Test Dreamfall Chapters: Leider kein Traum - aber eine fesselnde Geschichte

von Daniel Kirschey (11. Mai 2017)

Mit Dreamfall Chapters will Ragnar Tørnquist das letzte Kapitel seiner Erzählung beenden. Die Trilogie bekommt nun auch endlich auf den Konsolen ein Ende gesetzt. Doch lohnt es, sich dieses Ende zu Gemüte zu führen?

Das klingt jetzt vielleicht - gerade am Anfang eines Tests - etwas hart, aber Dreamfall Chapters macht es dem Spieler nicht leicht, es zu mögen. In der Nische der Adventure-Spieler findet sich bestimmt die Nische der Dreamfall-Fans, die das Spiel begeistert aufnehmen werden. Doch wie sieht es mit dem Rest der Welt aus?

Retro-Spiele erobern wieder an jeder Ecke den PC und die Konsolen. Gerade Adventures erleben seit einiger Zeit eine Renaissance. Erst vor kurzem erschien von Ron Gilbert Thimbleweed Park - im klassischem Pixel-Look.

Dreamfall Chapters könnte auch so ein Retro-Spiel sein. Doch statt sich am ersten Spiel der Trilogie The Longest Journey zu orientieren und ebenfalls in die "ganz alte" Richtung zu gehen, hält sich das Spiel am direkten Vorgänger Dreamfall - The Longest Journey. Nun ist das Episoden-PC-Spiel in kompletter Fassung auch für PlayStation 4 und Xbox One erschienen.

Zehn Jahre zurück in die Vergangenheit

Also geht's auch irgendwie zurück, doch nicht weit genug - zumindest hinsichtlich der Grafik und der Spielmechanik. Statt Pixel-Grafik und knackigen Rätsel erwarten euch in Dreamfall Chapters unterdurchschnittliche Animationen, hakelige Steuerung und lediglich der Versuch, Rätsel zu erschaffen.

Der Schlüssel soll euch in die Freiheit führen.Der Schlüssel soll euch in die Freiheit führen.

Ist wenig Budget da, bietet sich eine 2D-Grafik geradezu an. Auf teure 3D-Animationen und Rendering und alles Drum und Dran kann dann getrost verzichtet werden. Pixel sind ja schließlich wieder Kunst und nicht die miese Grafik von gestern. Irgendwie kann man die Pixel-Spiele von früher auch noch besser anschauen als die etwas älteren 3D-Gehversuche, die alle nicht sonderlich gut gealtert sind.

Wadjet Eyes macht es vor und bringt eine Menge Pixel-Grafikadventures (Gemini Rue - Verschwörung auf Barracus, The Blackwell Legacy) raus. Warum es bei Dreamfall dann unbedingt die holprige 3D-Grafik sein muss, die auch noch ab und zu ruckelt? Die Vermutung liegt nahe, dass sich Entwickler Red Thread Games an Telltale-Spielen wie The Wolf Among Us anlehnt. Zumindest lassen das die immer wiederkehrenden Entscheidungen vermuten, welche die Geschichte beeinflussen sollen. Positiv fällt aber der Stil auf, den der Entwickler im Spiel bietet.

Auch die Rätsel erinnern eher an die Übergangszeit der Adventure-Spiele von 2D zu 3D - etwa Baphomets Fluch 3 - Der schlafende Drache. Die Interaktion mit der Welt hält sich eher zurück und einige Rätsel sind meist deshalb schwierig, da die wenigen interagierbaren Objekte rar gesät sind. Oder aber nur dann angezeigt werden, wenn ihr in einem ganz bestimmten, ominösen, hermetisch-magischen Winkel davor steht und die Kamera sich dazu entscheidet, das Spiel mitzuspielen und deshalb das Interaktions-Icon angezeigt wird.

Habt ihr alle nötigen Gegenstände an einem Ort gefunden, benutzt ihr meist auch diese an genau diesem Ort. Warum solltet ihr also Dreamfall Chapters dann überhaupt eine Chance geben? Wegen der Geschichte. Oh ja! Denn hier beginnt das Spiel zu glänzen.

