Test Watch Dogs 2: Generation Smombie

von Michael Krüger (14. November 2016)

Nach einem düsteren Auftakt geht die Serie über Datenklau in die zweite Runde. Schriller, bunter, lauter - eine Geschichte von fehlender Moral und einer Unvernunft, die hoffentlich Fiktion bleibt.

In der Welt der Zukunft erreicht die Überwachung der Bevölkerung neue Ausmaße. Cyber-Kriminelle nutzen die großflächige Vernetzung von Systemen zu ihren Gunsten und verschaffen sich so überall Zutritt. Nach den Ereignissen aus dem ersten Teil in Chicago ist die Lage nur bedingt besser. In San Francisco scheint die Bedrohung sogar noch größer. Watch Dogs 2 wirft euch in den schrillen Untergrund der Hacker-Szene, wo Parties und Popkultur den Alltag bestimmen.

Als junger Hacker liegt euch die Welt zu Füßen. Ihr seht nicht Häuser, Menschen und Straßen, sondern einen Spielplatz des Chaos. Wo ihr auftaucht, fahren Autos von Geisterhand los und Türen öffnen sich mit einem Fingerschnippen. Für Moral und Anstand ist in dieser Welt scheinbar kein Platz. Wo ein kleiner Lüftungsschacht oder ein unachtsamer Wachmann ist, seht ihr eine Gelegenheit für einen Zugriff. Ihr hackt die Handys eurer Feinde, um sie abzulenken und nutzt ferngesteuerte Dronen und Fahrzeuge, um die Umgebung zu erkunden.

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Watch Dogs 2 - Willkommen in San Francisco

Kommt alles hart auf hart, verfolgen euch Autos in einer wilden Hetzjagd. Während eurer Flucht hackt ihr Ampeln und sorgt für Chaos hinter euch oder ihr jagt Gasleitungen in die Luft und sprengt so die Autos eurer Gegner. Scheinbar besteht die Welt nur aus Möglichkeiten der Zerstörung, die geradezu darauf warten, von euch genutzt zu werden. Lauft ihr durch eine Menschenmenge, seht ihr mögliche Verbindungen zu den Handys der Passanten. Scheinbar zufällig verfügbare Optionen tauchen vor euch auf und ihr wählt daraus, ob jemand betäubt, abgelenkt oder abgezockt wird. Ihr wollt jemanden beseitigen? Dann ladet doch einen Fahndungsbefehl hoch und lasst ihn verhaften. Oder ihr bezahlt eine Gang für die endgültige Erledigung dieses Problems. Die Möglichkeiten erinnern im Kern stark an den Vorgänger Watch Dogs, werden jedoch um eine überschaubare Zahl an Optionen erweitert.

Techno-Parties und lockere Moral

Nachdem Chicago in Watch Dogs mithilfe der Sicherheitssoftware ctOS vernetzt wurde, ist nun in Watch Dogs 2 San Francisco an der Reihe. Hier schlüpft ihr in die Rolle von Marcus Holloway, einem jungen Hacker. Da er aufgrund eines Fehlers im ctOS fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt wird, entscheidet er sich dazu, der kriminellen Gruppe DedSec beizutreten. Diese ist aus dem ersten Teil bekannt und vertritt eine Art "Robin Hood"-Moral. Für sie heiligt der Zweck allerdings die Mittel.

Für diesen Systemfehler will sich Marcus Holloway an Blume Industries rächen.Für diesen Systemfehler will sich Marcus Holloway an Blume Industries rächen.

Das Ziel der Gruppe ist die Bloßstellung von Blume Industries und ihrem Produkt ctOS 2.0, das San Francisco nicht nur komplett überwacht, sondern die Daten der Menschen zum Handel anbietet. Doch anstatt die Information über die finsteren Machenschaften einfach aufzudecken, plant die Hacker-Gruppe DedSec eine fragwürdige Aktion nach der anderen. Ganz im Sinne einer Generation aus Smombies, dreht sich nämlich alles nur um Follower. Smombies ist übrigens ein Jugendwort, das Menschen beschreibt, die unentwegt auf ihr Smartphone starren. Das passt auch zur Gruppe.

