Test Mafia 3 im Dauertest: So hätte es nicht veröffentlicht werden sollen

von Joachim Hesse (15. Oktober 2016)

Mafia 3 ist da. Das ist ein Grund zur Freude. Allerdings stellen sich die Entwickler auf der Zielgeraden selbst ein Bein.

"Der Boss schmeisst eine Bums-Party für die reichen Typen", verrät der Informant mit zitternder Stimme. Die Auskunft rückt er raus, nachdem wir seine Bereitschaft zu reden mit einer Amokfahrt durch den Feierabendverkehr geweckt haben. Bereits von der Sprache her eignet sich Mafia 3 nicht für Kinder. Mehr Fäkalwörter am Stück hört ihr allenfalls in der Tourette-Selbsthilfegruppe. Alleine schon durch das unterschwellig mitschwingende Rassismus-Thema, das Entwickler Hangar 13 gekonnt aufgreift und umsetzt. Die Erwachsenen-Dialoge von Mafia 3 zählen zum Besten, was Computerspiele in dem Bereich bisher auf die Beine gestellt haben. Auch die deutsche Fassung hält da mit.

Lincoln unterwegs im Boot. Die Gegend haben die Entwickler toll eingefangen.Lincoln unterwegs im Boot. Die Gegend haben die Entwickler toll eingefangen.

Für alle anderen Sachen scheint den Verantwortlichen am Ende das Geld ausgegangen zu sein: Mafia 3 wirkt ähnlich unfertig wie der Berliner Flughafen. Erschreckend und überraschend für so eine prominente Neuveröffentlichung. Die zuvor gezeigten Werbefilme zeichnen ein gänzlich anderes Bild und auch der Anfang des Spiels gibt zunächst in jeder Beziehung Vollgas.

Um was geht es? In der Verfolgerperspektive räumt ihr mit dem afroamerikanischen Vietnam-Veteranen Lincoln Clay die offene Spielwelt der virtuellen Stadt New Bordeaux leer. Dabei stecht und ballert ihr alles über den Haufen, was nicht beim dritten "Nigger"-Ausspruch im Chevrolet Camaro verschwunden ist. New Bordeaux ist das spielerische Pendant zum amerikanischen Mississippi-Metropole New Orleans. Ihr übernehmt die Bezirke der Stadt bevor ihr das örtliche Mafia-Oberhaupt Sal Marcano mit euren Rachegelüsten konfrontiert.

Der Soundtrack der 1960er-Jahre

Wenn im Titelbild das Hendrix-Cover "All Along the Watchtower" und danach die Saxofon-Klänge des Songs "Hold on I'm coming" von Sam and Dave aus den Lautsprechern hämmern, hält das Spiel zunächst alle Trümpfe in der Hand. Ist das genial! Endlich geht Mafia weiter. Der imaginäre Motivations-Messer zappelt am Anschlag. Aus sämtlichen Radios dröhnen im Spiel mehr als 100 Lieder dieser Epoche. Von "Paint it Black" der Rolling Stones über Dusty Springfields "Son of a Preacher Man" bis hin zu "Wonderful World" von Sam Cooke. Toll gemacht, Hangar 13!

Der schwarze Mann mit dem langen Messer erfährt immer, was er wissen will.Der schwarze Mann mit dem langen Messer erfährt immer, was er wissen will.

Nach ein paar Spielstunden merkt ihr dem Spiel allerdings an, dass es nur drei Radiosender gibt und nicht 18 wie in Grand Theft Auto 5. Überhaupt solltet ihr Mafia 3 besser nicht mit GTA 5 vergleichen: Es verliert in fast jeder Beziehung. Mafia-Veteranen werden jetzt vermutlich empört aufspringen und rufen: "Aber Mafia war noch nie GTA!". Das stimmt. Allerdings verliert Mafia 3 auch gegenüber den eigenen Vorgängern bei der direkten Gegenüberstellung. Eine Tatsache, die schmerzt.

