Test World of Final Fantasy: Appetithappen mit Nachgeschmack

von Micky Auer (26. Oktober 2016)

Bis zum nächsten großen "Final Fantasy"-Abenteuer lassen sich bereits die Tage zählen. Da kommt Square Enix mit einem Bonbon um die Ecke, das vor allem eingefleischte Fans der Reihe freuen wird.

Wenn ihr euch anseht, was der japanische Hersteller Square Enix in den vergangenen Monaten so auf den Markt gebracht hat, liegt der Schluss nahe, dass das Unternehmen vorhat, die Welt der Videospiele zu erobern. Da ist zum Beispiel das exzellente Deus Ex - Mankind Divided, eine stilsichere und spielerisch herausragende Fortsetzung der bekannten "Science Fiction"-Reihe. Dann kommt mit Dragon Quest - Builders ein überraschender und höchst willkommener Ableger der altehrwürdigen Rollenspielreihe auf den Markt.

Gut, Star Ocean - Integrity and Faithlessness (Verzeihung, aber allein der Name ist schon schwer verdaulich) blieb hinter den Erwartungen zurück. Das Episoden-Modell von Hitman schmeckt auch nicht jedermann, ist aber für Anhänger der Marke eine gern gesehene Weiterführung. Natürlich ist das alles noch rein gar nichts im Vergleich zu dem ganz großen Klopper, den die Japaner mit Final Fantasy 15 schon in der Konfetti-Kanone stecken habe.

Mehr zu den oben genannten Spielen erfahrt ihr hier:

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Eine Reise durch World of Final Fantasy

Was schleicht da so kurz vor der Veröffentlichung des lang ersehnten Rollenspiel-Heilbringers um die Ecke? World of Final Fantasy. Bereits auf der Spielemesse E3 2015 in Los Angeles wurde das knuddelige Abenteuer angekündigt. Nach der Vorstellung war aber niemandem so recht klar, worum es sich dabei eigentlich handelt. Auf den ersten Blick haben viele Zuschauer und Messebesucher gemutmaßt, dass es sich um ein "Free 2 Play"-Spiel für mobile Geräte handeln könnte. Der Schluss, es handle sich um ein typisches Puzzle-Spielchen, in dem ihr dafür sorgen sollt, gleich aussehende Reihen zu fabrizieren, lag ebenso nahe.

Hiroki Chiba, der Hauptverantwortliche für die Produktion sorgte alsbald für klare Sicht: World of Final Fantasy ist ein klassisches, rundenbasiertes Rollenspiel, dass sich an der großen Vergangenheit der Traditions-Serie bedient, jedoch eine neue Geschichte abseits der Hauptreihe erzählt. Ganze ohne "Free 2 Play"-Mechaniken und für PlayStation 4 sowie PlayStation Vita. Ja, ihr habt richtig gelesen: Für die PlayStation Vita kommt ein neues Spiel auf den Markt. Seltsam, aber so steht es geschrieben ...

Murkel, Miragen und Hünen

In World of Final Fantasy erlebt ihr die Geschichte der Geschwister Lann und Reynn, ihres Zeichens Zwillinge, die zunächst ohne ersichtlichen Grund in der Welt Grymoire aufwachen. Warum sie hier sind, wissen sie selbst nicht, denn ihnen fehlt jegliche Erinnerung an ihre Vergangenheit.

Ha! Wer braucht schon Hünen, wenn man einen Eisernen Giganten reiten kann?Ha! Wer braucht schon Hünen, wenn man einen Eisernen Giganten reiten kann?

Jedoch sind sie nicht allein. Grymoire wird nicht nur von freundlichen Charakteren, sondern auch von Ungeheuern bewohnt. Auffällig dabei ist, dass mit Ausnahme der Zwillinge sämtliche Figuren im sogenannten Chibi-Stil dargestellt sind. "Chibi" ist japanisch für klein oder zwergenhaft. Der Stil stammt aus dem Anime-Universum und findet gerne Verwendung in Zeichnungen, in denen starke Emotionen dargestellt werden sollen. Auch dann, wenn sich die Darstellung vom sonstigen Stil des jeweiligen Werkes unterscheidet. Ihr habt sicher schon mal Figuren gesehen, deren Augen und Münder dreimal so groß sind wie sonst, während der Rest des Körpers auf eine kindliche Form schrumpft - das ist dann chibi. Im Spiel wird auf Deutsch diese Erscheinung als "Murkel" bezeichnet. Ja, ähm ... und chibi ging nicht? Schade. Murkel klingt doch etwas nach trockenem Popel, chibi hätte sicher jeder Anime- und Manga-Fan sofort verstanden.

Das ist im Spiel jedoch nicht rein eine optische Ausdrucksform, die Chibi-Form findet auch spielerisch Verwendung. Denn wie erwähnt sind Lann und Reynn zunächst eher wie normale Menschen dargestellt. In den zahlreichen Kämpfen können sie sich jedoch in eine Chibi-Form verwandeln. Was sie dann anstellen können, wird gleich erläutert.

