Test The Last Guardian: Liebe hat ihren Preis

von Michael Krüger (09. Dezember 2016)

Elf Jahre nach seinem vorherigen Spiel veröffentlicht Team Ico abermals eine ungewöhnliche Geschichte. Die Geburt eines neuen Meilensteins?

Für viele Langzeitprojekte ist 2016 das Jahr der Abrechnung. Heißersehnte Spiele erscheinen und stellen sich einer großen Herausforderung. Über Jahre angestaute Erwartungen wollen befriedigt werden und die Kritiker sind gnadenlos. Ja, wer lange für ein Produkt braucht, der sollte am Ende auch zeigen, dass sich die Wartezeit gelohnt hat. Rückblickend ist 2016 allerdings mehr Ernüchterung als pure Freude. Zu viele Hoffnungen, zu viele Enttäuschungen.

The Last Guardian befindet sich seit cirka zehn Jahren in der Entwicklung und lässt nun seit sieben Jahren auf sich warten. Nun stellt es sich wie so viele andere vor ihm ebenfalls dem Vergleich zwischen Erwartung und Realität. Und wieder schaut die Spielergemeinde argwöhnisch und mit geschärftem Blick auf das Ergebnis jahrelanger Arbeit.

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The Last Guardian - Trico lebt!

Dabei dürfte bereits im Vorfeld klar sein: The Last Guardian ist anders. Immerhin ist das verantwortliche Entwickler-Studio kein unbeschriebenes Blatt und sorgte bereits zwei Mal für denk- und merkwürdige Spielkonzepte, die maßgeblich Einfluss auf das Medium Videospiel nahmen. Seit Ico und Shadow of the Colossus ist viel Zeit vergangen. Die Spielelandschaft hat sich verändert. Auch aufgrund dieser beiden Spiele. Die wohl wichtigste Frage daher: Kann The Last Guardian gleiches leisten? Immerhin ist der Überraschungsmoment weg und der Markt heute ein anderer.

Vertrauen aufbauen

Bereits zu Beginn von The Last Guardian wird euch klar, dass die Spielmechaniken eng mit der Handlung und der Spielwelt verwoben sind. Nur wenn ihr aktiv werdet und die Steuerung bemüht, steht der kleine Junge auf, den ihr kontrolliert. Eure ersten unbeholfenen Schritte transportieren die Verwirrung über euren Aufenthaltsort. Neben euch entdeckt ihr ein Wesen, wie es nur in einem Märchen vorkommen kann. Groß wie ein Haus, die Statur eines jungen Hundes oder auch einer Katze und mit einem dichten Gefieder, wie es sonst Adler ziert. Doch fliegen kann das Fabeltier nicht, denn seine Flügel sind sichtlich verletzt und fast bis auf die Stummel gerupft.

Einem verwundeten Tier sollte man immer helfen.Einem verwundeten Tier sollte man immer helfen.

Natürlich wollt ihr ihm helfen und so sucht ihr Nahrung und nähert euch behutsam, um Speere zu entfernen, die aus der Haut von Trico ragen. Trico - unter diesem Namen ist das Wesen bekannt. Aus Angst wächst erstes Vertrauen. Euer Ziel scheint das gleiche zu sein: Herausfinden. Zum einen heraus aus diesem Keller und zum anderen den Grund eures Aufeinandertreffens heraus zu finden. Und so beginnt die gemeinsame Reise eines in vielen Belangen unterschiedlichen, doch gleichzeitig ähnlichen Paares.

Die Erzählung folgt keinem klassischen Aufbau und arbeitet kaum mit Bildern abseits der Protagonisten. Dennoch ist die Geschichte spannend und intensiv. Statt Dialogen sprechen Emotionen. Nur an wenigen Stellen erklären Untertitel den einen oder anderen Umstand, auch um euch eventuell einen Schubser in die richtige Richtung zu geben, wenn ihr einmal komplett im Dunkeln tappt.

