Gamer: Willkommen in der Sekte

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (12. Juni 2017)

Quelle: EA

Es ist wieder E3. Eine Spielemesse, auf der nicht nur jede Menge Spiele angekündigt werden. Auch fühlt sie sich tatsächlich wie eine religiöse Messe an. Die Inszenierung der "Gamer" als homogene Masse der Gläubigen.

Vorab: Die E3 ist eigentlich eine tolle Angelegenheit. Sie ist spannend, macht Spaß, sorgt immer für tolle Geschichten. Die bombastisch angekündigten Spiele möchte ich meist sofort in den Händen halten und sie spielen. Doch bietet die Messe auch Grund zur Kritik. Diese soll in meiner Kolumne mal überspitzt dargestellt werden.

Gerne denke ich an die Buchmesse in Leipzig zurück. Als ich damals von der Bühne aus als "Reader" angesprochen wurde. Als mir gesagt wurde, dass "reading" mein liebstes Hobby sei, dass ich nichts anderes mache, dass zu meinem Lesen auch ein Lebensstil gehört. Diesen habe ich natürlich zu feiern. Genauso wie jedes Buch, das vorgestellt wurde. Denn "Reader" lieben es, das zu hypen, was die Verlage ihnen um die Ohren hauen.

Ist freilich nie passiert - diese Inszenierung einer Konsumentengruppe bleibt jedes Jahr den Spielemessen vorbehalten. In jedem Jahr, auf jeder Messe bemüht sich die gesamte Industrie darum, "den Gamer" zu formen. Zu erklären wie er lebt, was er mag, dass er nur Interesse am "Gamen" hat. Das Pronomen "Er" wird dabei natürlich negiert, denn angeblich handelt es sich ja um eine total inklusive, offene, diverse und akzeptierende Community. Derweil bemüht sich Markus "Notch" Persson, der 38-jährige Gründer von Mojang darum, Frauen auf Twitter zu beleidigen.

Das gehört zum Mythos "Gamer" freilich nicht dazu. Alle Probleme mit Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Hyper-Kommerz, GamerGate, Alt-Right finden auf der E3 aber keinen Platz. Stattdessen feiert man sich lieber selbst. Konsumenten wird vorgegaukelt, zu einer großen Familie zu gehören - zu der man jedoch nur dann gehört, wenn man ordentlich Geld hingeblättert hat, um sich Equipment und Spiele zu kaufen. In einer großen rituellen Hype-Maschine wir jede kritische Distanz, jedes Hinterfragen schlicht untersagt.

Natürlich sollen Menschen Spaß an Spielen haben. Auch ist es toll, wenn ihr euch über neue Spiele freuen könnt. Es ist ein sehr schönes Gefühl, endlich einen Trailer des Spiels zu sehen, das ihr schon seit Jahren erwartet. Ja, Videospiele sind ein tolles Hobby, das zu inszenieren ist Teil der Industrie und sollte es auch sein. Doch was auf diesen Messen noch passiert, ist die Konstruktion eines "Wir". "Wir" sind anders als "Die". Ein "Wir", das einfach alles feiert, toll findet und in dem jede Kritik unangebracht ist. Wieso das so ist? Nun, wie sonst sollte man die Xte Special Edition mit DLC und Vorbesteller-Boni an die Frau und den Mann bringen?

Liebe E3, liebe Spielemessen: Anstatt Sportler, Schauspieler oder Profi-Spieler auf die Bühnen eurer Pressekonferenzen zu zerren, die dann äußerst wenig zu sagen haben, könntet ihr euch doch mal fünf Minuten nehmen, um Selbstkritik zu üben. Das kann tatsächlich funktionieren und den Konsumenten wieder ein wenig ihrer Mündigkeit zurückgeben. Auch sind wir nicht alle "Gamer", sondern Personen, die sich neben Videospielen noch für viele andere Dinge interessieren. Anstatt uns als eingeschworene Gruppe zu inszenieren, wäre eine Öffnung der Grenzen doch sehr viel schöner.

Tags: E3 2017  

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