Das erklärt vermutlich auch, weshalb es vorab keine Testmuster gab. In der Regel deutet dieser Umstand auf Unsicherheit: Keiner möchte Warnungen vor seinem Spiel zum Verkaufsstart lesen. Manchmal lösen sich derartige Herstellerbedenken in Wohlgefallen auf - zuletzt nachzulesen im Test Test "Doom - Es ist die Hölle auf Erden und ihr seid der Teufel mit der Schrotflinte". Manchmal bestätigen sich die düsteren Ahnungen. Mafia 3 hätte in dem aktuellen Stand der Technik vermutlich nicht auf den Markt kommen sollen. Die vorhandenen Fehler verwandeln Mafia 3 zwar nicht in ein grottiges Spiel, sie verhindern aber, dass es in höhere Wertungsregionen vordringt.

Die Abrechnung - warum Mafia 3 nicht überzeugt

Mafia strotzt vor technischen Mängeln und spielerisch fragwürdigen Entscheidungen. Je länger ihr spielt, desto mehr stolpert ihr über die Probleme. Was Entwickler Hangar 13 abliefert, unterschreitet Standards, die Spitzenspiele mittlerweile einhalten sollen. Darunten finden sich auch sehr banale Stolpersteine. Etwa vor einer verschlossenen Tür zu stehen, weil das Spiel das Ereignis nicht auslöst, ist blöd.

Nach einer Linkskurve hängt das Auto plötzlich halb im Boden. Bugs wie diese zermürben das Spiel.Nach einer Linkskurve hängt das Auto plötzlich halb im Boden. Bugs wie diese zermürben das Spiel.

Optisch bietet New Bordeaux zunächst ein fulminanten Anblick. Schmutzige Gassen, Regenpfützen in denen sich die Sonne spiegelt und jede Menge kleiner Gässchen, Sumpfgebiete und Hinterhof-Romantik. Doch die Spielwelt von Mafia 3 verhält sich wie so manche Tinder-Bekanntschaft: Sobald ihr das Augenmerk auf Details richtet, verliert sie einen Großteil ihres Zaubers.

Zunächst einmal stimmt etwas grundlegend nicht mit den Lichteffekten. Oft wirken Szenen überlichtet und es ändern sich die Verhältnisse innerhalb weniger Sekunden. Transparenzen scheint das Spiel auch nicht zu kennen: Bei unpassenden Kombinationen schaut ihr auf eine Wand aus Luft. Außerdem blinken Texturen und Schatten flackern im Grunde durchgehend. Personen bewegen mitten im Gespräch ihre Lippen nicht mehr. Meine Güte, was soll das? Nun gut, vielleicht lässt sich das genau wie die Sperre auf 30 Bilder pro Sekunde noch mittels eines Patches nachträglich beheben. Doch die Liste ist lang und es erscheint mehr als fraglich, ob solche Verbesserungen in einem halben Jahr überhaupt noch jemand jucken.

Lincoln belauscht eine Veranstaltung weißer Rassisten.Lincoln belauscht eine Veranstaltung weißer Rassisten.

Doch wenn etwas nachträglich noch verbessert werden sollte, dann bitte alls Erstes die Mikroschrift, die sich verschämt auf dem Bildschirm versteckt. Anzeigen und andere Texte sind so klein, dass ihr euch entweder einen halben Meter vor den Fernseher setzen oder dauernd aufstehen müsst, um etwas zu erkennen. Wieso fällt das keinem Entwickler auf? Das geht gar nicht. Auf dem PC-Monitor mag das noch funktionieren, auf Konsole keinesfalls. Liebe Entwickler, liefert bitte eine Option nach, die die Textgröße ändert!

Eine Welt ohne Liebe

Die Spielwelt selbst entlarvt sich nach wenigen Stunden als tote Kulisse. Tankstellen, Geschäfte, Passanten - alles was zunächst spannend erscheint, erweist sich als völlig belanglos und zu kaum einer Interaktion fähig. "Open World" ist etwas anderes, das hier erinnert eher an "Totes Meer". Für eine Mission von A nach B zu gurken verkommt schnell zur lästigen Routine bei der ihr die Vorspultaste vermisst.

