Test Steep: Wintersport-Spektakel mit Stärken und Schwächen

von Jens-Magnus Krause (08. Dezember 2016)

"Steep" vereint vier Sportarten in einer frei erkundbaren Winter-Welt. Optisch brilliert das Spiel. Doch funktioniert Ubisofts Prinzip für offene Spielwelten auch bei Winter-Extremsport?

Alles offen: In Steep könnt ihr euch auf unterschiedliche Art und Weise fortbewegen - in einer offenen Winter-Spielwelt.Alles offen: In Steep könnt ihr euch auf unterschiedliche Art und Weise fortbewegen - in einer offenen Winter-Spielwelt.

Rein faktisch ist Steep ein Extremsport-Spiel, in dem ihr eine riesige Alpen-Winterwelt frei erkunden könnt. Auf eigene Faust - oder aber mit anderen menschlichen Online-Spielern.

Doch Steep ist im ersten Moment nicht das, was ihr vielleicht erwartet. Wer auf ein abgewandeltes SSX hofft oder gar auf eine Art Neuauflage des PS-Klassikers Cool Boarders, den lässt Steep mit gemischten Gefühlen zurück. Ja, es gibt diese einzigartigen Momente, in denen ihr das Spiel feiert. Es gibt aber mindestens genauso viele Momente, in denen das Spiel daran scheitert, euch das zu geben, was ihr euch erhofft. Und daran, wie überzeugend es aufgrund seiner Idee und seines Konzepts hätte sein können.

Wer SSX, Cool Boarders und deren tricklastige Steuerung samt übertriebenen Flughöhen vergisst, kann sich voll auf Steep einlassen. Dann versteht ihr auch, wo alle im Spiel vorhandenen Ideen und inhaltlichen Umsetzungen herkommen: aus Ubisofts Standard-Spielprinzip, nämlich dem der offenen Spielwelt.

Steep ist sozusagen das, was The Crew für Rennspiel-Liebhaber oder Far Cry 3 für "Ego-Shooter"-Fans ist. Mit allen Stärken und Schwächen dieses Spielprinzips.

Herausforderung nach Herausforderung

Der Grundgedanke hinter Steep lautet grob zusammengefasst: Spiele es so, wie du es willst. Und Abwechslung ist Trumpf. Dafür sorgt im ersten Moment die riesige Spielwelt, die sieben Regionen der Alpen beheimatet. Darunter fällt der bekannte Gipfel Mont Blanc zwischen Frankreich und Italien, die dichte Wald-Region Tirol und der italienische Teil des Matterhorn.

Abwechslungsreich: Mit vier Sportarten könnt ihr Spaß haben, nämlich Snowboard, Ski, Wingsuit und Gleitschirm.Abwechslungsreich: Mit vier Sportarten könnt ihr Spaß haben, nämlich Snowboard, Ski, Wingsuit und Gleitschirm.

Neben dieser Schauplatz-Abwechslung sind auch die vier Sportarten auf dem Papier ein Langeweile-Vermeider: Snowboarden und Skifahren sind dabei die Klassiker, Gleitschirm- oder Wingsuit-Flüge dagegen spielerisches Neuland für jeden Konsolen-Spieler.

Der Spielablauf dagegen basiert auf dem Wiederholen unzähliger, isolierter Herausforderungen. Jede dieser Herausforderung besteht immer aus zwei Vorgaben: einer Sportart und einem Ziel. Meistens müsst ihr eine Zeit unterbieten oder eine festgelegte Punktzahl überbieten. Nur dann bekommt ihr eine der begehrten Gold-, Silber- oder Bronzemedaillen.

Medaillen sind in diesem Spiel auch mit unterschiedlich hohen Beträgen an virtuellem Geld gleichzusetzen. Mit diesem könnt ihr euch neue Boards, Marken-Kleidungsstücke oder Ausrüstungsgegenstände wie eine Helmkamera zulegen. Eine Auswirkung auf eure Charakterfähigkeiten hat dies allerdings nicht. Weder verbessern die Boards eure Fahrfähigkeiten, noch macht euch die Ausrüstung widerstandsfähiger.

