Test Nier - Automata: Unberechenbar und hundsgemein

von Thomas Nickel (06. März 2017)

Nier war auf PS3 und Xbox 360 ein echter Geheimtipp - vor allem für seine Musik, die Geschichte und die melancholische Stimmung wurde Nier damals gefeiert. Ob der Nachfolger da mithalten kann?

Auf einnmal waren sie da, die bösen Außerirdischen. Ohne große Anstrengung wischten sie und ihre Roboter-Armeen mit der ahnungslosen Menschheit den Boden auf. Das ist mittlerweile mehr als 100 Jahre her. Jetzt sitzen die letzten überlebenden Menschen auf dem Mond und versuchen, die Invasoren und ihre Blech-Armee mit hochmodernen und ziemlich menschlich wirkenden Androiden zu verscheuchen. Ein solcher Android ist 2B. Mit schwarzem Kleid, weißem Haar und scharfen Klingen nimmt sie den Kampf auf.

Klingt ganz schön klischeehaft, oder? Tausend mal sowas gehört, noch öfter gespielt. Doch in Nier - Automata ist nichts so wie es auf den ersten Blick scheint. Und wer sich ein wenig mit Nier und dessen Schöpfer Yoko Taro auskennt, der erwartet auch nichts anderes. Bereits die früheren Spiele des japanischen Ausnahmetalents Drakengard, Drakengard 2, Drakengard 3 und eben das erste Nier sind Spiele, die allesamt auf den ersten Blick ihre deutlichen Schwächen - mal schraddelige Technik, mal ein eintöniges Spielgefühl, manchmal sogar beides - haben, aber stets viel mehr als die Summe ihre Teile sind. Bei den Spielern, die bereit sind, sich auf die ungewöhnlichen Kreationen einzulassen, hinterlassen die Spiele aus der Feder von Yoko Taro stets einen tiefen, bleibenden Eindruck.

Und um es vorwegzunehmen: Diesen Eindruck hinterlässt auch Nier - Automata. Aber tatsächlich haben es Yoko Taro und Entwicklerstudio Platinum Games (ja, die mit Bayonetta) dieses Mal geschafft, die durchaus charmanten Macken und Probleme früherer Werke soweit einzudämmen, dass Nier - Automata auch ein breites Publikum anspricht, ohne aber das zu verlieren, was Yoko Taros Spiele ausmacht.

Action und Erforschung

Im spektakulären Prolog, einem ziemlich furiosen Kampf in einer Fabrikanlage irgendwo auf hoher See inklusive spektakulärem Boss-Duell mag der unbedarfte Spieler noch glauben, er oder sie hätte ein wildes Action-Inferno im Stile des bereits genannten Bayonetta vor sich. Mit pfeilschnellen Kombos, zahlreichen Angriffsvariationen, clever platzierten Gegnergruppen und vor allem einem eleganten Ausweichmanöver, das durchaus an Bayonettas "Witch Time" erinnert, drängt sich dieser Eindruck durchaus auch auf. Doch nach dem überraschenden Ende der Mission ändert sich der Fokus auf einmal: B2 und ihr Mitstreiter 9S finden sich in einer Raumstation wieder, bekommen ein ordentliches Debriefing und gleich eine neue Mission: Es geht runter auf die Erde, um einer örtlichen Widerstandszelle unter die Arme zu greifen.

Die Natur hat sich langsam die zerstörte Stadt zurückerobert.Die Natur hat sich langsam die zerstörte Stadt zurückerobert.

Und auf einmal öffnet sich das Spiel. War B2 zuvor noch in linear angeordneten Räumen und Gängen unterwegs, ist die Welt jetzt groß, weit und offen. Nein, ein "Open World"-Spiel ist Nier - Automata nicht, aber trotzdem gibt es viel zu entdecken. In der Basis des Widerstands angekommen wartet die nächste Überraschung: Die Kämpfer haben nicht nur diverse Quests für euch, bei den dortigen Händlern kauft ihr auch Heilmittel und andere nützliche Gegenstände. Auch neue Waffen sind im Angebot. Oder wollt ihr vielleicht lieber eure aktuellen Klingen aufwerten?

