Vorschau Nier - Automata: Neustart in einer alten Welt

von Micky Auer (13. Februar 2017)

Nier ist in vielerlei Hinsicht ein großartiges Spiel, doch viel zu wenige Leute kennen es. Das soll sich nun mit der Fortsetzung Nier - Automata grundlegend ändern.

Mit Nier ist das so eine Sache. Als das Spiel 2010 für PS3 und Xbox 360 erschien, erhielt es zu Recht durchwegs positive Kritiken. Dennoch blieb es der breiten Masse verborgen. Zu unspektakulär war die Aufmachung, zu gering das Interesse an "schon wieder einem JRPG". Wer sich dennoch darauf eingelassen hat, dem wurde auf erzählerischer Basis schier der Boden unter den Füßen weggezogen. Dementsprechend hat sich eine erlauchte Fan-Gemeinschaft entwickelt, die sich schon seit Jahren eine Fortsetzung wünscht.

Die steht nun mit Nier - Automata vor der Tür. Hersteller Square Enix will sich diesmal die Chance nicht nehmen lassen, die Werbetrommel für das neue Abenteuer etwas lauter zu rühren. Gleichzeitig sollen die vorherrschenden Kritikpunkte am Vorgänger ausgemerzt werden. Das ist gelungen, zumindest zum größten Teil, wie wir beim Anspieltermin in Hamburg selbst feststellen konnten.

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Die ersten Eindrücke aus Nier - Automata

Ein großer Punkt, der verwöhnte zeitgenössische Spieler vom Genuss von Nier abgehalten hat, war die etwas bleich geratene und mitunter leblose Optik sowie das wackelige Echtzeit-Kampfsystem. Was wiederum überzeugen konnte, waren die unglaublich tiefgründigen Charaktere und die Geschichte, die noch dazu auf eine Art und Weise erzählt wurde, die so manchem Spieler die Kinnlade runterklappen ließ. Verraten soll aus Spoiler-Gründen hier natürlich nichts werden, aber so viel sei gesagt: Wenn ihr in Nier ein "Neues Spiel +" startet, erwarten euch neue Informationen und Hintergründe, die das gesamte Geschehen völlig auf den Kopf stellen und euch mit dem Gedanken hinterlassen: "Oh nein, was hab ich bloß getan?!?"

Dieser starke Hintergrund soll bestehen bleiben. Um Grafik und Kampfsystem aufzupolieren, haben sich die Mannen rund um den leitenden Entwickler Taro Yoko die Hilfe von Platinum Games geholt. Die haben ja zum Beispiel mit Bayonetta hinlänglich bewiesen, wie ein fulminantes und komplexes Kampfsystem auszusehen hat. Hier stellt sich nun natürlich die Frage: Tut einem Action-Rollenspiel im Stile von Nier - Automata so etwas auch wirklich gut, zumal es hierbei weniger um Action als um eine packende Geschichte geht? Gehen wir also ins Detail.

So tot ist die tote Welt gar nicht

Nier - Automata ist in einer Welt angesiedelt, die ihre besten Tage längst hinter sich hat. Städte liegen in Trümmern, die Zivilisation auf der Welt ist so gut wie ausgelöscht. Die letzten Überlebenden führen einen erbitterten Krieg gegen eine Armee aus Maschinen, die durch Invasoren aus einer anderen Welt abgesetzt wurden. Vom Mond aus schickt der Rest der Menschheit hochentwickelte Androiden in die Schlacht, denen es trotz hoher Künstlicher Intelligenz strikt untersagt ist, selbst Gefühle zu entwickeln oder einen richtigen Namen zu tragen. So soll gewährleistet sein, dass sie sich von Menschen unterscheiden.

Fast "Open World": 2B und 9S erforschen große, in sich geschlossene Bereiche.Fast "Open World": 2B und 9S erforschen große, in sich geschlossene Bereiche.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der weibliche Android YoRHa Modell B Nr. 2, kurz: 2B. Schon in den ersten Momenten der Geschichte zeigt sich, dass etwas in ihr brodelt. Für die Menschen, ihre Herren und Meister, ist sie nur ein Werkzeug. In kurzen Momenten zeigt sie aber, dass sie für sich selbst so viel mehr sein könnte. Sei es ein verächtlicher Blick, ein kurzer Gedankenfetzen oder eine im richtigen Moment zornig geballte Faust. 2B ist offenbar nicht damit einverstanden, ein Leben als Werkzeug zu führen.

