Test Nioh: Es ist noch kein Samurai vom Himmel gefallen

von Michael Krüger (02. Februar 2017)

Ein unverbrauchtes Szenario, hochwertige Vorlagen und ein spannender historischer Hintergrund. Die Rezeptur für Nioh klingt solide. Doch wie originell ist das neue Spiel von Team Ninja?

So manch einer will es vermutlich schon gar nicht mehr hören. Fakt ist jedoch: Dark Souls, sowie seine Vor- und Nachfahren, gehören zu den einflussreichsten Spielen der vergangenen Jahre. Der hohe Schwierigkeitsgrad und große Mühen beim Erarbeiten des Spielverständnisses sind bezeichnend für die Reihe und mitverantwortlich für den anhaltenden Erfolg. Kein Wunder also, dass sich mittlerweile auch andere an der beliebten Formel versuchen.

So auch Team Ninja, die unter anderem mit ihrer Wiederbelebung von Ninja Gaiden immer wieder deutlich machen, dass sie euch gerne leiden sehen. Das macht die Sache natürlich erst recht spannend. Zumal das Studio dafür bekannt ist, immer wieder originelle Ideen hervorzubringen und bekannten Vorlagen einen eigenen Stempel aufzudrücken. Und das braucht es auch, angesichts der vielen Parallelen zwischen Nioh und den Souls-Spielen von From Software.

1 von 17

Nioh - Dark Souls trifft auf Ninja Gaiden

Statt Ritter gibt es zwar Samurai-Krieger und statt Seelen eine magische Energie namens Amrita, aber das wird kaum reichen, um eine Koexistenz zu rechtfertigen. Die spannende Frage ist also, wie viel eigene Ideen Team Ninja der bekannten Rezeptur hinzugibt. Die Hintergründe der Handlung sind jedenfalls schon mal vielversprechend.

Zischen Geschichtsunterricht und japanischer Volkssage

William Adams, ein englischer Schiffsnavigator, bereiste um das Jahr 1600 Japan. Genauer gesagt begleitete er eine englische Handelsflotte. Japan öffnete erstmals die Tore für den Rest der Welt und ließ fremde Schiffe anlegen. Für Adams begann eine turbulente Reise, die Jahre später sogar dazu führte, dass er als vermutlich erster Europäer zum Samurai erklärt wurde und den japanischen Namen Miura Anjin bekam. So in etwa geben es die Geschichtsbücher wieder.

Spielstart im Kerker: Kennt ihr das nicht irgendwo her?Spielstart im Kerker: Kennt ihr das nicht irgendwo her?

Nioh greift diese Begebenheit nun auf, addiert große Persönlichkeiten wie den Schwertmeister Hattori Hanzo und präsentiert euch eine eigene Interpretation von William Adams' Reise durch Japan. Dabei bedient sich die Handlung sowohl an tatsächlichen historischen Ereignissen, als auch an Elementen der japanischen Mythologie. Der Begriff Yokai ist euch durch das Spiel Yo-Kai Watch vermutlich schon geläufig. Dabei handelt es sich im Volksmund einfach um Geister. Diese können sowohl friedlicher als auch feindlicher Natur sein. Natürlich bekommt ihr es in Nioh fast ausschließlich mit der fiesen Sorte Yokai zu tun. So sind die Szenarien im Spiel einerseits an die Ereignisse zu Adams' Lebzeiten angelehnt, andererseits jedoch durchgehend mit gespenstischen Elementen geschmückt. Im Zentrum steht dabei sowohl der Kampf gegen feindliche Armeen und Banditen, als auch Bedrohungen aus dem Yokai-Reich. Immer wieder finden diese gespenstischen Wesen einen Weg in die Welt der Menschen und richten verheerende Schäden an.

Es ist spannend zu sehen, wie Nioh historische Momente mit einer Geschichte im Stil der "Dynasty Warriors"-Reihe verbindet und dabei gleichzeitig eine passende Bühne für die japanische Fabelwelt schafft. Über diese bekommt ihr auch eine Menge Informationen. Durch weitere Missionen vertieft ihr euer Wissen und erfahrt gleichzeitig etwas über die Hintergründe der Handlung. Da jedes Detail fein säuberlich katalogisiert und mit Bildern versehen zum Nachlesen im Menü bereitsteht, folgt ihr selbst komplexeren Handlungssträngen mit Leichtigkeit und lernt gleichzeitig Spannendes über die Akteure und die Welt in der sie leben.

