Dieser eine Moment: Darum habe ich God of War noch einmal von vorne begonnen

(Kolumne)

von Ove Frank (17. Mai 2019)

Das 2018 erschienene PS4-Exklusivspiel God of War zählt zu den besten Spielen dieser Konsolengeneration. Grafik, Soundtrack, Story - All dies ist bei God of War überragend, doch war es nichts davon, welches für mich den Ausschlag gab das Spiel erneut von vorn anzufangen. Achtung, es könnte zu Spoilern kommen!

Die Momente zwischen Vater und Sohn machen das Spiel zu etwas ganz besonderem.Die Momente zwischen Vater und Sohn machen das Spiel zu etwas ganz besonderem.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Vor kurzem veröffentlichte Sony auf dem eigenen PlayStation-Kanal auf Youtube die knapp zweistündige Dokumentation Raising Kratos (zu Deutsch: „Kratos emporheben“, oder auch „Kratos großziehen“). Diese zeigt den steinigen Weg, welchen das Team hinter dem Spiel nehmen musste, um God of War zu entwickeln. Mehr dazu und warum die Fans zum Wohle der Entwickler keinen DLC wollen, erfahrt ihr hier.

Wer "God of War"-Fan ist oder wen solche Entstehungsprozesse generell interessieren, dem sei diese Dokumentation wirklich ans Herz gelegt. Selbst dann wenn ihr mit God of War nicht allzu viel anzufangen wisst, so werdet ihr hier doch so einiges finden, das euch ansprechen dürfte.

In Interviews wird mit den Entwicklern über den Arbeitsprozess, sowie über die Story und vor allem über die Figuren gesprochen. Der Titel „Raising Kratos“ kann hier durchaus mehrdeutig verstanden werden: Zum einen beschreibt der Titel den Akt, Kratos aus der Versenkung wieder „auf den Olymp zurückzuführen“, wenngleich auch nicht wortwörtlich. Daneben kann der Titel eben auch bedeuten, dass der einstige Kriegsgott erzogen wird.

Der ehemalige spartanische Heerführer hat Griechenland vor langer Zeit den Rücken gekehrt uns lebt nun in den Welten der Nordischen Mythologie. Aber er ist nicht allein: Er hatte eine jüngst verstorbene Frau und muss sich nun um seinen etwa zehnjährigen Sohn kümmern.

Dieses Zweiergespann, gerade in den stillen Momenten, bildet das Herz des Spiels. Kratos muss den Jungen nun allein großziehen. Eine Aufgabe, mit der der ehemalige Gott des Krieges sichtlich seine Schwierigkeiten hat. Während er seinem Sohn Atreus zeigt, wie dieser ein Mann und ein fähiger Kämpfer werden kann, zeigt ihm wiederum sein Sohn, wie man zu einem Menschen wird. Kratos ist es, der in diesem Zusammenhang tatsächlich erzogen wird.

Gerade diese Metamorphose, die ihr dabei in Kratos beobachten könnt, ist beeindruckend. Früher war er ein dauerangefressener, rumvögelnder und alles kurz- und kleinschlagender Über-Macho, der, von den Dämonen seiner Vergangenheit getrieben, überwiegend für total überzogene Gewalt stand.

Heute ist er ein stiller und nachdenklicher älterer Mann, der seine Frau verloren hat und nicht weiß, wie er allein seinen schwierigen Sohn erziehen soll, geschweige denn, wie er eine Beziehung zu ihm aufbauen kann. Und gerade durch diesen harten Kontrast funktioniert das Ganze!

Die Brutalität der Vorgänger steht nun nicht mehr im Mittelpunkt.Die Brutalität der Vorgänger steht nun nicht mehr im Mittelpunkt.

In der Dokumentation lernt ihr die Menschen hinter God of War kennen. Nicht nur der Creative Director Cory Barlog wird näher beleuchtet, sondern auch die beiden Schauspieler hinte den Hauptfiguren des Spiels, welche mittels Motion-Capturing Kratos und Atreus zum Leben erwecken: Christopher Judge und Sunny Suljic.

Hier erleben die Zuschauer, welche Chemie zwischen den beiden besteht und welche Emotionen tatsächlich hinter den Pixeln stecken. Hier nun komme ich zu dem Punkt, welcher mich dazu brachte God of War noch einmal anzufangen.

Vorweg, ich habe God of War geliebt! Noch vor Red Dead Redemption 2 oder Assassin’s Creed - Odyssey war es für mich mit großem Abstand das Spiel des Jahres 2018. Gespielt hatte ich es, obwohl ich durchaus Purist bin, in der sehr guten deutschen Synchro.

Während der Dokumentation wird der "Motion Capturing"-Prozess hinter der Szene gezeigt, in der Kratos seine Chaos-Klingen wieder hervorholt. Christopher Judge (Kratos) ist hier sichtlich bewegt und kann seine Emotionen kaum kontrollieren.

