Test The Surge: Über Spannung und Überspannung

von Michael Krüger (16. Mai 2017)

Frisches Futter für Freunde blutiger Kämpfe und martialischer Herausforderungen. Dass so etwas nicht nur im Mittelalter, sondern auch in der Zukunft funktioniert, möchte Deck 13 mit The Surge zeigen.

Nachdem ihr als Fan moderner Action-RPGs, gemeinhin auch gerne mal als "Souls-Spiele" bezeichnet (ein Begriff der sich am Konzept von Dark Souls orientiert), in den letzten Jahren hauptsächlich in Fantasy-Szenarien unterwegs wart, kommt The Surge vermutlich recht gelegen. Blanker Stahl und mechanische Bedrohungen zeichnen ein düsteres Bild einer nicht allzu fernen Zukunft. Ganz ohne Zauberer, Ritter und elektrisch geladene Riesenkatzen aus der Hölle.

Dass sich das deutsche Entwicklerstudio Deck 13 mit Spielen dieser Art auskennt, zeigten sie bereits mit Lords of the Fallen, das zwar keine Traumwertungen einfahren konnte, doch auf jeden Fall ein paar schöne Momente hat. Ein gewisses Verständnis für die Souls-Formel ist also durchaus vorhanden, wovon The Surge hoffentlich profitiert.

Ob das der Fall ist und was euch sonst noch im Spiel erwartet, zeigt dieser Test. Auf dem Papier bringt The Surge alle Zutaten mit, die es für ein gelungenes Action-Rollenspiel benötigt. Düstere und verzweigte Wege, unbarmherzige Feinde und irrwitzige Boss-Gegner versprechen bittersüßen Spaß mit Wiederspielwert.

Zwielichtige Zukunftsvisionen

Wie ihr in letzter Zeit vermutlich öfter gehört oder gelesen habt, steht es nicht gerade rosig um die Zukunft der Erde. The Surge spult ein paar Jahre vor und zeigt euch eine Zeit, in der dieses Problem den Zenit seiner Brisanz erreicht. Im gleichen Moment präsentiert es eine etwas ungewöhnliche Lösung. Creo, ein Unternehmen mit typischem "Silicon Valley"-Auftreten, möchte Raketen in die Stratosphäre schicken. Diese sollen den Planeten aus der Luft in wunderwirkende Chemikalien hüllen - sozusagen umgekehrte Chemtrails.

Ab und zu bekommt ihr einen trostbringenden, wenn auch kleinen Eindruck davon, nicht alleine zu sein.Ab und zu bekommt ihr einen trostbringenden, wenn auch kleinen Eindruck davon, nicht alleine zu sein.

Im Grunde keine schlechte Idee, doch wie so oft läuft nicht alles wie geplant. Der gigantische Fabrikskomplex von Creo wird nämlich das Opfer einer Katastrophe. Wie sich das genau darstellt und warum dieses Unglück die ganze Welt in Gefahr bringt, erfahrt ihr allerdings erst nach und nach. Dabei zeigt sich The Surge weniger geheimnisvoll als andere Genre-Vertreter und gibt sich große Mühe, euch die Handlung verständlich zu präsentieren.

Werbefilme auf gut verteilten Bildschirmen liefern einen Blick auf das große Ganze, die Idee hinter dem Unternehmen, sowie die Vision und ihre Gefahren. Gleichzeitig begegnet ihr immer wieder anderen Menschen, die euch mit Informationen oder auch Aufgaben versorgen. So holperig ihr als Protagonist Warren in diese seltsam entrückte Welt hineinstolpert, so bekömmlich wird euch die Handlung dargeboten. Und trotz der Tatsache, dass ihr scheinbar nicht der einzige in der Anlage seid, der noch bei Verstand ist, fühlt ihr euch ausgeliefert und seltsam alleine.

Ähnlich wie beispielsweise in Dead Space, rutscht ihr zunehmend von der Rolle eines gewöhnlichen Arbeiters in die mechanischen Stiefel eines Helden. Doch jeden noch so kleinen Schritt in diese Richtung müsst ihr euch hart erarbeiten. Die Parallele zwischen dem Lernprozess des Protagonisten und der Lernkurve des Spielers ist deutlich spürbar, was dem Handlungsverlauf von The Surge eine angemessene Schwere verleiht.