Übrigens steigt ihr durch bestandene Herausforderungen und gemachte Erfahrungen im Ranglevel auf, jedoch verbesseren sich die - ohnehin nicht angezeigten - Fähigkeiten eures Charakters nie. Ihr könnt übrigens auch keinen Charakter selbst erstellen, sondern nur voreingestellte Figuren anpassen.

Habt ihr eine Herausforderung gemeistert, ist es an der Zeit, weiterzuziehen und die nächste zu finden. Daneben gibt es noch die Berggeschichten, die einzigartige und ruhigere Herausforderungen sind, bei denen ihr beispielsweise im Dunkeln mit Kopflampe einem vom Computer gesteuerten Snowboarder bis ins Tal folgen sollt, um den Berg noch besser kennenzulernen. Zusätzlich erhaltet ihr bei guten Leistungen auch die Möglichkeit, von der Online-Spielerschaft erstellte Herausforderungen zu spielen oder von Sponsoren abgehaltenen Events beizuwohnen.

Vier Sport-Disziplinen zur Auswahl

Es erhöht euren Adrenalinspiegel ungemein, wenn ihr von einer hoch gelegenen Holzplattform mit eurem Wingsuit in die Tiefe springt, euer Charakter seine Arme ausbreitet und ihr dem Tal entgegenrast. Währenddessen fliegt ihr durch eingeblendete Tore der Ideallinie nach, um knapp über dem Boden oder in engen Felsspalten auf Punktejagd zu gehen.

Nah dran: Je waghalsiger ihr fliegt, desto mehr Punkte gibt es.Nah dran: Je waghalsiger ihr fliegt, desto mehr Punkte gibt es.

Mit dem Gleitschirm geht es eher nach oben als nach unten. Wenn ihr Aufwinde gezielt nutzt, könnt ihr sogar über Berge hinwegfliegen - und auf dem Weg durch die markierten Tore fliegen, um Punkte zu sammeln.

Beim Thema Wintersport dürfen natürlich auch die Klassiker Skifahren und Snowboarden mit ihren Zeit- und Punkteherausforderungen nicht fehlen.

Eines ist dabei klar: Die mit Adrenalinausstößen befüllten Momente sind die besten, die Steep zu bieten hat. Hier erlebt ihr hohe Gefahrenpotenziale in Form von vorbeirauschenden spitzen Felsbrocken, atemberaubende Geschwindigkeiten und Momente, in denen Steep über sich hinauswächst.

Manche Herausforderungen spielt ihr gerne immer und immer wieder - weil ihr euren Punkterekord auf der Piste mit den hohen Schanzen ein weiteres Mal überbieten möchtet. Diese Momente sind gleichzeitig fantastische Erinnerungen daran, wie unschaffbar schwer es in Steep ist, in einer Halfpipe die für Tricks benötigte Geschwindigkeit hoch zu halten - und damit auch den Spielspaß.

Spielstil-Wahl ohne klare Abgrenzung

Ihr als Spieler könnt nicht nur den Ort und die Disziplin eurer nächsten Herausforderung frei wählen - ihr könnt mit wachsender Erfahrung auch euren Spielstil definieren. In Richtung von sechs unterschiedlichen Varianten könnt ihr euch entwickeln: Entdecker, Extrem-Fahrer, Freerider, Freestyler, Pro-Fahrer und Knochensammler.

Übersicht: Hier seht ihr, welche Spielstile ihr verfolgen könnt.Übersicht: Hier seht ihr, welche Spielstile ihr verfolgen könnt.

In der Theorie ist es ein durchdachtes System, euch die freie Wahl zu überlassen. Das ist das, worum es in einer offenen Spielwelt ja auch primär geht. In der Praxis geht die Rechnung allerdings nicht auf. Dafür unterscheiden sich die Kategorien schlichtweg nicht eindeutig genug. Ihr könnt keine Herausforderung in einem Spielstil abschließen, ohne ein oder zwei weitere zu tangieren und euch dort ebenfalls zu verbessern.

Ein Beispiel: Als Freerider geht es darum, mit dem Snowboard seinen Weg ins Tal zu finden, auf möglichst coole Art und Weise. Als Extrem-Fahrer läuft alles ganz genauso ab, nur dass die Passagen etwas gefährlicher zu fahren und bestehen sind. Und als Knochensammler müsst ihr euch dabei noch möglichst viele Knochen bei Stürzen brechen. Die Abgrenzungen sind zu keiner Zeit eindeutig und ähneln sich zu sehr.