Aus Mangel an Mut

Streng genommen ist The Last Guardian eine Kombination aus Puzzle- und Hüpfspiel. Ihr löst Rätsel, kombiniert Elemente der Spielwelt und absolviert Sprungpassagen. Das Spiel auf diese Nenner herunterzubrechen ist allerdings nicht nur falsch, sondern wird dem eigentlichen Spielerlebnis nicht mal ansatzweise gerecht. The Last Guardian verpackt nämlich jegliche Anzeichen einer aus Algorithmen bestehenden Spiel-Architektur in ein dichtes und flauschiges Kostüm aus Meta-Ebenen und Emotionen.

Ohne diese Hinweise wäre die Erfahrung noch intensiver.Ohne diese Hinweise wäre die Erfahrung noch intensiver.

Wo Spiele euch die Handlung für gewöhnlich in Form von Dialogen und aufwändig inszenierten Einblendungen um die Ohren hauen, fordert The Last Guardian euch dazu auf, die Spielwelt zu erforschen und euch mit den darin existenten Gesetzen vertraut zu machen. Der Lernprozess ist dabei passgenau auf den Verlauf der Reise und die darin lauernden Gefahren abgestimmt. Schade, dass den Entwicklern hier auf den letzten Metern der Mut gefehlt hat. Anstatt die Spielwelt wirklich durchgehend für sich sprechen zu lassen, bekommt ihr nämlich immer wieder Einblendungen zu sehen, die euch über die Steuerung aufklären.

Das nervt aus mehreren Gründen. Zum einen belegen die Hinweise einen zu großen Teil des Bildschirms. Zum anderen lassen sich die Einblendungen nicht deaktivieren. Und selbst wenn ihr euch schon kurz vor dem Ende des Spiels befindet, werdet ihr unaufgefordert an Befehle erinnert, die ihr bereits in den ersten Minuten des Spiels gelernt habt. Dabei würde das Spiel problemlos ohne diese ständigen Erinnerungen funktionieren. Es wäre sogar noch schöner.

Ursprüngliche Spielmechaniken

Abseits dieser unliebsamen Hinweise brilliert die Spielmechanik von The Last Guardian. Ihr gelingt es nämlich einerseits verstanden zu werden, gleichzeitig jedoch immer wieder Hürden zu schaffen. Einen wesentlichen Bestandteil stellt hier die Verständigung dar. Eigentlich kommuniziert ihr in The Last Guardian die meiste Zeit. Teils mit der Spielwelt, hauptsächlich aber mit eurem gefiederten Begleiter. Da ein Tier nicht spricht und ihr ohnehin die Worte des Jungen nicht versteht, bleiben euch nur Gesten und Laute. Diese einzusetzen ist allerdings nicht auf Anhieb logisch. Auch hier funktioniert The Last Guardian nicht wie andere Spiele. Der Schlüssel liegt nämlich in eurer Empathie.

Wie würdet ihr einem Tier Mut spenden?Wie würdet ihr einem Tier Mut spenden?

Eure Beziehung zu Trico stellt den Kern des Spiels dar - sowohl auf erzählerischer, philosophischer als auch spielerischer Ebene. Hier ist den Entwicklern etwas Großartiges gelungen. Dank der authentischen KI verhält sich Trico nämlich nahezu wie ein reales Tier. Egal, in welcher Situation ihr euch befindet, alle Bewegungen sind nachvollziehbar und ab einem gewissen Zeitpunkt im Kennenlernprozess auch vorher bestimmbar. Das funktioniert so gut, dass ihr während des Spielens zunehmend gegenseitiges Verständnis aufbaut. Vermutlich erwischt ihr euch schon bald dabei, dass ihr Trico wie ein echtes Tier wahrnehmt und euch entsprechend in ihn hineinversetzt und euch um ihn kümmert.