Besonders wichtig sind die Chips: Als Androide kann B2 mit allerlei neuen Eigenschaften und Verbesserungen ausgerüstet werden - aber nur, solange für die neuen Chips auch genügend Platz ist. Platz könnt ihr auch auf durchaus rabiate Art und Weise schaffen! Entfernt den Chip für die Energieanzeige, und ihr habt vielleicht Platz für bessere Verteidigung oder eine automatische Heilfunktion! Nur seht ihr dann halt eure Lebensanzeige nicht. Ist euch das zu kompliziert, dann könnt ihr den Chip-Einbau auch nach vorgegebenen Paramtern automatisieren. Und das ist nicht alles, was es zu automatisieren gibt: Spielt ihr auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad, dürft ihr sogar so gut wie alle Kampffunktionen dem Spiel übergeben und euch auf Handlung und Erforschung konzentrieren.

Ob man das aber wirklich tun sollte, das ist die andere Frage, ist mit Platinum Games doch ein echter Action-Experte involviert. Und das merkt man. Die Grafik läuft fast durchgehend mit dynamischen 60 Bildern pro Sekunde. Das ist auch gut so, denn die Kämpfe sind schon nach kurzer Zeit ziemlich fordernd. Wer seine Kombos nicht kennt und nicht stets bereit ist, ein schnelles Ausweichmanöver durchzuführen, der kassiert saftige Treffer - und die tun meist ziemlich weh. Vor allem, weil das Spiel auf die heute fast schon obligatorische Auto-Speicherfunktion verzichtet: Gespeichert wird nur, wenn ihr das möchtet!

Ambivalente Handlung

Letzten Endes ist es die Geschichte, die Nier - Automata wirklich auszeichnet. Denn bislang klingt das alles schon nach einem guten Actionspiel mit einigen interessanten Ideen, aber, ist man mal ehrlich, noch nicht nach etwas Besonderem. Aber Nier schafft es tatsächlich, den Spieler auch emotional zu berühren. Das Spiel reißt mit, lässt euch mal innehalten, den Kopf schütteln, an dem Zweifeln, was ihr da gerade überhaupt tut und zwingt euch zum Nach- und Mitdenken. Es gibt einige massive Überraschungen und Wendungen in der Geschichte, die euch hart treffen und auf einmal all die Ereignisse in einem anderen Licht dastehen lassen.

Manche Szenen sind nur schwer zu verdauen.Manche Szenen sind nur schwer zu verdauen.

Ohne zu viel zu verraten: Bereits in den ersten Stunden stellt Nier - Automata klar, dass es mehr als nur ein simples Action-Geschnetzel mit Rollenspiel-Aspekten ist. Mal erlebt ihr morbide-erschreckende Szenen, mal ist Nier einfach albern und dann wieder gibt es Stellen, bei denen ihr nur noch Mitleid empfindet. Schnell verschwimmt das eingangs so simpel dargestellte Verhältnis zwischen den auf den ersten Blick Guten und den Bösen. Nier - Automata bietet keine einfachen Lösungen und keine simple "Schwarz-Weiß"-Malerei. Dabei wird auch nicht an Anspielungen auf reale, aktuelle und auch geschichtliche Ereignisse gespart. Faschismus, Genozid, Pazifismus ... Nier ist ein Spiel, das tatsächlich etwas zu sagen hat.

Dabei kommt der Handlung die mehrfache Unterteilung zu Gute. Das Spiel bietet mehr als 20 verschiedene Enden, manche davon sehr kurz und plötzlich. Das erste seht ihr direkt, wenn ihr an der ersten Mission scheitert. Zentral sind aber die verschiedenen Wege durch das Spiel. Deswegen: Erschreckt nicht, wenn ihr nach zehn bis zwölf Stunden bereits glaubt, das Spiel beendet zu haben, es erwarten euch noch zwei weitere lange, spielerisch teils sehr andere Szenarien, die auf einmal ein völlig anderes Licht auf Figuren und Ereignisse werfen. Auch wer einfach nur zielstrebig der Hauptgeschichte folgt, der verpasst so einiges. Es sind gerade die Nebenaufgaben, die der Welt Leben einhauchen und die Handlung wirklich komplex machen.