Hinzu kommt, dass einige Herausforderungen stellenweise brutal schwer sind. Das liegt häufig nicht an einem der drei vorbestimmten Schwierigkeitsgrade einer Herausforderung, sondern vielmehr an einem der größten Spielspaß-Störenfriede: der Physik.

Steep vereint auf rätselhafte Art und Weise die realitätsnahen, glaubhaften und ästhetischen Charakter-Animationen mit einer unfreiwillig komischen Spielphysik - zumindest beim Skifahren und Snowboarden. Denn nach Stürzen schaut ihr nahezu ausnahmsweise und mehr als 20 Sekunden lang zu, wie euer Sportler hilflos wie ein nasser Sack den Hang herunterwirbelt. Das kann zwar sehr lustig sein, jedoch nur, wenn ihr gerade keine Punktzahl erreichen wollt oder eine Zeit unterbieten möchtet. Das Ganze endet meistens damit, dass ihr per Tastendruck vom Startpunkt aus gefrustet neu anfangt.

Fahrt ihr bergab über Felsen oder gegen Bäume, kommt die Schadensanzeige zum Einsatz: der G-Meter. Ein weißer Balken nimmt bei zunehmenden Schaden ab und regeneriert sich danach wieder. Ist er durch zu starken Schaden dennoch mal bei null angelangt, fallt ihr um. Auf dem Weg dahin, schreit und stöhnt euer Charakter und das Bild verfärbt sich immer mehr in Richtung schwarz-weiß. Das Problem daran: es funktioniert nicht immer einwandfrei. Manchmal reicht ein Kratzer aus, damit der Snowboarder umfällt. In anderen Momenten kracht ihr gegen eine Felswand und die Schadensanzeige ist nur zur Hälfte geleert.

It's Tricky

Was den Spielablauf zusätzlich erschwert, ist das wenig intuitive Tricksystem. Mithilfe der rechten Schultertaste führt ihr Sprünge aus, der linke Analogstick sorgt für Drehungen und Salti - allerdings erst nach dem Absprung. Das klingt einfach und liest sich realistisch. Keine Frage. Wenn es funktionieren würde. Doch nach jedem zweiten Absprung bewegt sich euer Charakter in der Luft keinen Millimeter - trotz eindeutiger Stick-Eingaben. Schade, aber die Entwickler hätten vielleicht lieber auf ein Vorab-Aufladen der Drehung oder des Saltos, wie aus SSX bekannt, gesetzt.

Düster: Auch bei Dunkelheit könnt ihr euch den Hang hinabstürzen.Düster: Auch bei Dunkelheit könnt ihr euch den Hang hinabstürzen.

Gleiches Fehlverhalten existiert auch bei Sprüngen: Bei jedem Absprung werdet ihr das Gefühl nicht los, dass es hier zu Verzögerungen bei der Steuerungseingabe kommt. Ihr müsst zum Absprung die Schultertaste also viel früher loslassen, als ihr es vom Gefühl her machen würdet. Und zusätzlich verweigert euch das Spiel aus unerklärlichen Gründen manche Absprünge komplett.

In diesen Momenten sehnt ihr euch nach der direkten, intuitiven und schnellen Steuerung aus Tony Hawk's Skateboarding.

Ebenfalls nervraubend: An Geländern neben Holzhütten, an zu steilen Absprungmöglichkeiten oder auch an Felsvorsprüngen bleibt ihr mit eurem Board oder Charakter hängen. Und davon gibt es unglaubglich viele. Das Hängenbleiben ist nicht unrealistisch, aber bedeutet während einer Herausforderung, dass diese für euch gelaufen ist. Hier hilft nur ein Neustart, denn euer Boarder ist im Stand nahezu unbeweglich.

Die anderen zwei Sportarten lassen sich deutlich intuitiver steuern. Mit dem Wingsuit erlebt ihr adrenalingeladene Flugeinlagen, bei denen es richtig Spaß macht, so nah wie möglich am Boden entlang zu rauschen oder in letzter Sekunde Hindernissen wie Bäumen oder Felsen auszuweichen.