Ein bewährtes Prinzip

Was der Handlung allerdings erst richtig Konsistenz verleiht, sind die Spielmechaniken. Diese verketten die Ereignisse durch qualvolle Wege. Kennt ihr Dark Souls oder Bloodborne, dann dürfte euch einiges bekannt vorkommen. Ihr spielt aus Sicht der dritten Person. Die Missionsgebiete sind zwar abgegrenzt, verfügen aber über mehrere Wege. Der Knackpunkt: Gebt ihr den digitalen Löffel ab, verliert ihr eure gesammelten Amrita. Diese Währung entspricht im Grunde Erfahrungspunkten, die ihr für das Ausschalten von Gegnern erhaltet.

Die kleinen Kodama sehen nicht nur putzig aus, sie locken auch mit niedlichen Klängen und weisen euch den Weg zum Schrein. Sobald ihr ihnen gezeigt habt, wo er steht.Die kleinen Kodama sehen nicht nur putzig aus, sie locken auch mit niedlichen Klängen und weisen euch den Weg zum Schrein. Sobald ihr ihnen gezeigt habt, wo er steht.

Um eure gewonnen Amrita einsetzen zu können, damit ihr eine Stufe aufsteigt, benötigt ihr einen Schrein. Doch wenn ihr an einem solchen betet, tauchen die meisten Feinde wieder auf und ihr müsst ihnen erneut entgegentreten. Also erkundet ihr die Spielwelt möglichst vorsichtig und versucht Abkürzungen zu öffnen, indem ihr beispielsweise eine Tür von der anderen Seite aufschließt oder eine Wand einreißt. Auch weitere Schreine sind hilfreich, um euer Ziel nach dem Versagen schneller zu erreichen.

Taktik steht hier klar im Vordergrund. Und das sowohl beim Erforschen eurer Umgebung als auch in jedem einzelnen Kampf. Egal wie klein und unscheinbar ein Gegner sein mag, macht ihr einen Fehler, kann das schnell euer letzter sein. Die Entwickler von Nioh sind also ebenso daran interessiert, eure Schmerzgrenze zu reizen, wie das Studio hinter Dark Souls. Und diese Rechnung geht auf. Das liegt vor allem daran, dass sich die Balance zwischen Anforderung und Machbarkeit konstant die Waage hält.

Taktische Tiefe und steinige Wege

Dem zu Grunde liegt das Kampfsystem von Nioh. Sechs Waffenarten, jeweils drei Kampfhaltungen, ein Arsenal an Zaubern und ein ausgeklügeltes System für die Ausdauer - viel mehr kann sich ein feudaler Krieger eigentlich nicht wünschen. Ihr entscheidet dabei selbst darüber, welche Kombination euch am ehesten liegt. Möchtet ihr gerne flink um eure Feinde hüpfen und sie mit Schnittwunden übersähen, findet ihr ebenso passende Ausrüstung wie für den Fall, dass ihr gerne hart und unbarmherzig stumpfe Gewalt wirken lasst. Die Auswahl an Waffen und den passenden Haltungen ergibt dutzende Möglichkeiten, die je nach Situation und Zubehör mal hilfreich und mal weniger hilfreich sind.

So mancher Boss-Kampf in Nioh könnte euch die Tränen in die Augen treiben. Erst vor Verzweiflung, dann vor Freude.So mancher Boss-Kampf in Nioh könnte euch die Tränen in die Augen treiben. Erst vor Verzweiflung, dann vor Freude.

Verfeinert wird die Rezeptur durch wählbare Schutzgeister, freischaltbare Fähigkeiten und eine umfangreiche Schmiede. Diese bringt sogar Elemente aus Diablo 3, wie die optische Anpassung von Ausrüstung, mit. Das klingt nicht nur nach einer großen Spieltiefe, das ist es auch. Eine ordentliche Zeit werdet ihr sicherlich mit der Verwaltung und Verbesserung eures Inventars aufbringen. Und das macht Spaß. Denn jede Änderung macht sich im nächsten Kampf bemerkbar. Auf diese Weise nimmt eure Neugier und Lust auf Neues auch nach Stunden nicht ab und ihr könnt euch nur schwer lösen.