Zunächst jedoch geht es auf in die Weiten von Grymoire. Das Land wird von Miragen heimgesucht. Dabei handelt es sich um nichts anderes als die handelsüblichen Ungetüme, die sich zu großen Teilen aus den Spielen der "Final Fantasy"-Hauptreihe rekrutieren. Nur sind sie halt verniedlicht dargestellt. Lann und Reynn können zwar wahllos auf die Gegner eindreschen und sich so den Weg durchs Abenteuer bahnen, werden dabei aber nicht weit kommen. Sie verfügen über eine einzigartige Fähigkeit: Sie können mit den Miragen Freundschaft schließen. Was daraus resultiert, erinnert stark an Pokémon. Ihr fang euch Monster, trainiert sie und arbeitet an der Verbesserung ihrer Fähigkeiten, um sie im Kampf gegen die immer stärker werdende Gegnerschaft einzusetzen.

Hier kommt dann auch die Murkel-Form der Protagonisten zum Einsatz. Die beiden sonst als Hünen bezeichneten Geschwister schrumpfen auf kniehöhe und werden so zuckersüß, dass der Anblick im Hals kratzt. Gleichzeitig erhalten sie aber so auch die Fähigkeit, befreundete Monster auf sich zu stapeln. Das sieht nicht einfach nur putzig aus, sondern sorgt dafür, dass sich die Fähigkeiten der Kampftruppe verändern. Dabei kommt es zum Beispiel auch darauf an, an welcher Stelle so ein Monster im Stapel platziert ist. Kurzum: Was in älteren "Final Fantasy"-Spielen das bekannte Job-System darstellt, wird hier durch eine Stapelmechanik ersetzt, die trotz aller Knuddeligkeit erstaunlich effizient funktionert.

Oh nein, mein Kopf ... Ich kann mich nicht erinnern!

Jahre hat es gedauert, bis Final Fantasy den stereotypen Aspekten japanischer Rollenspiele entwachsen ist. Gerade mit Final Fantasy 15 soll der letzte Schritt in eine zeitgenössisch geprägte Spielmechanik vollzogen werden. Das heißt: Keine rundenbasierten Kämpfe mehr, keine Zufallskämpfe, keine Knuddel-Optik und keine endlosen, sich stets wiederholenden Dialoge um ständig wiederkehrende Themen. Überraschung: World of Final Fantasy verfügt über all das. Gäbe es eine Enzyklopädie japanischer Stereotypen in Videospielen, so wäre World of Final Fantasy die spielbare Version davon. Einen kleinen Einblick davon, was euch erwarten kann, findet ihr im Blickpunkt: "10 überstrapazierte Dinge in japanischen Rollenspielen (JRPGs)"

"Aieeeh! Mein Kopf! Ich kann mich ... an nichts erinnern." - Wer eine solche Szene kennt, hat garantiert schon mal ein JRPG gespielt."Aieeeh! Mein Kopf! Ich kann mich ... an nichts erinnern." - Wer eine solche Szene kennt, hat garantiert schon mal ein JRPG gespielt.

Das Spiel macht sich aber gar nicht erst die Mühe, diesen Umstand zu verschleiern, es zelebriert ihn stattdessen. Euch fliegt alles um die Ohren, was vermutlich zu Zeiten des SNES jeden Rollenspiel-Liebhaber zu sündteuren Grauimporten aus Fernost veranlasst hätte. Genau diese Aspekte sind es jedoch, die im Laufe der Zeit stark an Glanz verloren haben und durch neue, frische Herangehensweisen und Spielmechaniken abgelöst wurden. Dieses Spiel pfeift einfach mal gekonnt auf den kontemporären Stand der Dinge, will es doch - so wie es scheint - in erster Linie der eingefleischten Fan-Gemeinde gefallen, gleichzeitig aber auch neue Spieler an Bord holen. Auf einigen Ebenen mag das auch funktionieren, auf anderen werden vermutlich jedoch vor allem besagte neue Spieler abgeschreckt.

World of Final Fantasy ist so dermaßen "old school", dass die spielerische Darbietung gerade bei jüngeren Spielern für große Fragezeichen über den Köpfen sorgen könnte. Ob so oder so: Wer sich an das Abenteuer wagt, sollte viel Zeit und Geduld mitbringen. Die Hauptfiguren haben zwar keine Ahnung, warum sie in die Welt Grymoire gestolpert sind, jedoch hält sie das nicht davon ab, in endlosen und ganz ehrlich gesagt dümmlichen Dialogen vor sich hin zu schwafeln. Damit lebt einer der übelsten Aspekte japanischer Erzählungen wieder auf: Das ständige Wiederholen von vollkommen klaren Umständen. Noch etwas kehrt wieder, nämlich Zufallskämpfe in erschreckend hoher Anzahl. Ihr geht keine drei Schritte, schon findet ihr euch auf dem Kampfbildschirm wieder. Dieses Relikt aus einer längst vergangenen Zeit erweist sich heutzutage als äußerst sperrig und nimmt dem Gesamtbild viel an Attraktivität.