Nach einer aufregenden Situation beruhigt ihr mit im Grunde lächerlich kleinen Händen durch Streicheleinheiten das schnaubende Tier und spürt gleichzeitig durch die Vibration des Controllers wie sich sein Herzschlag beruhigt. Durch wildes Fuchteln oder energisches Aufstampfen lenkt ihr die Aufmerksamkeit eures Begleiters auf den eurer Meinung nach richtigen Weg. Wo Abstände zu groß sind, kann Trico springen, wo er hingegen zu groß ist, passt ihr hindurch. So unterschiedlich die Protagonisten sind, so gut ergänzen sie sich. Diese Elemente erzeugen mitunter brenzlige Momente.

Trotz eines überschaubaren Repertoires an Strukturen und Mechaniken bleibt die Spannung bis zuletzt auf hohem Niveau. Durch die enge Vernetzung der Spielwelt mit der Handlung, erledigt ihr nicht einfach eine Reihe von Rätseln, ihr beschreitet vielmehr einen irre steinigen Weg auf zwei Füßen und vier Pfoten. The Last Guardian lässt euch auf weiten Strecken vergessen, dass ihr es mit einem Spiel zu tun habt. Eine seltene Qualität.

Technisch nicht perfekt - das PS4-Pro-Problem

Es gibt allerdings auch Momente, in denen euch schmerzlich bewusst wird, dass es sich hier um ein Videospiel handelt. Neben den bereits erwähnten überflüssigen Hinweisen gibt es hier und da auch mal einen Clipping-Fehler. Während auf der PS4 Pro zumindest in 1080p alles stabil läuft, beklagen sowohl die Darstellung der Standard-PS4 als auch der 4K-Modus Einbrüche in der Bildwiederholungsrate. Mehr Details hierzu findet ihr in der News The Last Guardian: Nur auf PS4 Pro läuft es stabil. Auch die Kamera drückt hin und wieder auf die Spaßbremse. So verhakt sie sich mal in Tricos Gefieder oder rückt euch auf die Pelle, weil ihr zusammen mit einem viel zu großen Tier in einem viel zu kleinen Raum steht. Ob ihr das als störend empfindet liegt natürlich an euch. Angesichts der Bilder, die sie einfängt, könnt ihr der Kamera sicherlich verziehen.

In engen Räumen hat die Kamera nur wenig Spielraum.In engen Räumen hat die Kamera nur wenig Spielraum.

Denn was euch optisch wie akustisch in The Last Guardian geboten wird, ist wunderschön. Trotz matter Farben, die selten über Braun- und Grün-Töne hinausgehen, bietet die Spielwelt genug Abwechslung, um Langeweile im Keim zu ersticken. Angesichts des aufwändig gestalteten Gefieders von Trico sowie Wiesen und Büschen, bei denen jedes Blatt eigenständig auf den Wind reagiert, ist es kaum verwunderlich, dass sich The Last Guardian jede freie Ressource greift. Nicht zuletzt die Sorgfalt in der Darstellung ist für die großartige Atmosphäre von The Last Guardian verantwortlich.

Diese macht sich auch akustisch bemerkbar. Je nachdem in welcher Umgebung ihr euch aufhaltet, klingen die Rufe des Jungen und seines Begleiters anders. Hall, Echos und andere Effekte sorgen für ein authentisches Empfinden des Klangbildes. Überhaupt hat die Stimme von Trico ein besonderes Lob verdient. Undefinierbar und doch vertraut, jault, winselt und kreischt das Fabelwesen und sagt so einmal mehr jeglichem Zweifel an seiner Echtheit den Kampf an.

Wichtig!

Instinkt und Intuition bestimmen einen Großteil des Spielablaufes von The Last Guardian. An dieser Stelle daher ein wichtiger Hinweis: Solltet ihr vorhaben, es selbst irgendwann zu spielen, vermeidet unbedingt "Let's Play"-Videos und andere Detailinformationen über den Ablauf. Diese Spoiler berauben euch sonst womöglich der eigentlichen Erfahrung, die ihr mit dem Spiel haben könntet. Seid euch sicher: Dieses Rätsel ist es wert, allein gelöst zu werden.

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