Euch wird an diesem bunten Haufen hipper Hacker schnell auffallen, dass sie Vernunft und Moral nicht besonders ernst nehmen. Jugendlicher Leichtsinn soll darüber hinwegtäuschen, dass ihr es eigentlich mit asozialem Gesindel zu tun habt. Selbst wenn ihr euch durchgehend unauffällig verhaltet und versucht, immer das Richtige zu tun, werdet ihr um schändliches Verhalten nicht herum kommen. Da das Spiel auf ein Karma-System verzichtet, ist es auch egal, ob ihr jeden Passanten in der Stadt umlegt. Häufig verständigt nicht einmal jemand die Polizei.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Doch diesem Phänomen des rücksichtslosen Verhaltens widmen sich sogar einige Elemente in der Spielmechanik. So nehmt ihr einen Großteil eures Einkommens durch Diebstahl ein. Am bequemsten geht das mit eurem Handy. Im Vorbeigehen überweist ihr euch der Reihe nach großzügige Summen von fremden Passanten. Persönliche Daten eurer Opfer dokumentieren dabei oft auf ironische Weise wie gefühlskalt ihr seid. 700 Dollar von einer allein erziehenden Mutter oder einem Opfer von Paranoia zu stehlen ist ganz sicher keine ruhmreiche Tat.

An eurem Budget für Waffen und neue Klamotten beteiligen sich Passanten unfreiwillig.An eurem Budget für Waffen und neue Klamotten beteiligen sich Passanten unfreiwillig.

Auch die Hauptmissionen und Nebenaufgaben bewegen sich in dieser Richtung. Im Grunde spielt ihr einen jungen Gangster in Hipster-Klamotten, der gerne Leute abknallt und dabei laut "YOLO!" brüllt. Und obwohl die Gruppe DedSec und ihre Mitglieder durchaus überzogen wirken, erreichen sie nicht den Punkt des Komischen. Die Späße zwischen den jungen Leuten verleiten kaum zu einem Schmunzeln und die Attitüde der supercoolen Pubertären driftet schnell ins Lächerliche. Das ist für euch als Spieler im schlimmsten Fall ein ernsthaftes Motivations-Dilemma.

Ein Blick zurück auf den Vorgänger zeigt das Problem deutlich: In Watch Dogs erlebt ihr einen spannenden Thriller, der den Protagonisten nicht nur immer wieder in unvorhersehbare Situationen bringt, sondern abwechslungs- und emotionsgeladen ist. Dieser rote Faden spendet über Stunden hinweg ausreichend Motivation, die Spielwelt zu erkunden und die darin möglichen Aktionen auszureizen. In Watch Dogs 2 fehlt ein solcher Antrieb. Natürlich möchtet ihr der zivilen Bevölkerung die Wahrheit über die Industriekonzerne verraten. Doch der Weg der Hacker-Gruppe ist rücksichtslos und oft albern.

Die Stadt lebt

Das soll nun allerdings nicht bedeuten, dass Watch Dogs 2 ein schlechtes Spiel ist. Abseits der unbequemen Handlung findet ihr eine detailreiche Inszenierung eines pulsierenden San Francisco. In guten Momenten ist der Grad der Authentizität mit dem von Grand Theft Auto 5 vergleichbar. Immer wieder belauscht ihr zufällig Gespräche beim Vorbeilaufen, die plausibel klingen und sich natürlich anhören. Doch es gibt hier und da auch Aussetzer. So fangen plötzlich aus dem Nichts Passanten an, aufeinander zu schießen oder eine Polizeistreife eliminiert unvermittelt einen unschuldigen Motorradfahrer und flüchtet danach wie von einer Straftat.

Manche Ereignisse in der Spielwelt erscheinen unlogisch.Manche Ereignisse in der Spielwelt erscheinen unlogisch.

Mechaniken wie diese schreien eigentlich nach Innovation. Ebenso die betagten Abläufe, wie das fluchtartige Verlassen eines Missionsgebiets mit anschließender Verfolgungsjagd. Diese verlaufen exakt nach einem Schema, das ihr zu Genüge aus anderen Spielen von Ubisoft kennt (Assassin's Creed lässt grüßen). Die Funktion, euch im Auto verstecken zu können, bereichert das Vorgehen dabei nur minimal. Im Grunde fühlen sich solche Spielszenen einfach ermüdend und träge an. Hierunter leiden auch die Kletter-Passagen.

Im Wesentlichen macht Watch Dogs 2 einiges richtig in Bezug auf Authentizität der Umgebung. Ihr könnt nämlich nicht einem Superhelden gleich einfach an Fassaden hochklettern. Nur wenn ihr technische Hilfsmittel wie einen Gabelstapler oder einen Fensterputz-Lift verwendet, erreicht ihr eure Bestimmungsorte. Da bleibt ein gewisser Stolz nicht aus, wenn ihr einen umständlichen Parcours hinter euch habt. Doch andererseits geht die Authentizität auf Kosten des Tempos. Besonders wenn ihr lange gespielt habt, ziehen sich Aufzugfahrten hin wie Kaugummi. Auch das Suchen nach einem geeigneten Aufstieg ist oft zäh und langweilig. So schön die Spielwelt ist und so logisch die Hindernisse in ihr, so unpraktisch ist sie eben auch häufig.