Wer die Geschichten von Nier und auch der Drakengard-Reihe kennt (beide Spieluniversen sind miteinander verwoben), der weiß, dass die erzählerischen Hintergründe knallharte und mitunter recht dunkle Themen aufgreifen. Mörderischer Wahnsinn, Inzest, Pädophilie, Seelenwanderung, Besessenheit - das sind nur einige der Themen, die Taro Yoko gerne in ein augenscheinlich leichtfüßiges Abenteuer einfließen lässt. Für Nier - Automata verspricht er: "Ich habe mir ganz neues seltsames Zeug einfallen lassen. Klarerweise kann ich dazu jetzt nichts sagen, weil es sich um wichtige Punkte in der Geschichte handelt. Wer sich aber abgefahrenen Kram erwartet, wird nicht enttäuscht sein."

Auch soll es ähnlich wie im Vorgänger verschiedene Endsequenzen geben. "Die Herangehensweise ist ähnlich, jedoch habe ich etwas Neues versucht. Zumindest kann ich schon sagen, dass es ein 'Happy End' geben wird." Das ist in der Tat eine Überraschung, zumal sämtliche Endsequenzen in Nier ein eher bittersüßes Finale darstellen. Yoko-san hat aber eine ganz eigene Vorstellung von Humor und einem glücklichen Ende. Wie sich das gestalten wird, bleibt abzuwarten. Es könnte euch auch diesmal wieder auf höchst unerwartete Weise vom Hocker hauen.

Die Hand von Platinum Games

Einer der tragenden Pfeiler eines Action-Rollenspiels ist selbstverständlich die Kampfmechanik. Die wurde mithilfe der Expertise von Platinum Games komplett überarbeitet. Hier drängt sich die Frage auf, ob das bekannterweise überladene und bilschirmfüllende Kampfgeschehen der Marke Platinum Games mit einer so difizil erzhählten Geschichte wie Nier - Automata überhaupt eine fruchtbare Symbiose eingehen kann. Die Antwort darauf: Ja, das ist möglich. Und zwar auf ganzer Linie.

9S kommt zur Hilfe. Das ist angesicht der dicken Bosse auch dringend nötig.9S kommt zur Hilfe. Das ist angesicht der dicken Bosse auch dringend nötig.

Alle Aktionen im Kampf sind reaktions- und taktikbasierend. Seitens des Nier-Teams wurde darauf geachtet, dass die Action nicht überhand nimmt und sich das Endergebnis zu sehr wie Bayonetta anfühlt. Seitens Platinum Games hat man bewiesen, dass ein paar feine Veränderungen an jeder Stelle der Kampfmechanik dazu führen, dass insgesamt eine wesentlich befriedigendere Spielererfahrung zustande kommen kann. Ausweichen, Blocken, Zielerfassung, zusätzliche Kampfaktionen durch eure Drohne, Waffenwechsel, Nahkampf, Fernkampf - Die Liste ist lang, jedoch stets überschaubar. Die Kämpfe in Nier - Automata gehören zu den besten innerhalb des Genres und erlauben Einsteigern wie Profis eine fordernde Komplexität, die durch einfache Mittel erzielt wird.

Nun ist Platinum Games für so manches bekannt, sicher jedoch nicht für die Integration einer Kampfmechanik in einem Rollenspiel. Auf die Frage, vor welchen Herausforderungen das Team dabei stand, antwortet Takahisa Taura, seines Zeichens leitender Programmierer: "Ja, es war eine große Herausforderung, eine Knopfbelegung so zu gestalten, dass man damit einen anderen Charakter ansprechen kann." Da er daraufhin herzlich lachen musste, darf davon ausgegangen werden, dass er sich damit selbst auf die Schippe genommen hat. Schließlich kennt ihr Spiele von Platinum Games eher so, dass ein einziger Knopfdruck die virtuelle Hölle auf dem Bildschirm entfesselt.

