Wenn das Kriegsspiel zur Realität wird

(Special)

von Spieletipps-Team (30. Mai 2017)

Bilal Aldumani ist in Syrien aufgewachsen. Dort hat er Videospiele sehr intensiv erlebt. Doch der Krieg hat alles verändert und machte die virtuellen Welten zu einem realen Albtraum.
Von Bilal Aldumani

In der Mitte der 90er Jahr kamen Videospiele nach Syrien. Doch sie waren nicht für jedermann zugänglich: Nicht alle Syrer konnten sie sich leisten, Computer und Konsolen waren einfach zu teuer. Viele Leute hatten eine negative Einstellung gegenüber Videospielen. Sie waren so fremd für unsere Gesellschaft. Für viele Familien waren sie einfach nur eine Zeitverschwendung, doch nach und nach verstanden die Eltern, warum sie uns Spaß machten.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe von Texten, die sich mit dem Thema Grenzen in und um Games auseinandersetzen. Alle weiteren Artikel könnt ihr hier finden: www.grenzgamer.com

In unserem Haus waren Videospiele so lange nicht erlaubt, bis ich meinen „High School“-Abschluss hatte. Viele Familien hatten diese Einstellung. Den ersten Computer habe ich mir in meinem ersten Jahr an der Uni gekauft. Ich hatte eine lange Unterhaltung mit meinem Vater, musste ihn überreden, dass ich den PC brauchte, um mit der Zeit Schritt halten zu können. Nachdem meine Mutter dann intervenierte, stimmte er endlich zu. Es dauerte nicht lange, da waren Videospiele eines meiner liebsten Hobbies, wenn ich dem Stress des Studiums entkommen wollte. Ich musste meinem Vater nun nicht mehr vorgaukeln, dass ich mich mit einem Freund zum Lernen treffen würde, wenn wir doch eigentlich in einen Spiele-Laden gingen.

Ein Spiel wie Solitaire war das einzige Spiel das in meiner Familie erlaubt war. Später, als Grand Theft Auto das bekannteste Stück digitaler Unterhaltung in ganz Syrien war, musste ich meinen PC immer in weiter Ferne der Augen meines Vaters aufbauen. Alle meine Freunde spielten das Spiel. Ich verbrachte Stunden damit, in dieser virtuellen Stadt Autos zu klauen und Passanten zu verprügeln. Mir war damals total egal, was ich da eigentlich tat, ich habe einfach nur gespielt und hatte Spaß. Es dauerte eine Weile, bis mein Vater den PC nicht mehr als Störenfried ansah. Danach konnte ich mir endlich eigene Spiele kaufen. Damals interessierte ich mich dann für Kriegsspiele. Zunächst waren die sehr einfach, doch spätestens mit der „Medal of Honor“-Reihe wurden sie für mich immer attraktiver. Ich war so beeindruckt davon, dass ich einmal einen schlimmen Traum hatte. Panzer umzingelten unser Haus in Damaskus. Ich versuchte mit meiner Familie zu entkommen. Die Szene ähnelte sehr den verwüsteten Städten in Medal of Honor. Aber wir konnten kein Auto klauen um zu entkommen, wie es in GTA möglich ist. Zum Glück weckte die Stimme meiner Mutter mich: Es war Zeit für das Frühstück. Ich war froh, dass es nur ein Traum war und machte mich fertig für einen weiteren Uni-Tag.

Kriegsspiele und Gewalt waren für mich damals das Interessanteste an Videospielen. Ich weiß nicht, wieso ich das so empfand. Einige Studien sagen, dass Mord und Gewalt menschliche Instinkte sind die uns allen inhärent sind seit Habeel von Qabeel getötet wurde, am Anbeginn der Zeit. Ein Spiel wie Medal of Honor oder Call of Duty erzählt viel über den Krieg. Über Weltkriege und Kämpfe zwischen Alliierten und der deutschen Armee. Das furchteinflößendste in diesen Spielen waren die Stimmen der deutschen Soldaten. Ich wollte sie so gerne verstehen. Damals wusste ich nicht, dass mich das Schicksal in genau jenes Land bringen würde, in dem sie Deutsch reden.

In der Nacht war ein Spiel wie Resident Evil wie ein wunderschöner Horrorfilm. Die gruselige Musik, die genauso gruselige Stille, das Knarren der Türen, Klänge von Fußstapfen und die Schreie von Krähen. Das alles ließ die Zeit so schnell vorbeigehen. Erst nach dem Spielen bemerkte ich den schmerzenden Rücken – ich hatte zu lange vor dem Bildschirm gesessen. Meine Freunde und ich kämpften darum, wer das Spiel zuerst beenden würde. Wir warteten gespannt auf weitere Teile. Fast jeden Tag ging ich zum Spieleladen in Damaskus um zu sehen, ob schon ein neues Spiel erschienen war.

Nach einer Weile war es jedoch Pro Evolution Soccer, das mich an den Bildschirm bannte. Das Weltturnier mit Freunden zu spielen hat so viel Spaß gemacht. Wir alles hatten unsere liebsten Teams. Wir alle wollten gewinnen. Wir trafen uns immer bei einem von uns, um dann zusammen zu spielen. Natürlich sahen unsere Eltern das nicht so gerne. Aber sie konnten nichts anderes tun als zu akzeptieren, dass wir dabei große Freude hatten. Zwei von uns spielten, während die anderen warteten bis jemand verlor. Mein liebstes Team war Deutschland. Ich gewann viele Matches, wenn ich mit dem Team spielte. Doch mit jeder weiteren Version des Spiels galt es, ein Hardware-Update zu machen. Neue Grafikkarte, neues RAM, neues Motherboard. Kaum jemand von uns konnte sich das leisten. Nur ein Freund, er lebt jetzt in Saudi-Arabien, konnte sich einen neuen PC kaufen. Fortan trafen wir uns jedes Wochenende bei ihm.

Zwei Jahre vor dem Krieg zog der Freund nach Saudi Arabien und wir alle spielten nicht mehr zusammen. Jeder hatte mit seinem eigenen Leben genug zu tun. Leider kamen die Kriegsspiele und die Gewalt zurück nach Syrien. Diesmal jedoch sind wir alle selbst hinter dem Bildschirm – echte Charaktere in diesem furchtbaren Spiel. Plötzlich sah ich mich in der gleichen Situation wie Claire Redfield aus Resident Evil. Ich rannte vor einem grausamen Monster weg, das mich töten wollte. Ich lebte in Städten, die vom Krieg transformiert waren. Es waren Orte voller Raub, Mord, Vergewaltigung und ohne Gesetz – wie die Städte in GTA. Alle alliierten Kräfte aus Medal of Honor oder Call of Duty kämpfen heute in meinem Land, und die Welt schaut unserem Sterben durch Bildschirme zu. Wir wurden zu einem Spielball der gesamten Welt, man tritt uns wie es gerade passt.

Ich lebe jetzt in Deutschland. Videospiele interessieren mich aber nicht mehr. Ich habe nicht mehr das Verlangen zu spielen. Wir schauen jetzt nur noch ein Spiel. Die Helden des Spiels sind immer noch in Syrien. Familie, Freunde. Es ist das Spiel aus meinem schrecklichen Traum, den ich vor Jahren hatte. Nur ist er jetzt Realität.

Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Kreienbrink

Weiter mit: Der Text im englischen Original

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