Wenn ihr schon lange im Auto sitzt, könnt ihr wenigstens die Aussicht genießen.Wenn ihr schon lange im Auto sitzt, könnt ihr wenigstens die Aussicht genießen.

Ähnliche Stolpersteine findet ihr in der Fortbewegung. Möchtet ihr zu einem entfernten Ziel, habt ihr diverse Optionen. Doch kaum eine der Möglichkeiten ist wirklich zufriedenstellend. Lauft ihr, braucht ihr irre lang, um anzukommen. Bestellt ihr euch ein Auto, wird dieses in der Regel einen Block weiter abgestellt. Ihr müsst also erst noch eine Weile hinlaufen. Wählt ihr die Schnellreise, wartet ihr während des Ladebildschirms. Mit etwas Glück könnt ihr allerdings ein Auto klauen. Doch bei weiten Strecken ist das nur bedingt praktisch. Das Fahrverhalten ist äußerst direkt und fühlt sich nach Arcade-Spielen an. Von einer Simulation sind die Fahrzeuge in Watch Dogs 2 also ein gutes Stück entfernt.

Fit unter der Haube

In Sachen Darstellung kann Watch Dogs 2 punkten. Abseits der Frage nach Geschmack in Bezug auf die Darstellung der jungen Hacker-Gruppe erlebt ihr hier eine bunte Spielwelt, die sich lebendig anfühlt. Dynamische Licht- und Wettereffekte sorgen für eine abwechslungsreiche Stimmung und auch die Landschaften, die verschiedenen Viertel der Stadt und ihrer Umgebung sind facettenreich.

Die Spielwelt und ihr Umfang sind großartig.Die Spielwelt und ihr Umfang sind großartig.

Für den richtigen Schwung sorgt eine große Auswahl an Musikstücken unterschiedlicher Kategorien, die ihr nach Belieben zu Abspiellisten zusammenstellen könnt. Das ist auch gar nicht schlecht. Immerhin könnt ihr so die teilweise dürftigen Sound-Effekte übertönen. Während manche Waffen einfach nur zu leise sind, gibt es wiederum Geräusche, die eure Nerven beanspruchen. So verfügen mehrere Autos über ein durchgehendes Pfeifen während ihr damit fahrt. Dummerweise kann die Tonspur für Motoren nicht heruntergedreht werden.

Die Höhepunkte von Watch Dogs 2 erlebt ihr fast beiläufig. Wenn ihr gerade auf einem Boot auf die Küste der schillernden Stadt zurast oder in einem reicheren Viertel vom Berg herab über die Lichter von San Francisco schaut, ist die Stimmung äußerst gelungen. Während Chicago im Vorgänger eher durch Grautöne besticht, ist die Farbpalette der neuen Stadt so breit gefächert, wie ihr es von der multikulturellen Metropole erwarten dürft. Besitzt ihr eine PS4 Pro bekommt ihr noch eine extra Portion Grafikzauber. Hier sind die Bilder sogar noch eine ganze Spur flüssiger und die Kanten wirken glatter. Und das bereits bei der Darstellung auf einem Fernseher, der kein 4K unterstützt.

Auch die Mehrspieler-Optionen sind vielversprechend, wenn es auch vor der Veröffentlichung noch wenig Interaktionen gab, da die Server noch leer sind. Die Idee ist jedenfalls nicht schlecht. Habt ihr Lust auf reichlich Action mit anderen Spielern, könnt ihr eure Spielwelt für sie öffnen und weiterhin den Missionen der Kampagne nachgehen. Wenn ihr anderen Spielern dann beiläufig begegnet, habt ihr die Gelegenheit, gemeinsame Koop-Aufgaben anzunehmen. Eine extra Herausforderung bieten Invasionen. Diese erlauben euch den Angriff auf fremde Spieler. Solltet ihr in San Francisco zu viel Ärger verursachen, wird ein Kopfgeld auf euch ausgesetzt, das sich andere Spieler durch eure Eliminierung sichern können. In der Theorie klingt das jedenfalls spaßig und passt auch gut in die Spielwelt von Watch Dogs 2, ist jedoch insgesamt gegenüber dem Vorgänger keine Neuerung.

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Tags: Singleplayer   Koop-Modus   Multiplayer  

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