Test For Honor und blutige Nahkämpfe: Ubisoft setzt auf die Online-Karte

von Joachim Hesse (16. Februar 2017)

Endlich ist es da. Mit For Honor holt Ubisoft zum großen Rundumschlag aus. Wen das Nahkampf-Spiel damit von den Beinen holt, wird sich zeigen. Geschichte schreibt es in jedem Fall: Es ist der letzte Test von Onkel Jo für spieletipps.

"Server werden kontaktiert", "Kritischer Fehler". Sofern ihr nicht online seid oder die Ubisoft-Server es nicht wollen, könnt ihr For Honor abhaken: Das Nahkampf-Getümmel mit Rittern, Wikingern und Samurai läuft generell nicht ohne Internet. Auch für den Einzelspieler-Modus zwingt euch das Spiel online zu sein. Nehmt ihr diese Hürde, erwartet euch ein intensives Gemetzel mit Stärken und Schwächen.

Ein vollwertiges Schwertkampf-Spiel hat sich schon eine Weile nicht mehr auf dem Bildschirm blicken lassen. Sogesehen kommt For Honor zur rechten Zeit. Das Spiel liefert die Schlachten, nach denen es virtuelle Krieger dürstet. Selbst die weiblichen Figuren wirken in ihren Ganzkörperpanzern wie aus Testosteron geschmiedete Kriegserklärungen. Die Sprecherin verspricht "die größten Krieger, die die Welt je gesehen hat". Auf gewisse Weise hat sie damit recht.

Pfeile bohren sich in Muskeln, Streitäxte treffen auf Schilde, Morgensterne zertrümmern Schultern, Zweihandklingen durchtrennen Kehlen - all das bekommt der Nahkampfliebhaber. Ihr mäht euch durch Horden kleinerer Gegner. Interessant wird es, wenn ihr auf größere Brocken trefft. Das Kampfsystem basiert im Kern auf einer Art "Stein, Schere, Papier"-Prinzip. Bei dem Gegner, den ihr fixiert, seht ihr per Anzeige, ob er euch links, rechts oder oben taxiert. Färbt sich die Anzeige rot, folgt ein Angriff. Ihr könnt dem ausweichen oder ihn blocken, sofern ihr ebenfalls die passende Richtung gewählt habt. Hinzu kommen Feinheiten wie Stöße, Ausdauer, Wutangriffe und Kombinationen. Alles in allem führt die simple Methode zu recht intensiven und zackigen Duellen.

Gesichtsloses Vorglühen für den Mehrspieler-Modus

Die Handlung fesselt allerdings weniger als die Speisekarte einer Imbissbude. Da hätte sich Ubisoft wenigstens mal bei Ryse von Crytek (siehe Test) inspirieren lassen sollen. Bei den oft dumpf mit Gesichtsschutz vorgetragenen deutschsprachigen Dialogen fehlt im Grunde nur noch Rapper Cro, um der Karneval-Atmosphäre die Panda-Maske aufzusetzen.

Eure Mission: Im Getümmel den Überblick bewahren.Eure Mission: Im Getümmel den Überblick bewahren.

Ihr springt in den 18 Missionen in die Rollen diverser Charaktere. Nicht die einzige Parallele zu einem Call of Duty. Abschnitte mit einem Pferderitt oder ein knackiger Bosskampf sorgen letztlich für einen ausfüllenden Heldenalltag.

Spätestens nach den beiden Beta-Phasen war klar, dass das Spiel auf das Standbein "Online-Gefecht" setzt. Nun bestätigt die Vollversion diesen Eindruck. Die Kampagne fühlt sich wie ein großes Testgelände für den Mehrspieler-Bereich an. Spielerisch entsteht dadurch für Einzelspieler ein gewisses Gefühl der Leere.

Wo andere Spiele den Solisten mit eine Fülle an abgefahrenen Ideen und immer größer werdenden Feinden bei der Stange halten, spult For Honor routiniert sein auf den Mehrspieler-Modus zugeschnittenes Arena-Konzept ab. Das besteht in der Regel daraus, Zonen einzunehmen und kleine und größere Gegner auszuschalten. Die Interaktionsmöglichkeiten mit der hübschen, aber statischen Mittelalterkulisse bestehen darin, ein paar Töpfe einzuschlagen und Sehenswürdigkeiten zu finden, zu denen das Spiel dann zwei Sätze zum Besten gibt.

Der Murmeltier-Effekt

Die Entwickler würzen das Geschehen mit Zwischensquenzen und verlassen sich darauf, dass ihr die Levels immer und immer wieder spielt - in der Hoffnung bessere Ausrüstung abzustauben. "Grinden", "Looten", "Leveln" nennt das der Nerd im Fachjargon. Spieler von Destiny und The Division kennen die Tretmühle, die durchaus Spaß bereiten kann. Gesehen habt ihr alle Missionen innerhalb weniger Stunden.

19 von 30

For Honor: Schwertmeister gesucht

Netterweise dürft ihr kooperativ in die Schlacht ziehen. Allerdings nur mit zwei Spielern. Spieler 2 entpuppt sich dabei als Beiwerk: Ihr kloppt euch eben fortan zu zweit durch das Geschehen. Speziell auf Zusammenarbeit ausgelegte Abschnitte wie früher bei World of Illusion oder gar den Raids in Destiny existieren nicht. Im Gegenteil: Bei Boss-Kämpfen verbannt das Spiel den zweiten Teilnehmer gar in die Rolle des Zuschauers.