Die Geschichte reißt alles heraus

Ragnar Tørnquist weiß, wie er eine Geschichte erzählen muss. Dies hat er schon in den beiden Vorgängerspielen bewiesen. Um Spoiler zu vermeiden, wird hier nicht näher auf die eigentliche Handlung eingegangen.

Fabelwesen sind in Arcadia völlig normal.Fabelwesen sind in Arcadia völlig normal.

Nur so viel: Die Firma WATIcorp bringt seit einiger Zeit Traummaschinen heraus, die luzides Träumen ermöglichen. Dass dies nicht ohne Nachteile daherkommt, ist wohl klar.

In der Handlung liegt die große Stärke des Spiels - und eines vorneweg: Diese Stärke leuchtet so stark, dass ihr durchaus bereit sein könnt, über all die negativen Punkte, die oben aufgezählt wurden, hinwegzuschauen. Natürlich umso eher, desto mehr ihr von den beiden Vorgängerteilen gesehen habt. Denn auch die haben schon Geschichten erzählt, die im Gedächtnis verweilen.

Besonders sticht die Ambivalenz, das Diametrale, der beiden Welten Stark und Arcadia hervor, die im Spiel die beiden Handlungsorte darstellen. Stark ist die Zukunft, eine Dystopie, in der Faschismus und andere Widerlichkeiten an jeder Straßenecke hervorquellen und dem Spieler ins Gesicht springen. Ganz im Gegensatz zu Arcadia? Na ja, zwar ist in dieser Welt Magie eine normale Sache und Fabelwesen staksen herum - von einer Utopie kann trotzdem nicht gesprochen werden. Auch hier thematisiert der Entwickler - ganz aktuell - Verfolgung und Faschismus.

Die Ambivalenz liegt im Gegenteil in der Spannung von Technik und Magie, Wissenschaft und Glauben. Alle Charaktere, auf die ihr im Spiel trefft, haben eine Persönlichkeit, vermitteln als kleines Rad die große Maschinerie der beiden jeweiligen Welten. Eine der Spielfiguren, Zoe, wandelt zwischen diesen Welten, ist ein Verbindungsstück. Durch ihre Augen und ihre Perspektive erfahrt ihr beide Welten. Doch die Spielfigur wechselt. Ihr lernt also mehr als nur eine Perspektive kennen.

Es ist erstaunlich, aber die Geschichte ist wirklich so eindrucksvoll und gekonnt erzählt, dass sich Dreamfall Chapters trotz der Mängel lohnt. Das ist doch eher etwas Seltenes.

Meinung von Daniel Kirschey

Der Anfang war schwer. Was wohl eigentlich ein Tutorial sein soll, hat mich fast dazu gebracht, den Controller zur Seite zu legen. Und das, obwohl ich die Vorgänger gespielt habe. Es gibt einfach eine Vielzahl an besseren Spielen. Warum sich also mit so etwas aufhalten? Doch sobald ich den Einstieg hinter mir hatte - ich muss ja schließlich einen Test über das Spiel schreiben - habe ich nicht mehr auf die Uhr geschaut. Ich war gefesselt.

Zum einen bedeutet dies, dass ich wirklich froh bin, den Controller nicht aus der Hand gelegt zu haben. Doch zum anderen heißt dies auch, dass wahrscheinlich einige da draußen, da sie nicht "gezwungen" werden weiterzuspielen, genau dies tun. Das klingt jetzt merkwürdig und floskelig - wenn es dieses Wort gibt - aber: Haltet durch, es lohnt sich!

Denn die Handlung ist wirklich so gut. Ja, es gibt bessere Rätsel in anderen Adventures und ja, es gibt bessere Grafik. Aber wenn ihr etwas nicht verpassen solltet, dann die Art und Weise wie Ragnar Tørnquist seine Geschichte erzählt.

70

meint: Die hervorragende Handlung gleicht in Dreamfall Chapters deutliche Mängel in der Grafik und Spielmechanik aus.

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Tags: Fantasy   Science-Fiction   Singleplayer  

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