Test Observer: Psychotrip an der Grenze der Realität

von Emily Schuhmann (16. August 2017)

Dachtet ihr schon einmal daran ein Verbrechen zu begehen? Die Gedanken sind ja bekanntlich frei und ihr müsst keine Konsequenzen fürchten. In der Welt von Observer sieht das allerdings anders aus.

Der Begriff "Horror-Spiel" wird Observer eigentlich nicht gerecht. Bei dem am 15. August erschienenen neuesten Projekt der polnischen Entwickler Bloober Team handelt es sich um einen ausgewachsenen Cyberpunk-Thriller. Er spielt mit der Idee, Zugriff auf die Gedanken und Erinnerungen anderer Personen zu haben, was in den knapp neun Stunden Spielzeit auf PC, PS4 und Xbox One einige ziemlich abgedrehte Ausflüge in die menschliche Psyche garantiert.

Wir schreiben das Jahr 2084. Hunderttausende mit Implantaten ausgestattete Menschen wurden von einer virtuellen Seuche dahingerafft und viele weitere tragen Erinnerungen an einen großen Krieg mit sich herum, und zwar in Form unbeholfener Prothesen aus Plastik und Stahl. Aus den Ruinen der alten Welt erhob sich ein übermächtiges Unternehmen namens Chiron, dass die fünfte polnische Republik ausrief.

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In dieser dystopischen Version von Polen gibt es ein strenges Klassensystem. Klasse A steht quasi über dem Gesetz, Klasse B ist der Mittelstand und Klasse C ist dazu verdammt ihr Leben in Armut zu fristen. Mit dieser Unterschicht habt ihr im Spiel, in der Rolle von Polizist Daniel Lazarski, am meisten zu tun. Der ist übrigens äußerst prominent besetzt, speziell für eine so kleine Produktion. Der Schauspieler Rutger Hauer (Blade Runner, Der Tag des Falken, Hitcher - Der Highway-Killer) leiht Lazarski nicht nur seine einprägsame Stimme, sondern auch sein markantes Äußeres.

Tatort: Neo-Krakau

Nach einem überraschenden Telefonat mit Lazarskis totgeglaubtem Sohn Adam, heftet ihr euch an dessen Fersen. Der zurückverfolgte Anruf führt euch in eine der ungemütlichsten Ecken von Neo-Krakau. Gegenüber eines Tattoo-Ladens mit blinkender Neonreklame befindet sich der Appartement-Komplex, in dem ein Großteil des Spiels stattfindet.

Lazarski ist kein normaler Streifenpolizist, sondern Teil einer Spezialeinheit. Die sogenannten Observer können sich durch spezielle Implantate in die Köpfe anderer Menschen einklinken. Im Haus stolpert ihr über eine Leiche nach der anderen und findet durch vertonte Konversationen mit den Bewohnern und das Untersuchen der Umgebung heraus, was mit eurem Sohn passiert ist und warum das Gebäude urplötzlich abgeriegelt wurde.

Besonders die Verhöre der Mieter fördern allerlei außergewöhnliche und teilweise verstörende Geschichten und Geheimnisse zutage. Drogenhändler, VR-Abhängige und religiöse Fanatiker leben hier Tür an Tür. Und diese Türen öffnen sich nicht auf Knopfdruck, sondern durch euer direktes Einwirken. Manchmal kostet das ganz schön Überwindung.

Wer richtige Action sucht ist in Observer falsch, denn Waffen oder angreifbare Gegner gibt es nicht. Für Adrenalinschübe ist aber dennoch gesorgt. Hauptlieferant dafür sind die Abschnitte, in denen ihr in fremde Gedankenwelten eintaucht. Surreale Halluzinationen, paradoxe Architektur, und unangenehm eindringliche Szenen könnten den einen oder anderen Spieler auch nach dem Ausschalten von Konsole oder Rechner noch verfolgen.

Die Kunst des Unangenehmen

Observer zeigt eine dreckige, düstere Zukunft, wie sie sich schon viele Drehbuch- und Romanautoren den 90er Jahre ausgemalt haben. Eine zerfallene Welt mit von flackernden Röhrenfernsehern beleuchteten Gebäuden.

In den Gedankenwelten bewegt ihr euch durch eine zersplitterte Realität, in die sich auch das Gehirn von Lazarski immer wieder einmischt.In den Gedankenwelten bewegt ihr euch durch eine zersplitterte Realität, in die sich auch das Gehirn von Lazarski immer wieder einmischt.

Unbewegte Bilder werden der Grafik dieses ungewöhnlichen Thrillers nicht gerecht. Die nie stillstehenden holografischen Code-Zeilen an fast jeder Wand, die surrealen Ausflüge in die Köpfe anderer Personen und die verschiedenen Implantate von Daniel Lazarski sind beeindruckend, aber leider auch auf Dauer anstrengend für die Augen.

Gerade diese starken visuellen Eindrücke sind es aber, die Observer auszeichnen. Es ist kein Spiel mit Jump-Scares hinter jeder Ecke, auch wenn ihr davor nie ganz sicher seid. Stattdessen spielt es mit den Abgründen der menschlichen Psyche und der Idee, wie es wäre, wenn nicht einmal mehr unsere eigenen Gedanken sicher wären.

Meinung von Emily Schuhmann

Selten war ich so froh darüber, dass ich nicht automatisch "Nein" zu Spielen sage, die mir auf den ersten Blick nicht gefallen. Horror ist so ganz und gar nicht mein Genre und ich konnte mir bei dem wunderschönen Sommerwetter weitaus bessere Dinge vorstellen als ein halb zerfallenes Gebäude in einer düsteren Zukunftsvision von Polen zu erkunden.

Irgendwie hat es Observer aber dann doch geschafft mich zu packen. Mir taten von der anstrengenden Grafik die Augen weh und ich Angsthase hätte am liebsten keine der vielen Türen aufgemacht, aber ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte endet. Vermutlich werde ich das Spiel nie wieder anfassen, aber die Zeit, die ich damit verbracht habe war es wert.

78

meint: Cyberpunk-Thriller, der mit den Abgründen der menschlichen Psyche spielt.

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Tags: Horror   Science-Fiction  

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