Das Gleitschirmfliegen ist das komplette Gegenteil. Langsam und gemächlich kommt ihr hier voran und könnt weite Strecken problemlos zurücklegen, und das auf gemütliche Art und Weise. Gerade deshalb fühlt sich diese Disziplin so unabdingbar an. Weil sie der ideale Gegenpart zu den drei schnellen Disziplinen ist.

Steep ist nicht nur für Einzelspieler geeignet. Im Gegenteil. Anstatt sich die Alpen mit vom Computer gesteuerten Charakteren zu teilen, fahren menschliche Spieler mit euch ins Tal. Ihr könnt euch in Gruppen zusammentun und in selbst erstellten Herausforderungen gegen andere Gruppen antreten.

Gemeinsam: Zusammen ist man weniger allein - das gilt für den Mehrspieler-Modus. Wahlweise auch aus der Ego-Perspektive.Gemeinsam: Zusammen ist man weniger allein - das gilt für den Mehrspieler-Modus. Wahlweise auch aus der Ego-Perspektive.

Des Weiteren könnt ihr Bilder und Videos von eurem Können aufnehmen und die Kamerawinkel frei wählen. Zusätzlich könnt ihr eure Leistungen in Herausforderungen in einer weltweiten Rangliste vergleichen.

Kartenexperten gesucht

Und dann gibt es da noch die Bergpanorama-Ansicht, oder einfach "Karte" genannt. Diese zeigt euch die komplette offene Spielwelt an. Jedoch gehen euch nach und nach die Herausforderungen aus. Dann müsst ihr eine sogenante "Drop-Zone", also quasi ein Basislager ausfindig machen. Diese sind auf der Karte mit einem Fernglas-Symbol gekennzeichnet. Habt ihr euch mit dem Gleitschirm auf einen Kilometer angenähert, könnt ihr das Basislager mit eurem Fernglas anvisieren und dadurch aktivieren. Damit schaltet ihr in der Umgebung neue Herausforderungen frei.

Übersichtlich: Auf der Karte könnt ihr alle verfügbaren Herausforderungen sehen. Nur eine Filter-Funktion fehlt leider.Übersichtlich: Auf der Karte könnt ihr alle verfügbaren Herausforderungen sehen. Nur eine Filter-Funktion fehlt leider.

Es ist wahrlich eine Karte, deren Höhen (Berge) und Tiefen (Täler) zum Erkunden einladen, alleine weil die Karte in 3D modelliert ist und nahezu jede Abfahrtmöglichkeit gut zu erkennen ist.

Dank der Karte könnt ihr jederzeit zu jeder entdeckten Herausforderung springen und nahezu ohne Ladezeit sofort losfahren. Später im Spiel könnt ihr euch auch per Hubschrauber an jeden Ort der Karte fliegen lassen. Gibt es dort doch mal mit dem Brett oder Gleitschirm unerreichbare Punkte, könnt ihr euch auch zu Fuß fortbewegen und den Berg erklimmen.

Neben der Karten-Optik überzeugt vor allen Dingen die Spielgrafik von Steep. Trotz manchmal in der Entfernung aufpoppender Elemente und kleineren Rucklern bei viel Bewegung auf dem Bildschirm, sieht das Spiel atemberaubend aus. Besonders dann, wenn der Pulverschnee im Gegenlicht der Sonne funkelt und das Snowboard ihn danach richtig hochwirbelt. Zusätzlich überträgt sich das Geschwindigkeitsgefühl durch einen Tunnelblick-Effekt wunderbar auf euch. Und fahrt ihr ohne Zeit- und Punkte- beziehungsweise Trick-Druck ins Tal, macht die Abfahrt mit dem Snowboard dank der dann einfach zu handhabenden Stick-Steuerung sogar viel Spaß.

Die im Spiel enthaltene Musik macht dagegen weniger Spaß. Im Vergleich zu Spielen wie Watch Dogs 2 ist der Soundtrack-Umfang nicht nur gering, sondern auch stellenweise extrem nervig. Zwar ist Musik immer Geschmackssache, aber Musikstücke in die Sparten Hip-Hop oder Electro pressen zu wollen, sollte den Entwicklern eine Lehre sein. Es gibt kaum bekannte Klassiker - demnach auch wenig Wiedererkennungswert, noch das aufregend Neue eines dahingehend überragenden Fifa 17-Soundtracks.

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Tags: Open World   Singleplayer   Multiplayer  

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