Nier ist nicht nur emotional eine Achterbahnfahrt.Nier ist nicht nur emotional eine Achterbahnfahrt.

Das alles macht Nier zu spannender, aber teilweise auch schwer verdaulicher Kost. Nier spielt ihr nicht einfach mal so schnell nebenher weg, Nier ist ein Spiel, das Aufmerksamkeit verlangt, auf das ihr euch einlassen müsst. Um Nier zu genießen, solltet ihr in der richtigen Stimmung sein, sonst kann es schnell passieren, dass viele der kantigeren Eigenschaften des Spiels negativer als nötig aufstoßen. Nier ist ein Spiel für verregnete Wochenenden, für lange Abende und beginnt ihr die Reise mit B2 und 9S, dann wird schon bald massiver Redebefarf über die Erlebnisse der vermeintlichen Helden aufkommen.

Manchmal karg, aber meist flüssig

Technisch ist deutlich erkennbar, wo der Fokus von Entwickler Platinum Games liegt. Nier - Automata liefert fast durchgehend stabile 60 Bilder pro Sekunde. Die werden gerade beim pfeilschnellen Kampfsystem auch benötigt - mit weniger Bildrate wären vor allem die präzisen Ausweichmanöver in dieser Form kaum möglich. Der Preis dafür ist der Detailgrad der Umgebung. Kommt ihr gerade von einem Grafikkracher wie Horizon - Zero Dawn, dann ist das schon eine ziemlich Umstellung.

Dieser Ort war früher mal ein Einkaufszentrum.Dieser Ort war früher mal ein Einkaufszentrum.

NieR - Automata sieht bei weitem nicht schlecht aus, aber viele Szenarien halten sich in Sachen Detailgrad eher zurück und manch eine Textur wäre auch auf der PS3 nicht gerade ansehnlich gewesen. Während solche Details aufgrund der hohen Spielgeschwindigkeit meist nicht wirklich auffallen, treten die grafischen Abkürzungen in Zwischensequenzen oder auch mal bei einem ungünstigen Kamerawinkel durchaus deutlich zu Tage. Letzten Endes ist das aber Jammern auf hohem Niveau.

Ist Nier grafisch oft etwas zweischneidig, punktet das Abenteuer in akustischer Hinsicht auf der ganzen Linie. Die englischen und japanischen Synchronsprecher liefern gute Arbeit ab, die Soundeffekte haben genau den richtigen Bumms und die Musik aus der Feder des gleichen Teams wie beim Vorgänger hebt das ganze Spiel nochmal auf ein höheres Niveau. Die Kompositionen, oft mit Gesang versehen, sind mal actionreich, mal melancholisch, mal dramatisch und gehen ohne Ausnahme sofort ins Ohr und verweilen dort auch noch lange, nachdem ihr die Konsole schon ausgeschaltet habt. Wie schon beim Vorgänger ist auch hier die Musik eigentlich der heimliche Star des Abenteuers.

Wie schon beim Vorgänger Nier sind es auch bei Nier - Automata vor allem die inszenatorischen und spielerischen Experimente, die das Gesamtpaket so spannend machen. Mal arbeitet das Spiel mit extrem desaturierten Farben, mal wechselt es ohne Vorwarnung die Kameraperspektive und mal spielt ihr mitten in einem hochdramatischen Bosskampf ein Miniespiel, in dem ich euch gegen einen Hackerangriff zur Wehr setzt. Und viel mehr soll auch nicht verraten werden. Nier - Automata lebt eben auch von seinen ständigen Überraschungen.

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Tags: Science-Fiction   Singleplayer  

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