Größere Spielerzahlen von bis zu vier gegen vier Kämpfern oder Kämpferinnen bleiben zudem den Mehrspieler-Modi vorbehalten. In Modi wie Duell, Handgemenge, Herrschaft und Deathmatch begebt ihr euch in die Schlacht. Es gibt auch zeitabhängige Ereignisse und den sogenannten Fraktionskrieg: Alle zehn Wochen soll eine Saison enden und sich die Grenze zwischen den Ländereien der Ritter, Wikinger und Samurai verschieben. Das wirkt sich dann auch optisch auf die Schlachtfelder aus.

Die Gefechte selbst fordern Geschick, laufen aber auch mitunter chaotisch ab. Während ihr bei Duellen zumindest noch euren Kontrahenten im Visier habt, fallen euch im restlichen Mehrspieler-Teil auch gerne andere Mitspieler in den Rücken. Am meisten Spaß bereitet das Spiel wie ein Rainbow Six - Siege mit einer eingespielten Mannschaft. Eingespielte Gruppen, die Karten und Waffen aus dem Effeff kennen und sich regelmäßig auf ihren Lieblingsschlachtfeldern treffen - das scheint auch letztlich das, was For Honor etablieren möchte.

Fakten:

  • Internetverbindung zum Spielen zwingend notwendig
  • 3 spielbare Fraktionen: Wikinger, Samurai, Ritter
  • Einzelspieler-Kampagne mit wechselnden Rollen
  • 18 Einzelspieler-Missionen
  • 4 Schwierigkeitsgrade (leicht, normal, schwer, realistisch)
  • Kooperativ-Modus für zwei Spieler
  • Mehrspieler mit 4 Modi für Online-Kämpfe plus "Events"
  • keine dedizierten Server
  • Mikrotransaktionen sind Teil des Spiels
  • regelmäßige Erweiterungen geplant
  • erhältlich für PC, PlayStation 4 und Xbox One

Meinung von Joachim Hesse

Es gibt kaum einen Entwickler, der das Mittelalter so prächtig inszeniert wie Ubisoft. Seit Assassin's Creed möchte ich am liebsten vor den Burgen und Häusern der Ubi-Spiele auf die Knie fallen und Loblieder anstimmen. Die Spielmechaniken selbst hinterlassen hingegen mitunter einen faden Beigeschmack. Auch For Honor fehlt es hierbei etwas an Würze.

Ich hatte mir einen brachialen Nahkampf-Epos erhofft. Dafür wirkt das Spiel auf mich jedoch zu kompliziert, chaotisch und letztlich auch ohne inhaltlichen, roten Faden. Wer hatte denn die Idee, die Figuren fast rund um die Uhr mit heruntergeklapptem Visier herumlaufen zu lassen? Zu den Blecheimern baue ich dadurch so viel Nähe auf wie zu meinem Kühlschrank. Auch die Geräuschkulisse wirkt etwas schwachbrüstig.

Auf der anderen Seite punktet For Honor mit ausgefuchsten Online-Duellen. Seinen Reiz zieht es letztlich aus dem Wunsch, meine Spielfiguren mit immer besseren Rüstungen, Waffen und Gaben auszurüsten. Die Klamotten gewinnen in meinem Herzen sofort den ersten Platz bei Mittelalter Shopping Queen. For Honor drückt da gekonnt die gleiche Sammeldrüse wie ein Diablo, Destiny oder auch World of Warcraft.

Ein abschließendes Urteil möchte ich heute noch nicht treffen. Bei einem Spiel das derart auf Online-Erlebnisse setzt, kann sich da noch einiges verschieben. Nicht nur durch die laut Ubisoft langfristig geplanten Erweiterungen, sondern auch durch das Verhalten der Mitspieler. Potenzial ist vorhanden, das habe ich bereits auf der Gamescom festgestellt. Entweder For Honor wird das nächste große Online-Ding für Nahkämpfer oder in zwei Monaten spricht kein Straßenschläger mehr davon. Nehmt die Wertung unten also als vorläufige Momentaufnahme. Mir persönlich macht es aktuell Spaß, ich vermisse allerdings einige Feinheiten. Die je nach Plattform mal mehr oder weniger häufigen Verbindungsabbrüche sollte Ubisoft unbedingt noch in den Griff bekommen. Erst dann wird sich zeigen, ob das "Zeitalter der Wölfe" wirklich bevor steht.

Noch ein paar Worte in eigener Sache. Das war mein voraussichtlich letzter Test für spieletipps. Ich verlasse das Magazin, um mich neuen Herausforderungen zu stellen. Danke an euch alle für euer Vertrauen, Leidenschaft und die freundlichen Worte und Begegnungen. Ihr seid ein einzigartiges Publikum und ich habe es meistens genossen mir für euch neue Artikel und Videos auszudenken. Ich wünsche euch alles, alles Gute! Auf Wiedersehen!

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meint: Optisch herausragendes Online-Nahkampfspiel mit Rittern, Wikingern und Samurai. Es zieht seinen Reiz aus dem Aufrüsten des Charakters.

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Tags: Onkel Jo   UPlay   Online-Zwang   Multiplayer  

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