oder Geschichten zu betrachten und gegebenenfalls auch zu kritisieren, wird immer nur das Videospiel als solches in den Mittelpunkt gerückt. Wenn dann also ein Doom als "Killerspiel" betitel wird, sind es trotzdem immer die Videospiele als solche, die in der Kritik stehen. Ebenso halte ich es aber auch für wichtig, dass der Journalismus dieses Medium als kulturell wichtig auffasst. Natürlich sollten Videospiele auch getestet und auf alle Features hin geprüft werden, denn sie sind ja auch technische Produkte. Aber eben nicht nur – sie dürfen und sollten auch diskutiert und kritisiert werden, auf einer inhaltlichen und kulturellen Ebene.

MK: In meinem Text auf ZEIT ONLINE forderte ich, dass die Videospiel-Industrie selbst den Diskurs in die Hand nehmen sollte, anstatt sich immer treiben zu lassen. Was hältst du davon?

CS: Das sehe ich ähnlich. Gewalt kommt überall vor. In allen Kulturen und in allen Medien spielt die Gewalt eine Rolle. Das aufzuzeigen könnte in dieser Debatte sehr hilfreich sein. Dann könnte der Fokus auch von den Videospielen rücken und zu der allgemeinen Frage "Wieso ist das so und was sagt das über uns aus?" übergehen. Denn ich bin der Meinung, dass Gewaltdarstellung auch ästhetisch und spaßig sein kann – denkt man etwa nur mal an einen Tarantino-Film oder eben an Doom. Im Vorfeld habe ich mir auch überlegt, ob ich eigentlich beantworten möchte, ob "Killerspiele" nun schädliche Einflüsse haben, oder nicht. Doch ich halte die Frage für nicht entscheinend. Viel spannender ist doch, wenn man über die Folgen nachdenken würde. Es gibt Kunstfreiheit in Deutschland. Selbst wenn schlussendlich herauskäme, dass "Killerspiele" schädlich sind – und jede Studie sagt da ja etwas anderes – was wäre dann die Folge? Sie zu verbieten? Die Kunstfreiheit einzuschränken? Ich denke also, dass die Videospiel-Industrie weniger Studien zitieren und stattdessen produktiv die Diskussion anführen könnte.

World of Warcraft: Da der Terrorist Anders Breivik dieses Spiel zockte, war es auch Teil der "Killerspiel"-DebatteWorld of Warcraft: Da der Terrorist Anders Breivik dieses Spiel zockte, war es auch Teil der "Killerspiel"-Debatte

MK: An wen soll sich deine Dokumentation eigentlich richten - hast du dir darüber im Vorfeld viele Gedanken gemacht?

CS: Tatsächlich habe ich mir einige Gedanken darüber gemacht. Ich denke, dass die Doku vor allem für jene interessant ist, die zwar in Teilen die Debatte um den Begriff "Killerspiel" mitbekommen, aber nie die gesamte Geschichte verfolgt haben. Es soll um einen Blick auf diese Debatte gehen, aus zeitlicher Distanz. Wie konnte es so eskalieren? Dadurch wird die Doku in ihren drei Teilen auch zu einer Geschichte der BRD. Denn als die Debatte um vermeintlich gewaltverherrlichende Spiele losging, herrschte noch der Kalte Krieg – Einflüsse dessen finden sich auch in der Auseinandersetzung mit Gewalt in Videospielen. Auch finde ich es spannend zu zeigen, welche Beweggründe zum Beispiel Beckstein hatte, als er den Begriff "Killerspiele" aufnahm. Dabei will ich diesen Gründen nicht folgen, sie aber erklären.

MK: Und jetzt mal zur Sache: Welches ist dein liebstes "Killerspiel"?

CS: Da muss ich wohl Half-Life sagen. Dadurch, dass es sich um einen sogenannten Egoshooter handelt, kann man es wohl dazu zählen. Für mich ist das Spiel so besonders, weil ich damals gemerkt habe, dass so ein Egoshooter noch viel mehr kann, dass es da ganz viele ungeahnte Möglichkeiten gibt.

Tags: Politik  

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