Sodom und Gomorra in Mafia 3.Sodom und Gomorra in Mafia 3.

Da liegen zwar Schienen, aber fährt da überhaupt eine Straßenbahn? Gesehen haben wir jedenfalls nie eine. Abseits der Haupthandlung erwarten euch nur einige Sammelobjekte (Playboy-Cover, Schallplattenhüllen, Magazine, Schutzwesten, Sicherungen). Personen im Spiel stehen sich oft schweigend gegenüber, kaum einer verfolgt eine erkennbare Beschäftigung, es streuen keine Tiere durch die Gegend, nichts, tote Hose.

Das ist selbst gegenüber der eigenen Serie ein Rückschritt. Sogar Der Pate und Der Pate 2 liefern da mehr Abwechslung. Nicht einmal Wechselklamotten bietet das Spiel und auch keine Garage, in der ihr Autos bunkern könntet. Warum sollte ich hupen, wenn es keinen der Nichtspieler-Charaktere interessiert? Es macht nicht mal mehr Spaß, sich an Verkehrsregeln zu halten, da die Polizei ohnehin dauergewaltbereit unterwegs ist. Für einen Auffahrunfall darf es dann schon einmal der finale Todesschuss sein. Einen Mittelweg, etwa durch Bestechung, gibt es nicht. Gut, vielleicht gehört das zur Rassismus-Kritik des Spiels. Es darf jedoch bezweifelt werden.

Viele Gegner bevölkern den Saal.Viele Gegner bevölkern den Saal.

Traurig wird es bei einem Blick auf die Künstliche Intelligenz. Ein abgestelltes Auto sorgt bereits dafür, dass ein Computerfahrer wie die sprichtwörtliche Blondine beim Einparken hektisch am Steuer dreht und minutenlang planlos vor und zurück setzt. Auch bei den Missionen fallen die Gegner durch monotone Abläufe auf. Meist hockt ihr in einer Deckung und sondiert wie in Hitman Absolution mit einer Art "Instinkt-Sicht" die Lage. Gegner markiert das Spiel dabei rot. Dann lockt Lincoln per Pfiff fast jeden Feind einzeln heran und sticht ihn nieder.

Diese simple Schleichmechanik an sich markiert noch keinen Beinbruch. Dass allerdings nahezu alle Missionen darauf basieren, bricht dem Spiel im Mittelteil das Genick. Alle umbringen und etwas klauen oder zerstören - versteht ihr das unter einer offenen Spielwelt? Bis am Ende des Abenteuers wieder unterhaltsamer werdenden Missionen anbrechen, haben vermutlich die meisten Hobby-Mafiosi bereits das Handtuch geworfen.

Vito Scaletto - die Rätsel aus Teil 1 gelöst

Die Geschichte der Mafia-Serie ist bewegt. Mit dem ersten Teil erschuf der bis dato relativ unbekannte tschechische Entwickler Illusion Softworks aus Brünn einen Meilenstein der Videospielgeschichte. Aus dem Nichts setze das Verbrecher-Epos im Jahr 2002 Maßstäbe. Die Liebe zum Detail ist bis heute in jedem Pixel spürbar. Der aufstrebende Mafiosi Tommy Angelo und seine Stadt Lost Heaven liefern das atmosphärisch dichte spielerische Pendant zu den Pate-Filmen: Spannung bis zur großen Kraftprobe am Ende!

Wem teilt ihr die eroberten Bezirke zu? Eure Kumpanen Cassandra (vorne), Vito im Hintergrund und Burke (nicht im Bild) wollen alle kassieren.Wem teilt ihr die eroberten Bezirke zu? Eure Kumpanen Cassandra (vorne), Vito im Hintergrund und Burke (nicht im Bild) wollen alle kassieren.