Die Seele des Souls-Like

Der Aufbau von The Surge entspricht im Grunde dem allgemeingültigen Rezept für moderne Action-Rollenspiele. Ihr betretet eine Welt, aus der es kein Entkommen gibt. Einen Großteil eurer Zeit verbringt ihr mit dem Erkunden der Umgebung und vor allem dem Aufdecken von Abkürzungen, die euch schneller zurück an einen sicheren Ort bringen. Hier in den Service-Stationen wandelt ihr gesammeltes Altmetall in eine stufenweise Aufwertung eures Kampfanzuges um. Oder anders gesagt: Ihr sichert gesammelte Erfahrungspunkte und steigert dadurch das Level eures Charakters.

Die Kämpfe in The Surge machen auch nach dem hundertsten Gegner noch Spaß.Die Kämpfe in The Surge machen auch nach dem hundertsten Gegner noch Spaß.

Erliegt ihr unterwegs euren Verletzungen, lasst ihr gesammeltes Altmetall aus euren Taschen fallen, könnt es allerdings retten, indem ihr die Stelle erneut aufsucht und es aufsammelt. Ein knappes Zeitlimit von gerade einmal zweieinhalb Minuten setzt euch dabei ordentlich unter Druck. Habt ihr gerade eine knackige Stelle vor euch, könnt ihr euer Erspartes auch vorsichtshalber einzahlen. Wie bei jedem Besuch an der Service-Station werden dadurch zwar auch alle Gegner zurückgesetzt, doch ihr riskiert keine so großen Verluste.

Denn die Kämpfe in The Surge haben es wirklich in sich. Auch hier findet ihr Ähnlichkeiten zu den großen Vertretern des Genres. Leichte und schwere Angriffe reihen sich neben Ausweichmanöver, Tritten in den Rücken und Konter-Attacken ein. Je nach Ausrüstung variieren eure Bewegungen von behäbigen und wuchtigen Schlägen bis hin zu rapiden Schnitten und flinken Sprüngen. Durch die Tatsache, dass so gut wie jeder Gegner genau wie ihr über einen Exo-Anzug verfügt, fühlen sich die Kämpfe in The Surge dennoch frisch an. Der Fokus liegt klar auf Nahkämpfen, wodurch sich Konfrontationen umso intensiver anfühlen.

Die beliebte Schlachtplatte

Vor allem aber das Abtrennen von Körperteilen gibt den Mechaniken eine besondere Würze. Nehmt ihr einen Gegner nämlich ins Visier, habt ihr die Möglichkeit, einzelne Körperteile direkt anzugehen. Sind diese ungepanzert, verursachen eure Attacken größere Schäden, zielt ihr stattdessen auf einen geschützten Bereich, könnt ihr euch ein Stück der Rüstung abschneiden, bevor diese in Flammen aufgeht.

Die Möglichkeit, Körperteile anvisieren zu können, gibt den Kämpfen einen originellen Touch.Die Möglichkeit, Körperteile anvisieren zu können, gibt den Kämpfen einen originellen Touch.

Sobald ihr durch Angriffe genug Energie aufgebaut habt und das anvisierte Körperteil geschwächt ist, aktiviert ihr einen abschließenden Schlag, der euren Gegner von der jeweiligen Rüstung samt darunterliegenden Gliedmaßen trennt. Dadurch gewinnt ihr nicht nur den Zweikampf, sondern sichert euch Rohstoffe und Baupläne für die Erweiterung eures Exo-Anzugs und eurer Waffen. Diese zu verwalten, könnte etwas komfortabler gestaltet sein, doch ist das System zumindest zweckdienlich. Immerhin wächst die Auswahl an technischen Errungenschaften stetig.