Auf der anderen Seite hingegen steht eine auf den ersten Blick simple, dann jedoch unumstritten komplexe Kampfmechanik. Die Monster-Stapelei erweist sich als spaßige Abwechslung und bietet ausreichend strategische Komponenten, die viel Raum für Experimente und kreative Ideen lassen. Schade nur, dass allein aufgrund der schieren Dichte an Kämpfen schon bald mehr Mühsal als Strategie um sich greift. Reiner Sammelspaß hingegen erwartet euch bei der Rekrutierung und Ausarbeitung neuer Miragen. Was in Pokémon funktioniert, ist auch hier eines der wichtigsten und unterhaltsamsten Elemente.

Sowohl positiv als auch negativ könnte die Gestaltung der zahlreichen Verließe ausfallen. Dort werdet ihr nämlich sehr viel Zeit verbringen, um jede Ecke nach Schätzen abzusuchen. Die Anzahl der Kämpfe lässt dieses Vorhaben jedoch schnell zur Mammut-Aufgabe werden. Ebenso auch das Lösen von Rätseln, die euch ständig quer durch die Gegend schicken, jedoch ohne Bindung an die Erzählung schnell zur inhaltslosen Zusatzaufgabe werden. Alte Rollenspiel-Hasen wird das vermutlich freuen, weil die lineare Gestaltung in modernen Rollenspielen aus Japan eher überhand nimmt. Neue Spieler hingegen werden die Sache vielleicht eher mit einer hochgezogenen Augenbraue angehen.

Dienst am vorhandenen Serienfreund

Wolke(n), Blitz und Gewittersturm! Was wie ein im Zorn ausgestoßener Fluch klingt, ist nichts anderes als die Aufzählung dreier bekannter Helden aus "Final Fantasy"-Spielen, nämlich Cloud, Lightning und Squall. Die trefft ihr in World of Final Fantasy nämlich auch, neben vielen weiteren bekannten Gesichtern, Gestalten und Kreaturen.

Shiva, Ramuh und Ifrit - Auch mit diesen drei mächtigen Kreaturen gibt es ein Wiedersehen.Shiva, Ramuh und Ifrit - Auch mit diesen drei mächtigen Kreaturen gibt es ein Wiedersehen.

Wenn ihr das Martyrium der endlos langen Verließe auf euch nehmt, werdet ihr zumindest ansehnlich belohnt. Einige der beliebtesten Figuren aus dem "Final Fantasy"-Universum kreuzen oft eure Wege. Manchmal zwar nur in Zwischensequenzen, trotzdem gehören diese Auftritte zu den Höhepunkten im Geschehen. Hier ist es den Entwicklern mit Eleganz gelungen, bekannte Gesichter so zu integrieren, dass sie sich in die Geschichte einfügen, ohne aufgesetzt zu wirken. Die Helden vergangener Abenteuer mögen zwar aus anderen Welten stammen, jedoch bewohnen und beschützen sie das Land Grymoire am Rande der Zeit. Das ist "Fan-Service" der schönsten Sorte und sorgt bei jeder Begegnung für feuchte Augen.

Manche dieser Figuren könnt ihr sogar im Kampf beschwören, damit sie für kurze Zeit an eurer Seite kämpfen. Sie direkt steuern könnt ihr allerdings nur bei besonderen Aufgaben, in denen es um diese "Champions" geht. Gerade diese Aufgaben sind ein deutliches Glanzlicht im Spiel. Anstatt dem Trott des Verließ-Ausräumens zu folgen, erwarten euch hier höchst abwechslungsreiche Aufgaben. Dazu zählen Puzzles, die mitunter ganz schön knackig werden können, wie auch Rennen gegen die Zeit. Diese Aktivitäten lockern das Geschehen auf und räumen auch den Kopf frei, damit ihr danach mit frischem Elan dem Hauptverlauf der Geschichte folgen könnt.

Besonders lobenswert ist der Umstand, dass diese speziellen Missionen jederzeit zur Verfügung stehen, wenn euch die modrigen Verließ-Umgebungen anfangen auf die Nerven zu gehen. Außerdem seht ihr hier die Hauptfiguren von großen Abenteuern endlich mal wieder in Aktion. Dabei ist es ganz egal, wenn diese "chibi" ausfallen. Sie machen einfach nur gepflegt Spaß.

World of Final Fantasy mag viele Wünsche offen lassen. Speziell wenn ihr bedenkt, aus welchem reichhaltigen Universum sich das Spiel bedienen kann. Jedoch sorgt im Endeffekt das Angebot an Ablenkungen und Spielvariationen dafür, dass ihr nicht in stets wiederkehrender Monotonie versinkt. Auch sei noch einmal erwähnt, dass das Zähmen und Trainieren der Miragen ein durchaus unterhaltsames Unterfangen darstellt, dass den kleinen Pokémon-Trainer in euch anspricht. Nur halt den, der lieber Final Fantasy spielt.

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Tags: Fantasy   Anime   Singleplayer  

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