Overclocking-Weltmeisterschaft: Stickstoff und Vaseline für höchste Taktraten

von David Dieckmann (07. Dezember 2016)

Bei der ersten Übertaktungs-Weltmeisterschaft brachten PC-Schrauber aus aller Welt ihre Hardware and die Grenzen. spieletipps stand mittendrin - und hat es überlebt. Trotz Temperaturen von bis zu Minus 196 Grad.

Ein verrücktes Bild: Ein Tischkreis, vollgestellt mit Mainboards, vereisten Kaffeekannen und Klopapier. Auf den Stühlen Männer aus aller Welt, hochkonzentiert, mit starrem Blick auf ihre Bildschirme. Einer bearbeitet gerade seinen "PC" mit einer Heißluftpistole. Ein anderer schüttet flüssigen Stickstoff in eine Röhre und erzeugt dabei eine Dampfwolke, auf die selbst Pfeifenprofi Gandalf neidisch wäre. Mitten in einem Industriegebiet in Berlin findet die erste "Overclocking-Weltmeisterschaft" statt. Der Gastgeber ist das Hardware-Versandhaus Caseking.

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Overclocking-Weltmeisterschaft in Berlin

Overclocking, also Übertaktung, kennen wahrscheinlich die meisten PC-Spieler unter euch. Es bedeutet, die Leistung eines PCs manuell "hochzuschrauben" - vergleichbar damit, ein Moped zu frisieren. Ein aufgemotzter PC leidet unter deutlich höherer Belastung, Komponenten können heiß laufen und sogar durchschmoren. Um dem entgegenzuwirken, greifen PC-Spieler normalerweise zu Wasserkühlungen und sorgen für gute Durchlüftung des Gehäuses. Was an diesem Sonntag in Berlin passiert, ist davon aber so weit entfernt wie das just erwähnte frisierte Moped von der Formel 1.

Die Leute an diesem Tisch pfeifen auf die Alltagstauglichkeit ihrer Konstruktionen. Ihr Ziel ist es, ihre Komponenten so weit wie nur irgend möglich auszureizen. Zum Vergleich: Ein Oberklasse-Prozessor eines PCs rechnet mit rund 4 Gigahertz (GHz). Herkömmlich übertaktet, lassen sich schon mal 4,5 GHz aus dem Chip rausholen. Die hier anwesenden CPUs werden auf über 6 GHz getreten. Ein absurder Leistungssprung. Um den zu erzielen, ohne dass euch eure Platine um die Ohren fliegt, braucht es extreme Maßnahmen. Herkömmliche Prozessorlüfter? Davon gibt es in diesem Gebäude genau einen. In einer Ecke liegen gelassen, ausgelacht, gedemütigt.

Extrem niedrige Temperaturen sind hier keine Seltenheit.Extrem niedrige Temperaturen sind hier keine Seltenheit.

Stattdessen montieren die Profis Röhren auf ihre Prozessoren, in die sie regelmäßig Stickstoff gießen. Der ist Minus 196 Grad kalt und kühlt den Prozessor selbst auf ähnliche Temperaturen. In diesem Zustand könnte ein Computer normalerweise nicht einmal hochfahren. Das hält er nur aus, wenn er gerade weit über seiner eigentlichen Volllast arbeitet.

Klar, das hier keine kompletten PCs zu sehen sind. Stattdessen bestehen die Konstruktionen aus Mainboards, die nackt auf den Tischen liegen. Das heißt, fast nackt. Denn sie sind mit Vaseline eingeschmiert, speziell lackiert oder mit Knete verkleidet: Zum Schutz vor Kondenswasser, das die Mainboards sonst töten würde. Um die Leistung ihrer Systeme zu messen, lassen die Kontrahenten unentwegt Benchmarks laufen - extrem rechenintensive Programme, die etwa ermitteln, wie schnell Prozessoren rechnen oder der Arbeitsspeicher arbeitet.

Bluescreen! ROFL!Bluescreen! ROFL!

Klar, dass es bei solch einer Extrembelastung zu Systemabstürzen kommt. In diesem Fall hallt ein lautes Sausen durch den Raum. Denn der betreffende Overclocker muss seinen PC wieder "gesund föhnen" - also mithilfe einer Heißluftpistole wieder auf eine Temperatur bringen, mit der er aus eigener Kraft starten kann.

Zu Anfang haben alle Anwesenden einige Stunden Zeit, um ihre Komponenten so hoch wie möglich zu treiben. Anschließend treten sie eins gegen eins in 30-minütigen Duellen gegeneinander an. Mit neuen, zufällig (aber immer paarweise gleich) ausgelosten CPUs und Benchmarks. Am Ende hält einer der Kontrahenten einen Pokal in der Hand: Der Kanadier "marc0053" kann sich im Finale gegen den Polen "Xtreme Addict" durchsetzen - den eigentlichen Favoriten des Teams, wie man uns verrät.

Ein verrücktes Hobby, ohne Frage. Aber kein sinnloses. Denn wie in der Formel 1 ermitteln Hersteller hier, was maximal aus ihrer Hardware rauszuholen ist - und unter Umständen auch, wie sie noch zu verbessern ist. Und wie in der Formel 1 resultieren viele dieser Ergebnisse in besseren Produkten für die Endkunden - also euch. Wer weiß - vielleicht gäbe es heutzutage keine "OC"-Modelle von Grafikkarten, die euch von Haus aus mehr Leistung bieten, wenn es keine Enthusiasten gäbe, die zeigen würden, was möglich ist.

Doch wie die Formel 1 ist dieses Hobby mit hohen Kosten verbunden: Wer in die kleine Welt der Extrem-Übertakter einsteigen will, braucht einen Stickstoffbehälter, sündhaft teure Hardware, Vaseline (hihi) und vieles mehr. 5.000 Euro, so verrät man, sei das geschätzte Startkapital, das es braucht, um hier mitzumischen. Wie in der Formel 1 bleibt also am Ende vor allem eins: Faszination. Der kleine Kreis an Menschen wird sich wieder in alle Welt verteilen: nach Indonesien, Kanada, Brasilien, Polen, Südafrika - oder nur ein paar Städte weiter gen Süden. Familie, Freunde und Arbeitskollegen können sich unter diesem Hobby womöglich wenig vorstellen. Doch an diesem Tag, in diesem Raum eines unscheinbaren Bürogebäudes in Berlin, waren die acht Kontrahenten mehr als nur verrückte PC-Schrauber. Sie waren Vorbilder.

Tags: Hardware  

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