Willkommen im Leben eines weiblichen Spielers und Redakteurs

(Kolumne)

von Emily Schuhmann (01. Juli 2017)

Wir schreiben das Jahr 2017 und es ist anscheinend dennoch nicht normal, sich als erwachsene Frau mit Videospielen zu beschäftigen - unsere Autorin Emily berichtet von ihren Erfahrungen.

Eines der Themen, mit dem die moderne Spielewelt noch immer nicht so richtig klarkommt, ist die holde Weiblichkeit. Zwar fand sich zum Beispiel in fast jeder Gesprächsrunde auf der E3 eine Dame, und auch sonst versuchen die meisten Entwickler und Konsolenhersteller zu zeigen, dass sie mit der Zeit gehen und auch die Spielerinnen ansprechen wollen. Weg von Frauen als reine Standverschönerung auf Messen.

Manchmal gelingt das, aber mit schöner Regelmäßigkeit wirken solche Aktionen gekünstelt und erzielen somit den gegenteiligen Effekt. Bestes Beispiel ist die Besessenheit, Mäuse, Tastaturen oder sogar Bürostühle mit pinken Details zu versehen und sie als "Lady-Variante" anzupreisen. Mich persönlich sprechen solche Dinge nicht an, ich fühle mich dadurch eher veralbert.

Ich kann das allein!

In Berufen rund um Videospiele sind Menschen wie ich noch immer eher Mangelware. Es gibt sie, aber oft findet man die weiblichen Mitarbeiter von Entwicklerstudios eher in den repräsentativen oder organisatorischen Abteilungen. Die noch immer männerdominierte Spielebranche erfordert ein ziemlich dickes Fell, denn gerade als Neuling fliegen einem die Klischees und Vorurteile nur so um die Ohren. Als Journalistin bin ich auf Presse-Events meistens allein unter Männern. Zwar wird das meistens positiv aufgenommen, aber es gibt auch genug Situationen, bei denen ich nur mit den Augen rollen kann.

Meistens bevorzuge ich es, wenn ich beim Antesten eines neuen Spiels überhaupt nicht gestört werde.Meistens bevorzuge ich es, wenn ich beim Antesten eines neuen Spiels überhaupt nicht gestört werde.

Beispielsweise wenn ich selbst gut vorbereitet bin und das anspielbare Spiel beherrsche und die anwesenden Entwickler trotzdem konstant das Bedürfnis haben, der einzigen Frau im Raum unter die Arme zu greifen. Ein charmanter Gedanke, aber meistens einfach nur dämlich; besonders wenn andere Anwesende tatsächlich Hilfe brauchen könnten. Dieses übertriebene Erklärungsbedürfnis haben überraschend viele Männer, und dann meist in Kombination mit großen Augen und überraschtem Gesichtsausdruck, wenn die Dame weiß, was sie da tut.

So was passiert wirklich

Immerhin ist bei solchen Veranstaltungen innerhalb der Industrie trotzdem klar, dass jemand der sie besucht, zumindest ein bisschen Ahnung von der Materie hat. In der echten Welt sieht die Sache nämlich noch mal ganz anders aus. Wird bei einem Mann mit Zelda-Motiv auf dem Shirt nicht mal mit der Wimper gezuckt, erntet man als Frau immer wieder komische Blicke. Ganz zu schweigen von den Gesichtsausdrücken, die meiner Antwort auf die Frage nach meinem Beruf folgen. Manchmal ist es wirklich faszinierend wie anders die Reaktionen ausfallen, wenn ich den ersten Teil von "Videospiel-Journalistin" weglasse.

Bei solchen Damen stellt sich mir immer die Frage, ob sie auch nur eines der vertretenen Spiele kennen.Bei solchen Damen stellt sich mir immer die Frage, ob sie auch nur eines der vertretenen Spiele kennen.

Mein Alltag ist voller solcher Momente, die mich mit den Zähnen knirschen lassen. Beim Kauf meiner Nintendo Switch zum Beispiel fand der Verkäufer es ganz wunderbar, dass ich meinem Freund so eine Freude mache. Und nachdem ich ihn über den eigentlichen Besitzer informiert habe, war er begeistert, dass ich mich in diese mir sicher unbekannte Welt der Videospiele wage. Und wehe ich traue mich jemandem einen Tipp zu einem Spiel zu geben, Frauen haben von so was doch keine Ahnung.

Zweierlei Maß

Ein erwachsener, älterer Spieler wird vielleicht als jung geblieben oder exzentrisch angesehen, aber anecken wird er deswegen vermutlich nirgendwo. Als Frau hat man irgendwann aus diesem Kinderkram herauszuwachsen. Selbst in der Industrie ist die Zahl der Frauen, die schon lange in dieser Branche arbeiten, äußerst gering. Das gesamte Konzept ist für viele Menschen noch immer unbegreiflich und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis meine Generation dieses Bild hoffentlich ändert.

Meine Namensvetterin aus den Dishonored-Spielen ist eine interessante Figur, aber nicht weil sie eine Frau ist.Meine Namensvetterin aus den Dishonored-Spielen ist eine interessante Figur, aber nicht weil sie eine Frau ist.

Bis dahin werde ich weiterhin diese Welt, die ich so sehr liebe, genießen und all diejenigen ignorieren, die mir erzählen wollen, dass das nicht in Ordnung wäre. Ich bin kein "Gamer Girl" und brauche keine weiblichen Figuren in einem Spiel oder sonst was für eine Extrawurst. Ich möchte einfach nur als Spieler behandelt werden, wie jeder meiner männlichen Kollegen. Denn wenn ich noch zu oft erklären muss, dass ich nicht nur Die Sims und Candy Crush spiele, gehe ich irgendwann die Wände hoch. Ich bin eine Frau, zocke, habe meine Liebe zu Videospielen zum Beruf gemacht und Ende!

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