Vorbereitungsphasen wechseln sich mit spannenden Missionen ab. Dabei ist jede Begegnung mit einem Feind zunächst ein Erlebnis für sich. Timing und die richtige Attacke sind der Schlüssel zum Erfolg. Doch jede eurer Aktionen verbraucht KI - in anderen Spielen auch gerne mal Ausdauer genannt. KI ist sozusagen eure Bewegungsenergie. Angriffe blocken, Schläge verteilen und Ausweichen dezimiert die grüne Leiste und zwingt euch zur Rast. Diese verwundbaren Momente solltet ihr natürlich vermeiden.

So drehen sich Kämpfe in Nioh um mehrere Aspekte. Während ihr gegnerischen Schlägen ausweicht und selbst versucht Treffer zu landen, haltet ihr eure sowie die feindliche KI-Leiste im Blick. Kommt ihr beispielsweise einem Yokai zu nahe und steht auf verunreinigtem Boden, wird eure KI-Regeneration aber blockiert. Es spielt also auch eine Rolle, wo ihr euch positioniert. Gleichzeitig könnt ihr die Erneuerung eures KIs auch beschleunigen, indem ihr nach einem Treffer einen sogenannten KI-Puls auslöst. So bleibt ihr dauerhaft handlungsfähig. Sinkt das KI eures Gegenüber auf Null, setzt ihr zu einem kritischen Treffer an. Auch diese unterscheiden sich je nach Waffe und Haltung. Es gibt irre viel zu lernen in Nioh.

Um die Kämpfe zu meistern, ist also vor allem Zeit von Nöten. Nur wenn ihr euch auf die gesamte Mechanik einlasst und sie euch zu eigen macht, werdet ihr Erfolgserlebnisse feiern. Und ja, die sind mindestens so großartig und euphorisch wie bei artverwandten Spielen, denn der Schwierigkeitsgrad reicht von hart bis bitter. Zahlen sich eure Mühen des Studiums und des Trainings aus und ihr besiegt nach dem x-ten Versuch einen Boss, ist der Siegesrausch dann umso intensiver. Und das vor allem deshalb, weil Nioh zwar zeitweise irre schwierig ist, aber dennoch stets fair bleibt. Möglich ist das dank der präzisen und direkten Steuerung. Wenn etwas schief geht, könnt ihr nur euch selbst die Schuld geben. Und trotz vieler Parallelen zu den großen Vorbildern, fühlen sich die Kämpfe in Nioh anders an. Sie sind äußerst dynamisch, lassen euch nicht von Beginn an Kontern und selbst wenn, verlangen sie von euch eine schnelle Reaktion sowie einen kühlen Kopf.

Ihr seid nicht alleine

Kriegt ihr einen Boss trotz großer Mühen nicht besiegt, wird es Zeit ein Opfer zu bringen. Am Schrein startet ihr die Suche nach einem zufälligen Mitspieler und spielt dann weiter. Findet das Spiel einen passenden Verbündeten, kann dieser euch unterstützen. Zumindest solange, bis er oder ihr die Mission beendet oder dabei scheitert. Der Gastspieler kann übrigens keine Kisten und Türen öffnen. Das ist komplett euch überlassen, wodurch ihr automatisch nahe beieinander bleibt.

Durch ein magisches Tor besucht ihr die Welt eines anderen Spielers.Durch ein magisches Tor besucht ihr die Welt eines anderen Spielers.

Aktuell könnt ihr lediglich kooperativ miteinander spielen. Einen PvP-Modus, in dem ihr andere Spieler überfallen könnt, soll es aber noch geben. Dieser soll als Aktualisierung eingespielt werden. Somit wären dann auch online alle Grundsteine der "Dark Souls"-Formel vollständig. Besuche in Form einer sogenannten Invasion gibt es in Nioh also noch nicht. Dafür könnt ihr Gräber fremder Spieler aktivieren und gegen ihren Geist kämpfen. Diese stellen sich mitunter als echte Herausforderung dar, locken allerdings auch mit hochwertigen Belohnungen.

