Über 40 und immer noch Gamer: Mit diesen Vorurteilen solltet ihr rechnen

(Kolumne)

von Micky Auer (22. Juli 2017)

Vor ein paar Wochen hat Kollegin Emily in ihrer Kolumne: "Willkommen im Leben eines weiblichen Spielers und Redakteurs" recht eindringlich darüber berichtet, mit welchen Vorurteilen sie sich als weiblicher Gamer im Allgemeinen und als Videospiel-Journalistin im Besonderen herumschlagen muss. Darin sind mir einige Parallelen zu meinem Dasein aufgefallen. Frau bin ich zwar keine, aber im Verständnis so mancher Mitbürger jemand, der schlicht und ergreifend viel zu alt ist, um das zu tun, was er gerne tut.

Die Ausgangssituation: Der Autor dieser Zeilen ist 46 Jahre alt. In den Augen vieler Mitmenschen ist das ein Alter, in dem ich mich um einen Schrebergarten zu kümmern habe, in Socken und Sandalen samstags vor dem Grill stehe und meinen Tag damit beende, nach der Arbeit vor dem Fernseher einzuschlafen. Da gibt es sicher Variationen, keinesfalls jedoch sollte ich mich mit Videospielen beschäftigen. Weder privat, noch beruflich. Schon gar nicht beruflich! Das ist ja auch gar kein richtiger Job. Und Menschen über 40 haben nun mal einen "richtigen" Job. (Ich dachte ja, dass man selbst entscheidet, welcher Job für einen der richtige ist ...)

"No Games for old Men: Darf man mit über 40 nur noch Retro-Spiele spielen?

Ist das so? Wenn ich in die nicht allzu ferne Vergangenheit zurückblicke, drängt sich mir dieser Eindruck auf. Hier verschwimmen die Grenzen zum Sexismus. Denn es ist vollkommen in Ordnung, wenn man sich als Mann mit Videospielen beschäftigt, jedoch ist es verwerflich das zu tun, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat.

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"Aber ... Sie sind doch schon so alt!"

Vor kurzem an der Kasse des Supermarkts meines Vertrauens: Der Lehrling (circa 18) quatscht mit einem Kumpel über Fifa 17. Ich warte. Er unterbricht das Gespräch, entschuldigt sich brav für die Verzögerung, kassiert und meint: "Ja, sorry, wir waren grad voll im Thema. Das muss Ihnen ja vorkommen wie Wissenschaft."

Kurz bin ich am Überlegen, ob er jetzt - vermutlich ohne böse Absicht - meine Intelligenz oder mein Alter beleidigt hat. Die Entscheidung wird mir abgenommen. Während des Kassiervorganges unterhalten sich die beiden dann über Assassin's Creed. Ihre Ausführungen kulminieren in der Feststellung, dass "Assassin's Creed wirklich jeder spielen kann." Ich hake ein: "Das sehe ich anders. Allein das Kontrollschema ist so dermaßen überladen, dass vor allem Einsteiger sich schnell überfordert fühlen könnten."

Assassin's Creed - Syndicate: Ein Spiel, über das man nur als junger Mensch Bescheid wissen darf?Assassin's Creed - Syndicate: Ein Spiel, über das man nur als junger Mensch Bescheid wissen darf?

Ich ernte zwei verdutzte Blicke. Nachdem mein Monolog über die Design-Entscheidungen, die historischen Hintergründe, die Leistung der Engine, das Quest-Design im Wandel der Zeit, die Farbgebung, die Dialogregie und die Komposition des Soundtracks ein Ende findet, starren mich zwei junge Gesichter mit offenen Mündern an. Aus einem fällt der Satz: "Da kennt sich aber jemand aus ...", aus dem anderen: "Aber ... Sie sind doch schon so alt!"

Charmant.

Bevor ich den jungen Mann einlade, sich mal mein PSN-Profil anzuschauen (oder wahlweise: Bevor ich richtig bissig werde), verabschiede ich mich milde lächelnd und verlasse den Laden. Da drängen sich mir plötzlich mehrere Fragen auf: Darf ich mit 46 keine Videospiele mehr spielen? Schickt sich das nicht? Muss ich mich dafür etwa rechtfertigen? Oder gibt es für Leute in meinem Alter eine nicht ganz ernstzunehmende Schiene an 99-Cent-Handy-Downloads, die uns Alten das Gefühl vermitteln soll, noch irgendwie dazuzugehören? ODER SEHE ICH EINFACH AUS WIE EIN WARAN???

