Test Torment - Tides of Numenera: Das Textschwergewicht unter den Rollenspielen

von Sven Vößing (08. März 2017)

Mit Torment – Tides of Numenera erscheint ein Rollenspiel der alten Schule. Ein durchaus spannendes Rollenspiel, das aber nicht für jedermann geeignet ist. Wieso, erklären wir euch in unserem Test.

Torment – Tides of Numenera gilt als inoffizieller Nachfolger von Planescape Torment. Die Entwickler konnten sich mit dem Rechteinhaber von Planescape nicht einig werden, so wurde auf eine direkte Verbindung zum Rollenspiel-Erfolg von 1999 verzichtet. Im Januar hatten wir schon die Möglichkeit, kurz in die Spielwelt einzutauchen. Eines vorneweg: Wer in Spielen gern an die Hand genommen wird, der ist bei Torment – Tides of Numenera an der falschen Adresse.

Wer bin ich, wo bin ich und was mache ich eigentlich hier?

Es gibt Spiele, die werfen euch ins kalte Wasser. Torment – Tides of Numenera wirft euch ins Eiswasser, oben noch mit einer kleinen Eisschicht, die sich zwar durchbrechen lässt, aber trotzdem noch beim Aufprall schmerzt. Das Spiel beginnt voller Ungewissheit, im Flug, mit eurem Körper.

Anstatt euch bequem zu erklären, wo und wer ihr seid und wie ihr dort hinkommt, wisst ihr gar nichts. Nicht einmal, was ihr seid. Das alles ist Teil der Geschichte, die euch erzählt wird. Obwohl "erzählen" hier nur bedingt zutrifft. Mündlich erzählt wird recht wenig, da die Dialoge gefühlt zu 99 Prozent als geschriebener Text stattfinden. Es gibt kaum ein Spiel, das so viel Text bietet wie Torment – Tides of Numenera.

Auch die Zwischensequenzen sind keine Ausnahme. Denn jede Figur, die im Spiel auftaucht, hat etwas zu erzählen. Wirklich, jede! Und oft ist es mehr als ein kurzer Satz. Und das ist der Reiz des Spiels. Wie in einem richtig guten Buch findet auch im Spiel vieles in eurer Fantasie statt. Und von dieser solltet ihr eine Menge besitzen. Das, was euch geboten wird, ist teilweise wirklich abgedreht.

Die Geschichte spielt eine Milliarde Jahre in der Zukunft, es gibt verschiedene Wesenszustände und, soviel sei erlaubt, ihr seid sowas Ähnliches wie ein ehemaliger Gott. Und hier zeigt sich auch die Stärke der Autoren, die die Geschichte und Dialoge spannend geschrieben haben.

Lass mich frei!

Das wirklich Tolle an Torment – Tides of Numenera ist aber der Freiraum, der dem Spieler gelassen wird. Kaum ein aktuelles Rollenspiel lässt euch so viele Möglichkeiten, Aufgaben zu lösen. Selbst kleinere Nebenmissionen, die teilweise spannender sind als die Hauptmissionen, bieten euch oft viele verschiedene Lösungswege. Sage ich die Wahrheit, lüge ich? Sogar Scheitern ist manchmal besser als der Erfolg. Ein schnelles Durchspielen ist kein Problem, obwohl "schnell" relativ ist.

In ferner Zukunft.In ferner Zukunft.

30 Stunden könnt ihr mindestens in der Spielwelt verbringen. Aber mit der reinen Mindestspielzeit wird seitens des Spielers viel verpasst. Verliert ihr euch dagegen im Spiel, werden auch dreistellige Stundenzahlen keine Seltenheit sein. Nicht empfehlenswert ist, das Spiel länger beiseite zu lassen, da ihr dann nur schwer wieder hineinfindet.

Freiraum besteht auch bei den Kämpfen, die im Spiel als "Krisen" bezeichnet werden. Wenn ihr überhaupt kämpfen wollt. Angegriffen wird die Gruppe nämlich eher weniger. Wenn es einen Kampf gibt, dann findet dieser im Gegensatz zum geistigen Vorgänger Planescape Torment nicht in Echtzeit, sondern rundenbasiert statt. Vorteil: Ihr könnt euch in Ruhe auf den Kampf konzentrieren. Nachteil: Es wird trotzdem schnell unübersichtlich. Gerade wenn sich viele Charaktere an einem Punkt bündeln. Jedoch ist es auch möglich, die Krisen komplett ohne Gewalt zu lösen. Durch Fähigkeiten wie Lügen oder Überzeugen, die optimiert werden können, reden sich die Figuren oft einfach raus. Aber eine falsche Antwort kann dafür sorgen, dass eure Gruppe im Nu ausgelöscht wird.

Abstriche in der B-Note

Torment – Tides of Numenera bietet, wie schon eingangs erwähnt, viel zu lesen.**1,3 Millionen Wörter** sind schon eine ordentliche Hausnummer. Zum Vergleich, The ElderScrolls 5 - Skyrim bietet knapp 600.000 Wörter und The Witcher 3 450.000 Wörter.

Wer sich Zeit nimmmt, kann viel entdecken.Wer sich Zeit nimmmt, kann viel entdecken.

Bei der Präsentation mussten die Entwickler aber sparen. Zwischensequenzen sucht ihr so gut wie vergeblich und auch eine Sprachausgabe ist nur in geringem Ausmaß vorhanden. Zwar wurden die Texte ins Deutsche übersetzt, jedoch bleibt die Sprachausgabe weiterhin englisch.

Falls ihr versucht seid, Vergleiche mit anderen Rollenspielen wie den genannten Skyrim und The Witcher 3 anzustellen, sollte eines nicht vergessen werden: Die Budgets der beiden Großproduktionen waren cirka 20 mal höher als das von Torment - Tides of Numenera. Aber da sich dieses auch spielerisch komplett unterscheidet, sollte ein direkter Vergleich vielleicht wirklich nicht stattfinden.

Ein riesiger Pluspunkt - vor allem auf Konsolen - ist, dass die Schriftgröße angepasst werden kann. Gerade bei so einem textlastigen Spiel unheimlich wichtig. Selbst wenn ihr nur zwei Meter vom TV weg sitzt, sind die Texte bei vielen Spielen heutzutage oftmals kaum erkennbar. An Torment – Tides of Numanera sollten sich also viele Entwickler ein Beispiel nehmen.

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