Bei Mafia 2 packen die Entwickler acht Jahre später noch einen drauf. Allerdings nur technisch. Das Studio firmiert inzwischen unter dem Namen 2k Czech. Magische Momente bietet die offene Spielwelt einige. Dennoch merkt man dem Spiel an, dass wohl die Zeit gefehlt hat, die neue Geschichte um Vito Scaletta würdig zu Ende zu bringen. Trotz guter Ansätze und unterhaltsamer Stunden steht der Spieler nach dem Abspann mit einigen losen Handlungsfäden in der Hand vor einem Fragezeichen. Mafia-Veteranen erinnern sich vielleicht noch daran, dass Vito und sein Freund Joe Barbaro am Ende des Spiels getrennt werden und Joe in einem zweiten Wagen offenbar zu seiner Hinrichtung gefahren wird. Die Tschechen begannen danach zwar noch mit der Arbeit an Teil 3, doch letztlich löste der neue Besitzer 2k den Großteil der Mannschaft auf.

Der Auftrag für Mafia 3 landete bei Hangar 13 in Kalifornien. Mit kleinem, aber erfahrenen Team tüftelten die Damen und Herren an ihrer Vision eines dritten Teils. Sechs echte Jahre nachdem Vito Scaletta auf der Bühne erschienen war. Im Spiel selbst sind 15 Jahre vergangen. Es verschlägt euch von Empire Bay in den Bundesstaat Luisiana. Vito heuert ihr als euren Unterboss an. Design-Chef Matthias Worch verspricht Antworten auf die seit Teil 2 brennenden Fragen.

Bei Regen sieht die Gegend wunderschön aus.Bei Regen sieht die Gegend wunderschön aus.

Lohnt es sich denn für Liebhaber der Serie, Mafia 3 zu spielen? Nimmt sich der neue Entwickler Hangar 13 der losen Handlungsfäden an, die im Vorgänger schändlich ins Leere laufen? Ja, der neue Teil liefert Aufklärung. Immerhin ist Vito Scaletta, der Hauptdarsteller des Vorgängers, als einer eurer drei Verbündeten gegen den Marcano-Klan mit von der Partie. Wenn ihr Zusatzmissionen für Vito erledigt, erfahrt ihr am Ende ein paar Kleinigkeiten über Joe. Auch beim Epilog solltet ihr die Augen offen halten. Allerdings bleibt es bei Kleinigkeiten. Erwartet kein Familientreffen.

Morden mit Gefühl

Doch weshalb solltet ihr nach all der genannten Kritik überhaupt noch zugreifen? Gute Frage. Trotz der Mängel ist Mafia 3 kein Totalausfall. Das Spielgefühl an sich macht wirklich viel her. Die Autofahrten fühlen sich gut an, ihr spürt regelrecht den jeweiligen Untergrund unter den Reifen und die Tatsache, ob euer Gefährt über Heck- oder Frontantrieb verfügt. Auch die Waffen vermitteln ihre Durchschlagskraft, ohne dass dadurch mehr durch die Gegend fliegt als etwas Pixelblut. Körperteile bleiben immer mit ihren Besitzern verbunden, Mafia 3 ist derbe, aber keine Splatter-Orgie.

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Mafia 3 - neue Verbrechen in New Orleans

Wer sich nicht dauernd mit der Frage "Was wäre gewesen, wenn ...?" quält, vergnügt sich mit den vorhandenen Elementen und Aufgaben. Einige Denkwürdige Einsätze in Sex-Clubs und auf Drogen-Partys erwarten Lincoln außerdem. Die häufigen Gespräche im Tarantino-Stil erledigen ihr Übriges und lassen einen wohligen Testosteron-Schauer über euren Rücken laufen. Vielleicht hätten Hangar 13 statt das Spiel zu entwickeln besser einen Film drehen sollen. Aber gut, als Außenstehender lässt es sich im Nachhinein leicht kritisieren.

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Tags: Onkel Jo   Open World  

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