Die Diversität eurer Ausrüstung ist ein tragender Aspekt von The Surge. Stärken und Schwächen stehen sich in einem puzzleartigen Geflecht gegenüber und komplementieren jede Variation eures Spielstils. Die daraus resultierenden Gedankengänge und Entscheidungen sind angenehm komplex und bieten reichlich taktische Tiefe. Zwischen einem Anzug, der gepaart mit einem langen Stock vermehrt auf Ausdauer setzt und einer gut geschützten Rüstung in Kombination mit einer schweren, jedoch effektiven Klinge, liegen spielerisch zwar keine Welten, doch in jedem Fall genug Spielraum für umfangreiche Experimente und langlebigen Spaß.

Dieser wird gemäß der Gattung Souls-Like natürlich oft und hart auf die Probe gestellt. Denn The Surge geizt nicht an frustintensiven Momenten und auf den ersten Blick unüberwindbaren Hindernissen. Das Spielerlebnis bewegt sich konstant auf einer feinen Linie zwischen glücklichen Erfolgserlebnissen und controllergefährdenden Situationen. Da Momente, in denen die Kamera oder eine unsichtbare Wand zum größten Feind werden, insgesamt eher selten sind, punktet The Surge genau in den Gesichtspunkten, auf die es bei modernen Action-Rollenspielen ankommt. Es ist hart, aber irgendwie auch gerecht.

An den richtigen Stellen dick aufgetragen

Wie eingangs bereits angedeutet, setzt The Surge auf ein Szenario mit "Science Fiction"-Elementen. Fliegende Arbeitsdrohnen, Exo-Anzüge und Kampfroboter zeichnen ein Bild, dass zwar Fiktion, doch vermutlich gar nicht so weit von der Realität entfernt ist. Der allgemeine Ton wechselt dabei immer wieder zwischen hellen und dunklen Bereichen. Während letztere im Grunde typisch für das Genre sind, funktionieren auch die sonnigen Areale recht gut und nehmen der Stimmung dank staubiger Metallruinen kaum etwas an Trostlosigkeit. Die Lichteffekte sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Linsenreflexe, Feuer oder auch die Lampen eurer Ausrüstung - was euch hier in Sachen Beleuchtung geboten wird, kann sich wirklich sehen lassen.

Selbst kleine Lichtquellen bereichern die optischen Eindrücke.Selbst kleine Lichtquellen bereichern die optischen Eindrücke.

Dank dem einen oder anderen Spritzer Blut, umherfliegender Körperteile, sowie einschlägiger Sound-Effekte hält euch der Gewaltgrad von The Surge stets auf den Zehenspitzen. Denn, wenn es einmal knallt, dann richtig. Auch kleinere Geräusche und Menü-Töne fügen sich schön in das Gesamtbild ein und verhelfen dem Spiel zu einem gewissen Mantra-Charakter, den Spiele dieser Art kultivieren.

Für eine große Portion Charme sorgt zudem die deutsche Synchronisation. Welcher Mitarbeiter auch immer die Entscheidung traf, auf bekannte Hollywood-Stimmen zu setzen, hat seinen Job definitiv richtig gemacht. Der erwünschte Effekt tritt nämlich bereits nach wenigen Momenten ein. Die Charaktere wirken authentisch und substanziell. Die deutschen Stimmen berühmter Schauspieler, wie Edward Norton und Sigourney Weaver, stellen von Seiten der Akustik klar, welchen qualitativen Anspruch The Surge verfolgt.

Ordentliches Motion-Capturing und ausgezeichnete Synchronsprecher verleihen den Figuren Glaubwürdigkeit.Ordentliches Motion-Capturing und ausgezeichnete Synchronsprecher verleihen den Figuren Glaubwürdigkeit.

Musikalisch setzt The Surge ebenfalls auf bleibende Eindrücke. Zwischen fetzigen Stücken, die sich irgendwo zwischen Industrial und Dubstep einordnen, wird euch besonders ein Lied auch noch nach dem Spiel verfolgen. In jeder Service-Station, den Speicherorten in The Surge, läuft nämlich in Dauerschleife der gleiche Song immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn ihr nach einer Niederlage von hier startet, hört ihr genau dieselbe Melodie an der exakt gleichen Stelle. Und täglich grüßt das Altmetall.

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Tags: Science-Fiction   Singleplayer  

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