Wer hat wann beschlossen, dass Videospiele exklusive Clubs für junge Leute sind? Ist mir da was entgangen? Ich glaube nicht. Kein Mensch beschwert sich darüber, wenn ich ins Kino gehe. Etwas anders sieht es aus, wenn ich erzähle, ich hätte einen Film auf Netflix gesehen. ("Netflix? Ist das überhaupt legal?") Niemand rümpft die Nase, wenn ich ein Buch lese. Aber wehe, ich stocke meine Comic-Sammlung auf! Darf ich mir dann wenigstens ein E-Book zu Gemüte führen? Oder ist automatisch alles, was mit neuerer Technik zu tun hat, nur der jüngeren Generation vorbehalten?

Die "Mitte der Gesellschaft" heißt mich nicht willkommen

Tatsächlich gerate ich immer wieder in solche Situationen, mit fortschreitender Zeit auch immer öfter. Wenn ich in eine Runde von Leuten in meinem Alter eingeführt werde, kommt irgendwann die unvermeidliche Frage: "Und was machst du beruflich?" Die Antwort führt je nach Fragesteller zu bestimmten Reaktionen:

Würden Sie diesem Mann ein Videospiel abkaufen?Würden Sie diesem Mann ein Videospiel abkaufen?

Frauen Mitte 40 gefriert das Lächeln. Oft versuchen Sie die Situation zu retten, indem sie das Gespräch dann knapp beenden mit sowas wie: "Ach, du machst was mit Computern? Haha, da kenne ich mich nicht aus!" Oder aber sie schauen mich verständnislos an und bohren gezielt nach, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine Familie zu haben. 46 Jahre alt und voll auf Videospiele! Unverheiratet, keine Kinder. Mit dem Kerl kann doch was nicht stimmen! Und dann auch noch all diese seltsamen Tattoos an dem. Was sind Videospiele überhaupt? Die Dinger, die "Biep!" und "Zong!" machen? Doof. Kann man nicht ernst nehmen. Abgehakt. Was auch schon vorkam: Die verstohlene Frage an meine Partnerin, ob ich wirklich noch Videospiele spielen würde. Ich krieg das meist mit, weil ich sie laut auflachen höre. Kurzum: Meine persönlichen Lebensentscheidungen werden auf den vermeintlich kleinsten Nenner herunterkondensiert.

Männer in dieser Altersklasse reagieren etwas weicher, manchmal sogar wehmütig. Vielleicht, weil eine schöne Erinnerung vor der PlayStation oder gar dem SNES aufkommt. Gerne ergehen sie sich dann in Fachsimpeleien, wie: "Kennste noch Crazy Taxi? Das hab ich ja ewig gezockt!", oder "Damals Street Fighter 2, das war voll der Hammer." Danke, liebe Herren, jetzt fühle ich mich noch mehr wie ein Relikt. Schön, dass ihr versucht, mein Dasein als Videospiel-Journalist mit etwas zu verankern, das für euch noch einen gewissen Realitätsbezug hat. Nur verstärkt ihr noch den Eindruck, dass ich etwas mache, zu dem ich kein Recht mehr habe, weil diese Zeit weit jenseits der Gegenwart liegt und nur noch in Erinnerungen existieren sollte.

Kennste noch? Kennste noch? Wer über 40 ist und über Videospiele spricht, gerät gern mal ins Retro-Schwärmen.

Verstanden, warum ich dieses Medium so liebe und was ich da tatsächlich mache, hat niemand. Es will auch niemand etwas darüber wissen, ich will mich auch niemandem aufdrängen. Es ist stets ein Thema, das in der Runde auf tote Erde fällt und nicht keimen will. Daher schneide ich es auch niemals selbst an.

Ganz anders ergeht es mir, wenn Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene anwesend sind. Nach anfänglichem Erstaunen (siehe auch die Szene an der Supermarktkasse) zeigt sich reges Interesse und schon bald werde ich als Guru betrachtet. Gut, so weit muss es nun auch nicht gehen, aber zumindest wird mir nicht das Gefühl entgegengebracht, das, was ich mache, sei in meinem Alter nicht in Ordnung.

Die "Mitte der Gesellschaft" in meiner Altersklasse scheint sich eher auf Themen wie Familie, Karriere, Haus, Garten und Auto zu fokussieren. Prioriäten verschieben sich, Interessen flauen ab. Das ist auch völlig in Ordnung. Jedoch sehe ich keinen Grund, warum sich diese Themen und meine Leidenschaft ausschließen müssen. Ich habe eine Partnerin. Zählt das? Ich habe einen Beruf, damit verbunden auch eine Karriere. Zählt das auch? Ich habe ein Haus. Ein kleines, aber ein Haus. Gilt das noch? Ich habe aber kein Auto. AHA! Da musste doch was faul sein! Ist ja auch klar, wer sich den ganzen Tag nur mit so Zeugs beschäftigt, kann sich halt kein Auto leisten. ("Ich hab gehört, der geht auch in Clubs und so!")

Seufz ...

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