Das Spiel mit dem Rassismus

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (14. Oktober 2016)

Mafia 3 zeigt offen Rassismus und konfrontiert euch somit mit einem unangenehmen Thema. Wieso macht das kaum ein anderes Spiel?

Es kommt äußerst selten vor, dass Videospiele euch einen nicht-weißen Charakter spielen lassen. Zuletzt war es etwa Fifa 17, das euch nicht nur die Option, sondern tatsächlich keine andere Möglichkeit gab, als einen schwarzen Protagonisten zu wählen – so ihr denn die Einzelspieler-Kampagne spielen möchtet. Dies führte bedauerlicherweise direkt zu rassistischen Kommentaren einiger Spieler. Die Geschichte von Alex Hunter wird in Fifa 17 spielbar. Ein junger Spieler, der aus einem ärmlichen Arbeitermilieu aufsteigt zu einem der Top-Spieler seiner Liga. Doch blendet das Spiel dabei einen wichtigen Aspekt dieser Geschichte aus: Die Anfeindungen und Diskriminierungen, die so einen Spieler – leider – treffen würden, thematisiert das Spiel nicht.

Wahrscheinlich hat sich Electronic Arts gedacht, dass es sich eben nur um ein Spiel handele. Euch interessiert wohl vor allem der Spielspaß und nicht das schwere Schicksal des Protagonisten. Das ist auch verständlich – doch bleibt zu fragen, wieso nicht auch beides geht. Denn viele Videospiele lassen euch in einer Utopie spielen, in der die Diskriminierungen, die ihr heute kennt, nicht existieren. Es wird also eine Fiktion geschaffen, in der ihr in einer Anderswelt spielt – eine Welt, die unserer nur auf den ersten Blick ähnelt. Ein Final Fantasy 15 etwa schafft Welten, in denen zwar – teilweise – menschliche Figuren leben. Doch drehen sich deren Probleme mehr um den bevorstehenden Weltuntergang oder die große Liebe. Das ist nicht nur legitim, sondern kann auch eine wichtige Funktion haben: Das Ausblenden der Realität, das Hineinleben in eine Welt, die nicht bestimmt ist durch unsere gesellschaftlichen Regeln und Einschränkungen – eine Welt, die keine Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder Sexualität kennt.

Doch ist es unbestritten, dass viele Spiele anders funktionieren. Sie wollen „realistisch“ sein, wollen in einer Welt spielen, die unserer gleicht. Allerdings wollen diese Spiele sich dann nur allzu selten mit den Problemen auseinandersetzen, die unsere Realität nunmal mit sich bringt. Mafia 3 stellt sich diesen Problemen. Direkt zu Beginn des Spiels weisen die Entwickler euch darauf hin, dass das Spiel explizite rassistische Inhalte hat, dass ihr mit Äußerungen konfrontiert werdet, die die Entwickler sicherlich nicht gutheißen, die sie aber auch nicht ausblenden wollten.

Sobald ihr das Spiel dann startet werdet ihr auch merken, dass Mafia 3 keinen Bogen um diese Konfrontation macht. Der Protagonist Lincoln Clay – schwarzer Vater, weiße Mutter, so vermutet es der Adoptivvater – wird beschimpft, ausgegrenzt und stets von seiner Umgebung beäugt. Das alles, weil er nicht weiß ist. Mafia 3 (siehe Test) spielt dabei in einer politisch äußerst aufgeladenen Zeit. 1968 ist das Jahr in dem Martin Luther King umgebracht wurde. Eine Gegenkultur, die sich für Frauenrechte einsetzte und gegen den Vietnamkrieg, bestimmte das tägliche Leben. Aus diesem Krieg kommt Lincoln Clay gerade und muss versuchen, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Eine Gesellschaft aber, die schwarze Menschen diskriminiert – und somit auch euch. So gibt es etwa Bereiche im Spiel, bei denen ihr darauf hingewiesen werdet, dass es sich um eine vornehmlich „weiße“ Nachbarschaft handelt. Ihr werdet in diesen Gegenden sehr viel häufiger von der Polizei angehalten und oft auch direkt bestraft – dafür, dass ihr eine andere Hautfarbe habt.

Auf diese Weise werdet ihr als Spieler direkt mit den Problemen konfrontiert, die ihr selbst vielleicht gar nicht kennt. Sogenannte Minderheiten werden viel öfter Opfer von Gewalt – psychischer als auch physischer. Sie werden auch heute noch ausgegrenzt oder einfach „anders“ behandelt. Ein Spiel wie Mafia 3 schafft es, ein historisch akkurates Setting zu bauen – trotz der fiktiven Stadt New Bordeaux, die doch eindeutig New Orleans ist – ohne dabei das auszublenden, was diese Zeit ausgemacht hat: Politische Turbulenzen, Krieg, Rassismus. Das ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Videospiele postulieren, dass sie „realistisch“ sein wollen. Dieser Realismus darf sich nicht darauf beschränken, eine tolle Grafik zu präsentieren. Zum Realismus sollte auch gehören, die Gesellschaft abzubilden, so wie sie existiert: Divers, kompliziert und problematisch. Dann könnte aus dem Spielen – und natürlich sollte es auch immer Videospiele geben, die einfach nur Spaß machen – tatsächlich auch eine politische Erfahrung werden. Und wer weiß, vielleicht sind Videospiele dann irgendwann das Medium, das die gesellschaftlichen Probleme nicht nur aufgreift, sondern diese auch verändert.

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Tags: Politik   Singleplayer  

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