Test Blackwood Crossing: Eine höchst emotionale, phantastische Zugfahrt

von Emily Schuhmann (15. April 2017)

Es gibt Menschen, die noch immer der festen Überzeugung sind, dass Spiele eh nur aus sinnlosem Rumgeballere bestehen. Emotionale Kunstwerke wie Blackwood Crossing sind der perfekte Gegenbeweis.

Blackwood Crossing erinnert in vielen Punkten an Lewis Carolls Alice im Wunderland. Von der weiblichen Hauptfigur, die nicht wirklich weiß, was um sie herum passiert, bis hin zum weißen Kaninchen. Auf einen sichtbaren Einstiegspunkt muss euer Charakter Scarlett allerdings verzichten. Statt in ein merkwürdiges Kaninchenloch zu fallen, beginnt das Spiel damit, dass ihr aufwacht. Nur blöd, dass eure Umgebung auch nach mehrmaligem Aufwachen noch immer mehr Traum als Realität zu sein scheint.

Es handelt sich um eines dieser Spiele, das sich wie ein interaktiver Film anfühlt. Ihr seid es zwar, die die richtigen Weichen stellen und so die Geschichte voranbringen, aber ihr könnt nichts verändern, sondern das Geschehen nur in Bewegung halten. Eine sehr passende Analogie, denn Schauplatz von Blackwood Crossing ist ein fahrender Zug. Oder zumindest scheint das auf den ersten Blick so, denn schnell ist klar, dass hier kaum etwas den Regeln der realen Welt folgt.

Wunderland auf Schienen

Als Rotschopf Scarlett durchsucht ihr die Abteile nach eurem kleinen Bruder Finn. Statt ihm findet ihr aber nur wabernde Schatten und eine illustre Runde aus euren Eltern und Großeltern, einer Lehrerin, einem Mitschüler eures Bruders und eurem Exfreund. Und als sei diese Gruppe nicht schon speziell genug, flackern ihre Umrisse, und sie alle tragen Masken aus Papier oder Pappmaché.

Die Masken allein sind schon gruselig genug, aber Knebel machen es irgendwie noch schlimmer.Die Masken allein sind schon gruselig genug, aber Knebel machen es irgendwie noch schlimmer.

Euch wird ständig in Erinnerung gerufen, dass ihr euch nicht in der Realität befindet. In den Waggons sprießt vor euren Augen Gras und Bäume wachsen weit über das Zugdach hinaus in die Höhe. Am Ende des Zuges findet ihr keine Lokomotive, sondern steht auf einmal mitten im Gewächshaus eures Großvaters. Dieser paradoxe Aufbau sorgt immer wieder für Überraschungen und sogar einer Insel mitten in einem See stattet ihr einen Besuch ab. Die Musik ist passend verträumt, hält sich aber stets im Hintergrund und lässt der farbenfrohen Grafik und der emotionalen Familiengeschichte den Vortritt.

Ihr und Finn seid bei Oma und Opa aufgewachsen, da eure Eltern, unter für den Spieler unbekannten Umständen, umgekommen sind. Nur wenn sie schläft und träumt, sieht Scarlett ihre Eltern manchmal noch, ihr Bruder war noch zu jung als sie starben und kann sich deswegen überhaupt nicht an sie erinnern. Umso enger ist die Beziehung zu seiner großen Schwester. Die beiden verbringen einen Großteil ihre Kindheit zusammen in ihrem Baumhaus, aber Scarlett ist einige Jahre älter, verliebt sich irgendwann und hat immer weniger Zeit für Finn. Die Folgen scheinen dramatisch gewesen zu sein, und was genau passiert ist, erfahrt ihr im Laufe von Blackwood Crossing.

Realität ist anders

Die eigentlichen Spielmechaniken sind sehr simpel gehalten. Ihr könnt zum Beispiel weder springen noch zuschlagen, wer Action sucht ist hier also wirklich fehl am Platz. Sobald ihr die maskierten Menschen seht, geht es ans Aussagen-Memory. Wirklich erklärt wird euch im Spiel nur wenig und auch hierauf gibt es nur indirekte Hinweise. Jede Figur sagt etwas und ihr müsst in der korrekten Reihenfolge mit ihnen sprechen, um einen sinnvollen, kurzen Dialog zu erhalten. Lagt ihr richtig, verpuffen die Charaktere und erst wenn alle weg sind, geht es weiter. Diese Gespräche sind aber nicht nur nötig, um im Spiel voranzukommen, sie geben auch Einblicke in die Hintergrundgeschichte, aber erst am Ende ergeben die Satzfetzen wirklich Sinn.

Umbra ist lateinisch für Schatten und was mögen die nicht? Richtig, Licht!Umbra ist lateinisch für Schatten und was mögen die nicht? Richtig, Licht!

Abgesehen von eurer eigenen Kombinatsionsgabe stehen euch auch ein paar übernatürliche Fähigkeiten zur Verfügung, die immer wieder verdeutlichen, dass ihr euch nicht in unserer Realität befindet. Beispielsweise könnt ihr Basteleien zum Leben erwecken oder Feuer und die mysteriöse Schattensubstanz Umbra kontrollieren. All das ist aber nur Beiwerk, denn im Kern geht es darum herauszufinden, was genau in der Familie vorgefallen ist. Scarlett scheint es vergessen oder verdrängt zu haben. Wer sich selbst auf die Suche nach diesem Geheimnis machen möchte, kann dies seit dem 5. April auf PlayStation 4, Xbox One und PC tun.

Meinung von Emily Schuhmann

Wer Geschwister hat, kennt vielleicht diese merkwürdige Hassliebe, die man füreinander empfindet. Einerseits liebt man sich über alles, aber andererseits könnte man sich mit schöner Regelmäßigkeit gegenseitig den Hals umdrehen. Glücklicherweise habe ich meine Eltern noch, aber die Verbindung zu meinen jüngeren Geschwistern geht dennoch sehr tief. Deswegen fiel es mir auch sehr leicht Empathie für Scarlett zu empfinden. Sie erfährt was es heißt, geliebt, idealisiert und sogar gehasst zu werden und ich habe mit ihr gefühlt und gelitten.

Besonders faszinierend fand ich den größtenteils paradoxen Aufbau der Welt. Die Insel und das Baumhaus haben es mir besonders angetan, da meine Geschwister und ich unsere Kindheit an ähnlichen Orten verbracht haben.

Insgesamt habe ich die knapp drei Stunden sehr genossen, auch wenn es manchmal etwas gedauert hat bis ich verstanden habe, was das Spiel von mir will. Hinweise auf den nächsten Schritt sind nicht wirklich offensichtlich, aber es war mal wieder eine nette Abwechslung, nicht konstant an der Hand gehalten zu werden.

76

meint: Folgt dem weißen Kaninchen durch einen etwas anderen Zug und löst das Geheimnis um eure Famile

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Tags: Indie   Singleplayer   Fantasy  

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