Technische Probleme im Koop-Modus, wie sie noch in der Alpha- beziehungsweise Beta-Phase vorhanden waren, scheinen fast vollständig beseitigt worden zu sein. Zwar kann beim Starten eines gemeinsamen Spiels die verbündete Figur etwas hin und her springen, das ist allerdings nur von kurzer Dauer. Ansonsten läuft das Spiel ebenso flüssig, wie es ohnehin schon der Fall ist. Denn Nioh sieht richtig schick aus.

Bildgewalt

Überraschenderweise bedient sich Nioh einer größeren Farbpalette als ihr es zunächst vermuten würdet. So düster die spielbare Demo war ist zwar auch der Anfang des Spiels, doch hier und da genießt ihr sogar goldene Sonnenstrahlen und werdet immer wieder von frischen Ideen überrascht. So schafft es Nioh trotz einer deutlichen Tendenz ins Finstere hier und da Akzente zu setzen. Alleine schon die Schutzgeister sind ein Höhepunkt für sich. Jedes dieser mystischen Tiere erstrahlt in einer anderen kraftvollen Farbe. Dank des Kontrasts zur Umwelt kommt es so zu bezaubernden Auftritten.

Preiset die Sonne! Nein, halt. Das war ein anderes Spiel.Preiset die Sonne! Nein, halt. Das war ein anderes Spiel.

Ansonsten erinnert die Optik von Nioh etwas an die "Dynasty Warriors"-Reihe. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass ähnliche Szenarien und Epochen im Mittelpunkt stehen. Auch die Zwischensequenzen und Dialoge in Form von Portraitaufnahmen zeigen die Handschrift der Kultserie. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die rein japanische Vertonung. Die Texte sind auf deutsch.

Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Qualitativ lässt sich Nioh kaum etwas vorwerfen. Sowohl die Zwischensequenzen als auch das Spielgeschehen sind hübsch inszeniert. Gelegentliches Flackern am Nachthimmel bleibt glücklicherweise die Ausnahme. Abgesehen davon ist das Bild durchweg scharf. Auf der PS4 Pro habt ihr sogar die Wahl zwischen drei Einstellungen. So könnt ihr die Bildwiederholungsrate konstant auf 60 Bildern oder 30 Bildern pro Sekunde halten. Je nachdem wie hoch die Kantenglättung sein soll. Egal wie ihr euch entscheidet, das Bild ist eine Wucht. Trotz vieler offensichtlicher Parallelen zu bereits erwähnten Serien verfügt Nioh über eine einzigartige Atmosphäre.

Das zeigt sich sowohl in ruhigen als auch hektischen Szenen. Betrachtet ihr die Umgebung genauer, wird euch der hohe Detailgrad auffallen. Dieser macht sich nicht nur optisch bemerkbar. Selbst unscheinbare Kleinigkeiten verfügen über eigene Geräusche. Kerzen flackern und knacken, Wind bricht sich an Wänden - Die Spielwelt von Nioh wirkt trotz der Omnipräsenz des Todes unglaublich lebendig und greifbar. Die dichte Klangkulisse ist hier sicherlich hilfreich und dient gleichzeitig dem Wiedererkennungswert. Und den hat Nioh.

Weiter mit:

Inhalt

Tags: Singleplayer   Fantasy   Horror   Koop-Modus  

Kommentare anzeigen

Conan Exiles: Noch ein steiniger Weg

Conan Exiles: Noch ein steiniger Weg

Blutgetränkter Sand, schreckliche Mutationen und orientalische Stripperinnen - Conan der Barbar ist ein beliebtes (...) mehr

Weitere Artikel

Overwatch: Profi zerlegt ein komplettes Team in einem Turnier

Overwatch: Profi zerlegt ein komplettes Team in einem Turnier

In einem College-Turnier zeigt ein Spieler, wie Lucios Spezialattacke in Overwatch ein komplettes Team demoralisieren k (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Nioh (Übersicht)