Dennoch ist die Handschrift der Action-Spezialisten deutlich, wenn auch in eher subtilem Maße zu erkennen. Wie oft habt ihr schon die Gelegenheit, einem gigantischen Konstruktionsroboter den Arm auszureißen und ihn anschließend damit zu vermöbeln? Solche Höhepunkte im Kampfgeschehen gibt es nicht andauernd, sie sind aber dennoch stets präsent und würzen das Geschehen auf dem Bildschirm mit einer durchaus unterhaltsamen Note.

Der Kampf findet mitunter auch in der Luft statt. Dafür haben die Entwickler Shooter-Sequenzen in der Seitenansicht und auch in der Vogelperspektive gestaltet. Das Geschehen ist stark von 2D-Shootern aus den 80ern und 90ern inspiriert. Zeitweise findet auch eine "Twin Stick"-Mechanik Verwendung. Dadurch steuert ihr mit einem Stick auf dem Controller euer kampffähiges Fluggerät, mit dem anderen bestimmt ihr die Schussrichtung. Wer mit dem Begriff "Bullet Hell" etwas anfangen kann, weiß, was ihn in solchen Abschnitten erwartet. Nämlich Dauerbeschuss von allen Seiten. Aber keine Sorge: Das alles sieht nur auf den ersten Blick überwältigend aus. Nach kurzer Zeit habt ihr die Mechanik verinnerlicht und meistert so selbst Sequenzen, die erstmal unbezwingbar erscheinen.

Neue Präsentation nach bekanntem Muster

Wie eingangs erwähnt, war die Grafik von Nier durchaus ein Punkt, der von vielen Seiten kritisiert wurde. Wenige Farben in ebenso wenig detaillierter Umgebung sind zwar für die Atmosphäre und den erzählerischen Hintergrund des Spiels durchaus mit Bedacht gewählt, jedoch ist diese Design-Entscheidung in einem Medium, dass "Ich sehe" im Titel trägt (lateinisch: video), nicht unbedingt die beste Wahl. Kann nun Nier - Automata mit dem Grafik-Standard der aktuellen Konsolengeneration mithalten?

Eine Wüste ist nun mal leer. Das spiegelt auch der Grafikstil wider.Eine Wüste ist nun mal leer. Das spiegelt auch der Grafikstil wider.

Ja und Nein. Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass die Grafik durchaus die neue Hardware nutzt, jedoch in eher beschaulichem Maße. Lichteinfall und Partikeleffekte tragen deutlich zur Atmosphäre bei und vermitteln gekonnt die Stimmung, die das Spiel auch in allen anderen Aspekten transportieren möchte. Dennoch ist es kein Augenschmaus, der interessierte Spieler, die noch nicht im Nier-Universum heimisch sind, zum Kauf verleiten würde. Erneut werden in thematisch zugeordneten Abschnitten nur wenige Farben verwendet. Der Detailgrad ist ebenfalls recht niedrig. Unschön oder gar hässlich ist die Grafik auf keinen Fall, jedoch ist sie auch kein Augenöffner.

Stark hingegen ist die Gestaltung der Charaktere, die mit viel Persönlichkeit und ihrer ganz eigenen Charakteristik dem Geschehen Leben einhauchen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entscheidung hinsichtlich der Präsentation nicht dazu führt, dass Nier - Automata einem größeren Publikum verschlossen bleibt. Es wäre jammerschade, denn die Stärken der Produktion überwiegen in großem Maße. Allen voran die musikalische Begleitung aus den Federn von Keiichi Okabe und Keigo Hoashi.

Es ist insgesamt ein zweischneidiges Schwert. Viele neue Entscheidungen für die Gestaltung sind gut und richtig. Diese überwiegen eindeutig. Der offensichtlichste Eindruck, nämlich die optische Präsentation, hinkt dem allerdings hinterher. Die Gestaltung ist durchaus so gewollt, wird aber nicht jedem zusagen. Erst, wer sich mit der Geschichte im Spiel auseinandersetzt, kann die dahingehende Entscheidung nachvollziehen und auch entsprechend schätzen. Hoffentlich lassen sich genug Spieler darauf ein, denn gerade Nier - Automata zeigt alle Indizien, eben nicht "schon wieder ein JRPG" zu sein.

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Tags: Fantasy   Singleplayer  

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