Die Silhouette Athenas ist im Hintergrund zu erkennen und sie sagt: „... Pretend to be everything you are not. Teacher, husband, Father. But there is one unavoidable truth, you will never escape – You cannot change, you will always be a Monster!”

(Gib ruhig vor alles zu sein, was du nicht bist. Lehrer, Ehemann, Vater. Aber da ist die eine unabkömmliche Wahrheit, der du niemals entkommen wirst – Du kannst dich nicht ändern, du wirst immer ein Monster sein!)

Mit zitternder Unterlippe und brüchiger Stimme haucht Kratos die zwei Worte der Antwort aus: „I know ...“ (Ich weiß ...) Währenddessen rollt dem Schauspieler eine einzelne Träne über die Wange. Diese Träne war im Spiel selbst nicht zu sehen.

Dieser Moment hat God of War für mich auf eine ganz neue Ebene gehoben.Dieser Moment hat God of War für mich auf eine ganz neue Ebene gehoben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich diese Stelle im Spiel erlebt habe. Damals war ich schon ob der Kraft des Moments auf so vielen Ebenen ergriffen. Auch ist, wie zuvor angemerkt, die deutsche Synchro-Arbeit sehr gut.

Was mir nun in der Dokumentation förmlich die Schuhe auszog, sind die Emotionen hinter Kratos. Es sind die Emotionen des Schauspielers. Trotz des merkwürdig aussehenden "Motion Capturing"-Anzuges und trotz der leeren Umgebung wirkt diese Szene zu keinem Moment lächerlich und verliert nichts von ihrer Kraft.

Dass Hauptdarsteller Christopher Judge hier eine tolle Performance abgelegt hat, war mir schon zuvor klar. Wie tief diese aber ging, wie echt die Emotionen im Spiel tatsächlich sind, das wurde mir erst hier endgültig bewusst.

Ich war davon so ergriffen, dass ich einfach nicht anders konnte als meine PlayStation anzuschmeißen, God of War anzuwählen und ein neues Spiel zu starten. Dieses Mal allerdings mit dem englischen Originalton. Und tatsächlich ist nun etwas grundlegend anders: Die Figuren erscheinen mir nun viel näher, viel spürbarer.

Auch bei einem Neuanfang haut euch God of War immer noch um.Auch bei einem Neuanfang haut euch God of War immer noch um.

Natürlich ist mir bewusst, dass hinter dem Motion Capturing oft eine tolle Schauspielleistung steht. Man siehe sich nur die Arbeit des großartigen Andy Serkis als Gollum in Der Herr der Ringe oder als Caesar in Planet der Affen an.

Ich glaube, was mich so bewegt ist nicht allein die tolle Performance. Es ist diese gepaart mit der grandiosen Geschichte und den vielen Emotionen, die die Spieler in God of War erwarten. Es ist eine ganz eigene Mixtur, die es nur ganz ganz selten gibt.

In anderen Spielen, welche ich sowohl auf Deutsch, als auch im O-Ton gespielt habe, war der Unterschied durch das Umstellen der Sprachauswahl bei weitem nicht so groß, und das, obwohl an der Arbeit der deutschen Sprecher überhaupt nichts auszusetzen ist.

Durch diese Maßnahme erschien die Hürde, welche die Animation über den eigentlichen Darstellern bildet, für mich als geradezu nonexistent. Das Spiel hat für mich eine ganz neue Ebene der Tiefe hinzugewonnen.

Ob dies auch der Fall gewesen wäre, wenn ich lediglich die Sprachauswahl geändert hätte, ohne zuvor Raising Kratos gesehen zu haben, bezweifle ich. Auch hier wäre es nicht mehr oder weniger eine sehr gute Sprecharbeit über einer Ansammlung von hochaufgelösten Pixeln gewesen.

Durch die großartigen Performances hinter dem Motion Capturing durch Christopher Judge, Sunny Suljic, Jeremy Davies (Baldur) und Danielle Bisuitti (Freja) hat mich das Spiel noch viel mehr berührt als ich es seit langem erlebt habe, und dafür hat God of War meinen tiefsten Respekt.

Wie mich dies für zukünftige Spiele prägen wird, das kann ich derzeit noch nicht sagen, aber dennoch spüre ich nun, dass dies in meiner Wahrnehmung von Spielen ein Wendepunkt war. Von wo und wohin, das weiß ich selbst noch nicht so genau.

Aber wie war das bei euch? Hattet ihr selbst schon mal ein solches grundlegend veränderndes Ereignis rund um Videospiele miterlebt? Bin ich der einzige, für den das noch einmal einen solchen Unterschied gemacht hat? Schreibt es uns doch bitte in die Kommentare!

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Tags: Dieser eine Moment  

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